Fettleibigkeit

Bei der Adipositas oder Fettleibigkeit handelt es sich um ein starkes Übergewicht, das durch eine über das normale Maß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts mit krankhaften Auswirkungen gekennzeichnet ist.

Adipositas ist eine ernst zu nehmende Gesundheitsbelastung, die unbehandelt zahlreiche schwere und chronisch verlaufende Folgeerkrankungen begünstigt und die Lebenserwartung deutlich verringert. Bei ihrer Entstehung spielen soziokulturelle Gegebenheiten, erbliche Veranlagung, Lebens- und Essgewohnheiten der Herkunftsfamilie sowie individuelle Verhaltensweisen eine bedeutende Rolle.

Als Übergewicht gilt laut Weltgesundheitsorganisation ein Body Mass Index (BMI) ab 25. Krankhaft übergewichtig (adipös) ist, wer einen BMI  von 30 und mehr hat. Neben dem BMI hat sich ein weiteres Maß für die Fettverteilung im Körper etabliert, das für die Einschätzung des Gesundheitsrisikos aufgrund des übermäßigen Körperfetts wichtig ist: die Einschätzung der Bauchfettmasse durch Messung des Taillenumfangs. Bei Frauen sollte das Maßband dabei nicht mehr als 80 Zentimeter anzeigen, bei Männern nicht mehr als 94.

Die chronische Krankheit Adipositas hat weltweit epidemische Ausmaße angenommen. Auch in Deutschland nimmt die Häufigkeit der Fettleibigkeit seit Jahrzehnten kontinuierlich zu. Der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt.

Viele Übergewichtige leiden unter ihrer Figur und haben bereits zahlreiche Diäten hinter sich. Die Erfolge sind jedoch meist kurzlebig, oft kommt es zum so genannten Jojo-Effekt.

Das Ziel der Therapie liegt vor allem in einer langfristigen Gewichtskontrolle. Angehörige und Freunde können Betroffene im täglichen Leben unterstützen, indem sie die Ernährungsumstellung und die Bewegungsprogramme mitmachen. Da es generell um die Förderung einer gesunden Lebensweise geht, können alle davon profitieren.

Adipositas ist eine chronische Krankheit. Der wichtigste Grund für überhöhtes Körpergewicht ist ein ungesunder Lebensstil: Falsche Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel legen den Grundstein für die schleichende Gewichtszunahme über Jahre. Übergewichtige Kinder kommen häufig aus Familien, in denen ein Elternteil ebenfalls übergewichtig ist. Weil gerade in der Kindheit die Fettzellen gebildet werden, bleiben dicke Kinder auch als Erwachsene zu korpulent.

Soziokulturelle Faktoren

Der moderne Lebensstil in Industrieländern ist gekennzeichnet durch Bewegungsmangel und falsche Ernährungsgewohnheiten. Technische Errungenschaften ersetzen zunehmend die direkte körperliche Arbeit, sei es im Haushalt, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Zwar hat sich die Kalorienaufnahme in den letzten Jahrzehnten stetig verringert, die Zahl der Übergewichtigen nahm im gleichen Zeitraum aber kontinuierlich zu. Der Grund dafür liegt im wesentlich stärkeren Rückgang des täglichen Energieverbrauchs.

Soziale Faktoren

Auch psychisch stabile Betroffene leiden oft unter der alltäglich spürbaren sozialen Diskriminierung, der sie aufgrund ihrer Erkrankung ausgesetzt sind. So ist Untersuchungen zu entnehmen, dass Angststörungen und Depressionen seit Ende der achtziger Jahre bei Adipösen häufiger festgestellt werden als früher. Der Körperkult in unserer Gesellschaft stellt für viele eine psychische Belastung dar, die vor allem im Zusammenhang mit Esssucht das problematische Essverhalten noch weiter verstärken kann.

Familiäre Faktoren

Studien zeigen, dass übergewichtige Kinder häufiger aus Familien kommen, in denen bereits ein Elternteil übergewichtig ist. Diese Ergebnisse weisen einerseits auf die genetische Komponente dieser Erkrankung hin, aber auch auf familiäre Essgewohnheiten. Mütter übergewichtiger Kinder werden häufiger als überbehütend, überfürsorglich beschrieben: Kinder werden mit Essen getröstet, belohnt oder ruhiggestellt. Liegt bereits in der Kindheit ein deutliches Übergewicht vor, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, auch als Erwachsener übergewichtig zu sein.

Individuelle Faktoren

Liebe geht durch den Magen. Viele Betroffene verbinden mit Essen Selbstfürsorge: Essen wird zur Stressbewältigung, Belohnung oder generell zur Überbrückung negativer Empfindungen eingesetzt. Übergewichtige werden von ihrer Umgebung oft als freundliche und kommunikative Menschen geschildert, die eigenen Problemen wenig Beachtung schenken. Diese Wahrnehmung kann im Zusammenhang mit der Funktionalisierung des Essens als Mittel zur Unterdrückung beziehungsweise Abwehr von Aggression, Ängsten, Kränkungen oder Depression stehen.

Einige Betroffene empfinden ihre Körperfülle als Schutz vor Rollenzuweisungen. Primäre Geschlechtsmerkmale und damit auch sexuelle Attraktivität verschwinden unter einer Fettschicht. Das Übergewicht kann die Funktion eines Schutzschildes erfüllen und Betroffenen sozusagen "die Umwelt vom Leibe halten". Andere wiederum sichern sich durch ihre Körperfülle Aufmerksamkeit und verhindern so, übersehen zu werden.

Psychische Störungen wie Angsterkrankungen oder Depressionen treten bei Übergewichtigen, die ihr Selbstwertgefühl stark von ihrem körperlichen Erscheinungsbild abhängig machen, häufiger auf.

Biologische Faktoren

Untersuchungen haben gezeigt, dass genetische Faktoren nicht nur im Zusammenhang mit dem Body Mass Index von Bedeutung sind, auch die Gewichtszunahme durch Nahrung und die Körperfettverteilung selbst sind genetisch bestimmt.

Medizinische Ursachen

Bei weniger als einem Prozent der Adipösen sind körperliche Erkrankungen wie Stoffwechselstörungen der Grund für das starke Übergewicht. Zudem zeigen manche Medikamente, etwa Antidepressiva, als Nebenwirkung eine Gewichtszunahme.

Andere Ursachen

Eine typische Situation, die häufig mit Gewichtszunahme gekoppelt ist, ist Nikotinentzug. Nicht umsonst ist dieser Effekt für viele Raucherinnen und Raucher ein Hindernis für den Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören.

Einige Frauen nehmen in der Schwangerschaft mehr an Gewicht zu, als sie dies unter medizinischen Gesichtspunkten sollten. Trotzdem sollte eine Gewichtsreduktion nicht während der Schwangerschaft und Stillzeit durchgeführt werden.

Erkrankungen, die mit einer länger andauernden oder totalen Immobilität einhergehen, können aufgrund des gesenkten Energieverbrauchs zu Übergewicht führen.

Wer sich gesund ernährt und ausreichend bewegt, kann sein Normalgewicht meist halten. Hilfreich hierbei ist auch die seelische Ausgeglichenheit. So kann Stress- oder Frustessen vermieden werden, das bei vielen Menschen zur Gewichtszunahme beiträgt.

Vorbeugende Maßnahmen sollten bereits im Kindesalter ansetzen. Eine wichtige Rolle spielt der familiäre Umgang mit Essen und Nahrungsmitteln, da dieser das Essverhalten der Kinder prägt. Besondere Bedeutung kommt hier den regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten zu, bei denen frische und gesunde Lebensmittel angeboten werden.

Kinder benötigen Erklärungen, warum Obst gesund ist und immer konsumiert werden kann, aber Naschereien nur eingeschränkt verzehrt werden sollten. Wenn Eltern ein gutes Vorbild geben, ist für Kinder gesunde und ausgewogene Ernährung etwas ganz Normales und bedarf nur geringer Kontrolle.

Je mehr Übergewicht Betroffene mit sich herumtragen, desto eher kommt es aufgrund der mechanischen Überlastung zu Gelenkschmerzen, Rückenbeschwerden und verminderter körperlicher Leistungsfähigkeit. Bei einigen Erkrankten bilden sich Ekzeme in den Hautfalten.

Hinzu kommen meist auch psychische Probleme. Die soziale Diskriminierung aufgrund der äußeren Erscheinung, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, kann zu Ängsten und Depressionen führen.

Übergewicht ist die Grundlage für viele gesundheitliche Störungen. So gehen etwa 80 Prozent der Fälle von Typ-2-Diabetes auf Adipositas zurück. Auch das Risiko für andere Krankheiten wie Bluthochdruck, Arteriosklerose, Koronare Herzkrankheit (KHK) und erhöhte Cholesterinwerte steigt.

Außerdem begünstigt das krankhafte Übergewicht Herzschwäche (Herzinsuffizienz), Schlaganfall, Gallensteinleiden, Abnutzungserscheinungen an den Gelenken, Krebserkrankungen, Gicht und degenerative Erkrankungen, hormonelle Störungen wie erniedrigte Testosteronwerte bei Männern, Probleme bei der Atmung und nächtliche Atemstillstände (Schlafapnoe). Übergewicht erhöht auch das Operations- und Narkoserisiko und führt zu Verdauungsbeschwerden.

Psychische Störungen wie Angsterkrankungen oder Depressionen treten bei Übergewichtigen, die ihr Selbstwertgefühl von ihrem körperlichen Erscheinungsbild abhängig machen, häufiger auf.

Die Verteilung des Bauchfetts hängt zwar mit dem BMI zusammen, eine zu große Taillenweite gilt aber auch als unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen - auch bei nur mäßigem Übergewicht. Ein Taillenumfang von mehr als 88 Zentimetern bei Frauen und 102 Zentimetern bei Männern bedeutet ein stark erhöhtes Risiko für Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen, arteriellen Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Bei Frauen mit Adipositas treten während der Geburt häufiger Komplikationen auf als bei normalgewichtigen Frauen. Spontangeburten sind bei stark Übergewichtigen seltener. Die Kinder sind häufig größer und haben auch ein höheres Geburtsgewicht (4 kg und mehr), ein Umstand, der Kaiserschnittgeburten ebenfalls öfter notwendig macht. Trotz der Risiken, die ein stark erhöhtes Körpergewicht in dieser Zeit mit sich bringt, dürfen während der Schwangerschaft und Stillzeit keine gewichtsreduzierenden Maßnahmen durchgeführt werden.

Die Diagnoseerstellung erfolgt aufgrund der Angaben, die Betroffene im Gespräch mit dem Arzt machen, sowie den Ergebnissen einer körperlichen und einer Laboruntersuchung.

Im Gespräch wird der Arzt/die Ärztin Betroffene zu Ernährungsgewohnheiten, Essverhalten, Gewichtsverlauf, Begleitumständen der Gewichtszunahme, körperlichen Aktivitäten, zur psychosozialen und beruflichen Situation sowie zu familiären Belastungen befragen. Außerdem werden frühere Therapieversuche, Gründe für deren Scheitern und die Motive für den jetzigen Behandlungswunsch angesprochen.

Die Diagnoseerstellung der Adipositas fällt in die Kompetenz verschiedener medizinischer Fächer. Zentrale Diagnosekriterien für Adipositas sind das Ausmaß des Übergewichts und das Muster der Körperfettverteilung. Das Ausmaß des Übergewichts zeigt der Body-Mass-Index (BMI) an – das Verhältnis zwischen Gewicht (in kg) und Körperoberfläche (in m2). Laut WHO gilt folgende Gewichtsklassifizierung nach dem BMI:

  • Normalgewicht: BMI 18,5 - 24,9
  • Übergewicht: BMI 25 und mehr
  • Präadipositas: BMI 25,0 - 29,9
  • Adipositas Grad I: BMI 30,0 - 34,9
  • Adipositas Grad II: BMI 35,0 - 39,9
  • Adipositas Grad III(extreme Adipositas): BMI 40 und mehr

Die meisten Diäten und auch die derzeit zur Verfügung stehenden Medikamente haben in Langzeituntersuchungen nicht zu der erhofften dauerhaften Gewichtsreduktion geführt. Da die Gewichtsprobleme bei vielen Betroffenen praktisch ein Leben lang bestehen und die gewichtsstabilisierenden Maßnahmen sehr schwierig einzuhalten sind, sind Rückfälle sehr häufig. Am erfolgversprechendsten haben sich eine individuell abgestimmte Ernährung, regelmäßig durchgeführte Bewegungsprogramme und verhaltenstherapeutische Unterstützung sowie die Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe erwiesen.

Bei starkem Übergewicht ist eine ärztliche Unterstützung der Gewichtsreduktion sinnvoll. Hinsichtlich der anzustrebenden Gewichtsabnahme richten sich die Empfehlungen nach dem Ausgangsgewicht: Bei einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 25 und 35 sollten Patienten innerhalb von sechs bis zwölf Monaten mehr als fünf Prozent ihres Ausgangsgewichts abnehmen, bei einem BMI über 35 mehr als zehn Prozent des Ausgangsgewichts. In leichteren Fällen von Adipositas kann die Behandlung vom Hausarzt in Zusammenarbeit mit Experten wie Psychotherapeuten, Ernährungsberatern, Physiotherapeuten und eventuell nötigen Fachärzten durchgeführt werden.

Bei einer Adipositas des zweiten und dritten Grades ist eine stationäre Behandlung in einer dafür spezialisierten Einrichtung zu überlegen, da hier eventuell auch chirurgische Maßnahmen in Betracht zu ziehen sind. Jede Therapie muss individuell abgestimmt sein und Krankheitsfortschritt, Krankheitsdauer, Anzahl der zusätzlichen Risikofaktoren wie zum Beispiel Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte oder Zuckerkrankheit und Anzahl der Behandlungsabbrüche berücksichtigen.

Wichtige Voraussetzungen für die Durchführung jeder Behandlung sind:

  • Die Kooperationsfähigkeit und -bereitschaft des Patienten müssen vorausgesetzt werden können.
  • Der Patient/ die Patientin ist genau informiert über die Erkrankung, eventuelle Komplikationen und den Therapieablauf.
  • Der Arzt/ die Ärztin und/oder Therapeut/Therapeutin hat realistische, den individuellen Bedingungen angepasste Behandlungsziele festgesetzt.

Das Basisprogramm, das jeder gewichtsreduzierenden Therapie zugrunde liegt, umfasst Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie. Die Ernährungs- und Bewegungsrichtlinien entsprechen den wirksamen Selbsthilfemaßnahmen.

Ernährungstherapie

Empfohlen wird eine Mischkost mit einem Energiedefizit von 500 Kilokalorien (kcal) pro Tag (in Einzelfällen mehr), vor allem durch das Einsparen von Fett. Diäten mit sehr niedriger Kalorienzufuhr sind langfristig nicht erfolgreicher als eine mäßig kalorienreduzierte Kost (bei Diät als einziger Maßnahme), eignen sich aber für eine rasche Gewichtsreduktion bei akuten Erkrankungen.

Damit die Nahrungsumstellung möglichst lange beibehalten werden kann, hat sich die Einbeziehung des gesamten Umfelds als sehr hilfreich erwiesen. Eine genaue Information des Betroffenen über Ernährung ist generell zu begrüßen.

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie ist wichtig für den Langzeiterfolg. Dabei werden Betroffene unterstützt, ihr persönliches Verhalten zur konsequenten Umsetzung der Ernährungs- und Bewegungsumstellung zu verändern.

  • Selbstbeobachtung des Ess- und Trinkverhaltens mit Hilfe eines Ernährungstagebuchs hilft Betroffenen, sich die Situationen bewusst zu machen, in denen sie vermehrt essen.
  • Betroffene erlernen Techniken der Selbstkontrolle, um zu vermeiden, Kost mit zu hohem Kaloriengehalt zu essen - etwa Vermeidung von "nebenbei essen".
  • Einüben eines flexibel kontrollierten Essverhaltens ohne rigide Verbote: Betroffene lernen, ihr Essen eigenverantwortlich zu kontrollieren.
  • Es werden Strategien erarbeitet, wie Essen auslösende Situationen besser in den Griff zu bekommen sind.
  • Auch die Auseinandersetzung mit der Nahrung ist wichtig: Was benötigt der/die Betroffene eigentlich? Wie viel Energie haben die unterschiedlichen Lebensmittelgruppen wirklich?

Bewegungstherapie

Reduktionskost bei gleichzeitigem Bewegungsprogramm hat sich in vielerlei Hinsicht bewährt. Der Gewichtsverlust geht zügiger voran, Bewegung fördert das Selbstvertrauen und vermindert Depressivität und Angst.

Um eine Gewichtsabnahme zu erzielen, sollte man sich mehr als 150 Minuten pro Woche mit einem Energieverbrauch von 1.200 bis 1.800 kcal pro Woche bewegen. Viele Betroffene schließen sich einer Gruppe an, um die regelmäßige Durchführung des Bewegungsprogramms einzuhalten.

Für die langfristige Gewichtsstabilisierung ist die Beibehaltung dieser körperlichen Aktivitäten nach Beendigung der Diät wesentlich. Neben sportlichen Aktivitäten ist auch die Förderung der Alltagsbewegung, wie zum Beispiel Treppensteigen statt mit dem Lift zu fahren, hilfreich.

Therapieziel

Ziel der Therapie ist es, ungünstige Ess- und Lebensgewohnheiten langsam durch günstige zu ersetzen und zu festigen. Im Laufe des therapeutischen Prozesses wird die anfänglich notwendige, unterstützende Fremdkontrolle des Therapeuten zunehmend durch die Selbstkontrolle des Betroffenen ersetzt. Die erlernten Strategien sollen Betroffene in die Lage versetzen, trotz genetischer Prädisposition und Nahrungsüberangebots das Gewicht möglichst stabil zu halten.

Es ist wichtig, dass erst der Therapeut/die Therapeutin und dann zunehmend auch die Betroffenen selbst realistische Zielsetzungen formulieren und für deren Bewältigung einen realistischen Zeitraum veranschlagen, denn damit stellen sich Erfolg und somit Motivation ein. Zu hohe Ansprüche, rigide Regeln, zu strikte Diäten provozieren ein Scheitern.

Medikamentöse Behandlung

Arzneimittel zur Behandlung der Fettsucht als alleinige Therapie sind wirkungslos. Appetithemmer oder Mittel, die die Nahrungsfettaufnahme verringern (Lipasehemmer), kommen nur in Kombination mit Verhaltenstherapie, Diät und körperlicher Bewegung zum Einsatz, wenn diese Maßnahmen ohne Medikamente keine (ausreichende) Gewichtsabnahme bewirken.
In Frage kommende Medikamenten sollten nur unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden. Zumeist wird der Einsatz dieser Medikamente überlegt, wenn aufgrund einer anderen Erkrankung eine raschere Gewichtsabnahme herbeigeführt werden muss.

Chirurgische Maßnahmen

Operative Maßnahmen im Zusammenhang mit einer gewünschten Gewichtsreduktion sind bei Patienten mit folgenden Problemen zu überlegen:

  • starkes Übergewicht (Adipositas zweiten oder dritten Grades)
  • hoher Leidensdruck
  • deutliche Einschränkung der Lebensqualität
  • auftretende Begleiterkrankungen
  • mehrere gescheiterte andere Behandlungsversuche

Wie bei jeder Operation ist es empfehlenswert, eine Zweitmeinung einzuholen. Das Essverhalten der Betroffenen nach der Durchführung eines Eingriffs ist entscheidend für den gewünschten Erfolg. Daher ist genaue Information einhergehend mit einer Ernährungsschulung und einer anfänglich kontinuierlichen Betreuung unbedingt notwendig.

Mehrere Verfahren

Im Wesentlichen werden hierzulande vier OP-Verfahren bei Adipositas durchgeführt: Magenverkleinerung (Schlauchmagen-Operation), Magenballon, einstellbares Magenband und Magenbypass-Operation.

Bei der Schlauchmagen-Operation wird ein Teil des Magens entfernt. Zurück bleibt ein schlauchförmiger Restmagen. Aufgrund des kleineren Volumens kann er weniger Nahrung aufnehmen, so dass rascher ein Sättigungsgefühl eintritt. Der Eingriff kann minimal-invasiv durchgeführt werden. Für dieses Verfahren der Adipositas-Chirurgie liegen noch keine Langzeitdaten vor.

Eine andere Möglichkeit ist das Einsetzen eines Magenballons: Der leere Ballon wird in den Magen eingeführt und dann mit 400 bis 700 Milliliter Luft oder Flüssigkeit gefüllt. Der Ballon ist zu groß, um den Ausgang zum Darm zu passieren. Er verkleinert das Magenvolumen, so dass sich beim Essen rascher ein Sättigungsgefühl einstellt. Der Effekt lässt jedoch nach einiger Zeit wieder nach. Nach spätestens sechs Monaten sollte der Ballon entfernt werden. Bei Bedarf kann später ein neuer eingesetzt werden.

Bei manchen Patienten wird ein einstellbares Silikonband um den Magen gelegt, so dass ein kleinerer Vormagen entsteht, der nur über einen kleinen Durchgang mit dem Rest des Magens verbunden ist. Der Vormagen füllt sich beim Essen rasch mit Nahrung und löst dann ein Sättigungsgefühl aus – die Patienten essen weniger. Das Magenband ist in Europa der am häufigsten durchgeführte Eingriff in der Adipositas-Chirurgie.

Bei der Magenbypass-Operation gibt es verschiedene Techniken und Varianten. Als effektiv gilt der Roux-Y-Magen-Bypass (RYMBP). Dabei wird der Magen kurz nach dem Eingang abgetrennt und direkt mit dem mittleren Dünndarm verbunden. Der verbleibende Magenteil und das oberste Dünndarmstück (beide nun funktionslos) verbleiben im Bauchraum. Der Eingriff hat zwei erwünschte Effekte: Erstens kann der Patient mit dem stark verkleinerten Magenvolumen nur noch kleine Mahlzeiten zu sich nehmen. Zweitens werden auf dem verkürzten Weg durch den Dünndarm weniger Nährstoffe wie Fett oder Zucker aufgenommen. Das Verfahren bringt gute Erfolge, kann aber schwerwiegende Nebenwirkungen wie Eisen- und Eiweißmangel haben.

Nach der Operation

Nach einer Adipositas-Operation müssen Patienten regelmäßig zur Nachsorge bei einem Arzt mit Erfahrung in der Adipositas-Therapie und einer Ernährungsfachkraft. Oftmals ist die regelmäßige Einnahme von Vitaminen und Mineralien notwendig, besonders nach Eingriffen, die die Nährstoffverwertung beeinträchtigen (wie Magen-Bypass). Die Operation führt nicht immer zur erwünschten Gewichtsabnahme, etwa wenn der Patient nachher vermehrt hochkalorische flüssige Nahrungsmittel zu sich nimmt.

Die Behandlung der Adipositas muss das ganze Leben lang aufrecht erhalten werden. Der Weg zur Normalisierung des Essverhaltens beziehungsweise die Veränderung von Ernährungsgewohnheiten ist langwierig und schwierig.

Umgang mit Heißhungerattacken
• Die Erstellung einer Liste mit sinnvollen Alternativen zu einer Essattacke hat sich als hilfreich erwiesen. Droht ein Anfall, sind die aufgelisteten Ersatzaktivitäten schnell zur Hand.
• Lässt sich der Essanfall nicht abwenden, so liefert er zumindest wichtige Informationen über die Erkrankung. Dazu ist es notwendig, die Attacke möglichst bewusst zu durchleben. Wichtige Beobachtungskriterien sind Auswahl der Speisen, Reaktionen des Körpers und Empfindungen.
• Ein weiterer wichtiger Schritt ist, nach einem Essanfall das unangenehme Gefühl auszuhalten und möglichst nicht zu erbrechen. Erbrechen schadet der Gesundheit und ist kein geeignetes Mittel für die Gewichtsregulierung.
• Wurde erbrochen, so sind Selbstvorwürfe und jegliche Form der Selbstbestrafung, vor allem aber eine Bestrafung mit Nahrungsentzug, kontraproduktiv. Es ist dann sehr viel wichtiger, sich bewusst zu entspannen.
• Wesentlich ist auch, dass der Essensplan nach einer Heißhungerattacke nicht verändert wird.
• Ein Essprotokoll, in dem Situationen und Gefühle vor, während und nach dem Anfall möglichst genau beschrieben werden, ist für die Krankheitsbewältigung hilfreich.

Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe
Viele Betroffene erleben die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe als große Erleichterung, da sie mit ihren Problemen nicht mehr alleine sind. Vielen fällt es in der Gruppe leichter, die Ernährungsvorschriften und regelmäßige körperliche Aktivität konsequent durchzuhalten.
Anfangs ist es oft nicht leicht, über sich selbst zu sprechen, aber die Verbundenheit, die zumeist zwischen den Gruppenmitgliedern entsteht, gibt Sicherheit und hilft dabei, sich über die eigenen Probleme klarer zu werden. Die Gruppe bietet Informationen und Unterstützung, ersetzt allerdings nicht eine notwendige psychotherapeutische Behandlung.

Tipps für den Alltag
• Es ist wichtig, die Konsequenzen des eigenen Handelns selbst zu tragen. Hat eine Essattacke stattgefunden, so sollen die Betroffenen die fehlenden Vorräte ersetzen.
• Geduld ist in hohem Ausmaß notwendig, denn die Behandlung der Erkrankung wird einen längeren Zeitraum beanspruchen.
• Angehörige und Freunde sollten sich nicht scheuen, in dieser schwierigen Situation jede zur Verfügung stehende Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Textnachweis
  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Bettina Reiter (Psychiatrie, Psychotherapie), Univ.Doz.Univ.Prof. Dr. Karl-Heinz Wagner (Ernährungswissenschaften)

Literatur

  • Greten, Rinninger, Greten (Hrsg.): Innere Medizin. Georg Thieme Verlag, 2010.
  • Dietel, Suttorp, Zeitz (Hrsg.): Harrisons Innere Medizin – Deutsche Ausgabe in Zusammenarbeit mit der Charité. ABW-Wissenschaftsverlag, 2005.
  • Carus: Operationsatlas Laparoskopische Chirurgie. Springer Verlag, 2014.
  • Biesalski, Bischoff, Puchstein: Ernährungsmedizin. Georg Thieme Verlag, 2010.
  • Deutsche Diabetes-Stiftung und Schweizerische Diabetes-Stiftung: www.diabetesstiftung.org, Abruf vom 02.10.2015.
  • Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“ der Deutschen Adipositas Gesellschaft et al. (Stand: 2014).
  • Leitlinie „Chirurgie der Adipositas“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie – Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für Adipositastherapie (Stand: 2010).
  • Deutsche Adipositas-Gesellschaft e.V.: www.adipositas-gesellschaft.de, Abruf vom 02.10.2015.

Weiterführende Informationen

Lesen Sie auch unsere Redaktionellen Grundsätze

Webcode dieser Seite: s000538 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 07.10.2015 Letzte Aktualisierung am: 08.12.2016
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