Wären mehr Menschen gegen Masern geimpft, dann würde Max noch leben

Max Schönbohm war sechs Monate alt, als er sich mit Masern infizierte. Neun Jahre später wird bei ihm eine subakute sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE, diagnostiziert. Diese Entzündung des Gehirns ist eine Spätfolge der Maserninfektion, und sie endet immer tödlich. Max fällt ins Wachkoma, zehn Jahre lang wird er von seinen Eltern gepflegt. Im Februar 2014 stirbt Max. Seine Eltern setzen sich dafür ein, dass sich mehr Menschen gegen Masern impfen lassen.

Eine Frau mit dunklen, lockingen Haaren, gelber Jacke und Schal steht neben einem grauhaarigen Mann mit schwarzem Mantel


Frau Schönbohm, Herr Schönbohm, wie haben Sie gemerkt, dass mit Max etwas nicht stimmt?

Anke Schönbohm: "Eine Lehrerin sagte uns, dass Max in der Schule zappelig und unaufmerksam sei. Da kam der Verdacht auf, er könne ADHS haben, was sich aber nicht bestätigte. Später kam es immer öfter vor, dass Max von jetzt auf gleich aufhörte zu sprechen und teilnahmslos am Tisch saß. Und dann begann die Ärzte-Odyssee. Es stand im Raum, Max habe Epilepsie. Deswegen sind wir mit ihm ins Epilepsiezentrum nach Kehl-Kork gefahren. Erst in der Uniklinik Heidelberg wurde die Diagnose SSPE gestellt. Die Ärzte dort haben uns keine Hoffnung gemacht und uns gleich gesagt, dass Max daran sterben werde."

Wie reagieren die Menschen, wenn Sie die Geschichte von Max erzählen?

Anke Schönbohm: "Die meisten sind betroffen und manchmal fließen auch auf beiden Seiten Tränen. Viele Eltern wissen gar nicht, welche Folgen eine Maserninfektion haben kann. SSPE ist ja nur eine mögliche Folge. Aber es ist die Schlimmste."

Sprechen Sie auch mit Impfgegnern?

Rüdiger Schönbohm: "Ja, aber an denen verbeißen wir uns nicht. Die sind unbelehrbar."

Laut Barmer-Arzneimittelreport wird bei Masern ein Durchimpfungsgrad von 95 Prozent und damit auch der Herdenschutz, den Max damals gebraucht hätte, weit verfehlt. Und Baden-Württemberg hat die zweitniedrigste Masernimpfquote bei den sechsjährigen Kindern. Was lösen diese Zahlen bei Ihnen aus?

Anke Schönbohm: "Sie machen mich betroffen und wütend zugleich. Max war damals zu jung, um geimpft zu werden. Aber er war nicht zu jung, um sich mit Masern anzustecken. Würden sich die Menschen konsequent impfen lassen, dann würde Max noch leben. Wir könnten diese Krankheit ausrotten, aber es scheitert an Sorglosigkeit, an Unwissenheit und auch an Ärzten, die vom Impfen abraten."

Im November wurde das Masernschutzgesetz beschlossen. Wie denken Sie darüber?

Rüdiger Schönbohm: "Immerhin sind wir jetzt einen Schritt weiter. Aber Max hätte das Masernschutzgesetz schon vor 20 Jahren benötigt. Warum braucht Deutschland für sowas zwei Jahrzehnte? Und die Impfgegner wird man mit diesem Gesetz auch nicht von ihrer Haltung abbringen. Deshalb verstehe ich nicht, dass es keine Impfpflicht gibt. Wenn Impfen Körperverletzung ist, was ist dann das, was unserem Sohn angetan wurde?"

Sie kämpfen seit Jahren gegen die Impfmüdigkeit der Menschen. Macht Sie dieser Kampf müde?

Anke Schönbohm: "Manchmal fühlt es sich an wie ein Kampf gegen Windmühlen. Aber keine Familie soll das durchleben, was wir erleben mussten. Und deshalb machen wir weiter."

Masern
- Masern sind ansteckender als Ebola, Tuberkulose und die Grippe.
- Zwischen 2009 und 2018 wurden in Deutschland 9.597 Masernfälle gemeldet.
- In Europa registrierte die WHO von August 2018 bis Juli 2019 mehr als 120.000 Masernfälle.
- Weltweit erkrankten im Jahr 2018 fast 325.000 Menschen an Masern.
- Die Wahrscheinlichkeit, an Masern zu sterben, liegt in Deutschland bei 1:1.000.

Barmer-Arzneimittelreport 2019
- 3,8 Prozent der 2-jährigen, 3,4 Prozent der 4- und 2,5 Prozent der 6-jährigen Kinder in Baden-Württemberg waren im Jahr 2017 überhaupt nicht geimpft. Das wären mehr als 9.000 Kinder ohne jeglichen Impfschutz.
- 13,6 Prozent der baden-württembergischen Kinder im einschulungsfähigen Alter hatten nicht die Zweifachimpfung gegen Masern erhalten.
- Insgesamt wurde bei den Sechsjährigen bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten ein Durchimpfungsgrad von 95 Prozent erreicht. Der aber ist notwendig, um auch diejenigen vor einer Infektion zu schützen, die sich nicht impfen lassen können, etwa Schwangere und Babys („Herdenschutz“).

Webcode dieser Seite: p014285 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 31.08.2020
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