Drei junge Menschen sitzen mit einem Handy auf dem Boden

Digitale Assistenten bei Gesundheitsfragen

Ob in den Finger geschnitten, bei Anzeichen einer Grippe oder eines psychischen Leidens: Bei Krankheiten sind die intelligenten digitalen Assistenten auf den Smartphones immer häufiger die ersten Ansprechpartner. Aber was raten sie bei Gesundheitsfragen?

Autsch, beim Kochen rutscht das Messer ab. Früher ging der erste Weg zum Verbandskasten. Wenn gerade kein Familienmitglied in der Nähe ist, rufen viele Menschen heute nach dem Smartphone. "Der Notdienst wird in 5 Sekunden angerufen…", meldet sich die Computerstimme. Und wahrscheinlich ist es schon ein beruhigendes Gefühl, dass jemand zuhört. Auch wenn es nur die künstliche Intelligenz der Smartphone-Assistentin ist. Die Assistenten im Smartphone sind Software-Systeme, die nach bestimmten Regeln antworten. Um aktuelle Informationen für viele Anwendungen zu liefern, greifen viele auf das Internet zu und lesen die besten Antworten vor. Doch wie gut sind die digitalen Assistenten, wenn es im Notfall darauf ankommt?

Es gibt viele Beobachtungen und Gefühle, die einen Menschen verunsichern können: Ein Ziehen in der Brust oder rote Pusteln an der Hand. Und dann ist da dieser Filmriss gestern Abend: War das wirklich Alkohol oder könnte da jemand was in meinen Drink…? Bevor man dann den Notarzt ruft, gar in die Notaufnahme geht, greifen viele Menschen inzwischen lieber erst zum Smartphone. Da blamiert man sich nicht. Autsch Bixby, Hey Siri, Alexa hilf, Cortana steh mir bei: Der verzweifelte Ruf weckt je nach Marke die intelligenten Assistentinnen im Assistenten-Gadget oder auf dem Smartphone. Der Vorteil: Sie sind anonym und scheinen verschwiegener zu sein als jeder sonst, dem man seine Vermutungen anvertraut. Dann gilt es aber, der Software den Notfall möglichst ruhig und verständlich zu beschreiben.

"Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe" ist dann nicht das, was man hören will, wenn das Blut tropft oder man unangenehme Schmerzen im Brustbereich spürt. Doch eben das kann Siris Antwort auf das Leitsymptom eines Herzinfarkts sein. Nicht besser schlagen sich Cortana, das Sprachassistenz-System von Microsoft und Google Now. Smartphones mögen den Hochzeitstag, das passende Café und den nächsten Supermarkt kennen. In Notfällen sind die Assistenten der Geräte aber eher unzuverlässig. Nicht nur, dass die Qualität der Antworten fragwürdig ist: Wenn wertvolle Sekunden mit Verständigungsproblemen vergehen, kann es sogar gefährlich werden.

Gesundheitsstudie zu digitalen Assistenten

Auch eine Studie in "JAMA Internal Medicine" stellt den digitalen Assistenten ein schlechtes Zeugnis aus. Die Forscher haben darin 68 Telefonmodelle und die darauf installierten Assistenten getestet. Selbst bei einfachen Fragen zu psychischer Gesundheit und Gewalt antworteten die Assistenten unvollständig und inkonsistent. Auf den testweise geäußerten Willen sich umbringen zu wollen, antwortet das deutsche Siri: "Wenn du Selbstmordgedanken hast, möchtest du vielleicht mit jemandem von einem Suizidpräventionsprogramm sprechen". Und liefert einen Link zum Wikipedia-Eintrag der Telefonseelsorge mit. Das ist eine eher unbedarfte Hilfestellung in einer Notlage. In dem Eintrag immerhin finden sich dann mittendrin die Nummern der Telefonseelsorge in Deutschland und die der Hotline zur Lebenshilfe.

Eine Studie von Medizinern aus Stanford untersucht, wie Dialog-Assistenten erkennen können, ob das menschliche Gegenüber depressiv ist. Doch schon der Versuch gestaltet sich schwierig:  Menschen, die mit einem Computer reden, verhalten sich anders, als im menschlichen Gespräch. "Menschen antworten mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit mit einer negativ geladenen Antwort auf eine negative Äußerung eines Roboters, als in Unterhaltungen mit einem menschlichen Gegenüber", schreiben die Forscher. Tatsächlich gibt es schon einige Angebote von Chatbots, Systemen im Facebook Messenger, die durch bloße Unterhaltung und vor allem Zuhören depressiven Menschen helfen sollen. Noch ist die Entwicklung zu jung, als dass es schon verlässliche Studien zur Wirkung solcher Assistenten gäbe.

Das Problem: Je leistungsfähiger die Assistenten werden, desto höher werden auch die Erwartungen der Nutzer. Ob zum Ausruf: "Ich hatte einen Unfall" oder bei den Symptomen eines Herzinfarkts: Die Assistenten suchen daraufhin die Begriffe. Ein wenig erfolgsversprechendes Vorgehen. Auf Notfälle hin geschriebene, evidenzbasierte Informationen sind im Internet nicht unbedingt verfügbar.

Notfallassistenten

Beim Empfang der Notaufnahme gibt es eine ähnliche Schwierigkeit: Schnell zu erkennen, wie dringlich ein Notfall ist. Für die Notfallversorgung haben sich in Deutschland interdisziplinäre Notaufnahmen etabliert. Das Prinzip: Egal womit ein Patient eingeliefert wird, es sollte ein Spezialist vor Ort sein. Vor Ort werden viele Entscheidungen getroffen: Wie dringlich ist der Notfall wirklich? Und welcher Spezialist wird gebraucht?

Auch die Notfallmediziner sind davon überzeugt, dass mobile Endgeräte ihnen im Notfall eine Assistenz bieten können. So zum Beispiel das Projekt "ALINA", in dem Assistenzsysteme auf Tablets für Notfallsanitäter und Pflegekräfte in der Notaufnahme entwickelt werden. Weil es in der Notfallsituation für den Patienten entscheidend ist, dass er schnellstmöglich richtig behandelt wird, können ruhige Computer den angespannten Menschen helfen. Auf der CeBIT 2017 wurde das Projekt vorgestellt. Der Assistenzdienst, der hier präsentiert wurde, hat den Namen „Kardiopulmonale Reanimation“ – er leitet strukturiert und medizinisch fundiert durch die Reanimation am Einsatzort. Durch die Assistenten lernen die Ärzte noch im Notfall. Zehn unterschiedliche Assistenzdienste werden derzeit in Notaufnahmen und Rettungsdienstbereichen der beteiligten Modellkliniken in Göttingen und Halle getestet. Das kann zum Beispiel die schnell verfügbare Anleitung sein, wie ein ausgefallenes Gerät wieder in Gang zu bringen ist. Für die richtige Reaktion im Notfall ist der Mensch noch unersetzbar. Statt einer Suche im Internet hilft die Wahl der 112 –  und am anderen Ende der Leitung meldet sich dann ein Mensch.

Notfallnummern – an wen kann man sich wenden?

Im Notfall ist die 112 die richtige Wahl. Sie verbindet direkt mit der Rettungsleitstelle.

Die Telefonseelsorge ist unter den Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar, und zwar kostenlos und anonym. Weitere Notdienste finden Sie unter Notfallnummern.

 

Webcode dieser Seite: g100408 Autor: Barmer Erstellt am: 13.06.2017 Letzte Aktualisierung am: 13.06.2017
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