Kreuzbandriss (Riss des vorderen Kreuzbands)

Die meisten Kreuzbandrisse passieren beim Ballsport oder Skifahren. Frauen haben ein höheres Risiko für diese Knieverletzung als Männer. Ein Riss kann, muss aber nicht immer operiert werden. Dies hängt unter anderem vom Ausmaß der Verletzung, von der Stabilität des Knies und vom Alter ab.

Das vordere Kreuzband ist eines der vier großen Bänder, die das Knie stabil halten. Es ist das Band, das am häufigsten reißt. Ursache sind meist Sportverletzungen, zum Beispiel durch einen Sturz beim Skifahren oder durch ein verdrehtes Knie beim Fußball.

Ein Riss des vorderen Kreuzbands kann, muss aber nicht immer operiert werden. Dies hängt unter anderem vom Ausmaß der Verletzung, von der Stabilität des Knies und vom Alter ab. Für die Wahl der Behandlung ist aber auch die persönliche Situation wichtig – zum Beispiel, welchen Beruf man hat und welchen Sport man weiter ausüben möchte.

Auch das hintere Kreuzband kann reißen. Dies kommt aber viel seltener vor und ist nicht Thema dieser Informationen.

Wenn das vordere Kreuzband reißt, ist oft ein Knack- oder Knallgeräusch zu hören. Das Knie schwillt meist unmittelbar nach der Verletzung an und schmerzt, vor allem, wenn man es bewegt. Manchmal kann man nach einem Kreuzbandriss normal auftreten. Allerdings fühlt sich das Knie instabil an – so als würden sich Ober- und Unterschenkel leicht verschieben. Dieses Gefühl kann zum Beispiel entstehen, wenn man in die Knie geht, seitwärts geht sowie bei Drehbewegungen. Oft stellt es sich ein, wenn das Bein mit dem gesamten Körpergewicht belastet wird, etwa beim Treppensteigen.

Bei etwa 90 % der Kreuzbandrisse sind neben dem vorderen Kreuzband noch andere Bänder oder Knorpel am Knie mitverletzt:

  • In 50 bis 75 % einer oder beide Menisken,
  • in etwa 50 % der Gelenkknorpel,
  • in etwa 15 % das Innen- oder Außenband des Knies.

Zudem sind meist auch die Knochen geprellt. Diese Verletzung führt meist zu stärkeren Schmerzen und weiteren Beschwerden.

Das vordere und hintere Kreuzband sowie das Außen- und Innenband verbinden die Ober- und Unterschenkelknochen miteinander (siehe Grafiken). Das vordere Kreuzband hat dabei folgende Aufgaben:

  • Es gibt dem Knie Halt, indem es dafür sorgt, dass sich das Schienbein nicht nach vorne wegbewegt.
  • Zusammen mit dem hinteren Kreuzband verhindert es, dass sich das Knie verdreht: Dazu wickeln sich die Kreuzbänder umeinander und stabilisieren das Knie.

Zudem enthält das vordere Kreuzband spezielle Sinneszellen (Rezeptoren), die Muskelreflexe steuern, um das Knie zu stabilisieren.

 

Grafik: Ansicht des rechten Knies von vorne und von der Seite

Ansicht des rechten Knies von vorne und von der Seite

 

Grafik: Querschnitt des rechten Kniegelenks, Ansicht von oben

Querschnitt des rechten Kniegelenks, Ansicht von oben

 

Starke Belastungen können das vordere Kreuzband zum Reißen bringen, wenn man zum Beispiel

  • das Knie mit Wucht verdreht – etwa, wenn man aus dem Lauf abbremst und dabei die Bewegungsrichtung ändert oder das Bein unter Belastung nach innen wegknickt;
  • nach einem Sprung unglücklich mit gestrecktem Bein landet.

Zu Kreuzbandrissen kommt es vor allem bei Sportarten wie Fußball, Handball, Volleyball, Basketball und Skifahren. Frauen haben beim Ballsport ein höheres Risiko für Kreuzbandrisse als Männer. Dafür werden verschiedene Gründe diskutiert: Unter anderem haben Frauen meist eine schwächer ausgeprägte rückseitige Oberschenkelmuskulatur.

Die meisten Kreuzbandrisse passieren beim Ballsport. Am häufigsten sind Sportler zwischen 15 und 45 Jahren betroffen. Über die sportliche Karriere addiert sich das Risiko. Eine Zusammenfassung von über 50 Studien mit Ballsportlerinnen und -sportlern zeigt:

  • 3 bis 4 % der Frauen und
  • 2 % der Männer

verletzen sich irgendwann das vordere Kreuzband.

Wenn ein Kreuzbandriss erfolgreich behandelt wird, funktioniert das Knie später bei etwa 80 bis 90 % der Betroffenen wieder normal oder fast normal. Wenn die Verletzungen ausgeheilt sind, treiben die meisten weiter Sport. Allerdings entscheiden sich etwa 20 bis 30 % aus Angst vor einer weiteren Verletzung dafür, die Sportart zu wechseln oder beim Sport einen Gang herunterzuschalten – auch wenn dies oft nicht nötig wäre.

Langfristig erhöht ein Riss des vorderen Kreuzbands das Risiko, früher eine Kniearthrose zu entwickeln – vor allem, wenn zusätzlich die Menisken verletzt wurden. Eine Zusammenfassung von Studien über einen Zeitraum von gut zehn Jahren zeigt:

  • Nach einem Kreuzbandriss entwickelte sich in etwa 20 % der Knie eine im Röntgenbild deutlich sichtbare Arthrose.
  • Ohne Kreuzbandriss entwickelte sich in etwa 5 % der Knie eine deutlich sichtbare Arthrose.

Das Kniearthrose-Risiko hängt nicht davon ab, wie der Riss behandelt wird.

Sichtbare Veränderungen auf einem Röntgenbild bedeuten allerdings nicht, dass es auch zu Beschwerden kommt. Aus anderen Studien weiß man, dass Röntgenbilder oft nicht viel über Beschwerden aussagen. Zudem kann man auch nach einem Kreuzbandriss selbst für ein gut funktionierendes Knie sorgen, indem man das Knie gut trainiert.

Um einen Riss des vorderen Kreuzbands festzustellen, fragt die Ärztin oder der Arzt zunächst nach den Beschwerden und dem Unfallhergang. Sie oder er tastet das Knie ab und macht verschiedene Untersuchungen. Dabei werden der Ober- und / oder Unterschenkel bewegt, um die Stabilität des Knies zu prüfen.

Bei Bedarf liefert eine Magnetresonanztomografie (MRT) genaue Bilder des Knies mit den Bändern und Menisken. Durch eine Röntgenuntersuchung kann festgestellt werden, ob Knochen gebrochen sind – aber nicht, ob Bänder beschädigt oder gerissen sind.

Bestimmte Übungen vor dem Sport können helfen, Risse des vorderen Kreuzbands zu vermeiden. Zur Vorbeugung gibt es spezielle Programme aus Übungen zum Aufwärmen, zur Kräftigung der Rumpf- und Beinmuskulatur und zur Verbesserung des Gleichgewichts, der Koordination und Schnellkraft. Medizinische Fachgesellschaften empfehlen beispielsweise das über den Deutschen Fußballbund verfügbare Programm FIFA 11+ und das von der Deutschen Kniegesellschaft entwickelte Programm Stop-X.

Solche Programme wurden für Sportarten mit einem erhöhten Risiko für Kreuzbandrisse entwickelt, wie Fußball oder Handball. Sie lohnen sich vor allem für sehr aktive Sportlerinnen und Sportler. Denn das Verletzungsrisiko beim Ballsport hängt vom Umfang des Trainings und der Zahl der Wettkämpfe ab.

Wenn das vordere Kreuzband gerissen ist, braucht das Knie zuerst einmal Ruhe. Direkt nach dem Unfall sollte es hochgelegt und gekühlt werden, bis die akuten Schmerzen und die Schwellung zurückgehen. Ein Druckverband und entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen können ebenfalls sinnvoll sein. In den Tagen nach der Verletzung kann eine Gehhilfe das Knie entlasten – vor allem, wenn es sehr instabil ist.

Zur Behandlung eines gerissenen Kreuzbands gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Die konservative Behandlung soll die Kniemuskulatur soweit stärken, dass sie die Funktion des fehlenden Kreuzbands ausgleichen kann. Ob sie infrage kommt, hängt davon ab, ob auch andere Kniestrukturen verletzt sind – und wenn ja, welche. Nach einer erfolgreichen konservativen Behandlung ist das Knie in der Regel innerhalb von 2 bis 3 Monaten wieder normal belastbar. Wie lange es dauert, bis man in den Sport zurückkehren kann, hängt unter anderem von der Sportart ab.
  • Bei einer Operation wird das gerissene Kreuzband ersetzt. Dazu schneidet die Ärztin oder der Arzt aus einer anderen Sehne im Körper ein Stück aus und setzt es ins Knie ein. Das Sehnenstück wird meist aus einem Sehnenstrang an der Innenseite der Oberschenkelmuskulatur entnommen, manchmal auch aus der Patella-Sehne oder der Quadrizeps-Sehne. Zunächst bohrt die Operateurin oder der Operateur einen Tunnel oder eine Fassung in den Ober- und Unterschenkel. Dort wird die Ersatzsehne dann mit Schrauben, Knöpfen oder Stiften verankert. Sie wird so platziert, dass sie die Funktion des ursprünglichen Kreuzbands so gut es geht übernehmen kann. Operiert wird im Rahmen einer Gelenkspiegelung (Arthroskopie), bei der durch mehrere Schnitte um das Knie kleine Operationsinstrumente eingeführt werden.

Wenn das Knie operiert werden soll, wartet man nach dem Unfall üblicherweise 2 bis 4 Wochen mit dem Eingriff. In dieser Zeit kann die Schwellung zurückgehen und sich das Knie beruhigen. Wenn es zum Zeitpunkt der Operation noch steif, geschwollen oder entzündet ist, kann sich das Gewebe im Knie verhärten und später die Beweglichkeit einschränken. Vor der OP wird deshalb mit geeigneten Übungen die Beweglichkeit des Knies verbessert und die Muskulatur gestärkt.

Nach der Operation ist dann eine je nach Sportart 4 bis 12 Monate dauernde Heil- und Trainingsphase nötig.

Bislang gibt es nur eine größere Studie, die die konservative mit der operativen Behandlung verglichen hat. Sie zeigte, dass eine konservative Behandlung bei gut 50 % der Betroffenen auch langfristig erfolgreich ist – im Vergleich zu 80 bis 90 % bei der Operation. Nach aktuellem Wissen hat es aber keine Nachteile für die Kniefunktion, wenn man das Knie zunächst konservativ behandelt und es, wenn nötig, später noch operiert. Allerdings ist das Risiko für weitere Verletzungen nach einer konservativen Behandlung etwas höher – zum Beispiel an den Menisken.

Medizinische oder persönliche Gründe, die eher für eine Operation sprechen, sind:

  • Hohe sportliche Erwartungen: Zum Beispiel, wenn man nach der Operation weiter Leistungssport machen oder Sportarten ausüben möchte, die Richtungswechsel, Drehbewegungen oder schnelles Abbremsen erfordern.
  • Größere Verletzungen an den Menisken: Vor allem, wenn diese zu Beschwerden führen wie einem blockierten Knie.
  • Gleichzeitiger Riss des Innen- oder Außenbands: In diesem Fall ist das Knie so instabil, dass eine konservative Behandlung in der Regel nicht infrage kommt.
  • Ein Beruf, der das Knie stark belastet: Zum Beispiel, wenn jemand viel Treppen steigen und dabei schwer tragen muss, etwa als Paketbote oder Möbelpacker.

Ob man sich für oder gegen eine Operation entscheidet, ist auch eine Frage der persönlichen Abwägung. Manche Menschen möchten eine Operation möglichst vermeiden und versuchen es ohne. Andere möchten das Risiko vermeiden, dass nach einer konservativen Behandlung später doch eine Operation nötig wird und lassen sich lieber gleich operieren.

Nach einer Operation dauert es Monate, bis ein Kreuzbandersatz vollständig eingeheilt und seinen neuen Aufgaben gewachsen ist. Um den Ersatz zu entlasten und das Knie zu stabilisieren, sind kräftige Oberschenkelmuskeln wichtig. Sie zu stärken und das Knie an das neue Kreuzband zu gewöhnen, ist das Ziel der Rehabilitation. Es dauert eine Weile, bis das Gefühl für das Knie zurückkehrt und man es so selbstverständlich bewegen kann wie vor dem Unfall.

Wenn das Kreuzband nicht operiert wird, hilft eine Reha, die Muskeln durch gezieltes Training soweit aufzubauen, dass sie das Knie stabil halten. Eine Physiotherapie ist daher bei allen Behandlungen sinnvoll.

Nach einer Operation ist es in der Regel nach 4 bis 6 Monaten möglich, mit schonenden Sportarten zu beginnen. Intensiver Ball- oder Kampfsport ist in der Regel erst nach 9 bis 12 Monaten möglich. Bei einer konservativen Behandlung verkürzt sich die Genesungszeit um etwa 2 bis 3 Monate.

Wie die Rehabilitation genau abläuft und wie lange sie dauert, hängt von verschiedenen persönlichen Faktoren ab, unter anderem von

  • den körperlichen Voraussetzungen (zum Beispiel wie gut man trainiert ist),
  • den Zielen der Reha (zum Beispiel, ob wieder Leistungssport möglich sein soll),
  • dem Ausmaß der Verletzungen und
  • von der Art des verwendeten Kreuzbandersatzes (bei einer Operation).

Es ist manchmal schwer zu akzeptieren, wie lange es dauert und wie viel Aufwand nötig ist, bis die frühere Leistungsfähigkeit zurückkehrt. Neben konsequentem Training ist deshalb Geduld eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Rehabilitation.

Es ist hilfreich, schon vor der Operation ein paar Vorkehrungen für die Zeit der Rehabilitation zu treffen, zum Beispiel:

  • bereits vor der Operation zu üben, sich mit Gehstützen zu bewegen.
  • mögliche Hindernisse oder Stolperfallen in der Wohnung zu beseitigen. Beispielsweise kann es sinnvoll sein, in einem anderen Zimmer zu schlafen, wenn sich dadurch Treppen vermeiden lassen.
  • den Weg zur Arbeit, Schule oder Uni zu regeln. Je nachdem, welches Bein betroffen und wie stark die Verletzung ist, kann es mehrere Wochen dauern, bis man wieder selbst Auto fahren kann.
  • sich Hilfe im Alltag zu organisieren – zum Beispiel bei Einkäufen oder anderen Erledigungen.
  • einen kleinen Duschhocker zu besorgen, damit man im Sitzen duschen kann.

Wenn man viel auf Gehstützen gehen muss, kann dies manchmal zu anderen Beschwerden führen, wie zum Beispiel Muskelkater und Verspannungen in Rücken, Nacken oder Schultern. Auch dem kann man durch Training vor der OP vorbeugen.

Die Hausarztpraxis ist meist die erste Anlaufstelle, wenn man krank ist oder bei einem Gesundheitsproblem ärztlichen Rat braucht. Wir informieren darüber, wie man die richtige Praxis findet, wie man sich am besten auf den Arztbesuch vorbereitet und was dabei wichtig ist.

Textnachweise

Quelle: Gesundheitsinformation.de

Herausgeber: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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Webcode dieser Seite: s000971 Autor: IQWiG Letzte Aktualisierung am: 30.08.2019
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