Vier Fragen an Petra Krebs

Seit 2016 sitzt Petra Krebs für die GRÜNEN im baden-württembergischen Landtag. Wir wollten von der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und Sprecherin für Soziales, Gesundheit und Pflege unter anderem wissen, welche Konsequenzen die Landesregierung aus der Coronapandemie zieht und wie sie die Pflege in Baden-Württemberg stärken will.

Eine Frau mit lockigen langen Haaren, die ein geblümtes Sommerkleid trägt, lächelt in die Kamera

Frau Krebs, welche sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der Coronapandemie, die in die baden-württembergische Gesundheitspolitik einfließen sollten?

Dank einer guten Gesundheitsinfrastruktur und dem großartigen Einsatz vieler Fachkräfte im Gesundheits- und Pflegesektor sind wir den Umständen entsprechend gut durch die Pandemie gekommen. Die Krankenhäuser, Rehaeinrichtungen und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte haben sich schnell an die Gegebenheiten angepasst und entsprechende Versorgungsstrukturen etabliert. Nichtsdestotrotz hat die Pandemie bestehende Probleme deutlich verschärft. Zum Beispiel den Pflegefachkraftmangel oder auch den unterbesetzten öffentlichen Gesundheitsdienst. Corona muss ein Weckruf sein, damit Bund und Länder ambitionierte Reformen umsetzen. Die Pandemie hat gezeigt, dass Gesundheitspolitik interdisziplinär zu denken ist. Wir brauchen eine breite Public-Health-Perspektive, Gesundheit darf nicht nur auf biomedizinische Ansätze reduziert werden. Für eine nachhaltige Bewältigung der Pandemie ist die Analyse der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Determinanten, die zu der Krise geführt haben, unerlässlich. Hier wollen wir aus der Mitte des Parlaments heraus eine Enquetekommission errichten, die konkrete Handlungsvorschläge zum Umgang mit den Auswirkungen der Pandemie vorlegen wird. Darüber hinaus brauchen wir einen Ansatz, der das Thema Gesundheit in allen Politikbereichen verankert. Für Baden-Württemberg kann ich mir sehr gut vorstellen, dass ein Instrument im politischen Entscheidungsprozess etabliert wird, um die gesundheitlichen Folgen abzuschätzen.

Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig leistungsfähige und spezialisierte Krankenhäuser sind. Denn dort wurden die schwer erkrankten Coronapatienten versorgt. Dagegen spielten kleine Kliniken bei der Behandlung von Intensivpatienten nur eine untergeordnete Rolle. Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dieser Erkenntnis für die Krankenhausplanung in Baden-Württemberg?

Die Patientinnen und Patienten müssen bei der Überarbeitung des Landeskrankenhausplans im Mittelpunkt stehen. Rechtssichere qualitative Vorgaben müssen nachweislich einer besseren Versorgung dienen. In diesem Sinne müssen die im Zuge der Coronapandemie gewonnenen Erkenntnisse einbezogen werden. Die Pandemie hat gezeigt, dass vor allem Krankenhäuser mit einer gewissen Größe und Ausstattung in der Lage waren, Coronapatienten zu versorgen. Solche hoch spezialisierten Einrichtungen sind dringend notwendig, um die Herausforderungen einer Pandemie bewältigen zu können. Der bisher eingeschlagene Weg der Zentrenbildung und Spezialisierung von Kliniken ist deshalb richtig. Sinnvoll ist, die kleineren Krankenhäuser als sogenannte coronafreie Einrichtungen für die Nachsorge von Coronapatienten zu nutzen. In Zukunft müssen wir die Klinikstruktur lokal koordinieren und die Versorgung zwischen hoch spezialisierten und kleineren Einrichtungen steuern. Denkbar wäre die Ausweitung des Krankenhausplans um eine räumliche Zusammenarbeitskomponente, die zu einer verbesserten Arbeitsteilung führen kann.

Mehr als 37 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in Baden-Württemberg sind 60 Jahre und älter. Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um die medizinische Versorgung zu sichern? Die jüngst eingeführte Landarztquote haben Sie eher kritisch bewertet...

Die von den GRÜNEN geführte Landesregierung hat bereits in der letzten Legislatur Maßnahmen umgesetzt, um die ärztliche Versorgung zu stärken. Zum Wintersemester 2020/2021 haben wir die Zahl der Studienplätze für Humanmedizin um zehn Prozent erhöht. Das entspricht 150 neuen Studienplätzen pro Jahr. Die Einführung der Landarztquote war ein Kompromiss, den wir mit unserem Koalitionspartner eingegangen sind. Uns GRÜNEN ist es wichtiger, die Allgemeinmedizin im Studium zu stärken und mit einem Förderprogramm für Landärzte zu kombinieren. Etwa durch die Vernetzung der Studierenden mit den akademischen Lehrkrankenhäusern und -praxen in den unterversorgten Regionen. Mit dem bereits eingeführten Neigungsprofil "ländliche Hausarztmedizin" werden die Studierenden schon früh für eine hausärztliche Tätigkeit begeistert. Und sie können Kontakte knüpfen. Zum Beispiel zu Bürgermeistern und Landräten. Dieser Ausbildungsweg steht allen 1650 jungen Menschen offen, die jedes Jahr ein Medizinstudium beginnen. Gleichzeitig brauchen wir im Gesundheitswesen eine neue Aufgabenverteilung und mehr Delegation. Deshalb unterstützen wir eine entsprechende Forderung unserer Bundestagfraktion. Wir wollen die Versorgung auf mehrere Schultern verteilen. Das führt zu mehr Eigenständigkeit der jeweiligen Gesundheitsberufe. Momentan fördern wir Primärversorgungzentren, in denen eine strukturierte und multiprofessionelle Zusammenarbeit erprobt wird. Zudem werden wir weiterhin die Akademisierung der Gesundheitsberufe fördern.

Im Eckpunktepapier zur Pflegereform war ein Landeszuschuss in Höhe von 100 Euro pro Pflegeheimbewohner für die Investitionskosten vorgesehen. Dieser ist in der beschlossenen Pflegereform aber weggefallen. Sollte das Land dennoch an einer Investitionsförderung für Tages- und Kurzzeitpflege festhalten?

Bei der Förderung der Pflegeinfrastruktur in Baden-Württemberg wird der Fokus ganz klar weiterhin auf den ambulanten und teilstationären Pflegeangeboten liegen. Angesichts der Tatsache, dass in Baden-Württemberg mehr als 75 Prozent der 400.000 pflegebedürftigen Menschen daheim betreut werden, brauchen wir dringend mehr Unterstützungs- und Entlastungsangebote für die häusliche Pflege. Deshalb wollen wir weiterhin in den Ausbau der Tages- und Kurzzeitpflegeplätze investieren. Eine Beteiligung des Landes an den Investitionskosten von stationären Pflegeeinrichtungen sehe ich nicht kommen. Hier müssen andere Wege gefunden werden, um Pflegeheimbewohner mit hohen Eigenanteilen zu unterstützen. Die GRÜNEN wollen den sogenannten Sockel-Spitzen-Tausch einführen, der den Eigenanteil deckelt und so die finanzielle Belastung verringert. Das würde die Pflegeheimbewohner dauerhaft entlasten.

Webcode dieser Seite: p017312 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 17.09.2021
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