Leistenbruch

Ein Leistenbruch heilt nie von alleine. Die notwendige offene oder endoskopische Operation sollte daher nicht lange hinaus gezögert werden, denn dies erhöht nur das Komplikationsrisiko.

Ein Leistenbruch – fachsprachlich Leistenhernie oder Inguinalhernie – ist ein Eingeweidebruch, bei dem Teile des Bauchfells und des Darms als Bruchsack durch eine Lücke oder Schwachstelle in der von Muskeln, Sehnen und Bindegewebe gebildeten Bauchdecke in den Leistenkanal gelangen.

Man unterscheidet angeborene Leistenbrüche, die vor allem bei Frühgeborenen auftreten, und erworbene Leistenbrüche, die sich erst im weiteren Lebensverlauf ereignen, dabei mit dem Alter zunehmend. Je nach Ort der Durchtrittspforte des Bruchsacks wird zusätzlich zwischen indirekten und direkten Leistenbrüchen differenziert. Beim indirekten Leistenbruch schiebt sich der Bruchsack durch den inneren Leistenring, der gewissermaßen ein vorgegebener Übergang von der Bauchhöhle in den Leistenkanal ist, in den Leistenkanal. Beim direkten Leistenbruch "bricht" der Bruchsack durch die Hinterwand des Leistenkanals in diesen. Angeborene Leistenbrüche sind so gut wie immer indirekte Brüche.

Ein Hodenbruch ist eine Sonderform des Leistenbruches beim Mann, wobei sich der Bruchsack vom Leistenkanal aus sicht- und tastbar bis in den Hodensack erstreckt.

Leistenbrüche sind die häufigste operationspflichtige Diagnose. Allein in Deutschland werden nach Auskunft der Deutschen Hernien-Gesellschaft jährlich rund 275.000 Leistenbruch-Patienten mit einer offenen oder endoskopischen Operation behandelt.

Ursache für einen angeborenen Leistenbruch ist in der Regel eine anatomische Entwicklungsstörung. Eine Ausstülpung des Bauchfells, die während des Heranreifens des Kindes im Mutterleib in den Leistenkanal hineinwächst, wird nicht regelrecht verschlossen und prädestiniert deshalb für indirekte Leistenhernien. Je früher und damit unreifer ein Kind geboren wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines gewissermaßen zu offenen inneren Leistenrings, weshalb Frühgeborene (16 bis 25 von 100) häufiger als termingerecht Geborene (ein bis vier von 100) einen angeborenen Leistenbruch haben.

Ursache für einen erworbenen Leistenbruch ist das Zusammenspiel von zu schwachem Bindegewebe der Bauchdecke und zu großem Druck im Bauchraum, wie er etwa beim schweren Heben, Husten, verstopfungsbedingtem Pressen auf der Toilette oder auch bereits durch Übergewicht beziehungsweise eine Schwangerschaft aufgebaut wird. In diesem Sinne sind Menschen mit anderen Hinweisen auf ein schwaches Bindegewebe wie Krampfadern, Aussackungen beziehungsweise Ausstülpungen in Arterien (Aneurysmen) oder Dickdarm (Kolondivertikel) vermehrt von Leistenbrüchen bedroht. Als herausragender beeinflussbarer Risikofaktor wurde inzwischen das Rauchen erkannt. Dies zum einen, weil Rauchen neben zahlreichen weiteren Gesundheitsgefahren auch den Bindegewebsstoffwechsel behindert und somit das Bindegewebe schwächt. Zum anderen ist Rauchen eine Hauptursache für chronischen Husten. Und jeder Hustenstoß ist eine akute Druckbelastung des Bauchraumes.

Wichtig zu wissen: Freispruch für die eine falsche Handlung

Wer sich einen "Bruch gehoben" hat, darf sich nicht mit dem Gedanken belasten, das Ereignis hätte durch etwas mehr körperliche Schonung vermieden werden können. Schweres Heben oder Pressen ist für einen Leistenbruch immer nur der Auslöser vor dem Hintergrund einer angeborenen oder sich über Jahre anbahnenden Disposition. Wäre es heute nicht passiert, dann morgen oder übermorgen. Wer keine Veranlagung dazu hat, bei dem führt auch schwerstes Heben zu keinem Leistenbruch. So erleiden etwa Gewichtheber nicht häufiger einen Leistenbruch als der gleichaltrige Durchschnitt.

In 60 Prozent der Fälle erfolgt der Leistenbruch auf der rechten Seite. Hauptsymptom eines Leistenbruchs ist eine durch den hervortretenden Bruchsack bedingte, sicht- und tastbare, verschiebbare, weiche Schwellung im Leistenbereich. Diese Vorwölbung verstärkt sich durch jede auf den Bauchraum wirkende Druckerhöhung wie schweres Heben, Husten, Niesen oder Pressen. Eher ziehende oder auch drückende Schmerzen in der Leiste können, müssen aber nicht auftreten und werden durch die geschilderten Druckbelastungen verstärkt. Stellt sich ein Leistenbruch als pralle, nicht oder kaum mehr verschiebbare Schwellung dar, kann dies ein Hinweis auf einen eingeklemmten Bruchsack sein. Dieser Verdacht erhärtet sich, wenn zusätzlich starke Leisten- oder Bauchschmerzen spürbar sind, die Bauchdecke hart gespannt ist und sich Übelkeit sowie Erbrechen hinzugesellen. Beim eingeklemmten Leistenbruch (inkarzerierte Leistenhernie) kann die Blutversorgung des herausgetretenen Eingeweides unterbrochen werden, was zum Absterben der betroffenen Organteile führt. Auch kann sich ein Darmverschluss entwickeln. Eingeklemmte Leistenbrüche sind Notfälle, die eine sofortige Operation erfordern.

Der Arzt kann die meisten Leistenbrüche bereits durch die sicht- und tastbare Vorwölbung an der Leiste sicher erkennen. Er lässt den stehenden Patienten husten und die sich dabei verstärkende Vorwölbung erhärtet den Befund. Der Arzt prüft dann beim liegenden Patienten, ob sich der Bruchsack leicht wieder in die Bauchhöhle zurückschieben lässt. Wenn ja (reponibler Bruch), ist keine unmittelbare Gefahr im Verzug. Wenn nicht (irreponibler Bruch), kann es sich um einen eingeklemmten Bruch handeln, der schnellstmöglich chirurgisch behoben werden muss. Des Weiteren kann der Arzt durch abhorchen des Bruchsacks feststellen, ob darin Darmgeräusche zu hören sind, dies würde ebenfalls für eine Einklemmung von Eingeweiden sprechen.

Bei stark übergewichtigen Patienten, kleinen Bruchpforten oder einer schlaffen Bauchdecke reicht die eben beschriebene Untersuchung manchmal nicht aus, um einen Leistenbruch sicher zu diagnostizieren, beziehungsweise auszuschließen. Dann helfen Diagnoseverfahren wie Ultraschall, Computertomographie oder Kernspintomografie (MRT) weiter.

Selbst ein unkomplizierter, noch zurückschiebbarer und kleiner Leistenbruch heilt nie von alleine aus. Eine einmal etablierte Bruchpforte ist eine bleibende Schwachstelle, die weder von selbst noch durch gezieltes Muskeltraining besser wird. Eher verschlechtert sich der Leistenbruch. Deswegen sollte die Bruchpforte immer operativ verschlossen werden um ein erneutes Heraustreten von Eingeweideteilen zu vermeiden und Komplikationen vorzubeugen. Lediglich bei Menschen in sehr schlechtem Allgemeinzustand spricht die Risiken-Nutzen-Abwägung manchmal dafür abzuwarten, eventuell unter Einsatz an sich überholter Bruchbänder oder sonstiger äußerer Stützvorrichtungen. Für im Internet kursierende Strategien zur operations-freien Heilung von Leistenbrüchen gibt es laut Expertenmeinung keine haltbaren Belege.

Offen oder endoskopisch, mit oder ohne Netz?

Ein Bruch kann durch eine offene Operation oder eine endoskopische „Schlüssellochoperation“ verschlossen werden. Hier wie dort gibt es netzfreie und netzgestützte Techniken. Netzfreie Techniken, bei denen die Bruchpforte ohne stützendes Fremdmaterial vernäht wird, kommen eher bei kleineren Brüchen und insbesondere bei Kindern zum Einsatz. Netze erlauben den spannungsfreien Verschluss auch großer Bruchlücken und gelten deshalb vielen als sicherere und haltbarere Lösung. Netze haben allerdings den Nachteil, dass Sie als eingebrachtes Fremdmaterial manchmal das umgebende Gewebe irritieren, ein Fremdkörpergefühl erzeugen oder sich auch verlagern können.

Vorteilhaft für Patienten ist, ein Zentrum aufzusuchen, das mit allen etablierten Methoden umfangreich vertraut ist. So ist mit größter Sicherheit zu erwarten, dass die individuell geeignetste Methode zum Einsatz kommt. Welche dies ist, kann manchmal erst während der Operation zuverlässig entschieden werden.

Ambulant oder stationär?

Leistenbruchoperationen können je nach Ausmaß des Eingriffes, der Konstitution des Patienten und der Gewährleistung einer häuslichen Versorgung stationär oder ambulant durchgeführt werden.

Lokal- oder Vollnarkose?

Während bei endoskopischen Eingriffen mehrheitlich eine Vollnarkose empfohlen wird, können offene unkomplizierte Operationen auch unter einer örtlichen Betäubung durchgeführt werden.

Unabhängig vom Eingriffs- und Narkoseverfahren ist es wichtig, die angeordnete Schonzeit penibel zu befolgen. Zwei bis drei Wochen sollte auf schwere Alltagsbelastungen verzichtet werden, spätestens nach sechs Wochen ist normalerweise die volle Belastbarkeit wieder gegeben.

Das Risiko, dass sich aus einem unbehandelten unkomplizierten Leistenbruch ein notfalloperationspflichtiger eingeklemmter Leistenbruch entwickelt, wird pro Jahr mit ein bis drei von 100 Fällen angegeben. Nach operativer Sanierung eines Leistenbruches erleiden je nach Ausgangssituation, Operationsverfahren und Qualität des Operateurs einer bis vier von 100 Operierten  einen erneuten Leistenbruch. Ein solches "Rezidivrisiko" liegt bei netzgestützten Verfahren deutlich niedriger als bei den älteren Techniken ohne Netz.

Etwa 27 von 100 Männern, aber nur drei von 100 Frauen erleiden im Laufe ihres Lebens einen Leistenbruch. Beim "starken Geschlecht" begünstigt die Anatomie des männlichen Leistenkanals einen Leistenbruch. Bei Frauen ist der Leistenkanal außerdem enger.
Häufigkeitsgipfel für Leistenbrüche sind geburtsnah (angeborene Leistenbrüche), beim Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter (Manifestation angeborener Veranlagungen) und in fortgeschritteneren Jahren infolge einer mit dem Alter zunehmenden Bindegewebsschwäche.

Textnachweis 

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Marion Paskuda, Praktische Ärztin und Dr. med. Andrea Reiter, Ärztin

Literatur

Weiterführende Informationen

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Webcode dieser Seite: s000517 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 26.06.2015 Letzte Aktualisierung am: 08.12.2016
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