Barmer-Arzneimittelreport 2018: Therapie mit Sicherheitslücken

Die Arzneimitteltherapie in Baden-Württemberg hat Sicherheitslücken, zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Barmer-Arzneimittelreport. Demnach erhalten manche Patienten für sie ungeeignete Medikamente, bei anderen bestehe aufgrund von Polypharmazie, das heißt von der gleichzeitigen Einnahme von fünf oder mehr Wirkstoffen, das Risiko von gefährlichen Wechselwirkungen oder Medikationsfehlern. Allein 160.000 Barmer-Versicherte in Baden-Württemberg sind von Polypharmazie betroffen, teilweise werden ihnen die Medikamente von verschiedenen Ärzten verordnet. Hinzu kommen gegebenenfalls frei verkäufliche Arzneimittel. Hier ohne technische Unterstützung den Überblick zu behalten, sei für die Mediziner schier unmöglich meint Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer Baden-Württemberg. "eHealth könnte die Arzneimitteltherapie sicherer machen, aber auf diesem Gebiet sind wir noch so organisiert wie vor 50 Jahren. Zwar gibt es den Medikationsplan, aber nur in Papierform. Dabei belegen Studien, dass eine elektronische Unterstützung der Arzneimitteltherapie Medikationsfehler reduzieren kann." Aus diesem Grund haben die Barmer und die KV Westfalen-Lippe das Innovationsfondsprojekt AdAM auf den Weg gebracht .

Verordnung von Medikamenten mit Nebenwirkungen

In Baden-Württemberg erhalten Patienten bisweilen unnötig Medikamente mit Nebenwirkungen, etwa Protonenpumpeninhibitoren (PPI). PPI hemmen die Magensäuresekretion und werden zur Behandlung von Refluxerkrankungen verordnet, sprich, wenn Magensäure in die Speiseröhre zurückfließt. Laut einer dänischen Studie erhöhen PPI aber auch das Herzinfarktrisiko, weshalb bei einer Verordnung zwischen Nutzen und Risiko abgewägt werden sollte. 15,3 % der baden-württembergischen Versicherten wurden im Jahr 2016 PPI verordnet, davon hatten nur 33,5 % eine Refluxerkrankung. Plötze: "Hier werden zwei Drittel der Patienten grundlos potenziellen Nebenwirkungen ausgesetzt. Dass PPI in kleinen Einheiten frei verkäuflich sind, ist in diesem Zusammenhang auch wenig hilfreich."

Verordnung von ungeeigneten Arzneimitteln

Manche Patienten erhalten Arzneimittel, die für sie ungeeignet sind. So raten Leitlinien davon ab, Menschen mit Herzschwäche ein nichtsteroidales Antirheumatikum wie Ibuprofen oder Diclofenac zu verordnen. Diese Patienten sollten Naproxen erhalten. Gut 3 % der Barmer-Versicherten aus Baden-Württemberg haben eine Herzmuskelschwäche (22.298), davon wurden fast 10 % dennoch mit Diclofenac und 21 % mit Ibuprofen behandelt.

Arzneimitteltherapie teils ohne vorgeschriebene Kontrolle

Eine vorgeschriebene Überwachung im Rahmen einer Arzneimitteltherapie findet nicht immer im ausreichenden Maße statt. So ist bei Patienten, die langfristig das Schmerzmittel Metamizol erhalten, eine Kontrolle des Blutbildes vorgeschrieben. In Baden-Württemberg wurde über 18.000 Versicherten der Barmer mehr als zweimal Metamizol verordnet, was für eine längerfristige Therapie spricht. Ein Blutbild wurde aber nur bei etwa 44 % gemacht. Plötze: "Die Risiken, die unser Report aufzeigt, sind potenziell vermeidbar und sie zeigen, dass die Arzneimitteltherapie sicherer werden muss. Hier müssen wir auf allen Ebenen ansetzen: Bei den Patienten, die einen Überblick über ihre Arzneimittel haben müssen. Bei den Ärzten, die für eine sichere Verordnung alle erforderlichen Informationen über den Patienten und dessen Medikation haben müssen. Und auf der Systemebene. Wir  brauchen definierte Standards für die Erfassung von Arzneimitteldaten und wir müssen das Thema eHealth vorantreiben."

 

So funktioniert AdAM

AdAm steht für „Anwendung für ein digital unterstütztes Arzneimitteltherapie-Management.“ Das Innovationsfondsprojekt von BARMER und der KV Westfalen-Lippe liefert dem Arzt alle notwendigen Informationen zu verordneten Arzneimitteln und bestehenden Erkrankungen eines Patienten, zudem erhält er eine elektronische Unterstützung bei der Prüfung der Therapie auf vermeidbare Risiken und Fehler. Die Patienten bekommen zusätzlich zu ihrem Medikationsplan Informationen zum Selbstmanagement ihrer Therapie.

Den Barmer-Arzneimittelreport 2018 finden Sie unter www.barmer.de/p009794 zum Download. 

Webcode dieser Seite: p010341 Autor: Barmer Erstellt am: 26.09.2018 Letzte Aktualisierung am: 26.09.2018
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