Interview "Das klinische Krebsregister ist kein Datengrab"

Die Krebsregister der Bundesländer sollen Erkenntnisse für die Behandlung und Erforschung von Krebs liefern. Anfang Juli 2016 soll die neu gegründete Krebsregister GmbH mit Sitz bei der Landesärztekammer Brandenburg, die klinische Krebsregistrierung für die Länder Brandenburg und Berlin übernehmen. Die Standortinfo sprach mit der Geschäftsführerin des Krebsregisters Dr. Anett Tillack.

Frau Tillack, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt. Wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen und was reizt Sie daran?
Tillack: Die klinische Krebsregistrierung in Brandenburg war über Jahre eine freiwillige Leistung der Krankenkassen. Nur durch die Unterstützung der Krankenkassen ist das Brandenburger Register zu einem Modell für die gesamte Bundesrepublik geworden. Zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus Brandenburg, aber auch aus anderen Bundesländern habe ich mich neben meiner Tätigkeit als Leiterin der regionalen Nachsorgeleitstelle in Frankfurt (Oder) über Jahre im Rahmen des Nationalen Krebsplanes um eine gesetzliche Sicherung der klinischen Krebsregister als Instrumente der Qualitätssicherung der onkologischen Versorgung bemüht. Das Krebsfrüherkennungs- und Registergesetz war ein wichtiges Ergebnis dieser Bemühungen vieler Akteure. Die Umsetzung dieses Gesetzes in Brandenburg und Berlin möchte ich gern verantwortlich mitgestalten.

Was versprechen Sie sich von einem gemeinsamen Klinischen Krebsregister? Wie profitieren die Berliner und Brandenburger davon?
Tillack: Viele Brandenburger Patienten – schätzungsweise 15 bis 20 Prozentlassen sich in Berlin behandeln beziehungsweise weiterbehandeln. In einem gemeinsamen Register liegen dann komplette Krankheitsverläufe vor, egal ob der Patient oder die Patientin in Brandenburg oder Berlin therapiert wurde. Die Daten können in tumorspezifischen Arbeitsgruppen, die es in Berlin und Brandenburg gibt, analysiert werden. Es entsteht kein „Bruch“ in den Daten durch den Wechsel des Patienten in ein anderes Bundesland. Die Qualität der Versorgung kann so auch länderübergreifend dargestellt und den onkologisch tätigen Ärzten zurück gespiegelt werden.

Brandenburg ist bei dem Aufbau des Krebsregisters weiter als andere Bundesländer. Inwieweit werden Sie auf die Arbeit und Strukturen aus Brandenburg aufbauen können?
Tillack: Selbstverständlich können wir auf den in 20 Jahren aufgebauten Strukturen und die in dieser Zeit gemachten Erfahrungen aufsetzen. Die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen, der Aufbau einer gemeinsamen GmbH mit Berlin, die Meldepflicht für Tumorerkrankungen usw. stellen aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Brandenburger Registers eine Herausforderung dar. Arbeitsbedingungen und -abläufe werden sich verändern. Es ist aber ein großer Vorteil für uns, dass wir jahrelange Erfahrungen haben und so blicken wir auch optimistisch in die Zukunft.

Haben Sie Tipps für andere Bundesländer?
Tillack: Der Austausch beim Aufbau der klinischen Krebsregistrierung erfolgt ganz intensiv zwischen den einzelnen Bundesländern in unterschiedlichen Gremien. Auf der Fachebene werden Erfahrungen ausgetauscht und man kann davon sehr profitieren.

Für den Aufbau des Krebsregisters müssen Sie nun auch Berlin mit ins Boot holen. Wo liegen hier die Herausforderungen?
Tillack: Eine wesentliche Herausforderung ist es, die Erfüllung der 43 Förderkriterien insbesondere für die Berliner dezentrale Registerstelle bis Ende 2017 zu gewährleisten. Das ist sportlich und bedarf der Anstrengung aller Beteiligten.

Laut Ärztezeitung werden in Berlin nur 84 Prozent der Tumorerkrankungen an das epidemiologische Krebsregister gemeldet. Für eine valide Datenanalyse ist aber eine Meldequote von mindestens 90 Prozent notwendig. Wie wollen Sie das Meldeverhalten der Berliner Ärzte verbessern?
Tillack: Es besteht bereits jetzt ein hohes Interesse der Berliner Ärzte am Aufbau des klinischen Krebsregisters. Bereits im Vorfeld haben sich insbesondere die Ärzte des Tumorzentrums Berlin für die klinische Krebsregistrierung eingesetzt. Wir werden Motivationsgespräche führen und mit der Rückmeldung der Auswertungsergebnisse an die einzelnen Leistungserbringer ist auch ein hohes Motivationspotential verbunden. Das klinische Krebsregister ist kein Datengrab. Mit den Daten kann gearbeitet werden. Das haben die Ärzte bereits jetzt erkannt und ich bin der festen Überzeugung, dass sich das auch in einer Verbesserung der Meldequote widerspiegeln wird.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft. Welchen Beitrag wird das Krebsregister im Kampf gegen Krebs in zehn Jahren geleistet haben?
Tillack: Ich hoffe, dass die Daten des Krebsregisters intensiv genutzt werden, Therapie- und Klinikvergleiche ermöglichen, den Nutzen neuer Therapien darstellen und somit einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgungsqualität leisten. Ich hoffe insbesondere, dass es uns gelingt auch Patientinnen und Patienten die Daten in einer verständlichen Form zugänglich zu machen, denn die klinische Krebsregistrierung soll ja letztendlich den Patientinnen und Patienten zu Gute kommen. Dafür arbeiten wir mit aller Kraft.

Webcode dieser Seite: p002535 Autor: Barmer Erstellt am: 13.01.2016 Letzte Aktualisierung am: 15.12.2016
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