Junge Frau steht vor dem geöffneten Kühlschrank

Emotionales Essen: Warum wir essen, ohne hungrig zu sein

Wir Menschen sind auf die Zufuhr von Nahrung angewiesen, weil wir Nährstoffe und Energie brauchen, um unseren Körper am Laufen zu halten. Braucht der Körper Nahrung, zeigt er uns das durch ein Hungergefühl – haben wir genug gegessen, haben wir ein Sättigungsgefühl. Das ist Teil der biologischen Abläufe, die sich in unserem Körper abspielen. Was aber, wenn wir diese Signale ignorieren und mit dem Essen beginnen, ohne überhaupt hungrig zu sein?

Meist versteckt sich hinter diesem Verhalten das emotionale Essen – wir sind zwar körperlich nicht hungrig, aber unser Kopf verlangt nach Essen. Wir essen aus Langeweile, beginnen mit dem Frustessen oder dem Essen gegen Stress.
Hierfür gibt es verschiedene Auslöser, zum Beispiel, dass uns das Essen zu einem wohligen und beruhigenden Gefühl verhilft. Oder wenn wir essen, um Problemsituationen zu bekämpfen. Aber warum ist das so?

Essen, damit es uns gutgeht

Die erste Nahrung, die wir nach der Geburt bekommen, ist meist die Muttermilch. Während des Stillens werden wir aber nicht nur gefüttert, sondern auch liebevoll im Arm gehalten. Bereits im Säuglingsalter verknüpfen wir die Nahrungsaufnahme dadurch unbewusst mit dem Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Auch wenn wir größer werden, erleben wir das Essen immer wieder in einem positiven Zusammenhang. So werden wir mit einem Eis fürs Aufräumen belohnt oder bekommen einen Lolli als Trost. Das heißt, dass unser Gehirn das Essen mit dem Gefühl der Anerkennung verknüpft und lernt, dass es ein angenehmes Gefühl in uns auslöst – Glückshormone werden ausgeschüttet. Fühlen wir uns im Erwachsenenalter einsam, überfordert oder niedergeschlagen, werden wir deshalb häufig zum emotionalen Essen verleitet. Es gibt uns zeitweise ein positives Gefühl und lässt uns unsere Probleme vergessen. Das Problem dabei: Wir werden beim emotionalen Essen niemals richtig satt. Wir essen aus Langweile, Frust und Stress – unabhängig von unseren körperlichen Signalen – und neigen deshalb dazu, viel größere Mengen zu essen, was langfristig dick macht.

Als Studenten stehen wir häufig unter Dauerstress. Kaum ist die Seminararbeit abgegeben, stehen die Klausuren vor der Tür. Nicht selten greift man in diesen stressigen Phasen vermehrt zum Essen. Da Stress ebenfalls zum emotionales Essen führen kann, werden wir das Essen gegen Stress einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Essen gegen Stress – Weshalb wir in Stresssituationen zum Essen greifen

Stress, oder besser gesagt der Stressmechanismus, ist ein im Laufe der Evolution entstandener Vorgang, der uns Menschen das Überleben schon häufig gesichert hat. In stressigen Situationen schütten wir das Stresshormon Cortisol aus. Es sorgt beispielsweise dafür, dass die Hirnareale, die für das bewusste und achtsame Handeln verantwortlich sind, blockiert werden. Stattdessen wird das sogenannte Stammhirn aktiviert, das die überlebenswichtigen Funktionen und Instinkte steuert. Wurden unsere Vorfahren beispielsweise von einem gefährlichen Tier verfolgt, sorgte die Freisetzung des Stresshormons dafür, dass sie keine Zeit damit verschwendeten, lange über ihr Handeln nachzudenken, sondern instinktiv zu reagieren, sodass sie ihr Überleben sichern konnten.

Statt gegen bedrohliche Tiere kämpfen wir in der heutigen Zeit gegen Probleme wie Zeitdruck oder Stress an der Uni. Durch Stress wird die Wahrnehmung unserer inneren Signale wie Hunger und Sättigung herabgesetzt. Im Gegenzug lassen wir unsere Überlebensinstinkte die Überhand gewinnen und verlegen uns auf das emotionale Essen. Stress führt also dazu, möglichst viel zu bunkern, anstatt bewusst nur die Menge zu essen, die wir tatsächlich brauchen. In der Realität enden stressige Prüfungsphasen deshalb häufig in einem kleinen Fressgelage zwischen Cola, Chips und Schokolade. Wir essen nicht, weil wir hungrig sind, sondern weil unser Körper uns signalisiert, dass wir so die vermeintliche Gefahrensituation überleben können. Aber auch Essen aus Langeweile kann ein Impuls dafür sein, unabhängig vom Hunger den Kühlschrank zu plündern.

Kurzfristig scheint dieses Verhalten die Umstände erträglicher zu machen. Langfristig gesehen ist das emotionale Essen jedoch vielmehr eine Kompensationsstrategie, die uns davon abhält, das eigentliche Problem anzugehen. Das übermäßige Essen gegen Stress ist demnach lediglich die Folge eines tieferliegenden Problems. Wollen wir dem emotionalen Essen endgültig ein Ende setzen, ist es deshalb unumgänglich, sich langfristig mit dem eigentlichen Problem auseinanderzusetzen. Denn: Wenn Hunger nicht das Problem ist, dann ist Essen auch nicht die Lösung.

Wie können wir dem emotionalen Essen entkommen?

  1. Identifiziere den Auslösereiz: Sobald der Essimpuls in dir hochkommt, nimm dir eine Minute Zeit und reflektiere deine Situation. Möchtest du etwas essen, weil du körperlich hungrig bist oder möchtest du lediglich deine Emotionen kompensieren?
  2. Überlege dir eine Lösungsstrategie: Wenn du deinen Auslösereiz benennen kannst (beispielsweise Stress während der Klausurenphase) überlege dir, wie du den Kern des Problems lösen kannst.
  3. Setze deine Strategien um – hier einige Anregungen: Frage einen Kommilitonen, ob er dir beim Lernen hilft, erstelle einen Lernplan, um dich besser zu organisieren oder versuche, deinen Kopf frei zu bekommen, indem zu meditierst oder eine Runde laufen gehst.

Essen ist nicht die Lösung

Wenn Hunger nicht das Problem ist, dann ist Essen gegen Stress auch nicht die Lösung. Statt den Ursprung unseres Essverhaltens zu hinterfragen, neigen wir dazu, lediglich die Folgen zu bekämpfen. Wir halten strikte Diäten, um unsere Kilos loszuwerden. Diäten beziehen sich allerdings ausschließlich auf die Eingrenzung des Symptoms – das Essen. Es ist also eine Art Symptombekämpfung, die zeitweise einen kleinen Erfolg bringen kann, langfristig jedoch eher kontraproduktiv ist. Werden wir erneut mit unseren Auslösereizen konfrontiert, laufen wir Gefahr, in unser altes Essmuster zurückzufallen, wodurch der Teufelskreis von neuem beginnt. Wieder essen wir aus Langeweile, beginnen mit dem Frustessen oder dem Essen gegen Stress.

Möchtest du dem emotionalen Essen ein für alle Mal den Kampf ansagen, ist es wichtig, die Ursache zu erkennen. Nimm dir Zeit, dein Verhalten zu hinterfragen, finde deinen Auslösereiz und entwickle Strategien, mit denen du es schaffst, das Problem am Kern zu packen. Auf diesem Wege gewinnst du dein natürliches, gesundes Essverhalten zurück, sodass du nur noch dann zum Essen greifst, wenn dein Körper es benötigt, und nicht dann, wenn dein Kopf danach verlangt.

Textnachweis

  • Autor: Bastienne Neumann
  • Qualitätssicherung: Dr. Lena Kieseler, M. Sc. Psychologie (BARMER)

Quellen

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Webcode dieser Seite: g101452 Erstellt am: 15.01.2019 Letzte Aktualisierung am: 25.01.2019
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