Bayerns pflegende Angehörige sind erschöpft

München, 29. Januar 2019 – Dem Pflegenotstand in Deutschland droht nicht nur durch den Fachkräftemangel eine dramatische Verschärfung: Laut dem Barmer-Pflegereport steht jede 14. Person in Bayern, die heute Angehörige zu Hause pflegt, kurz davor, dieses wichtige Engagement aus gesundheitlichen Gründen zu beenden. Das geht aus den Ergebnissen einer repräsentativen Befragung von pflegenden Angehörigen hervor. 6,6 Prozent der pflegenden Angehörigen wollen nur mit mehr Unterstützung weiter pflegen, knapp ein Prozent will dies auf keinen Fall länger tun. Allein in Bayern sind damit nach Hochrechnung der Barmer etwa 21.000 Angehörige von der Pflege erschöpft – sie stehen kurz davor, dass Handtuch zu werfen. "Viele pflegende Angehörige sind an der Grenze der Belastbarkeit angekommen. Es ist höchste Zeit, dass sie schon frühzeitig besser unterstützt, umfassend beraten und von überflüssiger Bürokratie entlastet werden“, sagte Dr. Claudia Wöhler, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Bayern, bei der Vorstellung des Pflegereports 2018. Laut der Erhebung wünschen sich fast 60 Prozent der Befragten weniger Bürokratie und mehr Transparenz bei der Beantragung von Leistungen. Deshalb wird es bei der Barmer in Kürze möglich sein, den Hauptantrag für Pflegeleistungen unkompliziert online zu stellen.

Pflege bestimmt das tägliche Leben

Doch der bürokratische Aufwand ist nur eine Form der Belastung: Bei 85 Prozent der Betroffenen bestimmt die Pflege das tägliche Leben, fast 40 Prozent fehlt Schlaf, 30 Prozent fühlen sich in ihrer Rolle als Pflegende gefangen. Die Pflege wird überwiegend von Frauen getragen. Laut Pflegereport gibt es in Deutschland rund 2,5 Millionen pflegende Angehörige, darunter rund 1,65 Millionen Frauen. Nur ein Drittel aller Betroffenen ist berufstätig, jeder Vierte hat seine Arbeit aufgrund der Pflege reduziert oder ganz aufgeben müssen. In Bayern leben 70 Prozent der Pflegebedürftigen zuhause und werden mehrheitlich von pflegenden Angehörigen umsorgt. In zwei Drittel aller Fälle übernehmen Frauen im Alter zwischen 50 bis 70 Jahren die Pflege. 38 Prozent der Hauptpflegepersonen sind 70 Jahre und älter. Die Familien seien damit "Deutschlands größter Pflegedienst", sagte Wöhler. "Ohne ihr unschätzbares Engagement würde das System, gerade in einem Flächenstaat wie Bayern zusammenbrechen", so die Barmer-Landesgeschäftsführerin.

Belastung schlägt auch auf die Gesundheit

Dauerhafte Belastung und hoher Verantwortungsdruck schlagen auf die Gesundheit. Pflegende Angehörige sind vergleichsweise häufiger krank als andere. So leiden in Bayern mehr als die Hälfte (57 Prozent) von ihnen unter Rückenbeschwerden und bis zu 31 Prozent unter psychischen Störungen. Bei Personen, die niemanden pflegen, trifft dies nur auf rund 50 Prozent beziehungsweise 23 Prozent zu. Je kränker und belasteter Angehörige in der Pflege sind, desto eher informieren sie sich über Unterstützungsmöglichkeiten. So sind es bei guter Gesundheit rund 70 Prozent, die die Entlastung durch Kurzzeitpflege nicht kennen oder keinen Bedarf dafür haben. Ist die Gesundheit der pflegenden Angehörigen schlechter, sinkt dieser Prozentsatz auf 58 Prozent. Das sind immer noch zu viele. Hilfe sollte so früh wie möglich genutzt werden, denn dann wirkt sie am besten. Dazu sei nicht nur eine umfassende, frühzeitige Beratung durch Pflegeexperten wichtig. Auch ein niedrigschwelliger Zugang zu den Unterstützungsleistungen ist sehr hilfreich. "Dabei ist es wichtig, dass Pflegepersonen nicht nur für ihren Angehörigen, sondern auch für sich selbst Hilfe bekommen. Um ihnen den Alltag zu erleichtern, bietet die BARMER für die bayerische Bevölkerung kostenlos das Seminar „Ich pflege – auch mich“ an. In mehreren Modulen lernen die Teilnehmer unter anderem, wie sie sich trotz der anstrengenden Pflegesituation entlasten können", so Wöhler.

Hilfsangebote aus Qualitäts- und Kostengründen nicht genutzt

60 Prozent der pflegenden Angehörigen wünschen sich Unterstützung bei der Pflege. Dennoch wurden Kurzzeit-, Tagespflege oder Betreuungs- und Haushaltshilfen eher selten in Anspruch genommen. "Die Menschen müssen zunächst Beratung erfahren, um sich in diesem Pflege-Dschungel zurechtzufinden", erläutert Wöhler. Die vergleichbar seltene Inanspruchnahme der Hilfs- und Informationsangebote wird von den Befragten neben dem fehlenden Angebot hauptsächlich mit Zweifeln an der Qualität und den Kosten begründet. "Es ist alarmierend, dass fast jeder fünfte der pflegenden Angehörigen Zukunfts- und Existenzängste hat. Deshalb ist es auch richtig, dass die Bundesregierung die Kurzzeit- und Verhinderungspflege in einem jährlichen Entlastungsbudget für Pflegebedürftige zusammenführen möchte", sagt Wöhler. Aus Sicht der Barmer sollten die Entlastungsleistungen von aktuell 125 Euro monatlich ebenfalls in ein jährliches Entlastungsbudget einbezogen werden. Damit könnten auch die Eigenanteile zum Beispiel für einen Aufenthalt in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung deutlich reduziert werden. "Wir begrüßen zudem, dass eine weitere Erleichterung für Pflegebedürftige ab Pflegegrad drei geplant ist. Künftig soll für Krankenfahrten zum Arzt für diese Schwerkranken keine Genehmigung der Krankenkasse mehr nötig sein. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Entbürokratisierung", betonte Wöhler.

Leben in der eigenen Häuslichkeit bleibt Favorit

Eine große Anzahl von Menschen lebt trotz ihrer Pflegbedürftigkeit in der eigenen Häuslichkeit, in Bayern sind es 70 Prozent der Bedürftigen. 24 Prozent von Ihnen werden durch einen ambulanten Pflegedienst betreut, rund 46 Prozent erhalten Pflegegeld. Meist stehen ihnen Angehörigen oder Bekannten pflegend zur Seite. "Durchschnittlich beansprucht die Pflege täglich zwölf Stunden und dauert rund zwei Jahre. Für die Pflegenden ist dieser Einsatz oftmals eine hohe körperliche und psychische Belastung und stellt Betroffene vor große organisatorische Herausforderungen", beschreibt Dr. Jens Schneider, Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Augsburg e.V, das ihm bekannte Problem der Überforderung von pflegenden Angehörigen. "Wir müssen aufpassen, dass das System der häuslichen Pflege langfristig nicht kollabiert. Für ihn sind daher die frühzeitige Begleitung der Angehörigen und der Bürokratieabbau von elementarer Bedeutung.

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Webcode dieser Seite: p010925 Autor: Barmer Erstellt am: 29.01.2019 Letzte Aktualisierung am: 29.01.2019
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