Hurrelmann
Experteninterview 

„Wir sollten den jungen Menschen vorleben, wie man das Leben genießt.“

Mal ehrlich: Wie gesundheitskompetent sind Sie? Und Ihre Kinder? Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Klaus Hurrelmann verrät, wie es um unser Wissen wirklich steht und wie gerade junge Menschen in Gesundheitsfragen kompetenter gemacht werden können.

Was bedeutet Gesundheitskompetenz eigentlich heute?

Gesundheitskompetenz bedeutet, dass ich mir die richtigen Informationen über gesundheitliche Entwicklungen besorgen kann und weiß, wo ich diese finde. Ich muss sie anschließend auch einordnen, beurteilen und auf mich anwenden können: Was bedeuten die einzelnen Fakten für mich persönlich und welche Konsequenzen kann ich daraus ziehen? Gesundheitskompetenz ist also die Fähigkeit, sich das notwendige Wissen aktiv und eigenständig besorgen und auswerten zu können. Diese Selbststeuerungsfähigkeit ist das eigentliche Ziel des Ganzen.

Viele Studien bescheinigen gerade jungen Menschen eine unzureichende Gesundheitskompetenz. Was sind die Ursachen für die Defizite im Gesundheitswissen?

Das haben wir in mehreren Studien untersucht. Hier zeigte sich ganz klar: Im Alter zwischen etwa 14 und 28 Jahren bin ich, im Vergleich zu anderen Lebensabschnitten, einfach sehr gesund. Es besteht also gar kein Anlass, mich intensiv mit meiner Gesundheit zu beschäftigen. Ich habe das Gefühl, ich kann alles essen, trinken und machen, und selbst wenn ich mal eine kleine Einbuße bemerke, kann mich letztlich nichts umhauen. Das führt dazu, dass ich mich mit komplizierten Gesundheitsthemen nicht auseinandersetzen will und muss. Es ist also eine altersgemäße Gleichgültigkeit. Anders ist das in der Altersklasse nur bei denjenigen, die gesundheitliche Probleme haben oder schon krank sind. Sie müssen sich zwangsläufig mehr damit auseinandersetzen.

Viele junge Menschen scheinen aber intuitiv zu wissen, was gut für sie ist, denn sie sind heute so gesund wie nie…

Ja, das ist richtig. Obwohl man sagen muss, dass sich die Zeiten geändert haben: Früher gab es immer jemanden in der Familie, der einem sagen konnte, was man tun kann, wenn der Magen drückt oder hier was wehtut. Das ist heute anders, weil diese Alltagsweisheiten teilweise verloren gegangen sind. Die Familien sind kleiner, die schlaue Oma wohnt nicht mehr ums Eck und der kluge Onkel fehlt. Das persönliche Netzwerk ist kleiner. An die Stelle der Familie sind andere Ratgeber getreten, etwa das Internet. Die jungen Menschen nutzen das viel, und 40 Prozent von ihnen können das gefundene Wissen auch ausgezeichnet anwenden. Die anderen 60 Prozent haben jedoch Probleme, die richtigen Infos zu finden. Und wenn sie etwas finden, fällt es ihnen schwer, es zu bewerten. Ich würde das aber nicht dramatisieren, denn in diesem Lebensabschnitt ist das völlig in Ordnung.

Wer schon früh gesundheitskompetent ist, ist auch im Alter gesünder?

Ja, das zahlt sich auf jeden Fall aus, denn je höher meine Gesundheitskompetenz, umso besser mein Körpergefühl und meine Resilienz in psychisch oder physisch anstrengenden Situationen. Je früher Menschen also kompetent sind, umso gesünder sind sie. Allerdings gibt es hier einen deutlichen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Mädchen haben bessere Fähigkeiten, sich die richtigen Infos zu beschaffen, und kommen im weiteren Verlauf des Lebens auch deutlich besser durch. Das zeigt sich unter anderem an der längeren Lebensspanne. Und sie haben auch häufiger das Gefühl, ihre gesundheitlichen Belange besser im Griff haben. Darüber hinaus haben wir herausgefunden, dass eine überwältigende Mehrheit der jungen Menschen mehr über Gesundheit lernen will.

Brauchen wir so etwas wie ein Fach 'Gesundheit' in der Schule?

80 Prozent der von uns in Studien befragten jungen Menschen hätten das gerne. Aber man weiß ja, wie schwer es ist, im Bildungssystem etwas zu verändern oder ein neues Fach einzuführen. Man braucht kompetente Lehrkräfte, und um die zu bekommen, brauchen wir gute Ausbilder. Das ist also ein langer Weg. Für die Übergangszeit kann Gesundheit aber in andere Fächer eingebettet werden, etwa in Deutsch, in den Biologieunterricht oder in Form von Projektwochen. Am Ende sollte dennoch ein richtiges Fach Gesundheit stehen, das zumindest in ausgewählten Jahrgängen eingeplant ist. Dass das Thema bisher in der Schule keinen richtigen Platz hat, ist jedenfalls nicht in Ordnung.

Zur Gesundheitskompetenz gehört auch, ein gutes Gespür für sich selbst zu entwickeln und die Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Wie kann das den jungen Menschen vermittelt werden?

Auch hier kann die Schule eine wichtige Rolle einnehmen, wenn man Sportlehrkräfte beispielsweise dafür sensibilisiert, im Unterricht nicht nur über körperliche Aktivität zu sprechen, sondern auch darüber, wie man sich richtig ernährt oder verantwortungsvoll mit Genussmitteln umgeht. Und wie man lernt, auf seine körperlichen Signale zu hören. In verschiedenen Schulfächern immer wieder über Gesundheit zu sprechen, platziert das Thema stärker im täglichen Leben und Erleben der jungen Menschen. Und je mehr sie merken, dass sie sich durch gesundheitsbewusstes Verhalten besser und fitter fühlen, umso mehr können sie das annehmen. Denn nichts ist in dem Alter schlimmer als der erhobene Zeigefinger. Der bringt in jungen Jahren überhaupt nichts, sondern löst eher das Gegenteil aus.

Gerade junge Menschen fühlen sich auch von allgemeinen Gesundheitsidealen ohnehin oft unter Druck gesetzt. Wie kann man ihnen den Druck nehmen?

Im Jugendalter, vor allem zwischen 13 und etwa 19 Jahren, will man sich erproben und herausfinden, was man kann und was der Körper so mitmacht. Mahnungen und Zurechtweisungen bewirken aber kaum etwas. Viel wichtiger ist, dass man jungen Menschen zeigt und vorlebt, wie man das Leben genießt und wie man die Herausforderungen in Schule, Job, im Freundeskreis, beim Konsum oder im Umgang mit Geld meistern kann und sich gut damit fühlt. Es geht vor allem darum, sie bei der Bewältigung alterstypischer Herausforderungen und Entwicklungen zu unterstützen.

Indem man ihnen auch einfach ein Vorbild ist?

Ja, aber die jungen Menschen sollen ihr eigenes Verhalten entwickeln dürfen. Eines, hinter dem sie auch als junger Mann oder junge Frau stehen können, bei dem sie sagen, ja, das passt für mich, das fühlt sich gut an. Wir müssen die jungen Menschen befähigen, selbst Entscheidungen treffen zu können. Das heißt auch, dass wir akzeptieren müssen, dass sie unter gesundheitlichen Gesichtspunkten vielleicht nicht immer „richtig“ handeln, weil sie zum Beispiel rauchen. Wenn sie das aber gleichzeitig bewusst durch Sport kompensieren, müssen wir solche Entscheidungen hinnehmen. Gerade in jungen Jahren stehen die freien Entscheidungen über allem. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die wir für die Gesundheitsbildung und den Aufbau von Gesundheitskompetenz beherzigen müssen.

Webcode dieser Seite: k000136
Nach oben