Gendermedizin

Welche Rolle Hormone bei Lungenkrankheiten spielen

Lesedauer unter 7 Minuten
Eine junge Joggerin pausiert und atmet schwer.

Autor/in

Karoline Weik (TAKEPART Media + Science GmbH)

Qualitätssicherung

Dr. med. Ursula Marschall (Fachärztin für Anästhesie)
Inhaltsverzeichnis

Umweltfaktoren wie die Luftqualität am Wohnort und Belastungen am Arbeitsplatz beeinflussen das Risiko für Lungenkrankheiten. Auch individuelle Faktoren wie das Rauchverhalten, das Alter und genetische Veränderungen spielen bei zahlreichen Erkrankungen eine Rolle. Aber kann das Geschlecht ein Risikofaktor sein?

Erstaunlicherweise scheint es so zu sein, denn Lungenkrankheiten unterscheiden sich bei Frauen und Männern in der Entstehung und den Symptomen. Das kann die Diagnose manchmal erschweren. Woher kommen diese Unterschiede und weshalb wird die Gendermedizin immer wichtiger?

Die Rolle der Hormone bei Lungenerkrankungen

Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede gibt es bei Erkrankungen der Atemwege und der Lunge wie Asthma, COPD und Lungenkrebs? Frauen und Männer unterscheiden sich biologisch in ihrem Stoffwechsel und im Hormonhaushalt. Dadurch können Medikamente anders wirken, aber auch Krankheiten können sich zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Die weiblichen Geschlechtshormone, Östrogene und Progesteron, wirken sich neben den Geschlechtsorganen auch auf das Lungengewebe aus. Die Hormone sorgen zum Beispiel mit dafür, dass Lungengewebe elastisch ist und sich bei der Atmung ausdehnen und zusammenziehen kann. Bei Frauen verändert sich die Lungenfunktion im Verlauf des Monatszyklus mit den hormonellen Schwankungen. Daneben können Östrogene auch den Abbau von Schadstoffen beeinflussen.

Frauen und Männer erkranken unterschiedlich häufig an Lungenkrebs

Inzwischen ist allgemein anerkannt, dass Rauchen ungesund ist. Doch das Risiko für Lungenkrebs erhöht sich bei Männern und Frauen unterschiedlich. Bei einem vergleichbaren Tabakkonsum scheinen Frauen häufiger an Lungenkrebs zu erkranken als Männer. Wie kann das sein? Studien haben gezeigt, dass es nicht allein an unterschiedlichen Rauchgewohnheiten liegt oder einem generell erhöhten Risiko für Frauen. Vielmehr scheinen manche Inhaltsstoffe von Zigaretten und anderen Tabakprodukten bei Frauen gesundheitsschädlicher zu wirken als bei Männern. Dabei spielt vermutlich auch der weibliche Hormonhaushalt eine Rolle: Östrogenrezeptoren stehen im Verdacht, unter bestimmten Voraussetzungen die Entstehung von Lungenkrebs zu begünstigen.

Geschlechterunterschiede bei Lungenerkrankungen

Frauen haben bei Lungenerkrankungen wie COPD oder Asthma andere Beschwerden als Männer. 


Schadstoffe schädigen die Lunge stärker bei Frauen

Über die Atemluft gelangen gesundheitsschädliche Stoffe mit Autoabgasen, Tabakrauch oder Chemikalien in die Lunge. Um diese Schadstoffe wieder loszuwerden, bauen die Körperzellen sie ab. Bei Frauen entstehen durch den Einfluss der Östrogene mehr reaktive Abbauprodukte (oxidativer Stress), die das Lungengewebe schädigen. Daher führt Rauchen bei Frauen schneller zu entzündlichen Reaktionen in der Lunge als bei Männern. Frauen reagieren auch empfindlicher auf die krebsauslösenden Substanzen im Tabakrauch, die sogenannten Karzinogene. Diese Substanzen können zu charakteristischen Erbgutveränderungen im Lungengewebe führen. In den Zellen von Frauen finden sich mehr solcher Erbgutveränderungen als bei Männern, die vergleichbar viel rauchen. Zusätzlich könnte die Größe der Lunge einen Einfluss auf die gesundheitsschädliche Wirkung der Substanzen haben. Aufgrund der im Durchschnitt kleineren Körpergröße von Frauen ist auch die Lunge eher kleiner als bei Männern. Sind die Atemwege enger, können sich die giftigen Stoffe weniger verteilen und schädigen das Gewebe stärker.

Frauen oder Männer – wer raucht wie viel?
In einer Umfrage der Europäischen Kommission von 2020 gaben in Deutschland 19 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer an, regelmäßig tabakhaltige Produkte zu rauchen. Insgesamt sind das knapp 20 Millionen Menschen. Die meisten greifen zur Zigarette – E-Zigaretten, Zigarillos, Zigarren und Pfeifen machen einen deutlich kleineren Teil aus. Rund 500 Zusatzstoffe kommen zum Einsatz, um den Geschmack, das Aussehen und die Konsistenz der Zigaretten zu verfeinern und sie möglichst attraktiv zu machen. Es ist also nicht der Tabak allein, der für die gesundheitsschädlichen Effekte verantwortlich ist. Zucker gehört zu den am häufigsten eingesetzten Zusatzstoffen – das Problem dabei: Wenn Zucker verbrennt, bilden sich zahlreiche, zum Teil sehr giftige Abbauprodukte wie Formaldehyd, Acrylamid und PAK.

Lungenkrebsrisiko bei einer Hormonbehandlung zur Geschlechtsangleichung

Bei Geschlechtsangleichungen kommen Hormonbehandlungen (auch gegengeschlechtliche Hormonbehandlung genannt) und Operationen zum Einsatz. Eine Hormonbehandlung muss meist lebenslang weitergeführt werden, um den Körper mit den entsprechenden weiblichen oder männlichen Geschlechtshormonen zu versorgen. Die Forschung zu den Folgen der langfristigen Hormongabe ist noch jung. Bei Transfrauen – also Menschen, die bei der Geburt als männlich eingeordnet wurden und später als Frauen leben – gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs. Für die Untersuchung des genauen Zusammenhangs ist jedoch noch weitere Forschung nötig. Die Rauchgewohnheiten könnten dabei auch einen Einfluss auf das erhöhte Lungenkrebsrisiko haben: In Umfragen haben Transmenschen häufiger angegeben zu rauchen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Besonders bei einer Behandlung mit weiblichen Geschlechtshormonen gilt die starke Empfehlung, mit dem Rauchen aufzuhören.

COPD – längst keine „Männerkrankheit“ mehr

Hartnäckiger „Raucherhusten“ und schnelles „außer Atem sein“, nach bereits kurzer körperlicher Anstrengung, sind typische Beschwerden einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). Die Lungenerkrankung entwickelt sich über Jahre. Kurzatmigkeit und Erschöpfung nehmen langsam zu, während die Sauerstoffversorgung des Körpers nachlässt. Waren früher vor allem Männer über 60 Jahren betroffen, sind es inzwischen etwa gleich viele Frauen und Männer.

Männer und Frauen zeigen unterschiedliche COPD-Symptome

Bei Frauen entwickelt sich eine COPD schneller als bei Männern: Frauen rauchen im Schnitt kürzer als Männer mit einer ähnlich schweren COPD. Sie erkranken also früher, nach weniger „Raucherjahren“. Auch das Krankheitsbild unterscheidet sich: Frauen sind stärker von Husten und Kurzatmigkeit betroffen. Zudem ist eine COPD bei Frauen häufiger von Depressionen, Angst und Osteoporose begleitet. Eine Überblähung der Lungenbläschen (das sogenannte Lungenemphysem) und eine begleitende koronare Herzkrankheit finden sich dagegen häufiger bei Männern. Für die richtige Diagnose ist es wichtig, diese Unterschiede zu kennen.

Fehlende Diagnosen bei Frauen

Bei Frauen mit COPD-Beschwerden wird seltener ein Lungenfunktionstest (Spirometrie) empfohlen und sie werden weniger an Praxen überwiesen, die auf Lungenerkrankungen (Pneumologie) spezialisiert sind. Zusätzlich suchen Frauen eine Ärztin oder einen Arzt eher aufgrund von Erschöpfung auf, anstatt von Kurzatmigkeit. Auch dadurch bleibt eine COPD bei Frauen öfter unerkannt – Fachleute sprechen von einer Unterdiagnostik. Dies hat deshalb eine so hohe Relevanz, weil COPD nicht heilbar ist. Durch eine frühe Diagnose kann die passende Behandlung zeitnah beginnen und das Fortschreiten der Erkrankung verzögern. Das beugt auch Folgen der COPD an anderen Organen vor, wie einer Überlastung des Herzmuskels. Die Erkrankung kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und psychisch belasten. Umso wichtiger ist es, dass Ärztinnen und Ärzte bei Frauen mit entsprechenden Lungenbeschwerden den Verdacht auf eine COPD gründlich abklären.

Rauchstopp verbessert die Lungenfunktion

Für Menschen mit einer COPD lautet die Empfehlung, auf das Rauchen komplett zu verzichten. Mit dem Rauchen aufzuhören, lohnt sich für Männer und Frauen. Nach einem erfolgreichen Rauchstopp kann sich die Lungenfunktion wieder verbessern – wobei sich die Lungenfunktion bei Frauen sogar etwas stärker erholt als bei Männern. In großen Untersuchungen fiel Frauen die Rauchentwöhnung jedoch schwerer. Hier können Unterstützungsangebote helfen.

Mit dem Rauchen aufhören – so gelingt der Rauchstopp

Das Rauchen aufzugeben, erfordert einen starken Willen und die Motivation durchzuhalten. Denn die Inhaltsstoffe des Tabaks erzeugen beim Inhalieren im Gehirn ein angenehmes Belohnungsgefühl, welches das Verlangen nach der nächsten Zigarette auslöst. Der Körper gewöhnt sich an dieses Belohnungsgefühl, es entwickelt sich eine Sucht. Es gibt zahlreiche Wege zu einem wieder rauchfreien Leben: Vielen Menschen hilft der Austausch mit anderen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, etwa in einer Selbsthilfegruppe oder einem Rauchentwöhnungskurs. Auch Nikotinersatzpräparate oder Medikamente können infrage kommen.

Weitere Informationen finden Sie im Artikel rund um das Nichtrauchen und Entwöhnungsmethoden.

Auch Asthma betrifft Frauen und Männer unterschiedlich

In der Kindheit sind mehr Jungen als Mädchen von Asthma betroffen. Das ändert sich mit der Pubertät. Im Erwachsenenalter sind deutlich mehr Frauen als Männer an Asthma erkrankt. Zudem sind Frauen häufiger von schwerem Asthma betroffen. Welche Rolle die Geschlechtshormone dabei spielen, ist ein aktuelles Forschungsthema.

Allergisches Asthma – angeregt durch Östrogene

Eine junge Frau inhaliert ein Medikament gegen Asthma.

Bei allergischem Asthma reagiert das Immunsystem überschießend auf eigentlich harmlose Stoffe aus der Umwelt. Immunzellen besitzen Andockstellen (Rezeptoren) für Geschlechtshormone und reagieren auf diese Hormone. Testosteron scheint Männer vor allergischem Asthma zu schützen: Das männliche Geschlechtshormon wirkt hemmend auf bestimmte Immunzellen, wodurch weniger Entzündungen in den Atemwegen entstehen. Östrogen steht dagegen im Verdacht, in diesem Zusammenhang entzündliche und allergische Reaktionen anzuregen.

Die Sexualhormone beeinflussen Asthmabeschwerden

Bei Frauen verändern sich die Beschwerden durch Asthma zusammen mit dem Monatszyklus. Zum Beispiel sind die Atembeschwerden zu Beginn eines Zyklus häufig besonders stark. Asthmatikerinnen mit einem unregelmäßigen Zyklus neigen zudem zu stärkeren Asthmabeschwerden. Nach den Wechseljahren, mit sinkendem Östrogenspiegel, scheint auch der Schweregrad des Asthmas zu sinken. Eine Hormonersatztherapie gegen Wechseljahrsbeschwerden kann dagegen das Risiko für Asthma erhöhen. Ob sich die Einnahme der Anti-Baby-Pille auf Asthma auswirkt, ist bisher nicht bekannt.

Für jede und jeden die passende Behandlung

Damit jeder Mensch die am besten passende Behandlung erhält, ist es wichtig, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu berücksichtigen. Krankheiten können je nach Geschlecht unterschiedliche Beschwerden verursachen und dadurch übersehen oder falsch eingeordnet werden. Lungenerkrankungen betreffen Frauen und Männer unterschiedlich häufig und haben oft auch einen anderen Verlauf. Die geschlechtersensible Medizin setzt sich dafür ein, die Unterschiede stärker in den Fokus zu rücken. So können Ärztinnen und Ärzte die Diagnose, Behandlung und Nachsorge noch besser individuell auf jeden Menschen abstimmen – da bei Gesundheitsfragen eine Ungleichbehandlung der Geschlechter in vielen Situationen genau der richtige Weg sein kann.

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