Barmer-Arzneimittelreport 2019

Die Gesundheitsvorsorge hat versagt

Die Impfquoten unter baden-württembergischen Kindern sind unterdurchschnittlich, das ist eine Erkenntnis des Barmer-Arzneimittelreports 2019. So wurde bei den Kindern im einschulungsfähigen Alter bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten ein Durchimpfungsgrad von 95 Prozent im Jahr 2017 erreicht. Der aber ist notwendig, um auch nicht geimpfte Personen vor einer Infektion zu schützen ("Herdenschutz"). "An Grippe, Masern oder Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, das ist kein unvermeidbares Schicksal. Das ist ein Versagen der Gesundheitsvorsorge." Barmer Landesgeschäftsführer Winfried Plötze findet klare Worte. So weist das Land die bundesweit niedrigste Masernimpfquote bei den Sechsjährigen aus. Nur 86,4 Prozent haben die Zweifachimpfung erhalten, bei den Zweijährigen ist das noch nicht einmal bei 78 Prozent der Fall. Der Herdenschutz wird damit weit verfehlt. 3,8 Prozent der Zweijährigen in Baden-Württemberg waren im Jahr 2017 überhaupt nicht geimpft.

Nur 47 Prozent haben eine HPV-Impfung erhalten

Ernüchternd ist auch, dass nur rund 47 Prozent der 12-jährigen Mädchen gegen humane Papillomaviren (HPV) immunisiert sind. Eine Infektion mit HPV zählt zu den häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten. Praktisch alle Zervixkarzinome und weitere Krebsarten sind mit einer HPV-Infektion assoziiert, weshalb die Ständige Impfkommission empfiehlt, Jungen und Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren gegen diese Viren impfen zu lassen. "Egal ob Masern oder HPV, die geringe Akzeptanz von Impfungen in Baden-Württemberg macht eine Ausrottung bestimmter Infektionskrankheiten unmöglich. Das ist nicht nur fahrlässig gegenüber der eigenen Gesundheit, sondern auch im höchsten Maße unsolidarisch gegenüber denjenigen, die sich selbst nicht impfen lassen können und deswegen auf den Herdenschutz angewiesen sind", sagt Plötze.

Impfen muss einfacher werden

Mangelnder Impfschutz kostet Leben. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) verstarben im Jahr 2017 110.000 Menschen weltweit an Masern, im ersten Halbjahr 2019 wurden in Europa 90.000 Masernfälle dokumentiert. Die WHO hat Grippepandemien auf Rang drei der größten Gefahren für die Weltgesundheit gesetzt, auf Platz sieben folgen die Impfgegner. Plötze sieht in den Impfskeptikern aber nicht den Grund für die schlechten Impfquoten. "Die Impfverweigerer sind in der Minderheit. Ein großer Feind der Impfung ist paradoxer Weise ihr Erfolg, da viele gefährliche Krankheiten dadurch nicht mehr sichtbar sind. Und wir wissen aus einer Umfrage, dass viele Menschen versuchen, ihren Impfstatus im Auge zu behalten, es dann aber im Alltagsstress wieder vergessen. Unser Ziel muss deshalb sein, Zweifel auszuräumen, Ängste zu nehmen und das Impfen einfacher und alltagstauglicher zu machen."

App prüft Impfstatus und erinnert an Impftermine 

Deshalb bietet die Barmer ihren Versicherten einen digitalen Impfplaner an. Die Impf-App zeigt den aktuellen Impfstatus an, warnt vor drohenden Lücken und erinnert an Auffrischungsimpfungen. Um die Impfquote bei Erwachsenen zu erhöhen, können sich bei der Barmer versicherte Berufstätige von ihrem Betriebsarzt impfen lassen. Möglich macht dies ein Vertrag zwischen der Barmer und der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin e.V. Und dass strukturierte Behandlungsprogramme geeignet sind, die Bereitschaft für Impfungen zu erhöhen, belegen die Daten zum Barmer Kinder- und Jugendprogramm. Es zeigt sich, dass die Teilnahme daran zu einer höheren Rate an HPV-Impfungen führt, insbesondere, wenn die angebotene Vorsorgeuntersuchung J2 wahrgenommen wird.

Ärzte haben hohen Einfluss auf die Impfbereitschaft

Ärzte spielen eine wichtige Rolle, wenn es um die Erhöhung der Impfbereitschaft geht. Laut einer Umfrage der Barmer verlässt sich ein Drittel der Befragten beim Thema Impfen auf die Aussagen eines Arztes oder einer Ärztin. Deshalb sollten die Mediziner das Thema aktiv ansprechen und auch über Impfschäden aufklären. Denn das Nutzen-Risiko-Profil der zugelassenen Impfstoffe ist positiv. Die Gefahr von Erkrankungen, die durch eine Impfung hätte vermieden werden können, übersteigt das Risiko der Impfung selbst um ein Vielfaches. Neben dem Engagement von Ärzten und Kassen könnten ein unabhängiges Gesundheitsportal und zielgerichtete Informationskampagnen dazu beitragen, die Akzeptanz von Impfungen zu erhöhen. Zudem scheint ein klar definierter Impfzeitpunkt wirksamer zu sein als ein Zeitkorridor, innerhalb dessen geimpft werden soll. Denn laut Barmer-Arzneimittelreport werden Impfungen ohne klaren Zeitpunkt und Impfanlass seltener in Anspruch genommen.

Webcode dieser Seite: p012132 Autor: BarmerLetzte Aktualisierung am: 13.09.2019
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