Musik, Hören und Emotionen

Warum empfinden wir bei Musik Traurigkeit oder Heiterkeit? Wie wandeln wir das Gehörte in Emotionen um? Erfahren Sie, wie Musik vom Ohr ins Bewusstsein gelangt.

Ein Pärchen sitzt im Zug

Das Gehirn bevorzugt Emotionales

Was generell für Geräusche und Klänge gilt, die wir wahrnehmen, trifft gleichermaßen auf die Musik zu: Höreindrücke, die eine besondere emotionale Bedeutung haben, bevorzugt unser Gehirn bereits auf einer sehr frühen Verarbeitungsstufe.

Die Bevorzugung passiert beim Übergang des Höreindrucks vom (Innen-)Ohr über Hörnerv und Hirnstamm in unser Hörzentrum. Bei dieser Art von Bevorzugung, der Priorisierung, kommen deutlich mehr Informationen im Hörzentrum an als nur das Geräusch oder der Ton selbst – nämlich die mit dem Höreindruck verbundenen Gefühle. Verantwortlich für diese Bevorzugung emotionaler Höreindrücke ist Wissenschaftlern zufolge der Thalamus, ein bestimmter Teil des Zwischenhirns.
Der Berliner Forscher Stefan Koelsch untersuchte bereits 2006, wie sich die Wahrnehmung von dissonanter, unangenehm klingender Musik im Vergleich zu angenehm klingender Musik im Gehirn unterschiedlich zeigt. Probanden spielte er eine unangenehm verzerrte Version einer Ouvertüre von Johann Sebastian Bach im Vergleich zu einer normalen, unverzerrten Aufnahme vor.
Beim Abspielen der unverzerrten, angenehmen Musik waren deutlich mehr Hirnareale aktiv als bei den unangenehmen Klängen. Auch hier zeigten sich Unterschiede schon im Hirnstamm und dem Hörzentrum. Verschiedene emotionale Reize werden also ganz früh ausgelöst und die Klänge entsprechend sofort unterschiedlich weiterverarbeitet.
Das alles aber beantwortet noch nicht die Frage: Warum empfinden wir eine bestimmte Musik als angenehm, eine andere als unangenehm? Warum klingt für uns ein bestimmtes Stück traurig, ein anderes heiter?

Im Alltag sprechen wir ständig davon, dass ein Musikstück traurig sei, fröhlich, melancholisch, bedrohlich oder gar aggressiv. Was aber meinen wir damit? Denn eigentlich können Eigenschaften wie diese ja nur lebendige Wesen haben. Das beschäftigt die Wissenschaft bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts. Wie so oft: Eine eindeutige Antwort gibt es bisher nicht.

Die Ausdruckstheorie: Was uns der Komponist sagen will

Eine sehr weit verbreitete Theorie besagt, dass wir Musik darum fröhlich oder traurig nennen, weil jemand anderes diese Gefühle ausdrücken wollte, als er die Musik komponiert oder gespielt hat.
Musik wird dabei als eine Sprache verstanden. Wenn wir Musik hören, so die Idee, interpretiert unser Gehirn die wahrgenommenen Laute auf ähnliche Weise, wie wir auch eine traurige Erzählung verstehen würden. So naheliegend das erst einmal klingt, unproblematisch ist die Theorie nicht: Der Komponist empfindet diese Emotion in der Regel nicht in dem Moment, in dem das Stück komponiert wird. Zudem ist durchaus denkbar, dass ein Komponist ein Stück schreibt, das einen Gefühlszustand ausdrückt, den er selbst noch nie erlebt hat. Hier wirkt die Theorie nicht ganz schlüssig.

Die Erregungstheorie: Als Hörer mitgerissen

Eine weitere interessante Theorie dazu ist die Erregungstheorie (arousal theory). Sie besagt, dass die Musik nicht die Emotionen ausdrückt, die der Komponist oder Performer „hineinsteckt“, sondern dass die Musik durch ihre Form die Tendenz besitzt, bestimmte Emotionen im Zuhörer zu wecken.
Nach dieser Theorie erkennt und interpretiert der Hörer also nicht ein Musikstück als traurig oder heiter, sondern er ist quasi selbst mitgerissen, wird also zum Beispiel traurig, wenn er ein trauriges Musikstück hört. Auf den ersten Blick scheint das plausibel: Immerhin machen wir ab und zu solche Erfahrungen.
Das Hauptproblem mit dieser Theorie: Manche Menschen reagieren auf ein Musikstück bewegt, andere nicht. Ob uns ein Musikstück bewegt oder nicht, hängt aber davon ab, wie der Ausdruck des Musikstücks ist. Die Theorie erklärt den emotionalen Ausdruck damit, dass sie auf eine bestimmte Weise wirkt. Gleichzeitig scheint die Wirkung der Musik aber vom emotionalen Ausdruck der Musik abzuhängen.

Die Assoziationstheorie: Musik als Nachahmung

Eine weitere Möglichkeit, die von Musik ausgelösten Emotionen zu erklären, bietet die „Assoziationstheorie“. Sie beruht auf der Annahme, dass bestimmte Bestandteile der Musik eine Verbindung (Assoziation) im Gehirn mit bestimmten Gefühlen herstellen.
Nach dieser Theorie wirken beispielsweise Stücke mit langsamerem Tempo eher traurig, weil beispielsweise unsere Bewegungen sich verlangsamen und wir weniger aktiv sind, wenn wir uns niedergeschlagen fühlen.
Für Forscher wie Stephen Davies endet hier die Möglichkeit der Erklärung, solange keine neueren Erkenntnisse aus der Psychologie oder Neurobiologie vorliegen, die uns sagen, woran genau das Gehirn bei bestimmten akustischen Signalen Ähnlichkeiten zu bestimmten Gefühlen festmacht.

Gerade im Anschluss an die Assoziationstheorie stellt sich natürlich auch die Frage nach kulturellen Faktoren. Musik ist Bestandteil jeder Kultur: Es gibt keine Kultur auf der Welt, die nicht in irgendeiner Form Musik kennt und als kulturelle Praxis pflegt.
Allerdings wissen wir auch, dass wir bestimmte Klangfolgen als eher unangenehm empfinden können, die in einer anderen Kultur als angenehm und schön gelten. Ist also auch unser Sinneseindruck kulturell mitbestimmt, und wenn ja, inwieweit? Auch hier steht die Forschung noch am Anfang.
Bisher wissen wir nur mit Sicherheit, dass Höreindrücke, die das Gefühlsleben ansprechen, im Gehirn bevorzugt behandelt werden und das schon in einer sehr frühen Verarbeitungsstufe. Das gilt auch für Musik.
Wenn wir hier aber weiterfragen: Warum hören wir etwas als traurig oder heiter? Ist das weltweit gleich oder kulturell bedingt unterschiedlich? Dann sind die Antworten derzeit noch wenig greifbar. Dennoch bleibt: All das sind sehr spannende Fragen und hier dürften die Neurowissenschaften in Zukunft noch für viele interessante Einsichten sorgen.

Textnachweise

  • Autorin: Dr. Ann-Kristin Iwersen
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Utta Petzold, BARMER
  • Endredaktion und Qualitätssicherung BARMER: Internetredaktion

Literatur

 

Webcode dieser Seite: s000883 Autor: Ann-Kristin Iwersen Erstellt am: 01.03.2018 Letzte Aktualisierung am: 02.03.2018
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