Ein nackter Rücken ist zu sehen.

Anatomie des Rückens – Wie stützt mich mein Rücken?

Vor fünf Millionen Jahren erfand die Evolution den aufrechten Gang. Das ermöglicht ausdauerndes Laufen und freie Hände. Doch die einzigartige Konstruktion hat auch Schwächen.

Die Wirbelsäule besteht aus Knochen, Gelenken, Muskeln, Bändern und Bandscheiben. Den Grundpfeiler bilden ihre knöchernen Elemente: 24 freie Wirbelkörper, fünf zum Kreuzbein zusammen gewachsene Wirbel sowie vier bis fünf zum Steißbein verschmolzene Wirbel. Die freien Wirbel sind wie auf einer Perlenkette zu einer beweglichen Achse aufgereiht. Die größten Perlen sitzen unten, die kleinsten oben. Als Zwischenglieder dienen die Bandscheiben. Sie gleichen gelgefüllten Kissen und puffern Stöße ab. Wer mit den Fingern auf seiner Wirbelsäule entlang geht, fühlt kleine Höcker, die Dornfortsätze. Sie bilden die Ansatzfläche für Muskeln und Bänder.

Unsere Wirbelsäule erfüllt zwei Aufgaben: Halt und Beweglichkeit. Kein leichtes Unterfangen, beides gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Die Wirbelsäule löst die Aufgabe, indem sie verschiedenen Abschnitten unterschiedliche Funktionen zuweist und knöcherne Teile mit verformbaren abwechselt.

Arbeitsteilung macht die Wirbelsäule stark

Die Wirbelsäule besteht neben dem starren Kreuz- und Steißbein aus drei flexiblen Abschnitten: Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule. Die Form und Anordnung der Wirbel unterscheidet sich in allen drei Wirbelsäulenabschnitten etwas, sodass jeder Teil seine Aufgabe optimal erfüllen kann.

Der oberste und erste Halswirbel (Atlas) ist per Gelenk mit dem Schädel verbunden. Die sich daran anschließenden grazilen Halswirbel ermöglichen dem Kopf größtmögliche Bewegungsfreiheit. Wer sein rechtes Ohr zur rechten Schulter und sein linkes Ohr zu linken Schulter neigt (ganz vorsichtig), spürt die Beweglichkeit unserer Halswirbelsäule. Und hört mitunter ein Knacken. Kein Grund zur Sorge. Es entsteht, wenn sich ein durch das Dehnen ausgelöster Unterdruck in der Gelenkflüssigkeit wieder abbaut. Die Drehung des Kopfes erfolgt hauptsächlich zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel, die wie ein Zapfengelenk zum Beispiel an einer Tür aufgebaut sind. Die Halswirbel sind kleiner als die Lendenwirbel, denn sie müssen nur den Kopf, nicht den ganzen Oberkörper tragen. Der Abschnitt auf Brusthöhe, die Brustwirbelsäule, ist aufgrund der Verbindung mit den Rippen, die den Brustkorb bilden, in der Beweglichkeit stark eingeschränkt. Am besten gelingt noch eine Drehung (Rotation). Oberhalb des Beckens, in der Lendenwirbelsäule, ist die Rotationsfähigkeit fast aufgehoben. Die Lendenwirbelsäule ist auf Beugung und Streckung spezialisiert. Die massiven Lendenwirbel tragen das Gewicht unseres gesamten Oberkörpers und sind deshalb erheblichen Belastungen und Kräften ausgesetzt.

Das Kreuz mit dem Kreuzbein

Unter der Lendenwirbelsäule befindet sich ein dreieckiger schaufelförmiger Knochen, das Kreuzbein (Os sacrum). Es verbindet die Wirbelsäule über ein straffes Gelenk (das sogenannte Iliosakralgelenk oder die Kreuzdarmbeinfuge) mit dem Becken. Das waagerechte Becken und der untere Teil der Wirbelsäule bilden ein Kreuz. Da an dieser Stelle beweglicher Rücken und starres Becken aufeinandertreffen, ist das Kreuz besonders anfällig für Beschwerden. Bei Fehl- oder Überlastung, aber vor allem bei zu wenig Bewegung, drohen Schmerzen.

Bestmögliche Beweglichkeit bei gleichzeitiger Stabilität und Mobilität gewährleistet das raffinierte Zusammenspiel von knöchernen Wirbeln und verformbaren Bandscheiben.

Unsere Wirbel ähneln einem Pferdehuf, an den sich ein Bogenkranz mit Sporen anschließt. Die Wirbel bestehen aus einem zum Bauchraum hin gelegenen massiven Wirbelkörper, an den sich zum Rücken hin ein Bogen anschließt, der das Rückenmark umfasst. Zwischen den Wirbelkörpern sitzen die Bandscheiben. Vom Wirbelbogen zweigen drei knöcherne Vorsprünge ab: zwei Querfortsätze zu den Seiten und ein Dornfortsatz nach hinten – eben den Höcker, den man mit den Fingern erspüren kann.

Neben Quer- und Dornfortsatz ragen noch vier weitere Fortsätze aus dem Wirbelbogen: die Gelenkfortsätze. Sie bilden mit den Gelenkfortsätzen der Nachbarwirbel das Wirbelgelenk. Es ist von einer Gelenkkapsel umgeben, die Flüssigkeit produziert und so das Gelenk geschmeidig hält. Aufgrund der Ausrichtung der Gelenkfortsätze funktioniert im Lendenbereich ein Beugen, im Brustbereich ein Drehen einfacher. Wer seine Lendenwirbelsäule etwa durch ungünstige Bewegungen oder Belastungen – zum Beispiel beim Anheben von schweren Gegenständen – häufig überlastet, schadet den Wirbelgelenken und riskiert Rückenprobleme.

Die Wirbelbögen der aufeinander gereihten Wirbel bilden den so genannten Spinalkanal. In ihm verläuft gut geschützt das Rückenmark. Es enthält die Nervenfasern aus dem Gehirn und ist somit - salopp ausgedrückt – dessen Verlängerung. Die Wirbelbögen besitzen oben und unten kleine Einbuchtungen. Übereinander gelegt entsteht so eine schmale Öffnung für die Nervenfasern, die aus dem Rückenmark aus- oder eintreten. Die Ein- und Austrittsstelle bezeichnet man als Spinalnervenwurzel. Sie ist besonders empfindlich. Kommt es beispielsweise aufgrund eines Bandscheibenvorfalls im Lendenbereich zu einer Einengung der Spinalnervenwurzel, kann dies zu Gefühlsstörungen in den Beinen führen. Dann sollte sofort ein Arzt/eine Ärztin aufgesucht werden.

Zwischen den Wirbelkörpern sitzen die Bandscheiben. Sie fangen Bewegungen ab, wie sie etwa beim Springen und Laufen entstehen. Ein Viertel der Wirbelsäule besteht aus diesen "Kissen".

Die circa sieben bis zwölf Millimeter hohen Bandscheiben bestehen bis zu 90 Prozent aus Wasser. Außen besitzen sie einen faserigen, derben Ring, der einen gallertartigen Kern umfasst. So kann wie auf einem Gelpolster Druck aufgefangen und gleichmäßig verteilt werden. Die Bandscheibe wird nicht über eigene Blutgefäße versorgt. Damit sie Nährstoffe aufnehmen und Abfallprodukte aus dem Stoffwechsel wieder abgeben kann, benötigt sie einen stetigen Wechsel von Be- und Entlastung. Liegt wenig Druck auf den Bandscheiben, saugt sich die Bandscheibe wie ein Schwamm mit Nährstoffen aus der Umgebung voll. Steigt der Druck, gibt der "Schwamm" Abfallprodukte ab.

Dauerhafte Unterbelastung (etwa durch Schonhaltung) oder dauerhafte Belastung (etwa langes Sitzen) schadet den Bandscheiben daher gleichermaßen. Welcher Druck tagtäglich auf ihnen lastet, zeigt ein Vergleich der Körpergröße am Morgen und Abend. Im Laufe des Tages verlieren die Bandscheiben an Wasser und lassen uns so um einige Millimeter schrumpfen. In der Nacht werden die Kissen wieder aufgepolstert, sodass wir am nächsten Morgen wieder unsere gewohnte Größe erreichen.

Unsere Wirbelsäule schwingt in drei Bögen. Von der Seite betrachtet wölben sich Hals- und Lendenwirbelsäule nach vorne, Brustwirbelsäule und Kreuzbein leicht nach hinten. Diese Schwingung ist eine gute Anpassung der Natur, denn die doppelte S-Form fängt Stauchungskräfte besser ab als eine ungekrümmte Form. Babys kommen übrigens ohne die Doppelschwingung auf die Welt. Sie bildet sich erst nach dem ersten Lebensjahr heraus, wenn aus Krabblern Läufer werden.

Jede Menge Unterstützung

Haltung und Beweglichkeit erlangt die Wirbelsäule mithilfe von Bändern und Muskeln. Bänder sind Stränge aus festem Bindegewebe. Sie ziehen über die gesamte Länge der Wirbelsäule und verbinden die einzelnen Wirbelkörper und Wirbelbögen. Sinken die Bandscheiben etwas zusammen, verringert sich automatisch die Haltespannung der Bänder. Die Folge: Wir laufen leicht vornüber gebeugt. Muskeln stabilisieren die Wirbelsäule und sorgen für unseren aufrechten Gang. Wichtig ist das Zusammenspiel der Rumpfmuskulatur, vor allem der Rücken- und Bauchmuskeln. Trainierte Muskeln entlasten Wirbel und Bandscheiben und beugen so Beschwerden vor.

Erfindung mit Kompromiss

Die menschliche Wirbelsäule ist weitaus anfälliger als die unserer äffischen Verwandten. Für unseren aufrechten Gang wurden die Wirbelkörper verbreitert und die Knochenstruktur aufgelockert, um so Stöße beim Gehen besser abzufedern. Aufgrund dieser Konstruktion führt eine altersbedingte verminderte Knochendichte beim Menschen leichter zu Knochenbrüchen. Diese Alterserscheinung des Knochens (Osteoporose) ist bei Affen unbekannt. Gute Ernährung und "tierisch" viel Bewegung können das Problem nicht gänzlich aufheben. Doch stetige Aktivität, die im Einklang mit der Anatomie des Rückens steht, sowie eine ausreichende Zufuhr von Kalzium und Vitamin D verbessern die Chance auf eine stabile Wirbelsäule bis ins hohe Alter.

 

Textnachweis

  • Autor: almeda GmbH
  • Überarbeitung: Internetredaktion Barmer
  • Medizinische Qualitätssicherung durch: Dr. Med. Stephan Lorenz, Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin
  • Endredaktion und Qualitätssicherung Barmer: Claudia Tobis, Dr. Med. Utta Petzold

Literatur

  • Tony Smith. Anatomie-Atlas: Aufbau und Funktionsweise des menschlichen Körpers. Dorling Kindersley, 2011.
  • Sobotta, Atlas der Anatomie des Menschen. Band 1, Auflage 23, 2010.
  • Dr. Med. Dominik Irnich. Den Rücken heilen. Der ganzheitliche Weg zur Selbstheilung. Irisiana Verlag, 2012.
  • Dr. Med. Christian Larsen, Bea Miescher. Stabiles Kreuz. Trias Verlag, 2009.

Weiterführende Informationen

  • Dr. Med. Michael Buhr und Kollegen. Der gesunde Rücken. Humboldt Verlag, 2008.
  • Uwe Rückert. Rückerts kleine Rückenschule. Humboldt Verlag, 2009.

 

Webcode dieser Seite: s000746 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 25.09.2012 Letzte Aktualisierung am: 10.04.2017
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