Wie Suchmaschinen medizinische Fachbegriffe erklären

Wer eine Beschwerde hat, ein Zwicken, Jucken oder Drücken, der gibt es heute ins Suchfeld einer Suchmaschine ein. Diese liefert dann eine Fülle von Antworten. Aber helfen Suchmaschinen wirklich bei Gesundheitsfragen weiter?

Eine junge Frau am Laptop

Im Befund zur Röntgenaufnahme der rechten Hand schreibt der Arzt beunruhigende Dinge. Da ist etwas "palmar", der Arzt diagnostiziert "piriformis"? Und was heißt die Abkürzung "z.A." vor der Diagnose? Jeder Patient hat diesen Moment schon erlebt: Der Arzt teilt seinen Befund im Gespräch mit. Doch der Patient versteht kaum, worum es eigentlich geht. Das liegt auch an der Aufregung. Etwa 80 Prozent der im Arztgespräch mitgeteilten Informationen ziehen an uns vorbei, so glauben Experten.

Der Patient nimmt also, was er hat. Zum Beispiel den Arztbrief, den man bei der Entlassung aus dem Krankenhaus für den Hausarzt in die Hand bekommt oder den Brief vom Facharzt. Vielen fällt die Lektüre eines solchen Arztbriefes nicht eben leicht. Besonders wenn man krank ist und Angst hat, interpretiert man in womöglich harmlose Fachbegriffe schnell viel hinein. So bedeutet "palmar", dass etwas zur Handfläche gehört, das rätselhafte "piriformis" bedeutet einfach birnenförmig. Und so geformte Strukturen gibt es zahlreich im Körper. Die Abkürzung z.A. schließlich meint einfach "zum Ausschluss". Nur drei Begriffe aus dem Ärzte-Latein, die viele Menschen zum Suchen im Internet bringen.

Dabei tappen die Suchenden womöglich in Fallen. Die Informationen von Suchmaschinen sind kaum gefiltert. Diese durchsuchen das Netz wertfrei. Sie schauen vor allem, ob die gesuchten Begriffe vorkommen und die Seiten oft aufgerufen werden. Die wissenschaftlich beste Information, zum Beispiel in medizinischen Leitlinien, ist kaum verständlich. So landet man in den Suchergebnissen schnell bei Selbsthilfegruppen, weil die in einer verständlichen Sprache schreiben. Doch in vielen frei zugänglichen Foren für Betroffene wimmelt es von Horrorgeschichten und nur selten werden Berichte über besonders geglückte Behandlungen geteilt. Da löst das Suchen nach dem eigenen Befund mehr Panik aus, als dass es beruhigt. Auch medizinisch zweifelhaftes Wissen findet per Suchmaschine zu den Patienten. Nirgendwo gibt es mehr medizinische Fachinformation. Aber auch nirgendwo gibt es so viele medizinisch fragwürdige Informationen wie im Netz.

Bei der Selbstdiagnose sollten Patienten auch nicht vergessen, dass sie bei jeder Suche Daten preisgeben. Wer "Tumor" ins Suchfeld eingibt, teilt das dem Unternehmen, das hinter der Suche steckt und womöglich Daten sammelt, mit. In den Suchdaten stecken eben auch wertvolle Informationen. Schon heute kann anhand der Herkunft und Häufigkeit von Suchmaschinen-Anfragen die Ausbreitung der jährlichen Grippewelle verfolgt werden.

Suchergebnisse und Selbstdiagnosen

Es sind tatsächlich Fälle dokumentiert, in denen Menschen durch die eigene Suche auf seltene Krankheiten stießen, die ihr Arzt nicht in Betracht gezogen hatte. Doch die meisten wissenschaftlichen Studien warnen vor der Selbstdiagnose. So untersuchte eine Studie des Massachusetts General Hospital in Boston die Diagnose von Handverletzungen. Das Ergebnis: Nur ein Drittel der Diagnosen, die Patienten online erstellt hatten, passten zu der Diagnose eines erfahrenen Chirurgen. Die Selbstdiagnose wurde vor allem durch unterbewusste psychologische Effekte verzerrt, vermuten die Autoren.

"Anders als ein Arztbrief, sind die Informationen in Google nicht für mich geschrieben", sagt Ansgar Jonietz. "Wenn ich lang genug google, glaube ich sicher irgendwann dass ich Krebs habe." Jonietz ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Plattform "was hab ich". Hier können Patienten die Befunde mit Ärztelatein einreichen. Sie werden kostenlos übersetzt – von Medizinstudenten, die so medizinische Befunde zu verstehen lernen. Die Übersetzung wird innerhalb weniger Tage erstellt. Doch selbst den angehenden Medizinern, die mindestens im achten Fachsemester sind, fällt die Übersetzung häufig schwer. "Für eine übersetzte Seite Arztbrief brauchen unsere Helfer fünf Stunden", sagt Jonietz. Manchmal rätseln selbst die Fachärzte über Abkürzungen oder Begriffe. Meist stellt sich heraus, dass es einfach Schreibfehler sind. Über 31.000 Befunde haben Jonietz Helfer in den letzten sechs Jahren schon übersetzt. Und an einigen Krankenhäusern probieren sie den Patientenbrief: "Ich werde über Tage oder Wochen professionell behandelt. Warum kriege ich am Ende keinen Patientenbrief, der mir erklärt, was da in der Klinik mit mir passiert ist?", fragt Jonietz. Eine leicht verständliche Diagnose für jeden, der entlassen wird.

Wer sich selbst auf die Suche machen will, dem hilft der Befunddolmetscher. Der Dolmetscher ist ein Glossar, dass das Ärztelatein geordnet nach Beschwerden beschreibt, natürlich mit Einträgen für palmar, piriformis und gängigen Abkürzungen. Die Übersetzung bleibt eine zähe Angelegenheit – aber immerhin ist die Bedeutung gesichert. Ebenso bietet es sich an, die Befunde mit dem Teledoktor der Barmer zu besprechen.

Webcode dieser Seite: g100410 Autor: Barmer Erstellt am: 13.06.2017 Letzte Aktualisierung am: 28.06.2017
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