Morbi-RSA

Faire Wettbewerbsbedingungen – Morbi-RSA weiterentwickeln

Der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) ist das wichtigste Steuerungsinstrument im Finanzverteilungssystem der gesetzlichen Krankenkassen und als „lernendes System“ angelegt. Mit dem Gesetz für einen fairen Kassenwettbewerb (GKV-FKG) (Inkrafttreten 01.04.2020) wurde der Kassenfinanzausgleich im Frühjahr 2020 umfassend reformiert. Neben der konsequenten Umsetzung des GKV-FKG werden in Zukunft weitere Reformschritte notwendig sein, um die Zielgenauigkeit des Morbi-RSA weiter zu verbessern. Die gesetzlich verankerte regelmäßige Evaluation ist dabei hilfreich. Ein Zuviel an Zuweisungen für gesunde Versicherte muss zukünftig genauso vermieden werden wie ein Zuviel an Zuweisungen für Versicherte mit vielen verschiedenen Krankheiten („Multimorbide“). Beides führte in der Vergangenheit zu Verzerrungen im Morbi-RSA.

Ab dem Jahr 2021 wird das sogenannte Vollmodell in den Morbi-RSA eingeführt. Anstatt der bisher maximal 80 Krankheiten werden künftig alle Krankheiten im Klassifikationsverfahren des Morbi-RSA berücksichtigt. Damit durch das Vollmodell die Zuweisungen zielgenauer gesteuert werden, müssen die neuen Krankheiten in der gleichen Qualität ausdifferenziert werden, wie die bisherigen 80 Krankheiten. Ansonsten entstehen neue Verzerrungen. Eine Überdeckung multimorbider Versicherter muss vermieden werden. Daher ist die Aufteilung nach Schweregrad der Krankheit und die konsequente Validierung von Diagnosen durch Arzneimittel essentiell. Außerdem müssen die seit 2020 eingeführten Alterssplits sowie die mehrfache Arzneimittelvalidierung für alle Krankheiten ausgebaut werden. Parallel ist darauf zu achten, dass sich die Überdeckungen für gesunde Versicherte ebenfalls verringern.

Die Begrenzung auf 80 Krankheiten wirkte in der Vergangenheit Manipulationen entgegen. Die Kosten je Fall wurden geringer, je häufiger eine Krankheit diagnostiziert wurde. Dies führte dazu, dass die entsprechende Krankheit von der Liste der 80 Auswahlkrankheiten gestrichen und durch eine andere ersetzt wurde. Da dieses Element im Vollmodell wegfällt, ist die Flankierung des Vollmodells durch die RSA-Manipulationsbremse ein folgerichtiges und zwingendes Element, um Manipulationen durch Kassen am Finanzausgleich auch zukünftig zu verhindern.

Regionale Unterschiede der Kosten- und Versorgungsstrukturen wurden im Morbi-RSA lange Zeit nicht angemessen berücksichtigt. Durch die im GKV-FKG eingeführte Regionalkomponente werden künftig statistisch signifikante regionale Merkmale in den Morbi-RSA einbezogen. Damit können regional bedingte Unterschiede in den Ausgabenstrukturen und die daraus resultierenden Wettbewerbsverzerrungen besser ausgeglichen werden. Um verbleibende Wettbewerbsverzerrungen weiter zu minimieren, sollte die Regionalkomponente in einem zweiten Schritt um einen „100-prozentigen Deckungsbeitrags-Cluster-Ansatz“ erweitert werden. Dieser fasst Gemeindeverbände gemäß den noch vorhanden Unter- und Überdeckungen zu Clustern zusammen, die als weiteres Risikomerkmal im Morbi-RSA berücksichtigt werden sollten.
Die Vermeidung von Manipulationen zur Generierung ungerechtfertigter Zuweisungen bleibt auch nach dem GKV-FKG ein zentrales Thema, denn das sinnvolle Element der Vereinheitlichung der Prüfaufsicht für alle Kassen wurde bisher nicht umgesetzt. Neben der Manipulationsbremse sollten die Kodierrichtlinien bei den ambulanten Ärzten, die Zertifizierung der Praxissoftware durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der konsequente Ausbau von Arzneimittel- und sonstigen Validierungsverfahren im Vollmodell zügig umgesetzt werden.
Im Morbi-RSA werden seit dem GKV-FKG über eine Vorsorgepauschale versichertenindividuelle (zahn-)ärztliche Regelleistungen im Bereich der Gesundheits-, Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen sowie für Schutzimpfungen Diese Leistungen haben sich hinsichtlich ihrer Qualität und Wirksamkeit bewährt; ihre Förderung über diesen Weg ist sachgerecht. Gleichzeitig ist die Berücksichtigung von Prävention im Kassenfinanzausgleich grundsätzlich systemfremd. Daher ist eine Ausweitung der förderfähigen Leistungen nicht sinnvoll.


Webcode dieser Seite: d000495 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 22.05.2020
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