Alkoholabhängigkeit

Alkoholabhängigkeit kann jeden treffen. Um die Krankheit zu überwinden, müssen Betroffene ein hohes Maß an Engagement entwickeln.

Alkoholabhängigkeit ist keine Charakterschwäche, sondern eine Erkrankung. Sie trifft Menschen aller Altersstufen und Schichten. Im Laufe des Lebens erkrankt circa jeder achte Mann und jede 15. Frau daran. Von einer Alkoholabhängigkeit sprechen Mediziner dann, wenn Betroffene drei dieser sechs Fragen mit "Ja" beantworten:

  1. Spüren Sie eine Art Zwang zu trinken?
  2. Stimmt es, dass Sie nicht einfach mit dem Trinken aufhören können?
  3. Spüren Sie es, wenn Sie mal keinen Alkohol trinken (Zittern, Übelkeit, Schwitzen, Stimmungsschwankungen)?
  4. Müssen Sie stetig mehr trinken, um die gleiche Wirkung zu erzielen?
  5. Vernachlässigen Sie andere Interessen zugunsten des Trinkens?
  6. Haben Sie erkannt, dass der Alkohol Ihnen schadet, trinken aber trotzdem weiter?
Rund 1,9 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig und etwa 1,6 Millionen Menschen gebrauchen ihn in schädlicher Weise. Der Alkoholkonsum steht in Deutschland bei Männern an fünfter Stelle der Hauptrisiken für die Entstehung von Krankheiten. Pro Tag sterben in Deutschland rund 200 Menschen durch zu hohen Alkoholkonsum, pro Jahr liegt diese Zahl bei 74.000.

Bei der Entstehung der Alkoholabhängigkeit spielen Erbanlagen und Umweltfaktoren eine Rolle. Bestimmte Genvariationen, die den Abbau von Alkohol im Körper steuern sowie Gene, die das Belohnungszentrum in Gehirn beeinflussen, machen anfälliger für eine Alkoholabhängigkeit. Einen ebenso wichtigen Einfluss entfaltet das soziale Umfeld. So erkranken Menschen, die in einem schwierigen familiären Umfeld aufgewachsen sind, häufiger als Kinder aus stabilem Elternhaus. Unter Alkoholabhängigen sind zudem öfter Menschen zu finden, die Missbrauchserfahrungen gemacht haben sowie Menschen, die unter weiteren psychischen Erkrankungen wie etwa Angststörungen und Depressionen leiden. Schätzungsweise jeder zweite Alkoholabhängige ist von einer weiteren psychischen Krankheit betroffen. Experten gehen davon aus, dass der Griff zur Flasche in solchen Fällen ein misslungener Versuch ist, sich selbst zu behandeln.

Einer Alkoholabhängigkeit kann man früh vorbeugen.  Nehmen Kinder und ihre Familien an Präventionsprogrammen etwa in der Schule oder anderen Einrichtungen teil, sind die Kinder später weniger anfällig für einen missbräuchlichen Umgang mit Alkohol. Als wichtigste Schutzfaktoren gilt dabei die Stärkung positiver Bindungen in der Familie.

Die kurzfristige Rauschwirkung des Alkohols führt mengenabhängig in zunehmendem Maße zu Enthemmung, Bewegungsstörungen (torkeln), Sprachstörungen (lallen) und zu einer Reduktion der geistigen Leistungsfähigkeit und Reaktionsbereitschaft. Oft wird dies begleitet von Übelkeit und Erbrechen. In größeren Mengen (ab 3 Promille beim Erwachsenen) kann Alkohol auch zu einer tödlichen Alkoholvergiftung führen.

Kleine Kinder und Frauen in der Schwangerschaft sind besonders gefährdet. Bereits kleinste Mengen von Alkohol können ein ungeborenes Kind schädigen.

Folgende körperliche Symptome können infolge einer Abhängigkeit auftreten: Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme, gerötete Gesichtshaut, sternförmige Rötungen der Haut ("Lebersternchen"), Muskelschwund etwa an den Waden, Magenschleimhautentzündung (Gastritis), Magengeschwüre, Durchfall, vermehrte Schweißbildung, Schlafstörungen, Zittern, Potenzstörungen, Kribbeln, Schmerzen, Taubheitsgefühlen – zum Beispiel in den Beinen. Die Langzeitfolgen (siehe unten) können lebensbedrohlich sein.

Die oben genannten Symptome dienen dem Arzt als Anhaltspunkte bei der Diagnose. Zudem geben Blutwerte weitere Hinweise auf einen chronischen Alkoholmissbrauch. Das Abklären möglicher Folgeerkrankungen etwa der Leber und des Herzens gehören ebenso zur Diagnosefindung wie ein eingehendes Gespräch über die psychischen und sozialen Hintergründe der Erkrankung.

Lange Zeit galt das Anstreben einer Abstinenz als Voraussetzung für eine erfolgreiche Alkoholismustherapie. Für viele Betroffene ist das jedoch eine zu hohe Hürde. So nehmen derzeit nur drei bis vier von 100 Betroffenen entsprechende Behandlungsangebote wahr. Inzwischen hat man die Behandlungsleitlinien dahin gehend angepasst, dass auch eine Reduktion der Trinkmenge eine Option sein kann. Dies soll vor allem Abhängige ermutigen, die sich den vollständigen Verzicht auf Alkohol (noch) nicht vorstellen können. 

Für die Alkoholkrankheit  bieten sich je nach Bild und Stadium verschiedene Therapien an. Befindet sich der Betroffene noch in einer frühen Phase, können bereits aufklärende und konfrontierende Gespräche (Kurzinterventionen) helfen. Davon profitieren Betroffene beiderlei Geschlechts, vor allem jene die zu riskantem Trinkverhalten neigen.

Besteht hingegen bereits eine Alkoholabhängigkeit, ist in der Regel eine Entgiftungsbehandlung angezeigt. Sie findet üblicherweise in einer internistischen oder psychiatrischen Klinik statt. Dabei wird der Alkohol unter sorgfältiger Überwachung abrupt abgesetzt. Gegebenenfalls ist die Gabe von Medikamenten (z.B. Diazepam, Carbamazepin) erforderlich um gesundheitlichen Schäden vorzubeugen. Entzugserscheinungen können ebenfalls mit Hilfe von Medikamenten gelindert werden (z.B. Clomethiazol, Haloperidol). ,Begleitende Programme helfen den Patienten, die Motivation zur Abstinenz zu stärken und unterstützen bei der Suche nach Folgetherapien.

Im Anschluss gilt es, die Abstinenz nach einem erfolgreichen Entzug zu stabilisieren. Dabei können stationäre Langzeitentwöhnungsprogramme helfen. Sie dauern zwischen zwei und sechs Monate und festigen erwiesenermaßen den Behandlungserfolg. Alternativ gibt es auch ambulante Angebote insbesondere für Patienten, die sozial und beruflich gut eingebettet sind. Diese begleiten die Betroffenen in der Regel zwölf Monate. Kern der Behandlung ist die Psychotherapie. Welche der verschiedenen Psychotherapierichtungen gewählt wird, scheint dabei auf die Wirksamkeit keinen Einfluss zu haben. Durch die Langzeitprogramme bleiben 40 bis 50  von 100 Teilnehmenden längerfristig abstinent.

Seit einiger Zeit kommen zur Rückfallvermeidung auch Medikamente – sogenannte Anticraving-Substanzen – zum Einsatz (Acamprosat, Naltrexon). In Kombination mit einer ambulanten Therapie und dem Besuch einer Selbsthilfegruppe können diese Substanzen die Rückfallgefahr zusätzlich etwas senken.

Am wichtigsten für eine gute Langzeitprognose nach dem Entzug ist eine medizinische und psychologische Nachbetreuung. Neben dem regelmäßigen ärztlichen Kontakt gehört dazu zum Beispiel die Teilnahme an Selbsthilfegruppen (beispielsweise Anonyme Alkoholiker, Blaues Kreuz, Guttempler, Kreuzbund) sowie eine Einzel- oder Gruppentherapie.

Der Alkohol schadet allen Organen. Bei Männern wird bereits der tägliche Konsum von über drei Gläsern Bier (0,9 Liter), bei Frauen ein Konsum von mehr als einem Glas Bier (0,3 Liter) als riskant bewertet. Besonders beeinträchtigt ist das Nervensystem, denn Alkohol schädigt sowohl das Gehirn als auch die peripheren Nerven. Ein unsicherer Gang, Koordinationsstörungen, Gedächtnisstörungen und Wesensänderungen sind häufige Folgen. Das kann bis hin zur Demenz führen.

Auch Leber, Magen, Bauchspeicheldrüse und Herz werden durch den Alkohol stark mitgenommen. Bei langjährigem Konsum kann es zu einer Verfettung und schließlich einer Vernarbung der Leber kommen. Das Endstadium ist die Leberzirrhose. Durch den Alkoholkonsum kann sich die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) entzünden, eine in der Akutphase lebensbedrohliche Erkrankung. Langfristig kann das Organ seine Funktion verlieren. Verdauungsstörungen, Mangelernährung und Zuckerkrankheit sind die Folge. Der Herzmuskel wird mitunter so geschädigt, dass die Pumpfunktion beeinträchtigt ist.

Allgemein ist die Krebsrate bei Alkoholabhängigen deutlich erhöht. Das gilt insbesondere für Leber-, Speiseröhren-, Magen-, Darm- und (bei Frauen) Brustkrebs.

Häufige Begleiterkrankungen der Alkoholabhängigkeit sind Angststörungen und Depressionen. Die sozialen Folgen längerer Abhängigkeit sind mitunter dramatisch. Sie können Arbeitsplatzverlust, Trennung von Familie und Freunden, sozialen Abstieg oder sogar Armut und Obdachlosigkeit umfassen.

Alkoholabhängigkeit galt lange ausschließlich als Männerproblem. Das hat sich geändert. Zwar sind Abhängigkeit und problematisches Konsumverhalten bei Männern noch bis zu vier mal so häufig anzutreffen wie bei Frauen, das Konsumverhalten der Geschlechter zeigt allerdings in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Angleichung.

Problematischer Alkoholkonsum kann bereits im Kindes- und Jugendalter beginnen. Zwar ist der Konsum im Kindesalter bis 11 Jahren stetig rückläufig, der Anteil an regelmäßigem Konsum bei Jugendlichen (13 und 15 Jahre) nimmt hingegen zu. Hierzu kommt eine Zunahme von anderen Formen riskanten Konsums wie dem Rauschtrinken. Auch werden Rauscherfahrungen in immer jüngerem Alter gemacht.  Auch im höheren Alter  kann sich eine Alkoholabhängigkeit entwickeln. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) schätzt, dass 400.000 Senioren davon betroffen sind. Aus Scham wird aber oft keine Hilfe in Anspruch genommen. Dabei sind bei Älteren die Therapien ebenso viel versprechend wie bei Jüngeren.

Textnachweis

  • Autor: almeda GmbH
  • Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Marion Paskuda, Praktische Ärztin und Dr. med. Andrea Reiter, Ärztin; Nikolai Sadowsky, Arzt

Literatur 

  • Lieb K. und Frauenknecht S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer Verlag/Elsevier 2012 
  • AWMF-Leitlinie: Postakutbehandlung alkoholischer Störungen, Sucht, 52: 8–34; 2006. www.sucht.de/alt/leitlinien/awmf_postakut.pdf
  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, S3-Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen“, 02/2015. http://www.dg-sucht.de/s3-leitlinien
  • Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen; Gesundheitsberichterstattung des Bundes; Robert Koch-Institut in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt; Heft 40; Mai 2008

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Webcode dieser Seite: s000169 Autor: almeda GmbH Erstellt am: 01.04.2015 Letzte Aktualisierung am: 08.12.2016
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