Rückenbeschwerden – Was bedeuten die Schmerzen?

Rückenschmerz kann dumpf, ziehend oder stechend sein, bei Bewegung oder Ruhe auftreten, akut oder chronisch verlaufen. Er hat verschiedene Ursachen – mitunter scheinbar gar keine.

Zwei Sportler machen Rückenübungen.

Rückenschmerz – das ist keine Diagnose, sondern ein Oberbegriff für unterschiedliche Beschwerden (Symptome) mit vielfältigen Ursachen. Der Rückenschmerz zählt zu den häufigsten Leiden.

Die Beschwerden unterscheiden sich nach Schmerzort (Lokalisation), Ursache, Art, Schwere und Dauer. Etwa drei von vier Deutschen geben an, mindestens einmal Rückenschmerzen gehabt zu haben. Sie sind unangenehm, aber zum Glück meistens harmlos.

Man spricht von einem akuten Rückenschmerz, wenn dieser nach sechs Wochen überstanden ist. Bleibt er länger als drei Monate bestehen, wird er als chronischer Rückenschmerz bezeichnet.

Acht von zehn Patienten mit akut aufgetretenen Rückenschmerzen haben sogenannte unspezifische Schmerzen, bei denen keine eindeutigen Hinweise auf eine mögliche Ursache erkennbar sind. Sie dauern häufig nur wenige Tage, können aber wiederholt auftreten.

Spezifische Rückenschmerzen haben eine feststellbare Ursache, z.B. Bandscheibenvorfälle, Wirbelgleiten oder auch Entzündungen. Einen Hinweis auf die Ursache kann die Art (Qualität) der Schmerzen liefern: Sie können dumpf und diffus sein, oder auch elektrisierend und stechend.

Akut behandlungsbedürftige Auslöser machen sich fast immer durch bestimmte Warnhinweise, sogenannte "Rote Flaggen" (englisch: red flags) bemerkbar.

Am häufigsten mit rund 62 Prozent sind Schmerzen im unteren Rückenbereich (Lumbalgie). Ein Drittel der Betroffenen haben Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule (zervikal), und nur zwei von 100 Betroffenen in der Brustregion (thorakal). Rückenschmerzen können in Arme oder Beine ausstrahlen.

Bei acht von zehn Menschen mit Rückenschmerzen findet sich kein eindeutiger Hinweis auf eine mögliche Ursache. Es gibt häufig mehrere Gründe, die für die Schmerzen verantwortlich sein können.

Fast immer spielen mehrere Faktoren zusammen: Bewegungsmangel, schwache Rückenmuskulatur, zu schwere oder monotone Belastung, Fehlhaltungen, ungeeignete Sitz- und Schlafmöbel, höheres Alter, Übergewicht, Stress, Depressionen und weiteres mehr. Einzelne Auslöser können sich gegenseitig verstärken: Übergewicht, Fehlbelastung oder Fehlhaltung – etwa durch langes Sitzen am PC – setzen die Bandscheiben unter Druck. Sie verlieren an Elastizität, flachen ab. In der Folge lockern sich die zwischen den Wirbeln gespannten Bänder; auch die kleinen Zwischenwirbelgelenke (Facettengelenke) werden nun stärker abgenutzt. Der ganze Wirbelsäulenabschnitt wird instabiler.

Um dies zu kompensieren, schalten sich Rückenmuskeln ein, sie spannen sich an. Eine untrainierte Rückenmuskulatur wird mit dieser Aufgabe aber rasch überfordert und verspannt sich. Verspannte, harte Muskeln können in der Nähe liegende Nerven reizen. Das empfinden wir als Schmerz. Schmerz wiederum führt zu Schon- und Fehlhaltungen, die ihrerseits Verspannungen und weitere Schmerzen hervorrufen – so entsteht ein Teufelskreis. Weiter angetrieben wird er durch psychische Faktoren: Angst vor dem Schmerz, Stress und jede weitere psychische Anspannung, die nicht durch Entspannung gemildert wird.

Spezifische Ursachen von Rückenschmerzen können aus Einengungen oder entzündlichen Reizungen von Nerven im Bereich der Austrittsstelle aus dem Wirbel bestehen (Nervenwurzelkompression). Im Wirbelkanal kann eine verschobene Bandscheibe (Bandscheibenvorfall) oder, in seltenen Fällen, eine Geschwulst (Tumor) buchstäblich "auf den Nerv gehen". Entzündungsbedingt können Sehnenansätze der Rückenmuskeln an den Wirbeln schmerzen (Enthesitis/Enthesiopathie). Auch können sich Bandscheibe und Wirbel bakteriell infizieren (Spondylodiszitis).

Werden Wurzeln von Nerven gereizt oder eingeengt, so können Schmerzen oder Taubheit entlang dieser Nerven bis in entfernte Bereiche ausstrahlen (radikuläres Syndrom).

Bei den meisten Menschen schmerzt es in den unteren Wirbelsäulenabschnitten, umgangssprachlich dem "Kreuz", aber Rückenschmerzen können sich auch an anderen Stellen bemerkbar machen und bis in die Glieder fahren.

Kreuzschmerzen (Lumbalgie)

Die plötzlich auftretenden Schmerzen im Rückenbereich unterhalb des Rippenbogens und oberhalb der Gesäßfalte werden als Kreuzschmerzen (Lumbalgien) bezeichnet. Sie zählen zu den häufigsten Beschwerden überhaupt: Etwa vier von zehn Frauen und drei von zehn Männern in Deutschland berichten von Kreuzschmerzen innerhalb der vergangenen Woche. Menschen zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr trifft es am häufigsten.

Hexenschuss

Von einem Hexenschuss spricht man, wenn der Schmerz im Kreuz plötzlich und stechend einschießt (Lumbago). Auslöser können beispielsweise Drehen, Bücken, Aufrichten oder das Heben von Lasten sein. Die Rückenmuskeln sind plötzlich so verspannt, dass die Bewegung wie eingefroren und gesperrt ist. Häufig sind die "Getroffenen" nicht mehr in der Lage, ihren Rücken zu strecken. Die Schmerzen strahlen in der Regel nicht ins Bein aus. Ein Hexenschuss wird nicht durch Bandscheibenschäden ausgelöst.

Ischiasschmerz

Beim Ischiasschmerz (der Ischialgie) strahlt der Schmerz ins Bein aus. Der Name stammt vom Ischiasnerv, der von der Lendenwirbelsäule an der Oberschenkelrückseite bis zum Fuß verläuft. Eine Reizung oder Verengung des Ischiasnerven, meist an der Nervenwurzel, kann auch zu Kribbeln oder Schwäche im betroffenen Bein führen.

Bandscheibenvorwölbung/-vorfall

Auch abgenutzte Bandscheiben können Nervenreizungen verursachen: Wölbt sich die intakte Bandscheibe in den Rückenmarkskanal, spricht man von einer Bandscheibenprotrusion.

Beim Bandscheibenvorfall (Prolaps) reißt der Faserring der Bandscheibe ein und der gallertartige Kern tritt in den Rückenmarkskanal aus. In beiden Fällen drücken Teile der Bandscheibe auf die benachbarten Nerven. Dies kann – muss aber nicht! – zu Schmerzen oder zu Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl führen. Eine plötzlich aufgetretene Schwäche beim Heben des Fußes kann auch durch einen Bandscheibenvorfall hervorgerufen werden. Ursache eines Bandscheibenvorfalls sind vor allem Bewegungsmangel und Übergewicht. Bandscheibenvorfälle ereignen sich meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, danach seltener.

Wirbelkanalverengung

Mit zunehmendem Alter bilden sich oft knöcherne Auswüchse (Hypertrophie) an Wirbelkörpern und den Wirbelgelenken. Die Wirbelbogengelenke können sich wie alle Gelenke abnutzen (Arthrose). Diese knöchernen degenerativen Veränderungen können den Wirbelkanal (Spinalkanalstenose) und/oder die Zwischenwirbellöcher einengen. Ähnlich wie beim Bandscheibenvorfall kommt es zur Nervenwurzelkompression mit Schmerzen und neurologischen Ausfällen (radikuläres Syndrom). Da die "Nervenengpässe" vorwiegend im Bereich der Lendenwirbel entstehen, sind Kreuzschmerzen, aber auch Schmerzen und Schwäche in den Beinen eine mögliche Folge. Die Spinalkanalstenose zeigt solche neurologischen Ausfälle oft erst nach längerer Belastung (Gehen). Leichtes Vorbeugen erweitert den Spinalkanal und führt damit zu einer Verminderung der Nervenreizung.

Osteoporose

Wirbelkörperbrüche durch verminderte Knochendichte (Osteoporose) können Rückenschmerzen verursachen: Dass Wirbel unter der Last des Körpers einbrechen, ist eine typische Folge der Osteoporose. Schätzungen zufolge erleiden pro Jahr 10 von 1000 Frauen und 6 von 1000 Männern zwischen 50 und 79 Jahren einen Wirbelkörperbruch. Je nach Ausmaß des bereits erfolgten Knochenabbaus kann der Wirbelkörper schon bei alltäglichen Bewegungen brechen. Deshalb muss eine Osteoporose gezielt behandelt werden; Bewegungstraining wie beispielsweise Wirbelsäulengymnastik ist dabei nur ein Baustein.

Wirbelgleiten

Auch ein Wirbelgleiten (Spondylolisthesis) kann für eine Nervenkompression mit der Folge von Rückenschmerzen verantwortlich sein. Dabei verschieben sich meistens der fünfte Lendenwirbel und das Kreuzbein gegeneinander, der Lendenwirbel rutscht nach vorne. Wirbelgleiten kann von Geburt an bestehen oder stellt sich abnutzungsbedingt nach dem 50. Lebensjahr ein.

In seltenen Fällen schließlich werden Rückenschmerzen ausgelöst durch Entzündungen, Infektionen oder gar durch Tumoren. Deshalb sollten Sie bei neu auftretenden oder länger als sechs Wochen bestehenden Rückenschmerzen auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen.

 

Bei neun von zehn Menschen gehen unspezifische Rückenschmerzen binnen sechs Wochen vorbei. Bei sieben von 100 halten sie länger als drei Monate an – sie sind chronisch geworden.

Wechseln sich chronische Rückenschmerzen mit beschwerdefreien Zeiten von über sechs Monaten Dauer ab, spricht man von chronisch-rezidivierenden (anhaltend-wiederkehrenden) Schmerzen.

Bessern sich die Beschwerden über zwölf Wochen nicht, soll der Arzt neben körperlichen Untersuchungen auch psychische und soziale Einflüsse prüfen. Denn man weiß heute, dass alle diese Faktoren die Empfindung von Rückenschmerzen beeinflussen. Entsprechende Warnhinweise, oder wie Medizinexperten sagen "bio-psycho-soziale Risikofaktoren", werden "gelbe Flaggen" (yellow flags) genannt. Mit Hilfe spezieller Fragebögen können diese Faktoren und auch individuelle Krankheitsüberzeugungen erfasst werden.

Gelbe Flaggen: Risiken für chronischen Schmerz

Auf biologischer Ebene kann Rückenschmerz zur Ausbildung einer Neuropathie und eines Schmerzgedächtnisses führen.

Bei der Neuropathie wird der Nerv selbst zur Quelle des Schmerzes. Einengungen (Kompression) von Nerven durch Knochen (zum Beispiel bei der Spinalkanalstenose) oder Bandscheibengewebe (zum Beispiel bei Bandscheibenvorwölbung oder -vorfall) führen zu anhaltenden Schmerzen. Die Nerven werden durch den ständigen Druck beschädigt. Dies führt zum massiven Aussenden von Schmerzsignalen. Die Signale werden vom Rückenmark über spezielle Schmerzbahnen an das Gehirn weitergeleitet. Wiederholt sich ein Schmerzreiz immer wieder, setzt ein Lernprozess ein. Unser Zentralnervensystem verknüpft den Ort Rücken mit der Empfindung Schmerz. Nun schmerzt der Rücken auch dann, wenn er unversehrt ist. Diesen "Schmerz ohne Auslöser" können Wissenschaftler über die Messung von Nervenströmen nachweisen. Er ist also nicht eingebildet, sondern ganz real. Mit Gehirnscans lässt sich zeigen, wie sich entsprechende Aktivitätsmuster im Gehirn verändern. Der Schmerz hat sich im Gehirn eine Gedächtnisspur gegraben.

Als psychosoziale Risikofaktoren für eine mögliche Chronifizierung (anhaltende Schmerzen länger als 3 bis 6 Monate) gelten:

  • Depressionen

  • Negativer Stress in Arbeit/Beruf (Distress)
  • Hilf- und Hoffnungslosigkeit (Katastrophisieren)

  • Ausgeprägte, falsche Schonhaltung

  • Bewegungsvermeidung aus Angst vor Schmerz (Angst-Vermeidungs-Verhalten)

  • Ausblenden seelischer Belastungen und ihre Umdeutung in körperliche Symptome (Somatisierung)

Auch berufliche Umstände können zur Schmerz-Chronifizierung beitragen. Dazu gehören schwere körperliche Arbeit, starre Körperhaltung, berufliche Unzufriedenheit, Mobbing oder der drohende Verlust des Arbeitsplatzes.

Auch Ärzte können Beschwerden ungewollt verlängern, etwa indem sie körperliche Befunde bei nichtspezifischem Schmerz überbewerten, zu früh und zu viele Röntgenuntersuchungen anordnen, keine aktive Bewegung empfehlen oder zu lange krank schreiben.

Schließlich stehen auch die "üblichen Verdächtigen" wie Rauchen, Übergewicht und eine schlechte körperliche Kondition im Verdacht, den Rückenschmerz chronisch werden zu lassen.

 

Textnachweis

  • Autor: almeda GmbH
  • Überarbeitung: Internetredaktion Barmer
  • Medizinische Qualitätssicherung durch: Dr. Med. Stephan Lorenz, Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin
  • Endredaktion und Qualitätssicherung Barmer: Claudia Tobis, Dr. Med. Utta Petzold

Literatur

  • PatientenLeitlinie zur Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz, (Abruf vom 09.09.2015)
  • Leitlinie Osteologie: Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei Erwachsenen, 2009
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 4. Auflage, 2008.
  • Stiftung Warentest. Das Rückenbuch. Berlin, 2010.
  • Barmer: Rücken aktiv - Bewegen statt schonen, 032015

 

Webcode dieser Seite: s000747 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 25.09.2012 Letzte Aktualisierung am: 10.04.2017
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