Experten-
Interview

Ein gewisser Grad von Stress fördert Flow und macht zufrieden.

Kennen Sie das? Sie versinken bei einer Sache völlig im Tun und tauchen irgendwann glücklich wieder auf, weil Sie etwas geschafft haben? Dann haben Sie höchstwahrscheinlich einen „Flow“ erlebt.  Prof. Dr. Corinna Peifer forscht zu diesem Thema an der Ruhr-Universität Bochum und erklärt, was Flow mit unserem Wohlbefinden und unserer Gesundheit zu tun hat.

Viele Befragte in der BARMER-'Lebensrezepte'-Studie erzählten, in manchen Tätigkeiten richtig zu versinken und daraus Kraft und Erholung zu schöpfen. Würden Sie das als Flow bezeichnen?

Ja, während des Flow-Erlebens gehen wir völlig in einer Tätigkeit auf. Das können Dinge in unserer Freizeit sein, wie Sport, Musizieren oder Kochen. Oder auch Tätigkeiten bei der Arbeit, wie Schreiben, Analysieren oder Problemlösen. Flow-Tätigkeiten beanspruchen uns genau im richtigen Maß, die Anforderungen sind nicht zu hoch und nicht zu gering, und gleichzeitig wissen wir bei jedem Schritt, was wir zu tun haben. Unsere Konzentration ist voll und ganz auf die Tätigkeit gerichtet, Probleme oder Zweifel vergessen wir einfach.

Klingt toll. Kann denn jeder dieses Flow-Erleben haben?

In Vorträgen stelle ich zu Beginn oft die Frage, wer dieses Erleben aus eigener Erfahrung kennt – und da melden sich die meisten der Zuhörer. Ich denke, dass die anderen nur noch nicht die richtige Tätigkeit gefunden haben oder ihnen im Laufe des Vortrags einfällt, dass sie dieses Erleben doch schon mal hatten.

Woran merkt man denn, dass man gerade in einem Flow ist?

Wir haben ein Gefühl von Kontrolle in dem, was wir tun. Ein guter Indikator ist auch unser Zeitgefühl. Schauen wir auf die Uhr und sind überrascht, wie spät es schon ist, waren wir vermutlich im Flow. Wichtig ist, dass man Unterbrechungen vermeidet. Für Flow brauchen wir Zeit, um in eine Tätigkeit eintauchen zu können. Jede Unterbrechung bringt uns aus dem Fluss, und wir benötigen Zeit, um wieder reinzufinden.

Was bei dem einen Flow auslöst, muss bei einem anderen nicht funktionieren, oder?

Genau, es ist unterschiedlich, wobei Menschen Flow erleben. Während die einen in der Analyse von Daten völlig aufgehen können, erleben es andere beim intensiven Gespräch mit Freunden. Die Forschung zeigt: Je besser wir eine Tätigkeit beherrschen, desto eher kommen wir in den Flow.

Setzt das Flow-Erleben auch bei banalen Dingen wie Bügeln oder Staubsaugen ein?

Meistens tritt es bei komplexen Tätigkeiten auf. Allerdings gibt es auch den sogenannten Micro-Flow, der weniger intensiv ist und bei weniger komplexen Tätigkeiten einsetzen kann. Im Micro-Flow fühlt sich die Tätigkeit flüssig und gut an. Eine Bluse perfekt und schnell zu bügeln, kann durchaus selbst für geübte Bügler eine Herausforderung sein. Und wer sich bewusst macht, wie wichtig eine saubere Wohnung für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner ist, wird beim Staubsaugen eher in den Flow kommen als jemand, der das Staubsaugen als lästiges Übel betrachtet.

Und wie wirkt sich das auf unsere Gesundheit aus?

Die aktuelle Forschung zeigt, dass Flow-Erleben positiv mit Leistung und Kreativität zusammenhängt sowie mit größerem Wohlbefinden. Es lohnt sich also, regelmäßig Dinge zu tun, die Flow auslösen.

Auch im stressigen Berufsalltag?

Die Forschung zeigt: Gerade bei der Arbeit erleben wir am häufigsten Flow. Und Flow-Zustände entstehen oft in stressrelevanten Situationen, etwa bei Chirurgen während komplizierter Operationen oder auch Lehrkräften in stressigen Unterrichtssituationen. Demnach scheint ein gewisser Grad von Stress – etwa durch herausfordernde Aufgaben oder Zeitdruck – Flow zu fördern. Wird das Stresslevel jedoch zu hoch, behindert das den Flow. Daher ist eine Erkenntnis aus der Forschung sehr wichtig: Es kommt auf die richtige Dosis an.

Sind wir zufriedener im Job, je mehr Flow wir dort erleben?

Wenn wir es bei der Arbeit regelmäßig erleben, führt dies zu einer positiveren Einstellung gegenüber der Arbeit und dem Arbeitgeber: Wir identifizieren uns eher mit unserem Job und zeigen größeres Engagement. Wichtig dabei ist, dass wir zwischendurch regelmäßig Pausen einlegen und nach der Arbeit abschalten und entspannen – die Balance macht’s. Nur wer erholt den nächsten Tag beginnt, kann sein volles 'Flow-Potenzial' ausschöpfen.

Also die viel besagte Work-Life-Balance schaffen …

Richtig. Denn Stress ist allgegenwärtig und zum Glück nicht grundsätzlich negativ und gesundheitsschädlich. Selye, einer der ersten Stressforscher, bezeichnete Stress sogar als das 'Salz des Lebens': Anforderungen zu bewältigen, fühlt sich gut an, und wir wachsen an unseren Herausforderungen. Daher sollte es beim Stressmanagement nicht darum gehen, Stress völlig auszuschalten, sondern eben darum, eine gesunde Balance aus Anspannung und Entspannung zu finden.

Wie bekommt man die richtige Dosierung von Stress und Entspannung hin?

Wichtig dafür ist, dass wir uns nach der Arbeit auch wirklich erholen. Wenn rund um die Uhr E-Mails eintreffen und wir ständig mobil erreichbar sind, erschwert das das Abschalten und damit die Erholung. Aber nur durch entsprechende Erholung bleiben wir leistungsfähig und motiviert. Hilfreich für das Abschalten: Möglichst wenig Unerledigtes am Arbeitsplatz zurücklassen, über das wir in der Freizeit noch nachgrübeln müssen. Fangen Sie kurz vor Feierabend nichts Neues mehr an, und schreiben Sie sich eine To-Do-Liste für den nächsten Arbeitstag, um es getrost aus dem Kopf verbannen zu können.

Ihr persönlicher Tipp für einen erholsamen Feierabend?

Nach Arbeitsende konsequent keine E-Mails mehr lesen und vor allem keine Arbeit mit nach Hause nehmen. Auch Meditationstechniken helfen nachweislich dabei, trotz zahlreicher Anforderungen einen klaren Kopf zu bewahren. Und nicht zuletzt sind Freunde und Familie bewährte Stresspuffer, die uns helfen, wieder Energie zu tanken.

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