Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)

Bei einer Schilddrüsenunterfunktion produziert die Schilddrüse zu wenige oder gar keine Schilddrüsenhormone, es kommt zu Stoffwechselstörungen. Mit der richtigen Behandlung können Betroffene aber ein ganz normales Leben führen.

Bei einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) produziert die Schilddrüse zu wenige oder gar keine Schilddrüsenhormone. In der Folge verlangsamt sich der gesamte Stoffwechsel, und die Leistungsfähigkeit der betroffenen Person sinkt.

Hypothyreosen können angeboren sein oder erst im Laufe des Lebens entstehen. Etwa eines von 3.000 bis 4.000 Neugeborenen kommt mit einer Schilddrüsenunterfunktion auf die Welt. Unter den Erwachsenen leiden etwa zwei von 100 Frauen an einer Hypothyreose. Männer sind seltener betroffen.

Es gibt verschiedene Ursachen für eine Schilddrüsenunterfunktion. Zunächst unterscheidet man eine primäre und eine sekundäre Hypothyreose. Bei der primären Form ist die Schilddrüse selbst erkrankt und produziert deswegen zu wenige Hormone. Bei der sekundären Form ist das Schilddrüsengewebe zwar intakt. Der Regelkreis aber, der die Hormonproduktion der Schilddrüse kontrolliert, ist gestört.

Erworbene Hypothyreose

Primär: Bei Erwachsenen ist eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse die häufigste Ursache für eine Unterfunktion. Dabei zerstört das Immunsystem die körpereigenen Schilddrüsenzellen. Noch ist nicht restlos geklärt, was der Auslöser dafür ist. Neben vererbten Faktoren stehen auch äußere Einflüsse wie Stress oder Umweltgifte in Verdacht, die Antikörperbildung anzuregen. Die Folge ist eine Entzündung der Schilddrüse (Thyreoiditis), die in diesem Fall chronisch ist. Die meisten Patienten mit einer durch eine Autoimmunreaktion ausgelösten Schilddrüsenunterfunktion leiden an der sogenannten Hashimoto-Thyreoiditis. Der Name geht zurück auf den japanischen Arzt Hakaru Hashimoto, der die Krankheit 1912 als erster beschrieb.

Seltenere Ursache für eine erworbene primäre Unterfunktion ist zum Beispiel eine Schilddrüsenoperation, bei der Teile des Schilddrüsengewebes oder das ganze Organ entnommen wurden. Auch die Behandlung mit Radiojod bei einer Schilddrüsenüberfunktion sowie Medikamente (zum Beispiel Thyreostatika, Lithium, Sunitinib) kommen als Auslöser infrage.

Sekundär: Die Gehirnareale Hypothalamus und Hypophyse regulieren über spezielle Hormone die Hormonproduktion der Schilddrüse. In sehr seltenen Fällen schüttet zum Beispiel die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) zu wenig des Schilddrüsen-Steuerungshormons TSH aus. Das bewirkt, dass die Schilddrüse keine Stimulation für die Hormonproduktion bekommt.

Angeborene Hypothyreose

Bereits Neugeborene können schon an einer Unterfunktion der Schilddrüse leiden. Auch hier gibt es verschiedene Ursachen. In 80 von 100 Fällen ist eine Fehlentwicklung der Schilddrüse der Auslöser für die angeborene Hypothyreose. Aber auch eine Schilddrüsenunterfunktion der Schwangeren oder Fehler in der Hormonbildung können zu einer Unterfunktion führen.

Bei Erwachsenen entwickelt sich die Hypothyreose oft sehr langsam, und die Betroffenen haben kaum Probleme. Erst wenn die Unterfunktion stärker ausgeprägt ist, machen sich die unten genannten Symptome bemerkbar.

Da die Schilddrüse den gesamten Stoffwechsel steuert, sind die typischen Anzeichen für eine Unterfunktion der Schilddrüse sehr vielfältig. Häufig klagen die Betroffenen über

  • Kälteempfindlichkeit und ständiges Frieren
  • Starke Müdigkeit
  • Großes Schlafbedürfnis
  • Gewichtszunahme trotz normalen Appetits
  • Verstopfung
  • Trockene, schuppende, blasse Haut
  • Antriebsarmut
  • Libidoverlust
  • Zyklusstörungen
  • Brüchige Haare und Nägel
  • Mangelnde Konzentrationsfähigkeit

Beim Sprechen fällt oft eine langsame, verwaschene und raue Sprache auf. Auch die Bewegungen sind langsamer als bei Gesunden. Zudem sind geschwollene Lider und Hände typisch. Manchmal kommt es zu einer depressiven Verstimmung. Vor allem bei älteren Personen wird eine Schilddrüsenunterfunktion oft als Depression fehlinterpretiert.

Die genaue Erhebung der Krankengeschichte sowie eine körperliche Untersuchung sind die Grundlage, wenn der Verdacht auf eine Schilddrüsenunterfunktion besteht. Die weitere Abklärung erfolgt mithilfe einer Blutanalyse und bildgebenden Verfahren.

TSH-Wert

Wichtigster Anhaltspunkt, um eine Hypothyreose auszuschließen, ist die Bestimmung des sogenannten TSH-Werts. TSH steht für Thyreoidea-stimulierendes Hormon (Thyreoides = lateinisch für Schilddrüse). Es wird von der Hirnanhangdrüse freigesetzt und zeigt an, ob die Schilddrüse ausreichend Hormone produziert. Das TSH stimuliert die Schilddrüse, die Schilddrüsenhormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) herzustellen. Je weniger Schilddrüsenhormone im Blut zirkulieren, desto mehr TSH wird gebildet – die Hormonproduktion steigt. Steigt der Hormonspiegel, lässt die Freisetzung von TSH nach – die Hormonproduktion nimmt ab. Das nennt man den Schilddrüsenregelkreis.

Der normale TSH-Wert liegt zwischen etwa 0,4 und 2,5 mU/l. Ist der TSH-Wert höher, ist das ein erster Hinweis auf eine Unterfunktion, denn dann bildet die Schilddrüse zu wenige Hormone. Zudem bestimmt der Arzt, welche Menge der Schilddrüsenhormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) frei im Blut zirkuliert (fT4 und fT3). Ist der TSH-Wert erhöht, der Anteil der freien Schilddrüsenhormonmengen aber noch im normalen Bereich, spricht man von einer präklinischen oder latenten Hypothyreose. Ist der TSH-Wert erhöht und der Wert der freien Schilddrüsenhormone zu niedrig, handelt es sich um eine sogenannte manifeste Hypothyreose.

Antikörper

Um zu klären, ob eine durch eine Autoimmunerkrankung ausgelöste Schilddrüsenentzündung Ursache für die Unterfunktion ist, wird eine Antikörper-Analyse durchgeführt. Zu diesen Antikörpern zählt zum einen der  Thyreoperoxidase-Antikörper (TPO-AK) und der Thyreoglobulin-Antikörper (Tg-AK). Tauchen diese Antikörper bei der Blutuntersuchung auf, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse vor.

Sonografie

Mithilfe einer Ultraschalluntersuchung (Sonografie) lassen sich Größe, Beschaffenheit und Volumen der Schilddrüse bestimmen. Bei Frauen beträgt das normale Volumen 15 bis 20 Milliliter, bei Männern 20 bis 25 Milliliter. Auch Gewebeveränderungen wie Zysten oder Knoten können mittels Ultraschall näher untersucht werden.

Szintigrafie

Sind Knoten vorhanden, folgt auf die Sonografie eine sogenannte Szintigrafie. Dabei bekommt der Patient radioaktiv markiertes Jod ins Blut gespritzt, das sich in der Schilddrüse anreichert. Eine spezielle Kamera misst die radioaktive Strahlung von außen. Das daraus errechnete Bild gibt Auskunft über die Schilddrüsenfunktion. Die Strahlenbelastung ist dabei für den Patienten sehr gering. Produziert der Knoten unabhängig von der Kontrolle des Schilddrüsenregelkreises eigenständig Hormone, nehmen diese Gewebebereiche das Jod verstärkt auf ("heiße Knoten"). Im Gegensatz dazu spricht man bei funktionsarmen Zellbereichen von "kalten Knoten".

Menschen mit einer Schilddrüsenunterfunktion müssen in der Regel lebenslang künstlich hergestellte Schilddrüsenhormone einnehmen. In der Regel verschreibt der Arzt/die Ärztin L-Thyroxin. Normalerweise fängt man mit einer geringen Dosierung an und steigert diese langsam. Bis die genaue Dosierung der richtigen Hormonmenge gefunden ist, kann einige Zeit vergehen. Regelmäßige Kontrollen des TSH-Wert sind daher wichtig, um den Erfolg der Hormongabe zu überprüfen. Da der Körper das Hormon mit einem sauren pH-Wert des Magens am besten aufnehmen kann, sollten Patienten die erforderliche Tagesdosis morgens mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück einnehmen.

Bei schweren Verlaufsformen der Hypothyreose kann es zu einem sogenannten Myxödem kommen. Hier erscheint die Haut teigig geschwollen, kühl, trocken und rau, vor allem an den Extremitäten und im Gesicht. Bei unerkannter oder nicht ausreichend behandelter Schilddrüsenunterfunktion tritt sehr selten ein hypothyreotes Koma auf. Das ist ein lebensgefährlicher Zustand, in dem der Betroffene künstlich beatmet werden muss.

Bleibt die Schilddrüsenunterfunktion lange Jahre unbehandelt, kann es zu einem erhöhten Cholesterinspiegel, Arteriosklerose und Unfruchtbarkeit kommen. Betroffene, die bezüglich ihrer Hormondosis richtig eingestellt sind, können ein ganz normales Leben führen. Weder ihre Lebenserwartung noch ihre Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt. Auch eine Schwangerschaft ist möglich.

Die angeborene Schilddrüsenunterfunktion kommt bei Mädchen doppelt so häufig vor wie bei Jungen. Auch im Erwachsenenalter haben Frauen ein höheres Erkrankungsrisiko. So leiden mindestens zwei Prozent aller Frauen, jedoch nur 0,1 bis zwei Prozent der Männer an Hypothyreose. Der Grund für diese Geschlechtsunterschiede ist bislang nicht bekannt.
Eine angeborene, unerkannte Hypothyreose kann bei dem betroffenen Kind zu Entwicklungsstörungen und Kleinwuchs führen. Erkennt der Arzt/die Ärztin eine angeborene Schilddrüsenunterfunktion direkt nach der Geburt und behandelt diese, entwickeln sich die Kinder normal. Bei einer Schwangerschaft ist die Überwachung des TSH-Werts sehr wichtig, um eine Schilddrüsenunterfunktion des Kindes zu vermeiden.

Textnachweis

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung durch: Dr. med. Marion Paskuda, Praktische Ärztin

Literatur

  • Bundesverband Deutscher Internisten e.V.: www.internisten-im-netz.de (Abruf vom 11.05.2015)
  • Siegenthaler W. & Blum H.E.: Klinische Pathophysiologie. Thieme Verlag. 2013
  • Delorme S et al. Duale Reihe Sonografie. Thieme Verlag. 2012
  • Deutsch J. & Schnekenburger, F.G.: Pädiatrie und Kinderchirurgie. Thieme Verlag. 2009
  • Classen M. et al. Innere Medizin. Elsevier 2009
  • Herold G. et al. Innere Medizin. Selbstverlag 2012
  • Baenkler H.-W. et al.: Innere Medizin. Thieme Verlag. 2. Auflage 2009

Weiterführende Informationen

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Webcode dieser Seite: s000564 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 11.05.2015 Letzte Aktualisierung am: 08.12.2016
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