Eine Frau mit Virtual Reality Brille auf einer Schaukel

Virtuelle Realität in der Medizin

Was in der Computerspiele-Branche längst Trend ist, setzt sich nun auch in der Medizin durch: Virtual Reality. Die Technologie verspricht völlig neue Möglichkeiten in der Medizintechnik und bei der Behandlung von Krankheiten.

Therapeuten begleiten Patienten mit Flugangst in Flugzeuge, die nicht existieren. Schmerzpatienten schwimmen mit Delfinen, während sie im Krankenhausbett liegen. Medizinstudenten sezieren menschliche Körper am Schreibtisch.
Was sich nach Zukunft anhört, wird in der Forschung bereits erprobt und könnte schon bald Alltag in Kliniken und Praxen sein. Möglich macht das die Virtual-Reality-Technologie. Das Potenzial der virtuellen Realität in der Medizin ist groß und die Anwendungsgebiete sind vielfältig. Aber was ist Virtual Reality überhaupt? Wird sie die Arbeit von Ärzten verändern? Und kann sie wirklich helfen, Krankheiten zu heilen?

In fremde Welten eintauchen - Die VR-Brille macht es möglich

Virtual Reality, kurz VR, ist eine computergenerierte Wirklichkeit. Um in diese virtuelle Welt eintauchen zu können, braucht es spezielle Endgeräte. Je hochwertiger die Geräte sind, desto intensiver ist das Erlebnis bzw. das Gefühl der Imersion, wie es in der Fachsprache heißt. Der Schlüssel zur Tür in die virtuelle Welt ist eine VR-Brille. Im Inneren der Brille werden über zwei hochauflösende Displays Bilder gezeigt, die den Nutzer in eine künstliche Welt mit 360-Grad-Rundumblick versetzen. Weitere Endgeräte, wie z. B. Datenhandschuhe, ermöglichen zusätzlich eine Interaktion mit der virtuellen Welt.

Virtuelle Realität in der Medizintechnik: Operationen vom Schreibtisch aus

Obwohl die Virtuelle Realität seit Jahren erforscht und erprobt wird, kommt sie erst nach und nach in anderen Bereichen jenseits der Gaming Industrie an. In der Ausbildung von Flugpiloten beispielsweise ist ihr Einsatz schon länger Standard, in der Medizin wird gerade damit begonnen. In der Uniklinik Heidelberg sezieren Studenten neuerdings über einen Touchscreen Leichen, während sie zu Hause am Schreibtisch sitzen. Ärzte trainieren an virtuellen Patienten neue Behandlungstechniken und bereiten sich auf operative Eingriffe vor – von der Zahn-OP bis zur Organtransplantation. Virtuelle Realität ermöglicht die Simulation aller erdenklichen medizinischen Eingriffe. So können Studenten und Ärzte völlig risikofrei praktische Erfahrungen sammeln. Und nicht nur das: Sie lernen am Simulator schneller und effektiver als durch das Zuschauen in einem echten Operationssaal.

In virtuellen Welten echte Ängste überwinden

Aber nicht nur die Medizintechnik profitiert von der Virtuellen Realität. Wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, ist die Virtuelle Realität gerade bei der Behandlung von Angst- und Belastungsstörungen oder Phobien äußerst effektiv.
Bei einer Therapie mit der Virtuellen Realität wird der Patient über eine VR-Brille in eine Angst auslösende Situation versetzt. Menschen mit Flugangst müssen in ein virtuelles Flugzeug steigen, Spinnenphobiker einen Raum mit künstlichen Spinnen betreten. Der Therapeut begleitet die Simulation und kann auf Knopfdruck beispielsweise die Anzahl der Spinnen erhöhen oder Turbulenzen im Flugzeug auslösen. Auch wenn die Situationen nicht echt sind: die Angst der Probanden ist real.
Die virtuelle Therapie arbeitet mit den gleichen Prinzipien wie die konventionelle Konfrontationstherapie: Der Patient wird mit seinen Ängsten konfrontiert, um sie zu überwinden. Allerdings hat die VR-Therapie entscheidende Vorteile: Sie ist leichter umsetzbar, kostengünstiger und besser kontrollierbar.
Eine zusätzliche Möglichkeit bietet die mobile Anwendung über eine VR-Brille mit Smartphone. Der Patient könnte sich dann ortsunabhängig über eine App selbst therapieren. Einen Therapeuten wird die VR-Therapie zwar auch dann nicht ersetzen. Der Therapieprozess könnte aber beschleunigt und der Patient schneller von seinen Ängsten befreit werden.

Mit Virtueller Realität Krankheiten heilen und Schmerzen lindern

Erste Therapieversuche und -erfolge in der Virtuellen Realität gibt es mittlerweile auch bei Suchterkrankungen, Depressionen und chronischen Schmerzen.
So trainieren Suchtkranke den Umgang mit Situationen, die das Verlangen nach der Droge auslösen. Alkoholiker werden beispielsweise in eine virtuelle Kneipe geschickt, in der sie üben, Drinks abzulehnen, die ihnen ein Avatar anbietet. Nikotinabhängige lernen, an Bushaltestellen zu warten oder einen Kaffee zu trinken, ohne dabei zur Zigarette zu greifen.
Einem Forscherteam vom University College London gelang es kürzlich, mit VR selbstkritisches Verhalten zu reduzieren und so Depressionen zu lindern: Das Team entwickelte ein Programm, bei dem die Probanden ihr digitales Abbild in Form eines Avatars selbst therapierten.
Relativ gut belegt ist der Effekt einer virtuellen Therapie inzwischen auch bei Schmerzpatienten. SnowWorld heißt die von der University of Washington entwickelte künstliche Schneelandschaft, in die Patienten mit Verbrennungswunden geschickt werden. Während der schmerzhaften Prozedur des Verbandswechsels laufen die Patienten durch verschneite Schneelandschaften, beobachten Pinguine und können Schneebälle werfen. Das verringert die Schmerzen um bis zu 50 Prozent – ähnlich wie bei der Gabe einer Dosis Morphium.
Der Grundgedanke dahinter ist, Patienten in eine andere Realität einzubinden und so durch Ablenkung Schmerzen oder Stress zu senken. Eine aktuelle Studie des Cedars-Sinai Hospital in Los Angeles bestätigt die Wirksamkeit dieser Methode. Die Streifzüge durch virtuelle Welten lindern nicht nur Schmerzen, sondern beugen auch Depressionen bei Langzeitpatienten vor. Für die Studie schickten die Ärzte Patienten dazu in faszinierende Unterwasserwelten, wo sie mit Delfinen und Walen tauchen konnten, ließen sie über beeindruckende Gebirgswelten fliegen oder in ferne Länder reisen.

Die Zukunft der Virtuellen Realität in der Medizin

Trotz der zahlreichen erfolgreichen Forschungsergebnisse wird die VR-Therapie in Deutschland in der Praxis noch sehr selten eingesetzt. Ein Grund ist, dass die Technik bisher noch nicht ausgereift war. Schwere Helme, träge Sensoren und schlechte Bildschirme erzeugten bei vielen Probanden Übelkeit und Schwindelgefühle und verhinderten die Immersion. 
Doch die jüngsten Entwicklungen auf dem VR-Markt könnten diese technischen Probleme demnächst lösen. Hersteller wie Samsung oder Google haben neuerdings erschwingliche Virtual-Reality-Brillen im Angebot und auch die Programme verbessern sich fortlaufend. Insofern kann 2017 durchaus das Jahr werden, in dem VR in der Medizin ihren Durchbruch erlangt.

 

Webcode dieser Seite: g100397 Autor: Barmer Erstellt am: 05.05.2017 Letzte Aktualisierung am: 05.05.2017
Nach oben