Gelenkersatz bei Arthrose

Wenn gar nichts mehr geht, kann ein arthrotisch geschädigtes Gelenk durch eine Endoprothese ersetzt werden. Mit dem Austausch des Gelenks ist die Arthrose beseitigt - aber der Eingriff birgt auch Risiken.

Künstliche Gelenke werden als Ersatz (Prothese) eines geschädigten natürlichen Gelenks im Körper verankert, daher heißen sie Endoprothesen (endo = innen). Sie sind auf langfristige Funktion ausgelegt und können 15 Jahre und länger halten. Endoprothesen stehen für nahezu alle Gelenke der Extremitäten zur Verfügung, von Finger- über Hand-, Knie- und Hüftgelenke. Pro Jahr werden in Deutschland etwa 400.000 Menschen mit Endoprothesen versorgt. Im Jahr 2010 wurden in Deutschland 210.000 künstliche Hüftgelenke sowie 165.000 künstliche Kniegelenke implantiert. An Materialien kommen hochwertige Stahllegierungen, Keramik und Polyethylen zum Einsatz.

Bei fortgeschrittener Arthrose kann der Gelenkknorpel so weit geschädigt und das Gelenk so deformiert sein, dass es kaum oder gar nicht mehr zu bewegen ist und der Patient unter ständigen Schmerzen leidet. Das gilt für Arthrosen der Hände, der Knie- und Hüftgelenke gleichermaßen. Operative Eingriffe können die letzte Behandlungsmöglichkeit sein; sie kommen in der Regel zum Einsatz, wenn alle medikamentösen und krankengymnastischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Grundsätzlich können Eingriffe gelenkerhaltend (Osteotomie), gelenkversteifend (Arthrodese) oder gelenkersetzend (Einsetzen eines künstlichen Gelenks oder von Teilen davon) durchgeführt werden.

Das Einsetzen eines künstlichen Gelenks ist heute bei schwerer Hüftarthrose und Kniearthrose eine Standardtherapie. In der Regel bessern sich Schmerzen und die Funktionalität des Gelenks. Es kann aber auch zu Komplikationen kommen, denn der Eingriff birgt die Risiken einer großen Operation. Daher muss eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein. Aus medizinischer Sicht kommt der Ersatz eines arthrotisch geschädigten Gelenks in Frage, wenn

  • der Patient an starken und fortschreitenden Beschwerden und Schmerzen leidet und also eine Therapie benötigt,
  • gleichzeitig alle gelenkerhaltenden Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind (Medikamente, Physiotherapie) und
  • gelenkerhaltende Operationen keinen Erfolg mehr versprechen. 

Der Arzt/ die Ärztin muss sich also ein genaues Bild von Art und Ausmaß der degenerativen Gelenkveränderungen machen. Wie würde sich die Arthrose ohne Operation entwickeln? Lassen Knochenqualität und anatomische Voraussetzungen eine Operation zu? Bringt der Patient genügend Motivation für die nötigen Reha-Maßnahmen nach der Operation auf? Zu berücksichtigen sind aus ärztlicher Sicht auch das Alter des Patienten und sein individuelles Operationsrisiko.

Auch der Betroffene sollte sich bei der Entscheidung für oder gegen einen Gelenkersatz eine Reihe von Fragen beantworten: Wie stark bin ich bereits beeinträchtigt? Wie groß ist mein Leidensdruck? Nehme ich das Operationsrisiko auf mich? Mit welchen Einschränkungen muss ich ohne den Gelenkersatz rechnen, mit welchen Einschränkungen auch danach? Bin ich bereit, mich einer eventuell nötigen Folgeoperation zu unterziehen?

Auch die beste Endoprothese ist nur begrenzt haltbar. In der Regel dauert es mehr als 15 Jahre, bevor sie sich lockert oder abgenutzt ist. Wegen der dann notwendigen Folgeoperation wird ein Gelenkersatz bei jüngeren Patienten unter strengeren Voraussetzungen vorgenommen als bei älteren Menschen. Im Falle starker Beeinträchtigung oder wenn die Gelenkzerstörung rasch voranschreitet und eine Operation absehbar erschwert, sollte der Eingriff aber nicht unnötig hinausgezögert werden.

Untersuchungen an einer Vielzahl von Patienten, denen Knie- oder Hüftgelenke ersetzt wurden, zeigten, dass insbesondere die Schmerzen in der Regel schnell zurückgehen. Hingegen stellt sich die maximale Funktionalität des Gelenks erst im Laufe von drei bis sechs Monaten nach der Operation ein.

Beim Ersatz des Hüftgelenks sind die Aussichten auf eine normale Funktion des Gelenks in der Regel etwas besser als bei einer Kniegelenksprothese. Durch den endoprothetischen Ersatz des Hüftgelenkes können in der Regel Schmerzen verringert und die Funktion verbessert werden. Die Lebensqualität der Patienten nähert sich derjenigen gesunden Menschen gleichen Alters an. Alter ist grundsätzlich kein Hindernis für eine erfolgreiche Operation.

Operationen an den Fingergelenken werden selten vorgenommen, sie haben nicht den Routinestandard wie bei Hüft- und Knieoperationen erreicht. End- und Mittelgelenke können zur Stabilisierung chirurgisch versteift werden (Arthrodese). Vor allem beim Endgelenk wird die Funktionalität der Hand dadurch wenig beeinträchtigt. Das Finger-Grundgelenk sollte unbedingt beweglich bleiben und kann gegebenenfalls durch eine Prothese ersetzt werden. Bei den Arthrosen des Daumensattelgelenkes (Rhizarthrosen) können mit Endoprothesen primär gute Ergebnisse erzielt werden, es kann aber je nach Beanspruchung zu frühzeitigen Lockerungen mit schwierigen Folgeeingriffen (Revisionseingriffen) kommen.

Das Risiko für Komplikationen während oder nach der Operation ist gering – besonders dann, wenn ein erfahrener Chirurg operiert.

Allgemeine Komplikationen einer jeden größeren Operation sind zum Beispiel die Bildung von Blutgerinnseln in Venen (Thrombose), die bei Loslösung und Abtransport über den Kreislauf zum Teil lebensgefährliche Verschlüsse in Lungenarterien verursachen können (Embolie). Dieser Gefahr kann durch gerinnungshemmende Medikamente begegnet werden. Auftreten können außerdem Wundheilungsstörung, Blutergüsse, offene Hautstellen oder übermäßige Narbenbildung. Während der Operation können Nerven und Blutgefäße und weitere Gewebestrukturen verletzt werden.

Hüftgelenk: Die häufigste Komplikation nach einem Hüftgelenkersatz ist die schmerzhafte Ausrenkung des neuen Gelenks nach der Operation, zum Beispiel infolge eines Sturzes oder einer Bewegung außerhalb des vorgesehenen Bewegungsumfangs. Das Gelenk wird dann unverzüglich unter ausreichender Schmerzstillung oder in Kurznarkose wieder eingerenkt. Meist wiederholt sich die Ausrenkung nicht. Falls doch, ist eine Folgeoperation nötig.

Die zweithäufigste Komplikation ist die Infektion durch Keime, die während der Operation in den Körper eindringen. Heilt der Infekt durch Antibiotikagabe und/oder durch eine operative Wundsäuberung aus, ist die Langlebigkeit der Prothese nicht gefährdet. Wird die Infektion nicht unter Kontrolle gebracht, muss die Prothese ausgetauscht werden.

Eine wichtige (Spät-) Komplikation ist die Lockerung der Prothese. Eine Hüftprothese hält etwa 15 bis 20 Jahre, bevor sie sich lockert, meist an der Grenze zwischen Implantat und Knochen. Lockere Prothesenteile müssen umgehend ausgetauscht werden, da sie sonst den Knochen beschädigen.
Durch den Einsatz des Kunstgelenks kann es bei der Hüftoperation zu Unterschieden der Beinlänge kommen. Differenzen bis zu einem Zentimeter lassen sich durch Einlagen ausgleichen, darüber muss zusätzlich die Schuhsohle erhöht werden.

Kniegelenk: Anders als bei der Hüfte spielt am Knie der Bandapparat eine große Rolle. Am Kniegelenk ersetzt der Operateur meist lediglich die Oberflächen des Ober- und Unterschenkelknochens. Die Seitenbänder dagegen belässt er.

Zu den häufigsten Komplikationen gehören instabile Seitenbänder. Können sie das Gelenk nicht stabilisieren, muss zu einem Implantat gewechselt werden, bei dem die Prothesenteile miteinander verbunden sind.

Sind Prothesenteile nicht ganz exakt positioniert, kann dies zu belastungsabhängigen Schmerzen und Funktionseinschränkungen führen.
Schmerzen an der Kniescheibe können insbesondere beim Treppensteigen auftreten. Lassen sie sich nicht durch einen mikrochirurgischen Eingriff im Rahmen einer Gelenkspiegelung (Arthroskopie) beheben, kann ein so genannter Rückflächenersatz der Kniescheibe Abhilfe schaffen.

Kunstgelenke können entweder in ein in den Knochen gebohrtes Loch einzementiert, verschraubt oder zementfrei eingepasst werden. Letztere Möglichkeit wird vor allem bei jungen Patienten oder hoher körperlicher Aktivität angewendet. Hier ist mit Folgeoperationen zum Prothesenwechsel zu rechnen, der nach zementfreier Erstoperation leichter gelingt.

Die Operation an Hüfte oder Knie dauert meist kaum mehr als zwei Stunden. Operationen an der Hüfte werden meist in Vollnarkose durchgeführt, am Knie kann zwischen einer Teil- (Rückenmarks-) oder Vollnarkose gewählt werden. Bei einer „Rückenmarksnarkose“ (Spinalanästhesie) erhält der Patient zusätzlich Beruhigungsmittel und erlebt die Operation bei Bewusstsein, aber "wie aus der Ferne". Schon tags darauf können meist die Wunddrainagen gezogen und die Krankengymnastik begonnen werden. Bei gutem Allgemeinzustand und dem entsprechenden sozialen Umfeld kann die wichtige Rehabilitation ambulant stattfinden; andernfalls sollte der Patient in einer Reha-Klinik stationär weiterbetreut werden.

Nach der Reha-Phase ist meist noch eine Gehhilfe oder Krankengymnastik erforderlich. Meist sind die Betroffenen noch einige Wochen nach der Operation krankgeschrieben. Gelenke, die zementfrei eingebracht wurden, sollten in den ersten Wochen nicht übermäßig belastet werden. Prothesenträger müssen zeitlebens bedenken, dass ein Kunstgelenk kein gesundes Gelenk ist. Geeignete Sportarten für Prothesenpatienten sind vor allem Schwimmen, Wandern und Radfahren. Allerdings werden im Blick auf eine immer aktivere Gesellschaft auch Sportarten mit Einschränkungen erlaubt, die bislang "verboten" waren. So dürfen beispielsweise geübte Skifahrer nach einem speziellen Training auch dem alpinen Skisport wieder nachgehen.

Textnachweis

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Stephan Lorenz, Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin und Dr. med. Andrea Reiter, Ärztin

Literatur

Weiterführende Informationen

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Webcode dieser Seite: s000541 Autor: Barmer Erstellt am: 29.10.2015 Letzte Aktualisierung am: 25.10.2018
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