Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)

Bei einer Schilddrüsenüberfunktion produziert die Schilddrüse mehr Hormone als der Organismus braucht. Das kann zu Gewichtsverlust, Herzrasen, Unruhe und Wärmeempfindlichkeit führen.

Bei einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) produziert die Schilddrüse mehr Schilddrüsenhormone (Thyroxin, Trijodthyronin) als der Körper benötigt. Der Hormonüberschuss führt zu einer krankhaften Steigerung von verschiedenen Stoffwechselprozessen im Körper. Die Folge sind Symptome wie Herzrasen, innere Unruhe, Schlafstörungen und vermehrter Stuhlgang bis hin zu Durchfall.

Für eine Überfunktion der Schilddrüse gibt es verschiedene Ursachen. In den meisten Fällen steckt eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (Immunhyperthyreose; besonders Morbus Basedow) oder eine sogenannte Autonomie der Schilddrüse dahinter. Von einer Autonomie sprechen Mediziner, wenn Teile der Schilddrüse oder das ganze Organ unabhängig von der Kontrolle des Gehirns Hormone bilden. Ganz selten hat eine Schilddrüsenüberfunktion andere Ursachen.

Morbus Basedow

Bei der Basedow’schen Krankheit handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (Immunhyperthyreose). Das Immunsystem bekämpft dabei körpereigenes Gewebe, indem es sogenannte Autoantikörper produziert. Bei Morbus Basedow wirken diese Antikörper stimulierend auf die Schilddrüse, sodass sie zu viele Hormone produziert. Zudem besteht durch die Autoimmunreaktion eine chronische Entzündung der Schilddrüse. Was die Basedow’sche Krankheit letztendlich auslöst, ist bislang unbekannt. Neben einer familiären Vorbelastung spielen offenbar auch andere begünstigende Faktoren eine Rolle wie zum Beispiel Rauchen und psychische Belastung.

Bei einer solchen Immunhyperthyreose beeinflussen die immunologischen Prozesse nicht nur die Schilddrüse selbst, sondern auch andere Bereiche – besonders die Augen: Die Augäpfel treten hervor (Exophthalmus). Zudem können auch Rötungen und Schwellungen der Augenlider, Schmerzen bei Augenbewegungen sowie eine Bindehautentzündung auftreten. Mediziner sprechen dann von der sogenannten endokrinen Orbitopathie.

Selten entwickeln Basedow-Patienten ein sogenanntes prätibiales Myxödem. Dabei ist die Haut im unteren Drittel des Schienbeins oder auch am Vorfuß teigig geschwollen, kühl, trocken und rau. Noch seltener leiden Menschen mit einer Basedow-Hyperthyreose zusätzlich unter einer keulenförmigen Auftreibung der Finger- und Zehenendglieder (Akropachie).

Autonomie der Schilddrüse

Bei der Schilddrüsenautonomie produziert ein einzelner (unifokale Autonomie) oder mehrere Knoten (multifokale Autonomie), manchmal auch das gesamte Organ (disseminierte Autonomie) unkontrolliert Hormone. Meist tritt eine Schilddrüsenautonomie erst in höherem Lebensalter auf. Häufigster Auslöser ist ein Jodmangel. Diesem lässt sich vorbeugen, indem man auf eine ausreichende Jodversorgung achtet.

Seltene Ursachen für eine Hyperthyreose

Neben den häufigen Ursachen für eine Hyperthyreose gibt es auch seltenere Auslöser:

  • Subakute Form der Schilddrüsenentzündung (Thyreoiditis de Quervain): Hierbei kommt es innerhalb weniger Tage oder Wochen zu Symptomen wie Fieber, Halsschmerzen, Erschöpfung, einem Anschwellen der Schilddrüse und einem vorübergehenden Überschuss an Schilddrüsenhormonen. Auslöser sind vermutlich Viren.
  • Aufnahme von Jod in zu großen Mengen oder über einen zu langen Zeitraum. Das Jod kann aus Medikamenten, Röntgenkontrastmitteln oder Nahrungsmitteln (wie Meeresalgen) stammen.
  • Schilddrüsenkarzinom
  • Tumor an der Hypophyse (Hirnanhangdrüse)
  • Medikamente (z.B. zu hoch dosierte Schilddrüsenhormontherapie)

Schilddrüsenhormone wirken auf den gesamten Körper, die typischen Anzeichen einer Hyperthyreose sind daher vielfältig. Betroffene klagen vor allem über

  • Wärmeempfindlichkeit
  • Neigung zum Schwitzen
  • Verstärktes Durstgefühl
  • Gesteigerten Appetit
  • Gewichtsabnahme trotz gleichbleibender Kalorienaufnahme
  • Häufigen Stuhlgang
  • Nervosität
  • Schlaflosigkeit
  • Herzklopfen
  • Atemnot bei körperlicher Belastung
  • Verstärkte Müdigkeit

Manchmal ist bei einer Hyperthyreose die Schilddrüse vergrößert, das heißt es ist ein "Kropf" (Struma) sicht- und/oder tastbar.

Vor allem bei älteren Menschen äußert sich die Schilddrüsenüberfunktion häufig nur durch ein oder ganz wenige Krankheitszeichen. Oft treten auch eher untypische Symptome auf, die dann fälschlicherweise nicht selten einer anderen Krankheit zugeordnet werden.

Anhand der Krankengeschichte und der körperlichen Untersuchung kann der Arzt erste Hinweise auf eine Überfunktion der Schilddrüse erhalten. Eine Blutanalyse sowie verschiedene bildgebende Verfahren dienen der weiteren Abklärung.

TSH-Wert

In fast allen Fällen ist eine Erkrankung der Schilddrüse selbst die Ursache der Hyperthyreose. Deswegen ist die Bestimmung des sogenannten TSH-Werts das wichtigste Diagnoseverfahren. TSH steht für „Thyreoidea-stimulierendes Hormon“ (Thyreoides = lateinisch für Schilddrüse). Das TSH stimuliert die Schilddrüse, die Schilddrüsenhormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) zu produzieren. Es wird in der Hirnanhangdrüse ausgeschüttet und zeigt an, ob die Schilddrüse ausreichend Hormone bildet.

Der normale TSH-Wert liegt etwa zwischen 0,4 und 2,5 mU/l. Liegt der TSH-Wert darunter, ist das ein erster Hinweis auf eine mögliche Hyperthyreose. Zusätzlich analysiert der Arzt, welche Menge an Schilddrüsenhormonen Thyroxin und Trijodthyronin frei im Blut zirkuliert (fT4 und fT3). Ist der TSH-Wert zu niedrig, der Anteil der freien Hormonmenge aber noch im normalen Bereich, spricht der Arzt von einer präklinischen oder latenten Hyperthyreose. Ist der TSH-Wert zu niedrig und die Menge der Hormone zu hoch, handelt es sich um eine manifeste Hyperthyreose.

Antikörper

Mithilfe der Blutanalyse lässt sich auch nachweisen, ob Antikörper gegen den TSH-Rezeptor (TRAK) vorhanden sind. Diese können auf eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (Morbus Basedow) als Ursache für die Hyperthyreose hinweisen.

Sonografie

Die Ultraschalluntersuchung (Sonografie) gibt Auskunft über Größe, Beschaffenheit und Volumen der Schilddrüse. Bei Frauen beträgt das normale Volumen maximal 15 bis 20 Milliliter, bei Männern 20 bis 25 Milliliter. Auch Gewebeveränderungen wie Zysten oder Knoten können mittels Sonografie festgestellt werden.

Szintigrafie

Zur näheren Abklärung, ob es sich bei nachgewiesenen Knoten um eine Schilddrüsenautonomie handelt, ist die sogenannte Szintigrafie das Mittel der Wahl. Sie lässt Aufschluss über die Funktionalität der Schilddrüse zu. Der Patient erhält dabei eine Spritze mit radioaktiv markiertem Jod, das über die Blutbahn zur Schilddrüse transportiert wird und sich dort anreichert. Die Strahlenbelastung ist dabei für den Patienten sehr gering. Mithilfe einer speziellen Kamera kann man die radioaktive Strahlung ganz einfach von außen messen. Aus den gewonnenen Daten berechnet der Computer anschließend ein Bild, das die funktionalen und nicht-funktionalen Bereiche des Schilddrüsengewebes zeigt. Areale oder Knoten, die autonom sind, nehmen das Jod verstärkt auf. Man nennt sie daher "heiße Knoten". Funktionsarme Bereiche, die keine Schilddrüsenhormone produzieren, nehmen das Jod weniger stark auf. Sie heißen in der Fachsprache "kalte Knoten".

Medikamente

Mithilfe von Thyreostatika lässt sich bei einer Immunhyperthyreose (Morbus Basedow) die übermäßige Hormonproduktion der Schilddrüse blockieren. Normalerweise dauert es wenige Wochen, bis sich der Stoffwechsel normalisiert und die Symptome der Schilddrüsenüberfunktion zurückgehen. Eine regelmäßige Kontrolle der Schilddrüsenwerte ist dabei wichtig.

Radiojodtherapie

Die Radiojodtherapie ist vor allem zur Behandlung der uni-, multifokalen oder disseminierten Autonomie der Schilddrüse geeignet. Dabei bekommt der Patient radioaktives Jod verabreicht. Die Schilddrüse reichert das Jod in den aktiven Bereichen stark an, die Strahlung zerstört das aktive Schilddrüsengewebe. Bei vielen Patienten kommt es durch die Behandlung mit radioaktiv markiertem Jod zu einer Schilddrüsenunterfunktion. Diese wird mit der Einnahme von künstlich hergestellten Schilddrüsenhormonen behoben. Nach einiger Zeit normalisiert sich der Stoffwechsel wieder.

Die Strahlenbelastung für den Patienten ist bei dieser Therapieform recht hoch. Bei sorgfältiger Anwendung werden aber keine anderen Organe des Körpers geschädigt, sagen Experten. Es konnte bislang auch kein Zusammenhang mit dem Auftreten von Krebserkrankungen festgestellt werden. Frauen, die stillen, sollten die Radiojodtherapie nicht durchführen.

Operation

Ist die Schilddrüse stark vergrößert und kommt es zu Schluckstörungen, Atemnot oder einem unangenehmen Druckgefühl im Hals, ist eine Operation sinnvoll. Hierbei bleibt nur ein kleiner Rest des Schilddrüsengewebes zurück, das meiste wird entfernt. Aber auch einzelne Knoten, die autonom und Ursache der Hyperthyreose sind, können operativ entfernt werden. Wichtig dabei ist, den Hormonstoffwechsel vor dem Eingriff mithilfe von Medikamenten zu normalisieren. Bei Verdacht auf Schilddrüsenkrebs wird die gesamte Schilddrüse entfernt. Manchmal tritt nach einer Schilddrüsenoperation eine Unterfunktion auf. Diese muss durch die Gabe von künstlich hergestellten Schilddrüsenhormonen ausgeglichen werden.

Die sogenannte thyreotoxische Krise tritt meist dann auf, wenn eine vorhandene Schilddrüsenautonomie nicht erkannt wurde und der Patient Jod erhalten hat. Es kommt in der Folge zu einer plötzlichen Freisetzung von einer übermäßig großen Menge an Schilddrüsenhormonen. Anzeichen dafür sind hohes Fieber, Bewusstseinsstörungen und Magen-Darm-Probleme wie starker Durchfall und Erbrechen. Im Extremfall kommt es zu Koma und Kreislaufversagen. Dieser Zustand ist lebensgefährlich und muss intensivmedizinisch behandelt werden.

Bleibt die Überfunktion unbehandelt, kann es zu Osteoporose, Funktionsstörungen anderer Drüsen (etwa der Nebennieren), Herzschwäche oder Herzmuskelschäden sowie Zyklusstörungen bis hin zur Unfruchtbarkeit kommen.

Der Verlauf einer immunbedingten Hyperthyreose ist schwer vorherzusagen. Manchmal bildet sie sich allein wieder zurück. Eine rechtzeitige Behandlung ist dennoch wichtig. Nach der Therapie kann Morbus Basedow erneut auftreten.

Frauen sind von einer Schilddrüsenüberfunktion etwa fünfmal häufiger betroffen als Männer. Die Ursache für diesen Geschlechterunterschied ist bislang unklar.
Eine Schilddrüsenüberfunktion tritt besonders bei älteren Menschen auf. Im Kindes- und Jugendalter ist sie viel seltener; am ehesten betroffen sind Kinder in der Pubertät. Bei Neugeborenen und Säuglingen ist eine Hyperthyreose extrem selten und meist nur vorübergehend. Es handelt sich dabei in der Regel um Kinder von Frauen mit Morbus Basedow. Das Risiko, dass schwangere Basedow-Patientinnen ein Kind mit Hyperthyreose zur Welt bringen, ist aber sehr gering.

Textnachweis

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Marion Paskuda, Praktische Ärztin 

Literatur

  • Bundesverband Deutscher Internisten e.V.: www.internisten-im-netz.de (Abruf: 11.05.2015)
  • Siegenthaler W. & Blum H.E.: Klinische Pathophysiologie. Thieme Verlag. 2013
  • Classen M. et al. Innere Medizin. Elsevier 2009
  • Herold G. et al. Innere Medizin. Selbstverlag 2012
  • Baenkler H.-W. et al.: Innere Medizin. Thieme Verlag. 2009
  • Spinas GA, Fischli S. Endokrinologie und Stoffwechsel: Grundlagen und Klinik prägnant und anschaulich dargestellt. Thieme Verlag 2011
  • Delorme S et al. Duale Reihe Sonografie. Thieme Verlag. 2012
  • Deutsch J. & Schnekenburger, F.G.: Pädiatrie und Kinderchirurgie. Thieme Verlag. 2009

Weiterführende Informationen

  • Schilddrüsen-Liga Deutschland e.V.: www.schilddruesenliga.de
  • Brakebusch L, Heufelder A. E.: Leben mit Morbus Basedow: Ein Ratgeber. Werner Zuckschwerdt Verlag 2011
  • Hainel A, Ermer M: Schilddrüse in Balance: Gut leben mit Hashimoto, Basedow, Über- und Unterfunktion, Trias 2015

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Webcode dieser Seite: s000563 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 11.05.2015 Letzte Aktualisierung am: 08.12.2016
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