Gigerenzer
Experteninterview

„Gute Entscheidungen sind eine Kombination aus Kopf und Bauchgefühl.“

Wir wollen bei unserer Gesundheit möglichst alles richtig machen. Aber geht das überhaupt? Wir haben den Psychologen Prof. Gerd Gigerenzer gefragt, woher man eigentlich weiß, was gut ist, und ob man dabei eher auf den Kopf oder sein Bauchgefühl hören sollte.

Ständig wird von Gesundheitsrisiken gesprochen. Ist unsere Gesundheit wirklich so sehr bedroht?

Ein klares Nein! Gemessen an der Lebenserwartung und der Kindersterblichkeit leben wir in Deutschland heute so gesund wie nie zuvor. Dennoch haben gerade in Deutschland viele Menschen Angst, etwa vor genetisch modifiziertem Mais und krebserzeugenden Stoffen in Zimtsternen, Preiselbeeren und Schokolade. Diese Angst wird uns täglich in den Medien gemacht. Natürlich gibt es Gesundheitsrisiken, aber die Furcht davor ist größer, als sie sein müsste.

Können wir etwas gegen diese Unsicherheit tun?

Wir sollten unserer Einstellungen zu Sicherheiten überdenken und uns klarmachen, dass wir in einer ungewissen Welt leben, in der Dinge passieren können, die wir nicht in der Hand haben. Man sieht das ja gerade am politischen Geschehen: Keiner weiß, wie der Brexit enden wird oder wie sich die weltpolitische Lage entwickelt. Gleiches gilt auch bei Gesundheitsthemen, da kann einen auch plötzlich etwas treffen. Gesund zu leben, bedeutet, informiert zu leben und zu akzeptieren, dass man nicht alles unter vollständiger Kontrolle haben kann. Man sollte sich auch mal entspannen.

Sollte man bei Gesundheitsfragen eher auf sein Gefühl oder auf seinen Kopf hören?

Zunächst einmal: Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen, bedeutet auch, dass man ein gewisses Risiko eingeht. Denn nichts ist sicher und man kann Fehler machen. Wenn man aber die Verantwortung immer lieber abgibt, schützt einen das auch nicht davor, dass Fehler passieren. Gute Entscheidungen sind daher immer eine Kombination aus Kopf und Bauchgefühl.

Eines Ihrer Bücher heißt „Bauchentscheidungen“. Woher kommt eigentlich unser Bauchgefühl?

Bauchentscheidungen basieren auf unserer Intuition, also einem unbewussten Wissen, das wir über Jahre hinweg erlernt haben. Man spürt, was man tun soll, ohne dass man es sich erklären kann. Ein Arzt braucht beides: gute Intuitionen, etwa durch langjährige Beobachtung von Patienten, und Wissen über die Ergebnisse der medizinischen Wissenschaft. So sehen erfahrene Ärzte oft intuitiv auf den ersten Blick, dass mit einem Patienten etwas nicht stimmt, ohne dass sie es bereits erklären können. Ein gutes Bauchgefühl hat man vor allem in Bereichen, in denen man auf einen langjährigen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann.

Sie haben aber herausgefunden, dass man manchmal bessere Entscheidungen trifft, wenn man nicht so viel über eine Sache weiß…

Ich meine damit, dass das Sammeln von großen Datenmengen seine Grenzen hat. Wir leben heute in einer Welt, wo man uns erzählt, dass Big Data stets zu besseren Vorhersagen führt, etwa in der personalisierten Diagnose und Therapie. Big Data funktioniert in der Astronomie, aber im Gesundheitsbereich sind mir keine klaren Erfolge bekannt, wo man mit Big Data besser diagnostizieren und vorhersagen kann, als man bereits mit herkömmlichen Mitteln kann – etwa durch die diagnostische Intuition eines guten Arztes.

Viele greifen eben zu allen erdenklichen Mitteln, um gesund zu bleiben. Inwiefern können wir durch unser Verhalten tatsächlich unseren Gesundheitszustand beeinflussen?

Unsere Gesundheit können wir tatsächlich bis zu einem bestimmten Grad beherrschen. Beispiel Krebs: Man schätzt, dass etwa die Hälfte aller Krebse verhaltensbedingt sind, insbesondere durch Rauchen, Alkohol und jenes Verhalten, das zur Fettleibigkeit beträgt. Hier kann man sein Verhalten ändern, wenn man etwas Wesentliches für seine Gesundheit tun möchte. Aufhören zu rauchen, hat etwa einen viel positiveren Einfluss auf die Gesundheit als die verbreitete Sorge um krebserregende Stoffe in Wurst oder Glyphosat. Aber natürlich ist das keine Garantie, denn es gibt Menschen, die haben nie geraucht und bekommen dennoch Lungenkrebs. Hier gilt, was schon Benjamin Franklin sagte: Nichts ist sicher, außer der Tod und die Steuern. Bei Letzterem bin ich mir angesichts der Steuerparadiese für Reiche und globale Internetfirmen, welche unsere Politik seit Langem duldet, auch nicht mehr ganz so sicher. (lacht)

Mitunter bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn man sich „ungesund“ verhält. Was ist eigentlich dieses schlechte Gewissen, und was will es uns sagen?

Beim schlechten Gewissen machen sich Schuldgefühle breit, das bedeutet, dass in einem etwas intuitiv rebelliert, wenn man sich nicht so verhält, wie man es als richtig empfindet oder wie es allgemein als passend angesehen wird. Das ist auch gut so, denn es macht uns bewusst, dass wir eigentlich wissen, wie es richtig wäre. Und beim nächsten Mal können wir es vielleicht besser machen.

Ist das dann so etwas wie unsere Gesundheitskompetenz?

Ja, das Problem ist nur: Wir geben Milliarden für Gesundheitstechnologien aus, aber wir investieren so gut wie nichts in die Gesundheitskompetenz der Menschen. Die braucht es aber eben auch, neben der Intuition. Die meisten Menschen in Deutschland können beispielsweise verlässliche Quellen im Internet nicht von interessensgeleiteten unterscheiden. Gesundheit ist leider ein Markt geworden, der bestimmte Produkte oder Behandlungen verkaufen will. Kompetente Menschen wären dagegen die beste Vorsorge und damit die beste Gesundheitsprävention.

Wie werden wir denn kompetenter?

Nochmals Beispiel Krebs: Wenn wir etwas Wirksames gegen Krebs unternehmen möchten, dann sollten wir genauso viel in Menschen investieren wie in Früherkennung und Therapie zusammen. Wie bereits erwähnt, ist etwa die Hälfte aller Krebse verhaltensbedingt. Was man isst, ob man sich bewegt, raucht und betrinkt – die Weichen für diese Verhaltensweisen werden schon in der Kindheit gestellt. Hier könnten wir ansetzen, und schon die Kleinen stark und kompetent machen, indem wir ihnen beispielsweise eine Raucherlunge zeigen oder ihnen erklären, wie die Werbung und die Medien sie nach der Pubertät beeinflussen werden. Das kann im Elternhaus oder in der Schule passieren. Wenn wir nur zehn Prozent der Kinder gesundheitskompetent machen könnten, dann würden wir mehr Menschen vor Krebs retten als mit den gesamten teuren Früherkennungsmethoden zusammen.

Zum Schluss noch Ihr persönlicher Tipp, um gesund zu bleiben?

Informieren Sie sich, misstrauen Sie jeder Angstmache, und haben Sie den Mut, selbst Verantwortung für sich und die Gesundheit zu übernehmen. Und wenn Sie nicht weiterwissen, dann hören Sie auf Ihre Intuition.

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