Schwangerschaftsdiabetes

Schwangerschaftsdiabetes ist eine Form des Diabetes mellitus, die nur in der Schwangerschaft auftritt. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte gefährden die Gesundheit von Mutter und Kind. Deshalb ist es wichtig, Schwangerschaftsdiabetes rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Unter dem Einfluss der Schwangerschaftshormone benötigt der Körper einer werdenden Mutter größere Mengen des Zuckerstoffwechselhormons Insulin. Bei manchen Schwangeren kommt die Bauchspeicheldrüse mit der Hormonproduktion nicht nach. Der Blutzuckerspiegel steigt, Schwangerschaftsdiabetes entsteht. Ein anderer Name für diese Stoffwechselstörung ist Gestationsdiabetes (Gestatio = Schwangerschaft).

Ein hoher Blutzuckerspiegel verursacht in der Regel zunächst keine Beschwerden. Ohne gezielte Früherkennungsuntersuchung bleibt der Schwangerschaftsdiabetes deshalb oft unbemerkt. Unbehandelt gefährdet die Stoffwechselstörung jedoch die Gesundheit von Mutter und Kind.

Schwangerschaftsdiabetes tritt meistens in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft auf und verschwindet nach der Geburt fast immer vollständig. Die Stoffwechselstörung betrifft häufiger werdende Mütter über 30 Jahren. Übergewichtige Schwangere und Frauen mit erblicher Veranlagung für Diabetes haben ebenfalls ein höheres Risiko. Schwangerschaftsdiabetes kann aber auch bei gesunden schlanken Frauen ohne diese Risikofaktoren auftreten.

Zu hohe Blutzuckerspiegel gehören zu den häufigsten Schwangerschaftskomplikationen. Bei rund 4 von 100 Müttern von im Jahr 2010 geborenen Kindern lag ein Schwangerschaftsdiabetes vor.

Unter dem Einfluss der Schwangerschaftshormone und verschiedener Botenstoffe verändert sich der Stoffwechsel einer werdenden Mutter: In der zweiten Schwangerschaftshälfte wird der Körper unempfindlicher gegenüber dem Zuckerstoffwechselhormon Insulin. Mediziner bezeichnen das als "physiologische Insulinresistenz". Normalerweise gleicht der Körper diese relative Unempfindlichkeit aus, indem er mehr Insulin produziert. Schafft es die Bauchspeicheldrüse der Schwangeren jedoch nicht, ausreichend Insulin auszuschütten, steigt der Blutzuckerspiegel. Ein Schwangerschaftsdiabetes entsteht.

Warum manche Frauen einen Schwangerschaftsdiabetes entwickeln und andere nicht, ist nicht vollständig geklärt. Forscher vermuten, dass die betroffenen Frauen grundsätzlich etwas schlechter auf Insulin ansprechen als andere Frauen. Durch die Stoffwechselumstellung während der Schwangerschaft macht sich diese Unempfindlichkeit bemerkbar.

Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes haben häufig Blutsverwandte mit Diabetes mellitus. Eine erbliche Veranlagung ist deshalb wahrscheinlich. Auch Übergewicht, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel scheinen die Stoffwechselstörung zu begünstigen.

Der überschüssige Zucker im Blut verursacht in der Regel zunächst keine Beschwerden und wird somit von der Frau nicht bemerkt. Sehr hohe Blutzuckerwerte können zu einem vermehrten Durstgefühl und gesteigerter Urinausscheidung führen. Um direkte Auswirkungen der Stoffwechselstörung auf die Gesundheit von Mutter und Kind zu vermeiden, muss der Schwangerschaftsdiabetes behandelt werden.

Direkte Auswirkungen auf die Schwangere

Schwangerschaftsdiabetes begünstigt schwangerschaftsbedingten Bluthochdruck und eine Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie). Zudem haben Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes ein höheres Infektionsrisiko. Sie leiden häufiger unter Harnwegsinfekten, Pilzerkrankungen oder Zahnfleischentzündungen. Infektionen erhöhen das Risiko für eine Frühgeburt, insbesondere die unbehandelten Scheideninfektionen. Bei diabeteskranken Frauen muss die Geburt außerdem häufiger eingeleitet werden, da bei Terminüberschreitung eine zunehmende Verschlechterung der Plazentafunktion befürchtet werden muss. Babys von unzureichend behandelten Diabetikerinnen sind oft überdurchschnittlich groß und müssen öfter per Kaiserschnitt geholt werden. Einige wissenschaftliche Studien weisen zudem darauf hin, dass auch Geburtskomplikationen, zum Beispiel ein Dammriss und schwere Blutungen, bei Schwangerschaftsdiabetes gehäuft auftreten. Durch die relative Dicke des kindlichen Bauchs und Schultergürtels im Verhältnis zu seinem Kopf ist das Risiko für eine sogenannte Schulterdystokie erhöht. Das bedeutet, dass sich die kindliche Schulter unter der Geburt im Beckeneingang verkeilt und extra gelöst werden muss. Dies kann schwerwiegende Verletzungen des Kindes zur Folge haben und birgt auch für die Mutter ein höheres Verletzungsrisiko.

Direkte Auswirkungen auf das Kind

Im Mutterleib herrscht ein Überangebot an Zucker. Das Ungeborene muss deshalb mehr Insulin bilden. Gleichzeitig wird es größer und setzt mehr Fett an als das  Baby einer Nicht-Diabetikerin. Zudem erfolgt bei Babys von Diabetikerinnen die Lungenreifung oft verzögert. Nach der Geburt ändern sich die Stoffwechselbedingungen des Kindes abrupt. Schwere Unterzuckerungen und Atemprobleme sind mögliche Folgen für das Neugeborene. 

Schwangerschaftsdiabetes lässt sich mit einem einfachen Zuckertest (Glukosebelastungstest oder Glukosetoleranztest) feststellen. Dafür muss die Schwangere eine Zuckerlösung trinken. Anschließend misst der Arzt, wie ihr Körper darauf reagiert. Der Zuckertest ist für Mutter und Kind risikolos.

Den Zuckertest können werdende Mütter zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche in Anspruch nehmen. Er beinhaltet eine zweistufige Untersuchung: Zunächst erfolgt ein Vortest, bei dem die Schwangere ein Glas Wasser mit 50 Gramm gelöstem Zucker trinkt. Nach einer Stunde entnimmt der Arzt eine Blutprobe aus der Armvene und bestimmt den Blutzuckerspiegel. Für diese Untersuchung ist es unwichtig, ob man nüchtern ist oder etwas gegessen hat. Blutzuckerwerte bis 7,5 Millimol pro Liter (das entspricht 135 Milligramm pro Deziliter = mg/dl) gelten als unauffällig. Ein Schwangerschaftsdiabetes ist damit ausgeschlossen. Weitere Untersuchungen sind nicht notwendig.

Ein Blutzuckerwert von 7,5 Millimol pro Liter (= mmol/l) und mehr bedeutet nicht automatisch, dass die Schwangere zuckerkrank ist. Für eine sichere Diagnose ist ein zweiter, aufwändigerer Zuckerbelastungstest notwendig. Dafür muss die Schwangere morgens nüchtern in die Praxis kommen. "Nüchtern" bedeutet, mindestens acht Stunden vor dem Test nichts zu essen oder zu trinken (außer Wasser). Der Test beginnt mit einer Blutentnahme aus der Armvene. Anschließend bekommt die Schwangere eine standardisierte Zuckerlösung zu trinken. Nach einer und nach zwei Stunden nimmt der Arzt erneut Blutproben.

Ein Schwangerschaftsdiabetes besteht, wenn der Blutzuckerwert:

  • nüchtern bei 5,1 mmol/l (92 mg/dl) oder höher liegt,
  • eine Stunde nach dem Belastungstest wenigstens 10,0 mmol/l (180 mg/dl) erreicht,
  • oder nach zwei Stunden bei mindestens 8,5 mmol/l (153 mg/dl) liegt.
Frauen mit der Diagnose Schwangerschaftsdiabetes sollten sich in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis beraten lassen. In den meisten Fällen normalisieren sich die Blutzuckerwerte durch eine Ernährungsumstellung und viel Bewegung. Einige werdende Mütter müssen jedoch bis zur Entbindung Insulin spritzen. Eine Behandlung mit Tabletten ist während der Schwangerschaft nicht möglich.

Ein Schwangerschaftsdiabetes bildet sich nach der Geburt meist vollständig zurück. Dennoch haben die betroffenen Frauen ein erhöhtes Risiko, im späteren Leben Diabetes mellitus zu entwickeln. Dies gilt vor allem für Frauen mit massivem Übergewicht (Body-Mass-Index, BMI > 30 kg/m2), Frauen, deren Schwangerschaftsdiabetes vor der 24. Schwangerschaftswoche aufgetreten ist, und Schwangere, die Insulin spritzen mussten. Deshalb ist eine Wiederholung eines Zuckertoleranztestes nach Abschluss des Wochenbetts und alle zwei bis drei Jahre auch außerhalb von Schwangerschaften zu empfehlen.

Risiko für weitere Schwangerschaften

Ein Schwangerschaftsdiabetes kann erneut auftreten. Experten schätzen, dass 35 bis 50 von 100 Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes in weiteren Schwangerschaften erneut erkranken. Je früher der Schwangerschaftsdiabetes auftritt und je schwerer die Stoffwechselstörung ausgeprägt ist, desto wahrscheinlicher ist eine Wiederholung. Auch Übergewicht, schnelle Gewichtszunahme und rasch aufeinanderfolgende Schwangerschaften erhöhen das Risiko.

Langzeitfolgen für das Kind

Kinder von Diabetikerinnen werden öfter in den ersten beiden Lebensjahrzehnten übergewichtig oder fettsüchtig. Das gilt vor allem dann, wenn auch die Eltern zu viele Kilos auf die Waage bringen. Sie bekommen später selbst öfter Stoffwechselstörungen, Diabetes oder auch Bluthochdruck. Stillen, die richtige Kinderernährung und Bewegungs-Frühförderung senken das Risiko des Kindes für späteres Übergewicht.

Ob sich die beschriebenen Langzeitfolgen auch bei Kindern einstellen, deren diabeteskranke Mütter nicht übergewichtig sind, ist bislang nicht erforscht.

Schwangerschaftsdiabetes betrifft häufiger ältere Schwangere. Man nimmt an, dass das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes zwischen dem 25. und dem 35. Lebensjahr steigt.

Textnachweis

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Antje Rohde, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe

Literatur

Weiterführende Informationen

  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Merkblatt: Test auf Schwangerschaftsdiabetes.  
  • Informationsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.familienplanung.de, Thema Schwangerschaftsdiabetes
  • Rundum: Schwangerschaft und Geburt. Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), 2006
  • Kainer, F., Nolden A.: Das große Buch zur Schwangerschaft. Umfassender Rat für jede Woche. Gräfe und Unzer Verlag, München, 3. Auflage 2009
  • Stiftung Warentest mit Khaschei, K.: Schwanger. Mein Kind und ich. Berlin, 2011
  • Jahn-Zöhrens, U.: Entspannt erleben: Schwangerschaft & Geburt. Herausgegeben von deutscher Hebammenverband e.V., Trias Verlag in MVS Medizinverlage, Stuttgart, 2011 

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Webcode dieser Seite: s000192 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 15.09.2015 Letzte Aktualisierung am: 08.12.2016
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