Unfälle und Verletzungen

Stimmt das eigentlich? Fünf Unfall-Mythen im Faktencheck

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Ein junges Paar renoviert eine Wohnung

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dr. med. Utta Petzold (Dermatologin, Allergologin, Phlebologin bei der Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Die meisten Unfälle geschehen zu Hause und wer beim Fahrradfahren einen Helm trägt, schützt zwar seinen Kopf, fährt aber unbewusst riskanter – Thesen wie diese hat jeder schon einmal gehört. Doch ist da wirklich etwas dran? Wir haben fünf Mythen zu Unfallgefahren einem Realitätscheck unterzogen. 

Geschehen die meisten Unfälle wirklich im Haushalt?

Der Klassiker aller Sprüche über Unfälle: Die meisten Unfälle geschehen im Haushalt. Zumindest für Stürze scheint das nicht zu stimmen. 2019 veröffentlichte ein Team des Robert Koch Instituts (RKI) eine Studie zu "Sturzunfällen bei Erwachsenen". 1,8 Millionen Erwachsene stürzen demnach in Deutschland jedes Jahr so schwer, dass sie vom Arzt behandelt werden müssen. Zwar ereignet sich mit 30,9 Prozent der Fälle fast ein Drittel aller Stürze im eigenen Heim. Dennoch liegt das Zuhause nur auf Platz zwei der häufigsten Sturz-Orte. Nummer eins ist der Straßenverkehr. Hier ereignen sich 35,5 Prozent aller Stürze. Aber klar: Man stürzt, wenn man sich bewegt, und außerhalb der eigenen vier Wände bewegt man sich meist mehr als innerhalb. Wer Zahlen zu möglichen Unfallarten sucht, dem hilft ein Blick in eine weitere RKI-Veröffentlichung, die allerdings schon 2013 erschien und sich auf Daten von 2010 bezieht. Auch hier stellten die Forscher fest: "Fast jeder dritte Unfall ereignet sich zu Hause." In Zahlen waren es 30,2 Prozent, auch der Garten oder die Garage zählten zum Zuhause. Damit landete das eigene Heim wieder nur auf Platz zwei der häufigsten Unfallorte, knapp vor der Arbeitsstelle und dem Weg dorthin (29,6 Prozent). Mit Abstand auf Rang eins steht der Unfallort "Freizeit", zu dem die Forscher alle Unfälle zählten, die sich nicht auf der Arbeit und nicht zu Hause ereigneten. Bei Kindern und Jugendlichen scheint nur für die Allerkleinsten zu gelten, dass Unfälle meistens zu Hause passieren: Bei den Ein- bis Zweijährigen geschehen drei Viertel aller Unfälle daheim. Je älter die Kinder werden und je mehr Zeit sie außerhalb des Zuhauses verbringen, desto seltener ist der Haushalt der Unfallort. Sieben- bis Zehnjährigen geschieht nur noch ein Viertel der Unfälle zu Hause. Die häufigsten Unfallursachen sind über alle Kinder-Altersgruppen hinweg Stürze und Zusammenstöße. Ein Klischee bewahrheitet sich, wie die Zahlen verraten: Jungen verletzen sich häufiger als Mädchen. Wobei das keine Frage des Alters ist: Auch bei Erwachsenen geschehen fast zwei Drittel aller Unfälle den Männern.

Erhöhen Fahrradhelme das Unfallrisiko?

Es ist eine Diskussion, die unter Radfahrern immer wieder aufkommt: mit oder ohne Helm? Dass ein Helm den Träger bei einem Unfall besser schützt als kein Helm, liegt auf der Hand. Doch worauf der eine oder andere Helmgegner gern verweist: Wer einen Helm trägt, fährt riskanter und baut viel eher einen Unfall – der deshalb ohne Helm möglicherweise nie passiert wäre. Doch stimmt das? Machen Helme risikobereiter? Tatsächlich gibt es Studien, die diese These unterstützen. Zum Beispiel untersuchten Forscher 587 französische Radler und stellten fest, dass Männer mit Helm schneller fahren als ohne. In einer anderen Studie mit 35 Radlern auf einem 400 Meter langen Streckenabschnitt bemerkten Wissenschaftler, dass die Fahrer, die sonst mit Helm fahren, langsamer fuhren, nachdem sie den Helm abgesetzt hatten. Doch belegen solche Studien nun, dass Helme Unfälle wahrscheinlicher machen? Nein – zu diesem Schluss kommen die Verfasser eines vom Baden-Württembergischen Ministerium für Verkehr in Auftrag gegebenen Gutachtens. In der Arbeit der französischen Radler etwa war die Durchschnittsgeschwindigkeit unrealistisch gering und nur 13 Fahrer trugen überhaupt einen Helm. Aus der 400-Meter-Studie wiederum könne man unmöglich schlussfolgern, dass Helme risikobereiter machten. Wer nämlich sonst ohne Helm fuhr und für die Studie einen Helm aufzog, der fuhr deshalb nicht schneller. Noch dazu hätten die Untersuchungen häufig methodische Schwächen. Eine recht umfangreiche Studie aus dem Jahr 2013 untersuchte zudem, wie häufig sich Radfahrer mit und ohne Helm verletzen. Die Forscher zeigten: Nicht-Helmträger, die Unfälle bauten, erlitten in 9,3 Prozent der Fälle schwere Verletzungen, die sich nicht im Kopfbereich befanden. Bei den Helmträgern waren es nur 7,3 Prozent der Verunglückten. Das deutet sogar eher auf das Gegenteil der eingangs gestellten Frage hin: nämlich, dass Radler ohne Helm riskanter fahren. In jedem Fall gibt es mittlerweile Alternativen für alle, denen Frisur und Look wichtiger sind als ein heiler Kopf: den Kopf-Airbag zum Beispiel. Der wird wie eine Halskrause ums Genick geschnallt. Sensoren erkennen einen Sturz und im Falle eines Falles entfaltet sich der Airbag um den Kopf, bevor dieser auf den Asphalt knallt.

Führt ein Tempolimit von 130 km/h zu weniger Unfällen?

Um das zu beantworten, hilft ein Blick in Bundesländer, in denen tatsächlich Tempolimits eingeführt wurden. Zum Beispiel nach Brandenburg. Bis 2002 war dort ein 62 Kilometer langer Abschnitt der A24 ohne Tempolimit, seither gilt dort Tempo 130. Im Jahr 2007 ließ das Verkehrsministerium Brandenburgs auswerten, ob es durch die Geschwindigkeitsbegrenzung nun zu weniger Unfällen gekommen war. Das Ergebnis: Ohne Tempolimit gab es im Schnitt 654 Unfälle pro Jahr, mit Tempolimit waren es 337. Selbst als die Forscher berücksichtigten, dass die Unfallzahlen in dieser Zeit generell zurückgegangen waren, führte das Tempolimit immer noch zu einem deutlichen Rückgang. Weiter in der Vergangenheit finden sich zwei weitere Beispiele. Im Winter 1973/74 galt wegen der Ölkrise ein Tempolimit von 100 km/h. Halb so viele Menschen wie zuvor verunglückten. Von 1984 bis 1987 setzte die rot-grüne Regierung Hessens auf mehreren Autobahnstrecken die Maximalgeschwindigkeit ebenfalls auf 100 km/h herab. Danach sank die Zahl der Toten und Schwerverletzten um bis zu 50 Prozent. Die Frage ist also einfach zu beantworten: Ja, ein Tempolimit führt zu weniger Unfällen auf den Straßen.

Ist es gefährlich, mit vollem Magen zu schwimmen?

Da steht sie nun, die zweite der zehn DLRG-Baderegeln, die jeder kennt, der als Kind mit den Eltern im Schwimmbad war: "Gehe niemals mit vollem oder ganz leerem Magen ins Wasser." Natürlich nicht, das weiß doch jeder: viel zu gefährlich. Aber wieso nochmal? Das Amerikanische Rote Kreuz hat dazu 2011 eine Untersuchung veröffentlicht, für die es viele wissenschaftliche Studien ausgewertet hat. Generell sei der Zusammenhang gar nicht oft von Forschern untersucht worden, heißt es in der abschließenden Veröffentlichung. Außerdem hätte die Recherche ergeben, dass es keinen einzigen Fall gab, in dem eine Mahlzeit vor dem Schwimmen zu Ertrinken geführt hätte. "Die derzeit verfügbaren Informationen deuten darauf hin", so das Fazit des Amerikanischen Roten Kreuzes, "dass das Essen vor dem Schwimmen kein Ertrinkungsrisiko darstellt und als Mythos abgetan werden kann." Und warum warnt die DLRG davor? "Medizinisch und wissenschaftlich gibt es dafür keine Begründung", sagte Achim Wiese, Pressesprecher der DLRG, gegenüber dem Spiegel. "Wir wissen aber, dass gerade Kinder beim Spielen häufig Wasser schlucken." In Kombination mit einem vollen Magen könne das dazu führen, dass ihnen übel werde und sie sich übergeben müssten. "Dann kann es vielleicht etwas gefährlich werden", so Wiese. "Das ist aber der einzige Grund, warum das in unseren Regeln steht." Da Schwimmen aber eine Menge Energie verbraucht, ist es sinnvoll, nicht mit ganz leerem Magen ins Wasser zu gehen, damit einen beim Schwimmen nicht die Kräfte verlassen.

Geschehen am Freitag, dem 13., besonders viele Unfälle?

Es könnte ja sein, oder? Gar nicht mal, weil tatsächlich eine höhere Macht Unglück über die Welt bringt. Sondern, weil manche Menschen glauben, so ein Freitag sei ein Unglückstag, und sich dementsprechend anders verhalten als sonst. Psychologen würden das eine "selbsterfüllende Prophezeiung" nennen. Tatsächlich aber sieht es nicht danach aus, als sei ein Freitag besonders gefährlich, wenn er auf den 13. Tag im Monat fällt. In einer der ersten Studien zu dieser Frage schauten Forscher, wie viele Leute aufgrund von Verkehrsunfällen in einem Londoner Vorort ins Krankenhaus mussten. Sie stellten tatsächlich fest, dass an Freitagen, die auf einen 13. fielen, mehr Menschen ins Krankenhaus kamen als an Freitagen, die auf einen 6. fielen. Insgesamt waren es aber nur 65 Krankenhauseinweisungen verteilt auf neun Freitage – viel zu wenig, um belastbare Aussagen treffen zu können. Weitere, in den vergangenen Jahrzehnten durchgeführte Untersuchungen kamen hingegen zu dem Ergebnis, dass es keinen nennenswerten Zusammenhang zwischen Unglücken und Freitagen gibt. In einer dieser Studien zeigten deutsche Forscher beispielsweise 2011, dass es an den verdächtigen Freitagen während Operationen nicht häufiger zu Komplikationen kommt. Für den deutschen Straßenverkehr hat der ADAC nachgerechnet, ob es am Freitag, den 13., statistisch häufiger zu Verkehrsunfällen kommt. Fazit: nein. 2018 fielen zwei Freitage auf den 13. Kalendertag. Einmal kam es auf den Straßen zu 957 Unfällen mit Personenschaden, das zweite Mal zu 1.123 Unfällen. Der Durchschnitt für alle Freitage des Jahres lag bei 971 Unfällen. Einmal überdurchschnittlich und einmal unterdurchschnittlich – keine Angst also vor dem nächsten Freitag, der auf einen 13. fällt!  

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