Porträtbild Franziska Rubin
Gendermedizin

Gibt es so etwas wie genetische Vorteile bei Blasen- und Nierenkrankheiten?

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Qualitätssicherung

  • Dr. med. Ursula Marschall (Fachärztin für Anästhesie)

Dr. med. Franziska Rubin ist Ärztin, Moderatorin und Medizinjournalistin. Sie moderierte 17 Jahre das MDR-Gesundheitsmagazin "Hauptsache gesund" und hat zahlreiche Bücher über sanfte Medizin, Prävention und Naturheilkunde geschrieben. In ihrem aktuellen Buch "Die bessere Medizin für Frauen" widmet sie sich dem Thema Ungleichbehandlung.

In der Hochschulmedizin steckt die Gendermedizin noch in den Kinderschuhen und braucht noch mehr Beachtung. Nicht nur Körpergröße und Gewicht, auch das Geschlecht spielen eine wesentliche Rolle – von der Diagnostik bis zur Wahl der besten Behandlung. Ein höheres Bewusstsein für die Gendermedizin und ihre Aufnahme in Forschung und Lehre können Leben retten.

Frauen und Männer können unterschiedliche Symptome haben, Medikamente unterschiedlich abbauen und verschieden häufig von bestimmten Krankheiten betroffen sein. Obwohl Frauen fast die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, werden sie bei der Entwicklung und Testung von Medikamenten, Diagnoseverfahren und Therapien erst seit einigen Jahren berücksichtigt. Es ist noch viel Forschung zu geschlechtsspezifischen Unterschieden nötig, um allen Menschen die beste Gesundheitsversorgung zu bieten.

Die Gene machen einen großen Unterschied

Bei den meisten Sportarten ist klar: Männer und Frauen treten in getrennten Gruppen an. Frauen sprinten, springen und boxen zwar in fast allen Sportarten mit, haben im direkten Vergleich jedoch grundsätzlich weniger Muskelkraft als Männer. Das liegt vor allem daran, dass Frauen viel weniger Testosteron ausschütten: das männliche Sexualhormon, welches die Muskeln kräftiger macht. Außerdem haben die meisten Frauen im Vergleich zu Männern ein kleineres Herz, kleinere Lungen und weniger Blut oder Knochenmasse im Körper.

Die Anlagen für die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau entwickeln sich schon vor der Geburt: Unsere „Erstausstattung“ ist vor allem ein Set von Genen, welche die Information enthalten, wie wir uns hormonell entwickeln werden. Ob wir als Mädchen oder Junge zur Welt kommen, steht schon mit dem Zeitpunkt der Befruchtung fest. Eine befruchtete Eizelle, aus der einmal ein Mädchen wird, hat zwei X-Chromosomen. Die Eizelle, aus der später ein Junge wird, besitzt ein X-Chromosom und ein Y-Chromosom. Spannend: Letzteres ist viel kleiner. Es trägt auf 86 Genen viel weniger Erbinformationen als das X-Chromosom, das etwas mehr als tausend Gene aufweist.

Die Gene auf dem Y-Chromosom stoßen vor allem die Entwicklung in Richtung Mann an. Auf dem X-Chromosom liegen dagegen auch Informationen, die nichts mit der Entwicklung des Geschlechts zu tun haben, sondern unter anderem das Immunsystem und die Gehirnentwicklung beeinflussen. Frauen haben also zahlreiche genetische Informationen doppelt. Nur ein Fünftel der doppelten Gene wird genutzt: Weibliche Körper können sich in manchen Situationen „aussuchen“, welches der doppelten Gene aktiviert wird. Das bietet etwa dann einen Überlebensvorteil, wenn auf einem X-Chromosom Gene für Erbkrankheiten liegen.

Aus den europäischen Königshäusern ist beispielsweise die Bluterkrankheit (Hämophilie) bekannt, die zu einer Gerinnungsstörungen des Blutes führen kann. Aufgrund der Vererbung über die Gene können von den schweren Verläufen der Krankheit vor allem männliche Familienmitglieder betroffen sein.

Dieser genetische „Vorteil“ geht aber auch mit Risiken einher: Frauen haben häufiger schwere allergische Reaktionen wie einen anaphylaktischen Schock sowie Autoimmunerkrankungen. Dazu gehören Erkrankungen der Schilddrüse (Hashimoto, Morbus Basedow) oder Rheuma. Frauen erkranken dreimal häufiger an rheumatischer Arthritis als Männer. Multiple Sklerose betrifft sogar viermal mehr Frauen als Männer.

Unsere Gene und Hormone beeinflussen die Ausstattung und Funktion aller Organe im Körper – vom Immunsystem über die Schilddrüse, die Leber und das Gehirn bis hin zu den Knochen. Doch auch das soziale Geschlecht (Gender), also geschlechtsspezifische Rollenerwartungen und Verhaltensweisen, beeinflusst unsere Gesundheit. Deshalb brauchen wir die Gendermedizin für eine bessere Gesundheitsversorgung.

Blasenentzündungen betreffen vor allem Frauen

Blasenentzündungen entstehen in der Regel durch eine Besiedelung der Blase mit Erregern, die in den meisten Fällen durch die Harnröhre dorthin gelangt sind. In 9 von 10 Fällen sind Bakterien die Auslöser der Entzündung. Meist handelt es sich um Bakterien aus der Analregion, manchmal Pilze, Parasiten oder Viren. Seltene Ursachen sind Medikamente, ein Blasenkatheter, die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) oder Immunerkrankungen. Ein Harnwegsinfekt ist meist harmlos, kann unbehandelt jedoch zu einer Nieren-(becken-)Entzündung oder sogar einer Blutvergiftung führen.

Symptome einer Blasenentzündung

Die Symptome einer akuten Blasenentzündung (Zystitis) sind Brennen beim Wasserlassen, Schmerzen im unteren Bauch-(Blasen-)Bereich, verstärkter Harndrang und manchmal Blut im Urin. Insbesondere im höheren Alter können die Beschwerden sehr milde sein, obwohl eine starke Infektion vorliegt. Fieber und Flankenschmerz sind Anzeichen dafür, dass die Infektion in die Niere aufgestiegen ist. Wenn Sie den Verdacht haben eine Blasenentzündung zu haben oder bereits Symptome bemerken, sollten Sie in jedem Fall ärztlichen Rat einholen.

Frauen haben häufiger Blasenentzündungen als Männer

Jede zweite Frau hat in ihrem Leben mindestens einmal eine Blasenentzündung. Nach dem 65. Lebensjahr ist jede vierte Frau und jeder zehnte Mann betroffen. Dass Frauen häufiger Blasenentzündungen haben, liegt vor allem an ihrer Anatomie: Harnröhren- und Darmausgang liegen bei Frauen von Natur aus näher zusammen als bei Männern. Zudem ist die weibliche Harnröhre mit wenigen Zentimetern deutlich kürzer, sodass Bakterien schneller den Weg in die Blase finden.

Ein Sonderfall ist die „Honeymoon-Zystitis“: Häufiger Geschlechtsverkehr kann die Entwicklung von Blasenentzündungen bei Frauen fördern, da dieser die Schleimhäute reizen kann und so Bakterien leichter in die Harnröhre gelangen können.

Schwangere Frauen sind besonders oft von Blasenentzündungen betroffen und bemerken es nicht immer. Gründe dafür sind hormonelle Veränderungen und dadurch etwas erweiterte Harnwege. Sie sollten schon bei leichten Beschwerden ihren Gynäkologen und ihre Gynäkologin aufsuchen.

Auch Hormonschwankungen durch den weiblichen Zyklus oder die Abnahme der weiblichen Geschlechtshormone in den Wechseljahren spielen eine Rolle bei Harnwegsinfekten. Sie können das Scheidenmilieu verändern und Entzündungen begünstigen.

Nierenschwäche – eine unterschätzte Volkskrankheit

Nierenkrankheiten sind ein in der Bevölkerung häufig unterschätztes Leiden. In Deutschland sind mindestens zwei Millionen Menschen betroffen. Es wird geschätzt, dass von diesen zwei Drittel nicht von ihrer Erkrankung wissen. Zehn Millionen Menschen haben nach aktuellen Einschätzungen ein Risiko, eine Nierenschwäche (Niereninsuffizienz) zu entwickeln. Frauen entwickeln etwas häufiger eine chronische Nierenkrankheit als Männer.

Symptome einer Niereninsuffizienz

Eine fortschreitende Niereninsuffizienz fällt häufig erst spät durch veränderte Blutwerte auf. Anzeichen für Nierenprobleme sind ein hoher Blutdruck, stechende Kopfschmerzen, Wassereinlagerungen in den Beinen, Spannungsgefühle in der Haut oder Schaum auf dem Urin. Im Endstadium einer Niereninsuffizienz kann es dann zum nicht mehr mit Medikamenten einzustellenden Bluthochdruck, zum Rückgang der Urinmenge und massiven Wassereinlagerungen (Ödemen) kommen. Aber auch Symptome wie Luftnot, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit sowie unregelmäßiger Herzschlag, Benommenheit, Schläfrigkeit und Krämpfe bis hin zum Koma können durch eine Niereninsuffizienz ausgelöst werden.

Nierenschwäche: Welche Geschlechterunterschiede gibt es?

Frauen haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine Nierenschwäche zu entwickeln, doch Männer sterben häufiger an Nierenversagen. Die Ursachen hierfür sind wieder die Anatomie, die Gene und die Hormone: Frauen besitzen 10 bis 15 Prozent weniger Nierenkörperchen (Glomeruli) als Männer, die das Blut filtrieren. Die Nierenfunktion ist daher bei Frauen schwächer. Frauen sind seltener von genetisch bedingten Nierenerkrankungen wie Zystennieren oder auch von Entzündungen der Nierenkörperchen (Glomerulonephritiden) betroffen.

Eine Nierenschwäche kann auch als Komplikation von Autoimmunerkrankungen auftreten, die die Gefäße und das Bindegewebe betreffen. Diese sind bei Frauen häufiger. Beispielsweise sind es von 10 Menschen 9 Frauen, die an der seltenen Autoimmunkrankheit Schmetterlingsflechte (Lupus erythematodes) erkranken.

Eine Schwangerschaft ist eine große Herausforderung für die Nieren. Eine Nierenerkrankung kann in dieser Zeit erstmalig auftreten oder eine bestehende Funktionsstörung kann sich weiter verschlechtern. Erkrankte Nieren können einen zu hohen Blutdruck verursachen, der für die werdende Mutter wie auch für das ungeborene Kind gefährlich werden kann. Blasenentzündungen, die bei Frauen deutlich häufiger sind, können auch die Nieren schädigen, wenn die Bakterien aus der Blase durch den Harnleiter ins Nierenbecken wandern.

Frauen müssen durchschnittlich vor dem 70. Lebensjahr seltener, danach häufiger als Männer zur Dialyse. Als Ursache dafür vermutet man den ab den Wechseljahren nachlassenden Schutz der Östrogene. Diese wirken normalerweise nierenzellerneuernd, weil das weibliche Geschlechtshormon die Vermehrung vieler Zelltypen fördert. Deshalb schreitet die Nierenkrankheit bei Frauen häufig langsamer voran als bei Männern. Sinkt das Östrogenlevel, können mehr Nierenzellen absterben, und die betroffenen Frauen werden anfälliger für Nierenerkrankungen.

Ernährung bei Nierenschwäche

Wie die richtige Ernährung bei einer Nierenschwäche aussieht, hängt auch davon ab, in welchem Stadium die Krankheit sich befindet. Wer sich entsprechend der Empfehlungen seiner Ärztinnen und Ärzte ernährt, kann den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen und sein Wohlbefinden steigern.

Grundsätzlich kann es zur Unterstützung der Nierenfunktion sinnvoll sein, vegetarisch zu essen. Die besten Lebensmittel für die Nieren sind Petersilie, Spargel, Kresse, Sellerie, Birnen, Erdbeeren, Johannisbeere oder Löwenzahn. Meiden sollten Sie zu viel eiweißreiche, tierische Produkte wie Fleisch, Fisch, Geflügel oder Eier. Milch und Milchprodukte sollten in der von den behandelnden Ärzten empfohlenen Menge verzehrt werden, in der Regel zwischen 10 bis 30 Gramm am Tag. Aber: Eine eiweißarme Diät muss ausreichend Energie in Form von Fett und Kohlenhydraten enthalten, damit kein körpereigenes Eiweiß abgebaut wird (Muskelschwund).

Wer an einer Niereninsuffizienz leidet, sollte bei der Ernährung einiges beachten, um die Nieren nicht zusätzlich zu belasten. Dazu gehört vor allem eine Reduktion von Eiweiß, Kalium und Phosphat (in Wurstwaren oder Getränken wie Cola). Empfohlen wird eine salz- und zuckerarme Ernährung, denn ein hoher Zuckerkonsum begünstigt die (Nieren)Steinbildung. Wird zu viel Salz aufgenommen, müssen die Nieren mehr arbeiten, um den Mineralstoffhaushalt wieder auszugleichen. Wer Probleme mit den Nieren hat, kann sich auf der Seite der Deutschen Nierenstiftung informieren und kostenlose Broschüren herunterladen oder bestellen.

Literatur und weiterführende Informationen

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