Die elektronische Patientenakte

Die Einführung der elektronischen Patientenakte würde viele Vorteile für Mediziner und Patienten bieten. In Deutschland hat sich bisher aber nur die Patientenquittung erfolgreich etabliert. Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Ärzte schauen sich digitale Patientendaten an

Sie ist quasi die Königsdisziplin unter den E-Health-Anwendungen: die elektronische Patientenakte, auch elektronische Gesundheitsakte (eGA) genannt. Denn sie könnte medizinischen Nutzen bringen. Doppeluntersuchungen könnten zukünftig vermieden und das Risiko von Behandlungsfehlern minimiert werden. Denn mit der eGA könnten Ärzte, Pflegeeinrichtungen und Apotheken jederzeit auf die aktuellen Befunde und Behandlungen eines Patienten zugreifen. Außerdem würde die Forschung von anonymen digitalisierten Patientendaten profitieren. Immer mehr Länder etablieren diese übergreifenden elektronischen Patientenakten, wenn auch ein wenig schleppend. Auch Deutschland ist noch nicht ganz so weit. Die Einführung der Patientenquittung ist jedoch bereits ein großer Fortschritt für die Bürger in puncto Transparenz. Patienten können ihre Quittung entweder vom Arzt oder der Krankenkasse anfordern und bekommen so Einblick in die erbrachten Leistungen und die damit verbundenen Kosten. Und das mittlerweile auch in elektronischer Form.

Elektronische Patientenakte in Estland

Estland gilt in Europa als Paradebeispiel in Sachen nationale, zentrale Patientenakte mit intensiver Patienteneinbindung. Die elektronische Patientenakte wurde in Estland im Jahr 2013 live geschaltet. Das webbasierte, verschlüsselte Portal mit zentraler Datenhaltung leistet ganze Arbeit: Etwa 15 Millionen medizinische Dokumente sind mittlerweile gespeichert – und das bei lediglich 1,3 Millionen Einwohnern. Es werden Befunde, Arztbesuche und Medikamente in der eGA gespeichert, die für Ärzte und Kliniken einsehbar sind. Dafür brauchen sie aber die Erlaubnis des Patienten. Papierrezepte gibt es in Estland kaum noch.

Patientendossier in der Schweiz

Die Schweiz schlägt im Gegensatz zu Estland einen anderen Weg ein. Schon alleine aus kulturellen Gründen kann es dort keine landesweite Online-Akte geben. Daher stellen kantonale Akten mit dezentraler Datenhaltung die Lösung dar. Die Standardisierung ermöglicht einen umfassenden Datenzugriff. Doch auch für die Schweiz gibt es noch einiges zu tun, auf dem Weg hin zur elektronischen Patientenakte. 2015 verabschiedete der Schweizer Nationalrat das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier. In diesem Rahmen müssen innerhalb weniger Jahre Krankenhäuser und Pflegeheime allen Patienten ein standardisiertes Patientendossier zur Verfügung stellen. Zudem müssen diese Dossiers über kantonale E-Health-Plattformen zugänglich sein. Doch das Tempo, in dem sich die Schweiz in Richtung eGA bewegt, ist schleichend. Bisher fehlen die Anreize für Ärzte, und auch die Akzeptanz in der Bevölkerung ist in den letzten Jahren eher gesunken.

Pionierarbeit in Israel 

Israel ist hingegen ein echter „Aktenpionier“. Das Besondere: In Israel gab es noch niemals ein staatliches Patientenaktenprogramm. Landesweit konkurrieren vier große Sozialversicherungen untereinander. Diese sind teilweise auch Anbieter medizinischer Leistungen. Einer dieser Versorgungsträger ist die HMO Maccabi. Hier arbeiten 9.000 Mitarbeiter und 3.000 Ärzte, die für etwa zwei Millionen Mitglieder zuständig sind. Bereits 1993 begann Maccabi mit dem kontinuierlichen Aufbau einer übergreifenden Patientenakte. Mittlerweile arbeitet der Versorgungsträger quasi komplett ohne Papier. Rezepte, radiologische Bilddaten, ärztliche Befunde und Überweisungsbescheide werden digital übermittelt. Natürlich ermöglicht dieser hohe Digitalisierungsgrad Maccabi die Daten auch zu analysieren. Innerhalb der Patientenakte wurden dazu viele krankheitsspezifische Register gebildet. Auch registerübergreifende Datenbankabfragen aller Art sind möglich. Einmal im Monat wird eine wissenschaftliche Publikation auf Basis dieser digitalen Versorgungsforschung veröffentlicht.

Zudem profitieren die Patienten. Sie haben per Tablet und Smartphone ständig Zugriff auf ihre Daten. Außerdem sind sie Nutznießer der Big Data Forschung: Innerhalb eines E-Screening-Projektes von Maccabi werden Menschen mit hohem Risiko für ein kolorektales Karzinom – also eine Form von Darmkrebs – identifiziert und ihnen anschließend eine Untersuchung empfohlen. Dadurch nimmt die Treffsicherheit des Screenings stetig zu.

Patientenquittung in Deutschland

Ein echter Erfolg, den Deutschland verbuchen kann, ist die Einführung der Patientenquittung. Mitglieder der Gesetzlichen Krankenkassen erfahren nicht immer automatisch, welche Leistungen ihr Arzt abrechnet. Doch mittlerweile können Bürger die Patientenquittung mit Kosten- und Leistungsinformationen vom Arzt, Zahnarzt oder Krankenhaus erhalten. Entweder stellt der behandelnde Arzt direkt im Anschluss an die Behandlung, oder aber nach Ablauf des Quartals die Patientenquittung aus. Außerdem können Patienten bei ihrer gesetzlichen Krankenkasse einen Antrag stellen und Informationen über die Leistungen und Kosten der letzten 18 Monate erhalten – auch online. Somit können Patienten durch die Patientenquittung besser nachvollziehen, welche Leistungen zu welchen Kosten erbracht worden sind.

Chancen und Risiken der elektronischen Gesundheitsakte

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die elektronische Patientenakte bietet viele Vorteile. Denn Ärzte haben – auch im Notfall – schnell Zugriff auf alle relevanten Daten. Patienten können durch die Speicherung ihrer medizinischen Daten ihre Informationslage verbessern. Auch Versicherungen könnten ihre Effizienz steigern, wenn Rezepte, Arztbriefe und Überweisungen elektronisch in der eGA ausgestellt würden. Gleichzeitig entscheidet der Patient alleine, welche Daten in der elektronischen Patientenakte gespeichert werden dürfen. Jedem muss das Recht auf informationelle Selbstbestimmung erhalten bleiben. Daher können sich Ärzte im Zweifel nicht auf ihre Aussagekraft verlassen, denn es gibt keine Garantie, dass die in der elektronischen Patientenakte vermerkten Informationen vollständig sind. Auch vor Eingabefehlern ist die eGA nicht geschützt. Weiterhin steht das Thema Datenschutz an oberster Stelle. Jedem muss das Recht auf informationelle Selbstbestimmung erhalten bleiben. Doch so viele Herausforderungen die eGA auch stellt, ihr Potenzial liegt dennoch klar auf der Hand.

 

Webcode dieser Seite: g100244 Autor: Barmer Erstellt am: 12.08.2016 Letzte Aktualisierung am: 14.09.2016
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