Polyneuropathie

Ist das periphere Nervensystem in seiner Funktion gestört, spricht man von einer Polyneuropathie. Die Beschwerden reichen von Empfindungsstörungen über Schmerzen bis hin zu Lähmungen. Am häufigsten entstehen Polyneuropathien als Folge einer langjährigen Diabeteserkrankung oder dauerhaft erhöhtem Alkoholkonsum.

Polyneuropathien (PNP) sind Krankheiten des peripheren Nervensystems, die Funktion der Nerven ist gestört. Übersetzt bedeutet der griechische Begriff so viel wie "Viel-Nerven-Krankheit".

Zum peripheren Nervensystem gehören alle Nerven, die außerhalb des Schädels und des Wirbelkanals liegen, also nicht Teil des zentralen Nervensystems sind. Periphere Nerven steuern Muskelbewegungen und Empfindungen wie Kribbeln oder Schmerz. Auch das sogenannte vegetative Nervensystem ist Teil des peripheren Nervensystems. Seine Nervenstränge koordinieren die unwillkürlichen Körperfunktionen wie Atmen, Verdauen oder Schwitzen.

Menschen mit einer Polyneuropathie verspüren in den Beinen oder Füßen ein unangenehmes Brennen. Berührungen in einem umschriebenen Hautbereich werden nicht mehr gespürt. Auch Lähmungen im Versorgungsgebiet einzelner Nervenstränge können Ausdruck einer Polyneuropathie sein. Ist das vegetative Nervensystem betroffen, äußert sich eine Polyneuropathie möglicherweise mit Herzrhythmusstörungen, Impotenz, Verdauungsbeschwerden oder Problemen beim Wasserlassen. Therapie und Verlauf der Polyneuropathie sind abhängig von ihrer Ursache.

Es gibt viele mögliche Auslöser einer Polyneuropathie. Mit Abstand am häufigsten verursachen Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und chronischer Alkoholmissbrauch die Nervenschäden. Beide zusammen sind für fast die Hälfte aller Neuropathien verantwortlich. Warum die Zuckerstoffwechselstörung Diabetes das Nervengewebe angreift, ist noch nicht vollständig erforscht. Experten vermuten, dass der ständig erhöhte Blutzucker feinste Blutgefäße schädigt, welche die Nerven umspinnen und versorgen. Bei der alkoholbedingten Polyneuropathie spielt neben der akuten Giftwirkung des Alkohols eine langfristige Unterversorgung mit Vitamin B1 eine Rolle.

Auch Medikamente und giftige Substanzen können Nerven schädigen. Dazu zählen beispielsweise manche Krebsmedikamente, Schwermetalle wie Blei oder Gifte wie Arsen.

Seltener sind genetisch bedingte Formen der Polyneuropathie, entzündliche Polyneuropathien und solche, die Ausdruck einer Autoimmunerkrankung sind. Dabei richtet sich das Immunsystem eines Menschen gegen körpereigene Strukturen. Die Betroffen leiden teilweise unter schweren, sich ausbreitenden Lähmungserscheinungen.

Bei etwa jedem fünften Patienten bleibt die Ursache der Polyneuropathie trotz intensiver Diagnostik unklar. In diesem Fall sprechen Mediziner von einer idiopathischen Polyneuropathie.

Eine Polyneuropathie kann sich mit vielfältigen Beschwerden äußern. Je nach betroffenen Nerven können sie Fühlen, Bewegen oder Kraft betreffen. Das Spektrum der Symptome reicht von Sensibilitätsausfällen über Missempfindungen (Brennen, Kribbeln, Ameisenlaufen, Stechen, Elektrisieren, Schwellungsgefühle usw.) bis hin zu schlaffen Lähmungen und Störungen der Organfunktion.

Diabetische Polyneuropathie

Die diabetische Polyneuropathie wird in zwei Hauptformen unterschieden: Die sensomotorische Polyneuropathie mit Empfindungs- und Bewegungsstörungen sowie die autonome Neuropathie mit Befall des vegetativen Nervensystems.

Die sensomotorische diabetische Polyneuropathie beginnt meistens in den Füßen und Beinen. Hände und Arme sind seltener betroffen. Als erstes fällt in der Regel in einem strumpf- oder handschuhförmig begrenzten Areal das Vibrationsempfinden aus. Dies kann vom Arzt getestet werden. Später beklagen die Betroffenen beispielsweise brennende Missempfindungen auf der Fußsohle ("burning feet"), schmerzende Muskelkrämpfe im Oberschenkel oder in der Wade, und dumpfe oder stechende Schmerzen in der Leiste oder am vorderen Oberschenkel. Oft verstärken sich die Beschwerden in der Nacht.

Sehr häufig sind außerdem sensible Ausfälle an Zehen, Füßen oder Beinen mit Störungen des Berührungs-, Schmerz- oder Temperaturempfindens.
Auch Muskelschwäche, schnellere Ermüdbarkeit oder Lähmungen kleiner Fuß- und Handmuskeln sind typische Zeichen einer Polyneuropathie.

Bei der autonomen diabetischen Neuropathie sind unwillkürlich ablaufende Funktionen der Organe in Mitleidenschaft gezogen. Abhängig vom Muster der Nervenschädigung kann etwa die Regulation von Herz und Kreislauf gestört sein. Mögliche Anzeichen sind ein erhöhter Ruhepuls sowie fehlender Puls- und Blutdruckanstieg bei Belastung.

Weitere mögliche Anzeichen einer autonomen Neuropathie sind Potenzstörungen, Blasenentleerungsstörungen, Inkontinenz, übermäßige oder ausbleibende Schweißsekretion oder auch eine verzögerte Anpassung der Pupille an wechselnde Lichtverhältnisse. 

Polyneuropathien entstehen oft schleichend und unbemerkt. Dies gilt insbesondere für die diabetische Polyneuropathie. Eine gezielte neurologische Untersuchung kann Nervenausfälle schon früh aufdecken. Dabei überprüft der Arzt Muskelkraft, Reflexe und die Wahrnehmung von Berührungen, Temperatur und Vibration.

Neben dem oftmals charakteristischen Beschwerdemuster gibt die Krankengeschichte entscheidende Hinweise auf die Ursache einer Polyneuropathie. Ist beispielsweise seit Jahren ein Diabetes mellitus bekannt und wurden bereits andere Komplikationen wie diabetesbedingte Augenerkrankungen diagnostiziert, sind die Beschwerden am wahrscheinlichsten Symptome einer diabetesbedingten Polyneuropathie. Alkoholiker haben ebenfalls ein erhöhtes Polyneuropathierisiko. Auch von einigen Medikamenten, beispielsweise Chemotherapeutika gegen Krebs, weiß man, dass sie Nerven schädigen.
Elektrophysiologische Untersuchungen ergänzen den neurologischen Untersuchungsbefund. Sie decken die Verteilung und das Ausmaß der Nervenschädigung auf. Die Elektroneurografie (ENG) misst, wie schnell Nerven eine Erregung weiterleiten. Die Elektromyografie (EMG) zeichnet die Aktivität eines Muskels in Ruhe und bei Anspannung auf.

Bluttests können behandelbare Ursachen der Polyneuropathie aufdecken, beispielsweise einen Vitamin B12-Mangel oder ein bis dahin unbekannter Diabetes mellitus.

Bei speziellen Fragestellungen können weitere Untersuchungen durch den Neurologen sinnvoll sein. Eine Analyse des Nervenwassers (Liquoruntersuchung) hilft beispielsweise, entzündlich bedingte Polyneuropathien festzustellen. Bei Anhaltspunkten für eine genetische Polyneuropathie ist eine Erbgutanalyse möglich. Der Verdacht auf seltene, aber behandelbare Polyneuropathien kann in besonders schweren Krankheitsfällen eine Probenentnahme aus dem Nervengewebe (Nervenbiopsie) rechtfertigen.

Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach ihrer Ursache. Sind die Nervenschäden auf dem Boden einer anderen Grunderkrankung entstanden, gilt es zu allererst diese zu behandeln. Bei der diabetischen Polyneuropathie ist eine konsequente Blutzuckereinstellung entscheidend. Je besser die Werte langfristig eingestellt sind, desto eher lässt sich die Nervenschädigung stoppen.

Patienten mit Polyneuropathie sollten Alkohol möglichst nur in moderaten Mengen genießen. Das gilt auch, wenn die Nervenschäden nicht durch übermäßigen Alkoholkonsum entstanden sind, wie beispielsweise beim Diabetiker.

Nervenschmerzen sind individuell mit Medikamenten behandelbar. Neben Schmerzmitteln kommen dafür auch Antidepressiva oder Mittel gegen Anfallsleiden in Frage. Die Auswahl des Wirkstoffs richtet sich unter anderem nach Stärke und Charakteristika der Schmerzen. Auch physikalische Therapien wie Kälte- und Wärmebehandlungen sowie Krankengymnastik werden bei der Behandlung von Polyneuropathien angewendet.

Die fehlende Schmerzwahrnehmung macht Diabetiker mit Polyneuropathie anfällig für das sogenannte diabetische Fußsyndrom. Kleine Verletzungen der Füße bleiben unbemerkt und können sich – begünstigt durch die ebenfalls schlechte Durchblutung und langsamere Wundheilung – zu schwer behandelbaren chronischen Wunden auswachsen. Diabetiker sollten deshalb stets auf gut sitzendes Schuhwerk achten. Ein regelmäßiger Besuch bei der professionellen medizinischen Fußpflege hilft, eingewachsenen Nägeln und Hornhautrissen und anderen kleinen Wunden vorzubeugen.
Manche genetisch bedingte Polyneuropathien führen schon im Kindesalter zu schweren Ausfallserscheinungen. Erworbene Polyneuropathien treten dagegen bevorzugt im Erwachsenenalter auf. Die häufigste Form, die diabetische Polyneuropathie, zählt zu den Spätkomplikationen der Diabetesstoffwechselstörung. Das heißt je länger die Krankheit besteht, desto wahrscheinlicher wird eine Neuropathie.

Textnachweis

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung durch: Prof. Dr. med. Martin Middeke, Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe DDG

Literatur

Weiterführende Informationen

Lesen Sie auch unsere Redaktionellen Grundsätze.

 

Webcode dieser Seite: s000520 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 17.09.2015 Letzte Aktualisierung am: 08.12.2016
Nach oben