Impflücken in Hamburg größer als bisher bekannt – über 1.400 Erstklässler ohne ausreichenden Masern-Impfschutz

Hamburg, 29. Oktober 2019 – In Hamburg gibt es deutliche Impflücken bei vielen Kleinkindern und Jugendlichen. So war knapp jedes sechste im Jahr 2015 geborene Kind in den ersten beiden Lebensjahren nicht oder unvollständig gegen Masern geimpft. Im Jahr 2017 waren damit hochgerechnet auf Basis der Daten von Barmer-Versicherten in Hamburg mehr als 3.140 Zweijährige ohne vollständigen Masernschutz. 1.530 zweijährige Mädchen waren nicht vollständig gegen Röteln geimpft. 660 der im Jahr 2015 geborenen Kinder hatten in den ersten beiden Lebensjahren überhaupt keine der 13 Impfungen erhalten, die die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt. Dies geht aus dem Arzneimittelreport 2019 der Barmer hervor.

„Die Impfquoten liegen in Hamburg mit Ausnahme der geringen Quote bei HPV-Impfungen zwar im Bundesdurchschnitt. Um bestimmte Infektionskrankheiten auszurotten, muss aber noch viel getan werden. Uns muss es auch darum gehen, den Schutz für all diejenigen, die sich nicht impfen lassen können, zu verbessern. Da immer noch Skepsis und mögliche Ängste vor Impfungen vorhanden sind, brauchen wir zielgruppenspezifische Impfkampagnen, um diese abzubauen“, erläutert Frank Liedtke, Landesgeschäftsführer der Barmer in Hamburg.

Impflücken sind größer als bisher bekannt

Der Arzneimittelreport der Barmer liefert erstmals ein Bild von den tatsächlichen Impfquoten bei Kindern und Jugendlichen. Dabei wurde deutlich, dass die Impflücken in Deutschland größer als bisher bekannt sind und nicht nur bei den Kleinsten, sondern auch bei älteren Kindern bestehen. So wurde bei den Hamburger Kindern im einschulungsfähigen Alter bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten ein Durchimpfungsgrad von 90 Prozent im Jahr 2017 erreicht. Dabei wäre für eine ausreichende Herdenimmunität, die auch nicht geimpften Personen Schutz bietet, eine Immunisierungsrate von mindestens 95 Prozent erforderlich.

Studie zeigt realistisches Bild der Impfquote

Die Barmer-Studie wurde auf Basis von Routinedaten von Versicherten und unabhängig von der Existenz eines Impfpasses durchgeführt. Darin unterscheidet sie sich beispielsweise von den regelmäßig vom Robert Koch-Institut veröffentlichen Impfquoten, die auf Daten der Schuleingangsuntersuchungen basieren. Dabei wird der Impfstatus von Kindern, die keinen Impfpass vorlegen, nicht berücksichtigt. Das führt zu höheren, unrealistischen Impfquoten, denn nicht geimpfte Kinder haben natürlich auch keinen Impfpass. 

„Unsere Vorgehensweise hat den Vorteil, dass wir auch diejenigen Kinder und Jugendlichen erfassen konnten, die überhaupt nicht geimpft sind. Dadurch können wir ein realistischeres Bild der Impfquote abbilden“, erklärt Frank Liedtke. 

Über 1.400 Erstklässler ohne ausreichenden Masern-Impfschutz

Die Impflücken bei Masern sind in Hamburg deshalb größer als gedacht. Von den Schulanfängern in Hamburg sind nach hochgerechneten Daten von Barmer-Versicherten 89,9 Prozent vollständig gegen Masern geimpft. Damit liegt die Durchimpfungsrate um 3,6 Prozentpunkte niedriger als bisher bekannt. „Die Differenz erscheint auf den ersten Blick nicht groß, sie macht aber einen wesentlichen Unterschied. Denn erst ab einer Impfquote von 95 Prozent gibt es bei Masern den sogenannten Herdenschutz. Nur dann sind auch diejenigen geschützt, die sich nicht impfen lassen können“, erläutert Frank Liedtke. Wird dieser Wert nicht erreicht, kann sich die Krankheit nach wie vor ausbreiten.

Um den vollständigen Masernschutz zu bekommen, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) zwei Impfungen bis zum Ende des zweiten Lebensjahres. Den Auswertungen im Barmer Arzneimittelreport zufolge haben hochgerechnet 12.813 Erstklässler in Hamburg die vollständige Grundimmunisierung. Demgegenüber stehen 1.440 Kinder dieser Altersgruppe ohne ausreichenden Schutz. Immerhin 2,2 Prozent der Sechsjährigen (354 Kinder) sind komplett ungeimpft (Bund: 2,3 Prozent).

„Unbestritten hat Hamburg eine der höchsten Masernimpfquoten bundesweit. Erschreckend ist jedoch, dass die Zahl derjenigen, die nicht oder nicht vollständig geimpft sind, nach unserer Studie sehr viel höher ist, als bisher angenommen. Man darf nicht vergessen, dass Masern keine harmlose Kinderkrankheit sind, sondern es bei jedem zehnten Erkranktem zu ernsten Komplikationen kommen kann“, warnt Frank Liedtke.

Dr. Stefan Renz, Facharzt für Pädiatrie und Landesvorsitzender in Hamburg des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), erklärt: „Masern sind eine der ansteckendsten Infektionskrankheiten. Mindestens eine von tausend Masernerkrankungen verläuft tödlich. Die Impflücken bei Masern sind weiterhin zu groß, um die Erkrankung in Deutschland zu eliminieren. Vor allem ältere Jugendliche und junge Erwachsene bis zurück zum Geburtsjahrgang 1971 weisen erhebliche Impflücken auf, da diese Personengruppen im Kindesalter nicht ausreichend geimpft wurden. Viele von ihnen kennen ihren bestehenden Impfbedarf gar nicht. Darum müssen wir konsequent an Impfungen erinnern und die Überprüfung des Impfstatus für alle von der STIKO empfohlenen Impfungen unbedingt im Auge behalten.“

Nachimpfungen und spätere Impfungen erfolgen nur unzureichend

Obwohl die STIKO beispielsweise ein Nachimpfen gegen Masern und Mumps bis zum 17. Lebensjahr vorsieht, erfolgten nach der Einschulung praktisch keine Impfungen mehr. Dies sei, so Frank Liedtke, auch deshalb äußerst bedenklich, da die Kinder und Jugendlichen ihre Impflücken auch im Erwachsenenalter behalten würden. Allein mit der Impfung von Kindern sei dem Problem also nicht beizukommen.

Weniger als die Hälfte der Hamburger Mädchen gegen HPV geschützt

Eine Infektion mit humanen Papillomaviren (HPV) zählt zu den häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten. Eine Infektion mit einem Hochrisiko-HPV-Typ führt zu zellartigen Veränderungen im Bereich des Genital-, Anal- oder Mund-Rachen-Bereichs, woraus sich im Verlauf der Zeit Gebärmutterhalskrebs oder auch andere Krebsarten entwickeln können. Im Alter von neun bis 14 Jahren sehen die Impfempfehlungen zwei HPV-Impfungen für Mädchen vor, seit 2018 auch für Jungen.

In Hamburg sind jedoch deutlich weniger als die Hälfte der Mädchen (44,4 Prozent) vollständig gegen HPV-Viren geschützt. Im Bundesdurchschnitt sind es immerhin 53,2 Prozent. „Die HPV-Impfung bietet einen wichtigen Schutz. Um wirksam zu sein, muss die Impfung erfolgen, bevor es zu einer Infektion kommen kann, also vor der ersten sexuellen Aktivität“, erläutert Liedtke. 

Mit digitalem Impfplaner gegen Impflücken

„Zur Schließung von Impflücken ist es hilfreich, an Impfungen konsequent zu erinnern. Die Barmer bietet ihren Versicherten daher einen digitalen Impfplaner an. Er ist Teil der Barmer-App, zeigt eigene Impflücken und auch die der mitversicherten Kinder auf und weist auf Auffrischungsimpfungen hin“, erläutert Liedtke. „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den Schutz gegen Infektionskrankheiten zu etablieren und diese bestenfalls auszurotten“, so Liedtke weiter, weshalb die Barmer auf allen Kommunikationswegen für Impfungen werbe.

Mehr zum Thema:

  • Die 13 wichtigsten Infektionskrankheiten, für die die STIKO eine Grundimmunisierung innerhalb der ersten beiden Lebensjahre empfiehlt: Tetanus, Diphterie, Pertussis (Keuchhusten), Hib (Haemophilus influenza Typ b), Poliomyelitis (Kinderlähmung), Hepatitis B, Pneumokokken, Rotaviren, Masern, Mumps, Röteln, Varizellen (Windpocken), Meningokokken; zusätzlich seit Juni 2018 für beide Geschlechter HPV (humane Papillomaviren)
  • In Hamburg wurden in diesem Jahr bisher 17 Masernfälle gemeldet (Stand 7.8.19), im Jahr 2018 waren es 13 Fälle (Quelle: RKI)
Webcode dieser Seite: p012393 Autor: BarmerLetzte Aktualisierung am: 29.10.2019
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