Blinddarmentzündung (Appendizitis)

Ist der Bauch bretthart, schmerzt und besteht womöglich noch Fieber, muss umgehend ein Arzt/eine Ärztin aufgesucht werden, denn es könnte sich um eine Entzündung des Blinddarmes handeln. Dann ist eine sofortige Operation notwendig.

Mit einer Blinddarmentzündung (Appendizitis) ist genau genommen nicht die Entzündung des gesamten Blinddarms gemeint, sondern die Entzündung seines Anhängsels – der durchschnittlich acht Zentimeter lange Wurmfortsatz (Appendix vermiformis).

Lange dachte man, der Wurmfortsatz sei ohne Bedeutung. Heute weiß man, dass er mit Lymphgewebe gefüllt und Teil des Immunsystems ist. Wissenschaftler gehen zudem davon aus, dass er als Vorratsspeicher dient, der den Darm bei Bedarf mit "guten" Bakterien versorgt.

Eine Blinddarmentzündung kann der Grund für akut einsetzende Bauchschmerzen sein. In Industrieländern wie Deutschland erkrankt mindestens einer von zwanzig Menschen im Laufe seines Lebens daran. In nicht-industrialisierten Ländern ist die Erkrankung dagegen selten. Möglicherweise begünstigen gute hygienische Verhältnisse eine Appendizitis. Am häufigsten trifft sie Menschen zwischen dem 10. und dem 30. Lebensjahr.

Die Entzündung kann dazu führen, dass die Wand des Blinddarmfortsatzes immer poröser wird und im schlimmsten Falle aufbricht. Einen solchen Durchbruch (Perforation) entdecken Ärzte/Ärztinnen bei jedem fünften Patienten, den sie wegen einer Appendizitis operieren. Ein Durchbruch kann zu Komplikationen wie etwa der Vereiterung der Bauchhöhle (Bauchfellentzündung) führen. Es handelt sich bei der Blinddarmentzündung also um eine ernsthafte Erkrankung, die sofort von einem Arzt/einer Ärztin abgeklärt werden muss.

Der Grund für eine Blinddarmentzündung ist nicht genau bekannt. Begünstigt wird sie möglicherweise durch eine Verengung des Wurmfortsatzes, etwa aufgrund von verhärtetem Stuhl, sogenannten Kotsteinen. Nur in seltenen Fällen erfolgt der Verschluss durch Fremdkörper (wie etwa einem Kirschkern), Parasiten oder Tumoren. Eine Blinddarmentzündung lässt sich durch vorbeugende Maßnahmen nicht verhindern.
Häufig klagen die Betroffenen zunächst über Schmerzen im Oberbauch, die sich dann binnen Stunden in den rechten Unterbauch verlagern. Die Beschwerden sind nicht immer eindeutig. Neben Schmerzen kann es auch zu Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Durchfall oder Verstopfung kommen. In der Regel treten erst die Schmerzen und dann weitere Beschwerden auf. Mitunter lassen die Beschwerden von alleine nach. Insgesamt lässt sich eine Blinddarmentzündung oft nur schwer von anderen Erkrankungen abgrenzen, beispielsweise gegen eine Magen-Darm-Grippe, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Erkrankungen der Eierstöcke oder eine Blasenentzündung. In jedem Fall sollte man die genannten Symptome von einem Arzt/einer Ärztin abklären lassen.

Zunächst untersucht die Ärztin/der Arzt den Bauch: Er/Sie drückt und klopft auf verschiedene Punkte, um zu sehen, ob dies dem Patienten Schmerzen bereitet. Im Anschluss wird meist die Körpertemperatur gemessen. Einen weiteren Hinweis auf eine Blinddarmentzündung liefert die Bestimmung der Leukozytenzahl und des CRP (C-reaktives Protein)-Wertes im Blut des Patienten. Erhöhte Werte deuten auf einen Entzündungsprozess hin.

Zur weiteren Abklärung wird eine Ultraschalluntersuchung (Sonografie) des Bauchraumes gemacht. Eine noch genauere Diagnostik ist mittels Computertomografie (CT) möglich. Jedoch ist diese mit einer geringen Strahlenbelastung verbunden und kommt daher nur in Ausnahmefällen zum Einsatz - etwa wenn die bisherigen Untersuchungen wenig aussagekräftig waren oder die Krankheit einen untypischen Verlauf nimmt.

Falls eine eindeutige Diagnose nicht möglich ist und dennoch der Verdacht einer Blinddarmentzündung besteht, kann eine sogenannte diagnostische Bauchspiegelung durchgeführt werden. Dabei wird in Narkose eine kleine Kamera meist durch den Nabel in den Bauchraum eingebracht, um die Organe zu inspizieren. Im Bedarfsfall kann in der gleichen Sitzung der Blinddarm entfernt werden.

Die geschilderten Beschwerden können nicht nur durch eine Blinddarmentzündung ausgelöst werden, sondern viele weitere Ursachen haben. Dies muss bei der Diagnostik abgeklärt werden. So ist bei Frauen beispielsweise eine gynäkologische Untersuchung sinnvoll, weil die Bauchschmerzen beispielsweise auch auf einer Entzündung der Eileiter beruhen können.

In jedem Fall sollte die Diagnostik schnell und zielgerichtet erfolgen, um einen Blinddarmdurchbruch und damit verbundene Komplikationen zu vermeiden.

In der Regel wird bei einer Blinddarmentzündung der entzündete Wurmfortsatz operativ entfernt. Zwischen der Diagnosestellung und der Operation sollten weniger als sechs Stunden liegen. Vergeht mehr Zeit, wird ein Blinddarmdurchbruch wahrscheinlicher. 24 Stunden nach der Diagnosestellung kommt es bei zehn bis 30 von 100 Patienten zu einem Durchbruch. Bei älteren Menschen und Kleinkindern unter zwei Jahren ist die Gefahr besonders groß.

Ein entzündeter Wurmfortsatz wird durch eine Bauch-Operation entfernt. Dafür stehen grundsätzlich zwei Verfahren zur Verfügung: die Schlüsselloch-Operation (Laparoskopische Appendektomie) und die offene Operation (Offene Appendektomie).

Bei der Schlüsselloch-Operation macht der Chirurg/die Chirurgin drei kleine Einschnitte in die Bauchdecke und holt mit stabförmigen Instrumenten den Wurmfortsatz heraus. Eine in das Instrument eingelassene Mini-Kamera ermöglicht dabei die Sicht in das Körperinnere.

Bei der klassischen offenen Operation wird ein größerer Schnitt in die Bauchdecke gemacht und bei direkter Sicht auf den betroffenen Darmabschnitt der Wurmfortsatz entfernt.

Üblicherweise wird heute die Schlüsselloch-Operation als Standardverfahren angewendet. Im Vergleich zur offenen Operation verursacht sie weniger Schmerzen nach dem Eingriff, die Wunde entzündet sich seltener, es bleiben kaum Narben zurück und die Patienten können das Krankenhaus früher wieder verlassen. Wichtig ist, dass der Chirurg/ die Chirurgin mit dieser Methode gut vertraut ist. Patienten beziehungsweise ihre Eltern sollten sich nicht scheuen, den behandelnden Arzt/ die behandelnde Ärztin nach seiner/ ihrer Erfahrung mit der Schlüssellochmethode zu fragen.

Die Entfernung des entzündeten Wurmfortsatzes ist heute ein Routineeingriff, der in der Regel zu keinen größeren Komplikationen führt. Nach der Operation kann es vorübergehend zu Schmerzen, Fieber und schleimigem Stuhl kommen. Seltener treten Nachblutungen oder Infektionen auf.

Wird eine Blinddarmentzündung allerdings nicht oder zu spät behandelt, kann das ernste Folgen haben: Von 100 Menschen mit einem unbehandelten Blinddarmdurchbruch stirbt einer. Besonders häufig entstehen sogenannte Abszesse. Das sind mit Eiter gefüllte Hohlräume, die zu Fieber und einem allgemeinen Krankheitsgefühl führen. Brechen sie auf, lösen sie häufig eine sehr gefährliche Bauchfellentzündung aus. Manchmal "lähmt" die Blinddarmentzündung auch die Darmbewegungen. Der Kot kann nicht weiter getragen werden. Auch hier besteht Lebensgefahr durch eine fortgeschrittene "Verstopfung".

Eine Blinddarmentzündung tritt bei Männern 1,3- bis 1,6-mal häufiger auf als bei Frauen. Bei Frauen kann es in seltenen Fällen auch während einer Schwangerschaft zu einer Appendizitis kommen. Dann wird die Diagnosestellung zusätzlich durch die schwangerschaftsbedingte Veränderung des Bauchraumes erschwert.
Bei älteren Menschen können die oben beschriebenen Beschwerden viel geringer ausgeprägt sein. Das führt mitunter dazu, dass die Blinddarmentzündung erst spät erkannt wird. Meist ist der Blinddarm dann schon durchgebrochen.

Textnachweis

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Marc Junger, Facharzt für Allgemeinchirurgie und Dr. med. Andrea Reiter, Ärztin

 Literatur

  • Jauch KW, Mutschler W, Hoffmann JN, Kanz KG (Herausgeber): Chirurgie Basisweiterbildung: In 99 Schritten durch den Common Trunk; Springer Verlag, Auflage: 2, 2013
  • Szavay P: Appendizitis: Neues und Bewährtes in Diagnostik, Therapie und Chirurgie, Monatsschrift Kinderheilkunde 2013; 161: 116–121.
  • Henne-Bruns, D.: Duale Reihe Chirurgie, Thieme Verlag, 2012
  • Ackermann H.: AllEx – Alles fürs Examen, Thieme Verlag, 2012
  • Köppen, H.: Gastroenterologie für die Praxis, Thieme Verlag, 2010
  • Laurin M. et al.: The Cecal Appendix: One More Immune Component With a Function Disturbed By Post-Industrial Culture, The Anatomical Record 294: 567-579 (2011)
  • Guinane C.M. et al.: Microbial composition of human appendices from patients following appendectomy, MBio 2013 Jan 15;4(1), pii: e00366-12
  • Sauerland S. Jaschinski, T.: Laparoscopic versus open surgery for suspected appendicitis, Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 10, DOI: 10.1002/14651858.CD001546.pub3
  • Janszky I et al. Childhood appendectomy, tonsillectomy, and risk for premature acute myocardial infarction. Eur Heart J 2011)
  • Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.: www.kinderaerzte-im-netz.de (Abruf: 15.06.2015) 

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Webcode dieser Seite: s000212 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 15.06.2015 Letzte Aktualisierung am: 08.12.2016
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