Übergewicht bei Kindern

Immer mehr Kinder bringen zu viele Pfunde auf die Waage. Meistens, weil sie mehr Energie (Kalorien) zu sich nehmen, als ihr Körper verbraucht. Viel Bewegung und ausgewogene Mischkost lassen die Kilos purzeln und verhindern Folgeerkrankungen des Übergewichts.

Übergewicht bei Kindern nimmt seit den 1980er Jahren zu. Zur sicheren Beurteilung, ob ein Kind tatsächlich übergewichtig oder nur ein bisschen "pummelig" ist, empfiehlt sich der Body-Mass-Index (BMI), auch Körpermasseindex genannt. Er gibt das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße an. Dazu wird das Gewicht (in Kilogramm) durch das Quadrat der Körpergröße (in Meter) geteilt. Das Resultat zeigt nach Abgleich mit einer Referenztabelle, ob jemand unter-, normal-, übergewichtig oder sogar fettleibig (adipös) ist. Für Kinder und Erwachsene gibt es separate Tabellen, jeweils nach Geschlecht getrennt.

Da es im Laufe der Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen zu unterschiedlichen Veränderungen der Körpermasse kommt, wurden zusätzlich sogenannte Perzentilkurven (Perzentile = Hundertstelwerte) für den BMI festgelegt. Diese finden sich auch im hinteren Teil der meisten gelben Kinder-Untersuchungshefte. BMI und Perzentile inklusive Interpretation der Ergebnisse lassen sich über den Online-Rechner der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) berechnen. Zur Beurteilung des Gewichts von Kindern und Jugendlichen sind folgende Grenzwerte festgelegt:

  • Übergewicht: BMI-Perzentile > 90 bis 97
  • Fettleibigkeit (Adipositas): BMI-Perzentile > 97 bis 99,5
  • extreme Adipositas: BMI-Perzentile > 99,5

In Deutschland sind etwa 15 von 100 Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig, mehr als sechs davon sind sogar fettleibig. Die meisten Übergewichtigen findet man in der Gruppe der 14- bis 17-Jährigen.

Die Hauptursachen für Übergewicht bei Kindern sind im Grunde die gleichen wie bei Erwachsenen – falsche Ernährung und Bewegungsmangel. Daneben können auch genetische Faktoren eine Rolle spielen.

Falsche Ernährung und ständiges Snacken:

Fertigprodukte wie Tiefkühlpizza, Pommes, gesüßte Frühstücksflocken, Softdrinks, süße Tees, Knabberartikel, Süßigkeiten, Fleisch, Wurst – die Leibgerichte vieler Heranwachsender enthalten viel Fett und Zucker. Auf Dauer wachsen dadurch die Fettpolster.

Ebenfalls zum Essen animiert die Lebensmittelwerbung in Zeitschriften, Fernsehen, Radio oder Social Media Netzwerken wie Facebook. Beim Anblick von bunten Bonbons und knusprigem Schokomüsli erwacht schnell der Appetit von Kindern.

Nicht zuletzt lassen sich Minderjährige in ihrem Essverhalten von den Eltern beeinflussen. Wenn diese jeden Abend mit der Chipstüte vor dem Fernseher sitzen, wird der Nachwuchs es ihnen bald nachmachen.

Bewegungsmangel:

Statt im Garten und auf dem Spielplatz verbringen immer mehr Kinder und Jugendliche ihre Freizeit vor Fernseher und Computer. Häufig ausfallender Schulsport trägt ebenfalls dazu bei, dass Heranwachsende mehr sitzen statt sich zu bewegen.

Gene:

Bisher konnte kein einzelnes "Übergewichts-Gen" gefunden werden, möglicherweise gibt es eine Vielzahl an Erbanlagen, die Übergewicht unter bestimmten Bedingungen leichter entstehen lassen.

Die entsprechende Veranlagung kommt aber erst dann zum Tragen, wenn Bewegungsmangel und falsche Ernährung dazukommen.

Übergewicht und Fettleibigkeit kann den Betroffenen in vielerlei Hinsicht Probleme bereiten:

  • Übergewichtige und fettleibige Kinder ermüden schneller und sind weniger belastbar, etwa beim Sport.
  • Im Schlaf kann es bei fettleibigen Kindern zu Atemaussetzern (Schlafapnoe) kommen, die mehrere Sekunden andauern und den Sauerstoffgehalt im Blut kurzzeitig absenken. Das Kind merkt nichts davon, hat aber tagsüber oft mit den Folgen zu kämpfen – Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme und Reizbarkeit. 
  • Das überschüssige Gewicht lastet schwer auf dem sich noch entwickelndem Skelettsystem, auf der Wirbelsäule und den Gelenken. Das kann Kreuzschmerzen, Knie- und Fußbeschwerden verursachen und auf Dauer zu verfrühten Verschleißerscheinungen führen.
  • Übergewicht und Fettleibigkeit können bei Mädchen zu Entwicklungsstörungen führen. Sie kommen früher in die Pubertät, leiden oft unter verstärkter Behaarung und Zyklusstörungen. Schuld daran sind vermutlich Hormone, die vom Fettgewebe produziert werden.
  • Fettleibige Kinder schwitzen meist sehr stark.
  • Übergewicht belastet die Betroffenen auch seelisch. Minderwertigkeitskomplexe sind keine Seltenheit. Noch belastender wird es für die Kinder, wenn sie aufgrund ihrer Körperfülle ausgegrenzt oder verspottet werden.    

Um Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen zu behandeln, empfehlen Mediziner die Teilnahme an einem entsprechenden Therapieprogramm unter der Anleitung von Experten (Beispiele siehe "Weiterführende Informationen"). Die Angebote unterscheiden oftmals zwischen übergewichtigen und adipösen Kindern und Jugendlichen – bitte erkundigen Sie sich. Ein gutes Programm berücksichtigt nicht nur einzelne Aspekte wie Ernährung oder Bewegung. Mehr Erfolg bringen Therapien, die das Problem aus verschiedenen Richtungen, also multidisziplinär, angehen. Zu den Therapiebausteinen zählen:

Ernährungstherapie:

Am sinnvollsten ist die Optimierte Mischkost, entwickelt vom Forschungsinstitut für Kinderernährung. Im Wesentlichen umfasst sie drei Empfehlungen für die Lebensmittelauswahl:

  • viele pflanzliche Lebensmittel (Gemüse, Obst, Kartoffeln und Getreide) sowie Getränke (möglichst energiefrei wie Wasser, ungesüßter Tee oder Saftschorlen mit 2 Teilen Wasser und 1 Teil Saft)
  • mäßig tierische Lebensmittel (bevorzugt fettarme Varianten)
  • sparsam fett- und zuckerreiche Lebensmittel, Süßwaren

Diese Ernährung soll helfen, abzunehmen oder das aktuelle Gewicht zu halten (Übergewicht wächst sich dann aus). Dabei gilt: Bei Zwei- bis Sechsjährigen empfiehlt sich bei Übergewicht und bei Adipositas ohne Begleiterkrankungen, das Gewicht zu halten. Bei Adipositas mit Begleiterkrankungen wird Abnehmen empfohlen. Bei über Sechsjährigen ist bei Übergewicht ohne Begleiterkrankungen eine Gewichtsstabilisierung angeraten und bei Übergewicht mit Begleiterkrankungen sowie bei Adipositas Abnehmen.

Zur Ernährungstherapie gehört es auch, dass sich die Kinder unter Anleitung von Experten ein gesundes Essverhalten aneignen. Sie sollen sich also zum Beispiel abgewöhnen, nach Lust und Laune etwas zu essen oder die Mahlzeiten vor dem Fernseher einzunehmen. Bei der Ernährungsumstellung sollte die Familie mit einbezogen werden. Das beste Therapieprogramm nützt nichts, wenn die Kinder zuhause wieder das falsche Ernährungsverhalten vorgelebt bekommen.

Bewegungstherapie:

Körperliche Aktivität steigert den Energieverbrauch und hilft so, überschüssiges Gewicht los zu werden. Das sollte nicht nur auf dem Sportplatz, sondern bereits im Alltag umgesetzt wer-den: Weniger Zeit vor Fernseher und Computer sind ein guter Anfang. Fahrrad statt Bus, Treppe statt Lift sind weitere kleine, aber wichtige Schritte hin zu mehr Bewegung – optimalerweise leben die Eltern dieses Verhalten vor. Durch regelmäßige Aktivitäten verbessert sich die Kondition übergewichtiger Kinder so weit, dass sie auch beim Sport mithalten können. Das Trainingsprogramm sollte dabei an den Gesundheitszustand des Kindes und seine Vorlieben angepasst sein. Manche Sprösslinge bevorzugen Ballsportarten, andere schwimmen lieber oder turnen gerne zu flotter Musik. Nur wer Spaß an einer Sportart hat, wird auf Dauer dabei bleiben. Noch besser klappt dies meist in einer Gruppe von Kindern, die ein ähnliches Problem haben.

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen:

Sie sollen den Kindern helfen, das veränderte Ernährungs- und Bewegungsverhalten konsequent umzusetzen und beizubehalten. So kann es zum Beispiel ein Lob oder eine kleine Belohnung geben, wenn das Kind mit dem Fahrrad zur Schule fährt. Neben den Therapeuten sind hier auch die Eltern gefragt: Sie können ihrem Kind viel Unterstützung geben und dabei auch sein Selbstbewusstsein stärken.

Übergewicht und vor allem Adipositas können schwerwiegende Folgen haben. Deshalb sollten bereits übergewichtige Kinder (ab 90. Perzentile) regelmäßig untersucht werden. Fettleibige Kinder (ab 97. Perzentile) können ähnliche Gesundheitsprobleme und Krankheiten entwickeln, die normalerweise erst im Erwachsenenalter bei ungesunder Lebensführung auftreten.

Typ-2-Diabetes:

Etwa 1 von 100 übergewichtigen Minderjährigen ab der Pubertät hat schon Typ-2-Diabetes. Daher sollten bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen Faktoren wie Nüchternblutzucker, Blutdruck und Lipide bestimmt werden, um Folgeerkrankungen frühzeitig erkennen und behandeln zu können. Typ-2-Diabetes wurde früher auch Altersdiabetes genannt, weil er typischerweise bei älteren, vor allem übergewichtigen Erwachsenen auftrat. Inzwischen gibt es aber auch immer mehr Minderjährige mit Typ-2-Diabetes. Neben einer genetischen Veranlagung tragen auch Übergewicht und Bewegungsmangel dazu bei: Die Körperzellen werden zunehmend "taub" für das Signal des Hormons Insulin, Blutzucker aufzunehmen. Der Zuckerspiegel im Blut bleibt erhöht, was auf Dauer die Gefäße schädigt und Arterienverkalkung (Arteriosklerose) verursacht. Die möglichen Folgen im Erwachsenenalter können zum Beispiel Herzinfarkt und Schlaganfall sein.

Bluthochdruck:

Rund ein Drittel aller übergewichtigen Kinder und Jugendliche hat Bluthochdruck und da-mit ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Außerdem schädigt hoher Blutdruck auf Dauer die Nieren und Augen.

Fettstoffwechselstörungen:

Bei Übergewicht und Fettleibigkeit verändert sich die Zusammensetzung der Blutfette: Der Spiegel des "bösen" LDL-Cholesterins steigt an, der des "guten"“ HDL-Cholesterin sinkt. Das erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem kann der Überschuss an Cholesterin im Blut zur Bildung von Gallensteinen führen.
Ungefähr ein Viertel aller übergewichtigen Kinder und Jugendlichen weist eine Fettstoffwechselstörung auf.

Metabolisches Syndrom:

Treten Übergewicht (besonders Adipositas), Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörung gemeinsam auf, sprechen Mediziner beim Erwachsenen vom Metabolischen Syndrom oder "Tödlichen Quartett". Denn die Kombination aus diesen vier Krankheitsbildern steigert deutlich das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Das Metabolische Syndrom wird inzwischen nicht mehr nur bei Erwachsenen, sondern schon bei adipösen Minderjährigen beobachtet.

Fettleber:

7 bis 10 von 100 übergewichtigen Kindern und Jugendlichen haben eine Fettleber: Die überschüssige Energie lagert sich in Form von Fett zum Teil in der Leber ab. Die Organverfettung ebnet den Weg für Entzündungen und andere Lebererkrankungen.

Orthopädische Schäden:

Bei Übergewicht und Fettleibigkeit werden Gelenke und Knochen stark belastet. Mit der Zeit entstehen dadurch zum Beispiel Spreiz- oder Senkfüße sowie O- oder X-Beine. Auch Veränderungen im Hüftgelenk sind möglich.

Textnachweis 

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Cornelia Czap, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Allergologie

Literatur

Weiterführende Informationen

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Webcode dieser Seite: s000570 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 12.08.2015 Letzte Aktualisierung am: 29.10.2018
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