Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS) wird häufig als die "Krankheit mit den tausend Gesichtern" bezeichnet. Dies gilt sowohl für die Symptome als auch den Verlauf.

Multiple Sklerose (kurz: MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems (ZNS), bei der das Immunsystem die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark angreift (Autoimmunerkrankung). Dabei wird die Schutzschicht der Nervenzellen (Myelinscheiden) geschädigt. Mögliche Folgen sind unter anderem Taubheitsgefühle, Lähmungen, Sehstörungen sowie Probleme beim Gehen. Multiple Sklerose verläuft in Schüben oder verschlimmert sich fortschreitend. Am häufigsten tritt die Krankheit im jüngeren Erwachsenenalter auf.

Der Krankheitsverlauf von Multipler Sklerose ist sehr unterschiedlich. Manche Patienten haben noch viele Jahre nach Beginn der Erkrankung zwischen zwei Schüben keine nennenswerten Beschwerden. Bei anderen verläuft die Krankheit schnell und führt zu schweren Beeinträchtigungen.

Abhängig vom Verlauf unterscheiden Mediziner verschiedene Stadien und Verläufe der Multiplen Sklerose:

Klinisch-isoliertes Syndrom: 

Dabei handelt es sich um das Anfangsstadium der Erkrankung, bei dem die Symptome erstmalig auftreten.

Schubförmiger Verlauf:

Im akuten Schub bilden sich an verschiedenen Stellen des Gehirns, des Rückenmarks oder der Sehnerven Entzündungsherde, die ganz unterschiedliche Beschwerden auslösen. Klingt die Entzündung ab, bessern sich die Beschwerden oder verschwinden sogar ganz innerhalb von sechs bis acht Wochen. Diese Verlaufsform trifft anfangs auf mehr als 80 von 100 Erkrankten zu.

Sekundär chronisch progredienter Verlauf:

Bei cirka jedem zweiten Patienten (50 Prozent) geht die Erkrankung unbehandelt nach rund zehn Jahren Krankheitsdauer in einen sekundär progredienten (fortschreitenden) Verlauf über. Die Beschwerden verschwinden also nicht mehr nach jedem Schub, weil sich die Nervenzellen weniger gut erholen können und vernarben. Das bedeutet: Die Beschwerden verschlimmern sich kontinuierlich oder mit jedem weiteren Schub.

Primär progredienter Verlauf:

Bei cirka 10 bis 15 von 100 Patienten treten von Anfang an keine Schübe auf, sondern die Beschwerden verschlimmern sich ab dem Krankheitsausbruch kontinuierlich.

Die Ursachen der Multiplen Sklerose sind noch nicht vollständig geklärt. Fest steht, dass durch die Entzündungsprozesse die Schutzschicht der Nervenzellen (Myelinscheiden) und der Nervenfortsätze angegriffen werden. Diesen Zerstörungsprozess bezeichnet man als Entmarkung oder Demyelinisierung. In der Folge ist die Signalübermittlung zwischen den Zellen gestört. Bei schweren Verläufen bleiben Narben im Gehirn und Rückenmark zurück (Plaques), welche die Arbeit der Nervenzellen auch zwischen den Schüben behindern. Am Ende gehen auch die Nervenfasern selbst zugrunde.

Am wahrscheinlichsten scheint bislang, dass eine Störung der körpereigenen Abwehrkräfte für die Erkrankung verantwortlich ist (Autoimmunerkrankung). Das heißt, das fehlgesteuerte Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper.

Auch die genetische Veranlagung spielt eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit. Wenn also jemand nahe Blutsverwandte mit Multipler Sklerose hat, so besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, auch selbst zu erkranken.

Hinzu kommen bei der Entstehung der Erkrankung vermutlich auch Umweltfaktoren wie der Lebensstil.

Multiple Sklerose kann sich ganz unterschiedlich äußern und ist daher im frühen Stadium nicht einfach zu diagnostizieren. Grund dafür ist, dass die Entzündungsherde überall im Gehirn und Rückenmark auftreten können und so ganz unterschiedliche Symptome hervorrufen.

Frühe Symptome können beispielsweise sein:

  • Sensibilitätsstörungen wie Taubheit oder Kribbeln in den Gliedmaßen
  • Sehstörungen
  • Unsicherheit beim Gehen und Stehen
  • schnelles Ermüden
  • Blasenentleerungsstörungen

Im späteren Verlauf können beispielsweise auftreten:

  • Muskelschwäche
  • Lähmungen
  • krampfhafte Muskelspannungen (Spastiken)
  • ungewöhnliche Müdigkeit (Fatigue)
  • Sehstörungen
  • Erektionsstörungen
  • Verlust der sexuellen Lust
  • Sprechstörungen
  • Darmentleerungsstörungen
  • Schwierigkeiten bei gezielten Bewegungen (Ataxie)
  • Störungen des Denkens (Konzentrationsstörungen)
  • psychische Störungen wie Depressionen

Welche Beschwerden auftreten und wie stark sie ausfallen, ist von Patient zu Patient ganz verschieden.

Bei Verdacht auf Multiple Sklerose kann eine ganze Reihe von Untersuchungen sinnvoll sein. Jede einzelne kann lediglich Hinweise darauf liefern, ob die Erkrankung tatsächlich vorliegt. Die Diagnose ist letztlich ein Puzzlespiel, das durch die Familien- und Krankengeschichte entscheidend ergänzt wird. Manchmal dauert es Monate, mitunter sogar Jahre, bis die Diagnose eindeutig feststeht.

Zu Beginn erhebt der Arzt die Krankengeschichte: Er fragt den Patient zum Beispiel genau nach seinen Beschwerden, eventuellen Vorerkrankungen und die Einnahme von Medikamenten. Dann folgen eine körperliche Untersuchung, eine Blut- und Urinuntersuchung sowie weitere Diagnoseschritte:

Magnetresonanztomografie (MRT):

Mit einer MRT lassen sich Entzündungsherde oder Plaques im Gehirn und Rückenmark erkennen. Das ist bereits im Anfangsstadium möglich, wenn der Patient noch keine Beschwerden hat. Das MRT wird aber auch zur Verlaufskontrolle eingesetzt.

Untersuchung des Nervenwassers (Liquoruntersuchung):

Durch eine Untersuchung des Nervenwassers lassen sich Entzündungen des Gehirns und Rückenmarks feststellen. Dazu wird mit einer feinen Nadel etwas Nervenwasser (Liquor) aus dem Bereich zwischen den Wirbelkörpern entnommen. Hinweise auf MS liefern erhöhte Mengen bestimmter Abwehrzellen sowie Antikörper wie Immunglobulin G (IgG) im Liquor. Außerdem lassen sich durch diese Untersuchung Infektionen ausschließen, die mit ähnlichen Symptomen wie MS einhergehen.

Messung evozierter Potenziale:

Mithilfe sogenannter evozierter Potenziale lässt sich die Funktionstüchtigkeit der Nervenbahnen testen. Solche Potenziale sind elektrische Spannungen, die in den Nerven- und Muskelzellen auftreten, sobald diese gereizt werden. Zur Untersuchung des Sehnervs betrachtet der Patient beispielsweise ein Schachbrettmuster, dessen Felder ihre Farbe wechseln. Die nachfolgenden Hirnreaktionen, die ein EEG registriert, geben Auskunft über die Reizweiterleitung. Auf ähnliche Weise lassen sich auch die Nervenbahnen der Gliedmaßen und des Hörnervs überprüfen.

Neurologische und motorische Funktionstests:

Sie dienen in der Regel der Verlaufskontrolle. Die "Multiple Sclerosis Functional Composite-(MSFC-) Skala" umfasst verschiedene Tests. Gemessen wird beispielsweise, in welcher Geschwindigkeit der Patient eine bestimmte Gehstrecke zu Fuß bewältigen kann oder wie schnell er Elemente in ein Steckbrett stecken kann.

Aufmerksamkeits- und Konzentrationstest:

Auch der "Paced Auditory Serial Addition Test (PASAT)" dient der Verlaufskontrolle und überprüft Aufmerksamkeit und Konzentration des Patienten. Dazu müssen die Patienten Zahlenreihen addieren.

Miktionsprotokoll und Restharnbestimmung:

Patienten, die Probleme beim Wasserlassen haben, empfiehlt der Arzt ein Miktionsprotokoll. Darin notiert der Patient, wie oft er Wasser lässt. Überdies ermittelt der Arzt, wie viel Urin nach dem Wasserlassen in der Blase zurückbleibt. Auch dieser Test dient der Verlaufskontrolle.

Bislang ist Multiple Sklerose nicht heilbar. Es gibt aber eine Reihe von Therapiemöglichkeiten, die das Fortschreiten der Erkrankung hinauszögern und die Beschwerden lindern können.

Ziele der Therapie sind

  • möglichst vollständige Rückbildung von Symptomen, die während eines Schubs auftreten
  • Vorbeugung weiterer Krankheitsschübe
  • Verhinderung bleibender neurologischer Defizite (zum Beispiel Lähmungen) 
  • Stabilisierung bleibender Störungen, sodass sie nicht weiter fortschreiten

Welche Medikamente ein MS-Patient einnimmt, ist abhängig von seinem aktuellen Befinden.

Medikamente im akuten Schub:

Während eines Schubes erhalten viele Patienten hochdosiertes Kortison intravenös verabreicht. Bessert sich der Zustand nicht und sind die Beschwerden gravierend, kommen weitere Maßnahmen wie beispielsweise eine Blutwäsche (Plasmapherese) infrage. Verlaufen die Schübe schwer, ohne dass sich die Beschwerden anschließend vollständig zurückbilden, werden weitere Wirkstoffe verordnet. Dies stellt schon den Übergang zur Langzeittherapie dar.

Medikamente zur Langzeittherapie:

Um den Verlauf einer Multiplen Sklerose günstig zu beeinflussen, werden schon früh Medikamente eingesetzt, die Schübe verringern und Behinderungen hinauszögern sollen. Diese sogenannte Immuntherapie soll die Reaktionen des Immunsystems dämpfen. Die verschiedenen Medikamente werden im Rahmen einer Stufentherapie verabreicht. Das gilt vor allem für schubförmig verlaufende Erkrankungsformen. Bei der primär progredienten Verlaufsform ist der Nutzen einer Immuntherapie bisher nicht gesichert.

  • Basistherapie: Die Basis der Langzeittherapie sind die Wirkstoffe Interferon beta oder Glatiramerazetat.
  • Alternative Basistherapie: Verträgt der Patient diese Medikamente nicht oder lehnt er die regelmäßigen Injektionen ab, können ersatzweise andere Wirkstoffe als Basistherapie dienen, zum Beispiel Azathioprin.
  • Eskalationstherapie: Kann der Krankheitsverlauf im Rahmen der Basistherapie nicht ausreichend gestoppt werden, kommt als nächste Stufe die Gabe von Fingolimod oder Natalizumab infrage. Wirkstoffe zweiter Wahl sind hierfür Mitoxantron oder Cyclophosphamid.

Symptomatische Therapie:

Multiple Sklerose geht mit verschiedenen Symptomen einher, welche die Lebensqualität beeinträchtigen. Dazu gehören Spastiken, Schmerzen, sexuelle Störungen, Blasenentleerungsstörungen, Verstopfung und Depressionen. Sie können durch spezielle Medikamente, zum Teil aber auch durch physio- und psychotherapeutische Behandlungen gebessert werden:

Von einer Physiotherapie profitieren insbesondere Patienten mit Gehbehinderungen und Koordinationsstörungen. Dabei geht es weniger darum, körperliche Fähigkeiten zurückzuerlangen, als die auftretenden Störungen zu kompensieren.

Eine Psychotherapie hilft Patienten, die die Krankheit nur schwer bewältigen können oder unter Depressionen leiden.  

Die häufige Müdigkeit (Fatigue), Konzentrationsstörungen oder psychische Störungen wie die Depression gehören zu den typischen Beschwerden einer Multiple Sklerose-Erkrankung. Im späteren Verlauf können sie sich jedoch auch zu eigenständigen Folgeerkrankungen entwickeln - die Übergänge sind oft fließend. Als weitere Folgeerkrankungen gelten:

Chronische Schmerzen und Spastiken:

Bewegungsmangel oder Schonhaltungen können Schmerzen zur Folge haben. Hinzu kommen schmerzhafte Spastiken, wenn die Muskeln krampfen. Auch Nerven-schmerzen treten auf wie beispielsweise eine Trigeminusneuralgie.

Sprechstörungen und Schluckbeschwerden:

Sind die Nervenbahnen des Sprechapparats oder der Schluckmuskulatur beeinträchtigt, kann es zu entsprechenden Problemen kommen.

Druckgeschwür (Dekubitus):

Patienten, die sich nur unzureichend bewegen können, entwickeln unter Umständen Druckgeschwüre.

Thrombose:

Mangelnde Bewegung erhöht zudem das Risiko, dass sich Blutgerinnsel bilden, insbesondere in den Beinvenen.

Entzündungen der Harnwege:

Bei manchen MS-Patienten entleert sich die Blase nicht vollständig. In der Folge vermehren sich Bakterien, die Entzündungen auslösen können.

Inkontinenz:

Eine Multiple Sklerose kann auch die Signalwege der Nerven stören, die die Schließmuskulatur steuern. In der Folge kann der Patient Stuhl- oder Urinabgabe nicht mehr kontrollieren.

Stuhlverstopfung (Obstipation):

Auch die Darmbewegungen werden über Nervenzellen gesteuert. Ist die Kommunikation gestört, kann es zu Verstopfung kommen. Begünstigt wird dies, wenn die MS-Patienten in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Sexuelle Störungen:

Sexuelle Störungen bei Multipler Sklerose können sowohl körperlicher als auch seelischer Natur sein. Die erschwerte Signalleitung der Nervenzellen kann bei Männern zu Erektions-, Orgasmus- und Ejakulationsstörungen führen. Bei Frauen kann es zu Sensibilitätsproblemen im Genitalbereich und zu Orgasmusstörungen kommen.

Multiple Sklerose tritt bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Insbesondere von der schubförmig verlaufenden Form sind Frauen etwa dreimal häufiger betroffen. Die seltenere primär progrediente Multiple Sklerose tritt dagegen bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich oft auf.
Bei schubförmigen Verläufen von Multipler Sklerose erkranken die meisten Patienten im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Die seltenere primär progrediente Multiple Sklerose hingegen tritt meist später, nämlich im vierten und fünften Lebensjahrzehnt auf. In Einzelfällen wurde eine Multiple Sklerose aber auch schon bei Kindern beziehungsweise bei Menschen über 70 festgestellt.

Textnachweis 

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Claudia Bründl, Fachärztin für Neurologie

Literatur

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Webcode dieser Seite: s000519 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 06.05.2015 Letzte Aktualisierung am: 08.12.2016
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