Gendermedizin

Warum Frauen häufiger als Männer an Herzinfarkten sterben

Lesedauer unter 7 Minuten
Eine Hand hält ein aus Pappe gefaltetes Herz in die Kamera.

Autor/in

Tina Heinz (TAKEPART Media + Science GmbH)

Qualitätssicherung

Dr. med. Ursula Marschall (Fachärztin für Anästhesie)
Inhaltsverzeichnis

Fallen Frauen in der Öffentlichkeit in Ohnmacht, denkt kaum jemand, dass ein Herzstillstand dahinterstecken könnte. Dieser kann jedoch dramatische Folge eines Herzinfarktes sein, den nicht nur ältere Menschen erleiden können. Viele halten Herzinfarkte außerdem für eine „Männerkrankheit“ – mit gefährlichen Konsequenzen: Frauen werden seltener wiederbelebt als Männer – und sterben häufiger.

In Deutschland sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 4 von 10 Fällen die häufigste Todesursache bei Frauen. Ob ein Herzinfarkt oder andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Meistens unterschätzen Frauen ihr eigenes Risiko. Bei Symptomen wie Abgeschlagenheit, Übelkeit, oder Schulter- und Nackenschmerzen denken viele eher an Stress, Migräne oder eine Magenverstimmung. Und auch Ärztinnen und Ärzte erkennen die Symptome für einen Herzinfarkt bei Frauen seltener als bei Männern.

Die Gendermedizin hat in den letzten Jahren vermehrt die Unterschiede zwischen Männern und Frauen erforscht – auch in Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Erkenntnisse dieser Forschung sind aber noch nicht in unser aller Bewusstsein angekommen. Und teilweise hat es dieses wichtige Wissen auch noch nicht in die medizinische Praxis geschafft.

Umso wichtiger ist die Aufklärung der Allgemeinheit: Worauf müssen gerade Frauen achten? Bei welchen Symptomen brauchen sie einen Rettungswagen? Und wie sehen diese geschlechtsspezifischen Unterschiede aus, die sich auf Risikofaktoren, Diagnose und Behandlung auswirken? Insgesamt gilt also: Ungleichbehandlung kann Leben retten!

Infarkte – eine häufige Todesursache von Frauen

Eigentlich haben Frauen seltener Herzinfarkte als Männer. Im Jahr 2019 sind Herzinfarkte bei Frauen für 4 von 100 Todesfällen verantwortlich gewesen. Bei Männern waren es knapp 6 von 100. Aus dem Augsburger Herzinfarkt-Register geht aber hervor, dass Herzinfarkte bei Frauen häufiger tödlich verlaufen als bei Männern. Das gilt auch für die Sterblichkeit im akuten Notfall. Es verstarben mehr Frauen als Männer bevor sie das Krankenhaus erreicht hatten. Aber wie kommt es zu diesen Unterschieden? Warum ist es für Frauen wahrscheinlicher, an einem Herzinfarkt zu sterben?

Ein höheres Risiko im Alter entsteht für Frauen auch durch die Menopause

Bevor Frauen in die Wechseljahre (Menopause) kommen, sind sie – was Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrifft – gegenüber Männern eigentlich im Vorteil: Ihr Herzinfarktrisiko ist durch ihren Hormonspiegel geringer als das gleichaltriger Männer. Die weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene) haben Einfluss auf verschiedene Stoffwechselprozesse im Körper und wirken zum Beispiel erweiternd auf die Blutgefäße. So sind Frauen besser vor Gefäßablagerungen geschützt, die zu Herzinfarkten führen können. Mit den Wechseljahren nimmt jedoch der Hormonspiegel ab – und damit auch die Schutzwirkung. Eine Hormonersatztherapie kann diesen Nachteil nicht ausgleichen, wie Studien gezeigt haben. Nach den Wechseljahren steigt das Risiko für einen Herzinfarkt bei Frauen schneller an als bei den gleichaltrigen Männern.

Alles in allem haben Männer und Frauen im Laufe ihres Lebens ein vergleichbares Risiko für eine koronare Herzkrankheit. Bei dieser sind die Gefäße am Herzen (Herzkranzgefäße oder Koronar-Arterien) durch Ablagerungen verengt. Körperliche Anstrengung kann dann Brustschmerzen und Kurzatmigkeit auslösen (Angina Pectoris). Wenn sich ein Herzkranzgefäß dann plötzlich ganz verschließt, kann das zu einem Herzinfarkt führen. Bei Männern beginnt die Erkrankung allerdings häufig schon zwischen 60 und 70, bei Frauen erst mit über 70 Jahren. Eine mögliche Ursache dafür, dass Frauen häufiger an einem Herzinfarkt sterben, könnte demnach auch sein, dass sie durchschnittlich älter sind, wenn sie den Herzinfarkt haben.

Bei Frauen äußert sich ein Herzinfarkt oft anders als bei Männern

Herzinfarkt - diese Symptome haben Frauen häufiger

Atemnot, Rückenschmerzen und kalter Schweiß sind drei typische Symptome, die Frauen bei einem Herzinfarkt häufiger haben als Männer. 

Bei einem Herzinfarkt denken wir oft an einen Mann, der sich plötzlich mit stechendem Schmerz an die Brust fasst. Der klassische Brustschmerz, der auch in die Arme ziehen kann, ist bei allen Geschlechtern mögliches Anzeichen für einen Herzinfarkt. Bei Frauen und älteren Menschen kann der Schmerz jedoch weniger stark sein. Um im Falle eines Herzinfarkts möglichst schnell reagieren zu können, sollte jede und jeder die möglichen Symptome kennen und deuten können. Dabei besonders wichtig: Die Anzeichen für einen Herzinfarkt können sich bei Frauen und Männern unterscheiden. Frauen zeigen bei einem Herzinfarkt häufiger als Männer Symptome, die unspezifisch wirken:

  • Übelkeit mit Erbrechen
  • Müdigkeit
  • Kiefer- oder Halsschmerzen
  • Rückenschmerzen
  • Atemnot
  • Benommenheit

Der typische Brustschmerz kann ganz ausbleiben. Stattdessen können Kiefer- und Nackenschmerzen, Übelkeit und Schwäche die vorherrschenden Symptome sein. Werden sie falsch interpretiert, etwa als Rücken- oder Magenprobleme, kann es lebensgefährlich werden.

Keine Scheu vor falschem Alarm – lieber auf Nummer sicher gehen

Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute. Je länger es dauert, bis der Infarkt behandelt wird, desto mehr Herzmuskelzellen können absterben. Zudem besteht die Gefahr, dass Herzrhythmusstörungen auftreten, die innerhalb weniger Minuten zum plötzlichen Herztod führen können. Studien haben gezeigt: Von dem Moment an, in dem ein Mensch die ersten Symptome bemerkt, bis zur Einlieferung ins Krankenhaus vergeht die meiste Zeit mit Überlegungen, ob überhaupt medizinische Hilfe nötig ist.

Sowohl Alter als auch Geschlecht beeinflussen, wie schnell der Notruf gewählt wird. Expertinnen und Experten vermuten, dass gerade ältere Frauen zögern, den Notruf zu wählen, weil sie keine unnötigen Umstände verursachen wollen. Im Zweifel warten viele lieber ab, ob die Schmerzen nicht von allein verschwinden – und lassen so wichtige Minuten oder gar Stunden verstreichen. Bei Frauen über 65 Jahren vergeht im Vergleich zu anderen Menschen besonders viel Zeit, bis sie mit einem Herzinfarkt in der Notaufnahme ankommen. Laut einer Studie des Helmholtz Zentrums München dauert es durchschnittlich 4,5 Stunden, bis ältere Frauen in der Notaufnahme sind. Bei über 65-jährigen Männern geht es rund eine Stunde schneller. Aber nicht nur das Geschlecht, sondern auch das Alter spielt hier eine Rolle: Bei jüngeren Frauen dauert es im Schnitt zweieinhalb Stunden, bis sie nach einem Herzinfarkt die Klinik erreichen, bei jüngeren Männern sind es gut drei Stunden.

Je mehr Menschen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ihre geschlechtsspezifischen Symptome wissen, desto größer ist die Chance, im Ernstfall rechtzeitig Hilfe zu bekommen. Menschen, deren Symptome nicht so dramatisch sind, wie sie sich einen Herzinfarkt vorstellen, wählen seltener den Notruf. Sie werden im Vergleich zu Menschen, deren Symptome sich mit ihren Erwartungen decken, später im Krankenhaus behandelt.

Was tun bei Verdacht auf Herzinfarkt?

Bei starken Schmerzen in der Brust wissen viele Menschen, dass schnellstmöglich Hilfe rufen müssen. Tatsächlich können Herzinfarkte aber unterschiedlich starke Beschwerden und diffuse Schmerzen hervorrufen: Was also, wenn die Beschwerden weniger eindeutig und stark sind, als man es von einem Herzinfarkt erwarten würde?

Auch, wenn Sie bei diffusen Schmerzen nicht sicher sind, was die Ursache ist: Rufen Sie den Notruf unter 112 an. Je mehr Zeit verstreicht, desto größer ist die Gefahr eines Herzstillstands oder bleibender Folgeschäden wie einer Herzschwäche.

Werden Frauen anders behandelt als Männer?

Kommen Frauen mit Verdacht auf einen Herzinfarkt ins Krankenhaus, werden sie in der Regel genauso behandelt wie Männer. Handelt es sich tatsächlich um einen Herzinfarkt, wird die Sauerstoffversorgung so schnell wie möglich wiederhergestellt. Aber: Für junge Frauen ist die Wahrscheinlichkeit, trotz erfolgreicher Behandlung in den 11 Jahren nach dem Klinikaufenthalt zu sterben, mehr als doppelt so hoch wie bei Männern.

Bei Frauen kann es schwieriger sein, einen Herzinfarkt zu diagnostizieren. Bei jüngeren Frauen ist das Risiko einer Fehldiagnose höher. Das Geschlecht kann auch beeinflussen, wie Medikamente im Körper wirken

Risikofaktoren für Herzinfarkte kennen und vorbeugen

Einem Herzinfarkt geht meistens eine koronare Herzkrankheit voraus. Damit verbunden sind Ablagerungen in den Gefäßen (Arteriosklerose), die aus verschiedenen Gründen entstehen können. Die Risikofaktoren sind teilweise vom Geschlecht unabhängig, teilweise wirken sie aber bei Frauen und Männern unterschiedlich.

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Aufgrund ihres Hormonhaushalts spielt das Alter von Frauen eine Rolle für ihr persönliches Herzinfarktrisiko. Während das Risiko vor der Menopause niedriger ist als bei Männern, ist es danach erhöht – ganz besonders, wenn Frauen rauchen, Bluthochdruck haben oder Diabetes mellitus. Das Risiko für einen Herzinfarkt ist bei Frauen mit Diabetes 6-Mal so hoch, bei Männern ist es 4-Mal höher. Doch auch junge Frauen können einen Herzinfarkt erleiden. Raucherinnen, die hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille nehmen, haben im Vergleich zu Nichtraucherinnen ein 4-Mal höheres Herzinfarkt-Risiko.

Wer viel Stress hat, hat ebenfalls ein höheres Risiko für eine koronare Herzkrankheit. Frauen und Männer verarbeiten Stress häufig unterschiedlich. Während viele Frauen Probleme in ihren sozialen Beziehungen als belastend empfinden, erhöht bei Männern eher der anhaltende Leistungsdruck im Beruf das Risiko für Herzerkrankungen. Solche Belastungen können bei beiden Geschlechtern auch psychische Erkrankungen begünstigen.

Es ist wichtig, die eigenen Risikofaktoren zu kennen. Um Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes mellitus früh erkennen und behandeln zu können, raten Fachleute Menschen über 40 Jahren dazu, jährlich ihre Blutwerte prüfen zu lassen.

Für alle Geschlechter gilt: Regelmäßige Bewegung und eine gesunde Ernährung sind sehr wirksame Möglichkeiten, um Herzproblemen vorzubeugen.

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Webcode: a007008 Letzte Aktualisierung: 17.11.2021
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