Unfälle und Verletzungen

Mehr Spaß im Kinderzimmer: 16 Tipps für sicheres Kinderspielzeug

Lesedauer unter 8 Minuten
Ein kleiner Junge sitzt auf dem Boden und spielt mit einer Autorennbahn

Autor

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dr. med. Utta Petzold (Dermatologin, Allergologin, Phlebologin bei der Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Die neuesten Action-Figuren, eine Puppe, die selbst laufen kann, eine Holzeisenbahn, Stofftiere, ferngesteuerte Autos – diesen Wunschzettel könnte man endlos fortsetzen: Kinder wünschen sich ständig neue Spielsachen. Dabei geht es ihnen vor allem um den Spaß- und Coolness-Faktor. Eltern hingegen sollten auf die Sicherheit achten, damit aus dem Spiel kein Ernst wird.  

Sicherheit beginnt im Kinderzimmer

Haare geraten in die Räder des ferngesteuerten Trucks, ein Splitter steckt im Finger beim Spielen mit der Holzeisenbahn, ein kleines Teil des Spielbauernhofs wird verschluckt: Tag für Tag passieren kleine und größere Unfälle in Kinderzimmern. Eine Million Kinder verletzen sich jedes Jahr laut einer Statistik der Gesetzlichen Unfallversicherung. Die meisten Unfälle passieren im Haushalt oder auf dem Spielplatz. In der Hälfte der Fälle sind Spielzeuge oder -geräte beteiligt.

Es ist ganz normal, dass sich Kinder im Spiel auch mal wehtun. Wenn jedoch das Spielzeug schadhaft ist oder nicht ausreichend geprüft, dann ist das vermeidbar und fahrlässig. Erst im April 2020 kamen Rechtsmediziner der Uni Düsseldorf in einer Studie zu dem Ergebnis, dass viele Spielzeugpistolen derart gefährlich sind, dass sie schwere Verletzungen – vor allem an den Augen – verursachen können. Auch das EU-Schnellwarnsystem für gefährliche Produkte RAPEX warnt regelmäßig vor Spielzeug: Im Jahr 2019 listete es 644 Spielsachen auf, die unterschiedliche Gefahren bergen. Am häufigsten werden Kleinteile beanstandet, die verschluckt werden können. 

Grenzwerte für Schadstoffe werden regelmäßig überschritten

Doch selbst wenn die gesetzlichen Anforderungen erfüllt werden, sind Spielsachen nicht automatisch unbedenklich. Denn in ihnen stecken häufig unsichtbare Inhaltsstoffe: Schadstoffe und Gifte. Die EU-weit gültigen Grenzwerte für Schadstoffe werden vor allem bei Spielzeugen häufig überschritten – in beinahe einem Fünftel aller Kinderprodukte sind Schadstoffe in bedenklichen Höhen enthalten. In Buntstiften, Spielzeugschleim oder Eisenbahnen stecken Bor, Naphthalin oder Formaldehyd, die Haut und Schleimhäute reizen. Einige dieser Schadstoffe können Krebs auslösen, in späteren Jahren die Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder Allergien verursachen.

Dies bemängeln Wissenschaftler, Politiker und Verbraucherschützer in regelmäßigen Abständen. Verändert hat sich trotzdem wenig. "Ein besonders großes Ärgernis", sagt Hubertus Primus, oberster Warentester bei Stiftung Warentest. "Denn es ist ohne Weiteres möglich, Kinderprodukte herzustellen, die unsere Kleinen keinem unnötigen Risiko aussetzen." Die Produktqualität müsse verbessert, der Markt besser überwacht werden, so Primus. Außerdem brauche es eine einheitliche Regelung für Produkte, die von europäischen Anforderungen nicht erfasst würden – und das seien enorm viele.

Eltern wollen Sicherheit

Die Realität unterscheidet sich auch stark von den Wünschen der Eltern: In einer Umfrage sagten 89 Prozent der Erwachsenen, dass für sie die Sicherheit das entscheidende Kriterium beim Spielzeugkauf sei. Prüfsiegel sind 83 Prozent der Erwachsenen wichtig.

Dennoch kann man einiges tun, um sich als Eltern sicherer zu fühlen und seine Kinder keinen Schadstoffquellen auszusetzen. Wir haben Tipps für mehr Sicherheit zusammengestellt.

Wodurch zeichnet sich sicheres Spielzeug aus?

Man muss kein Werkstoffprofi sein, um die Sicherheit von Spielzeug zu beurteilen. Wer auf die folgenden Punkte achtet, kann die Qualität in Zukunft besser einschätzen.

1. Stabil und robust

Das Spielzeug wirkt hochwertig und langlebig. Nichts wackelt, es stehen keine Drähte heraus, es gibt keine scharfen Ecken oder Kanten. Die Kennzeichnung DIN 71-1 weist darauf hin, dass Spielzeug besonders strapazierfähig ist.

2. Guter Geruch 

Verströmt das Spielzeug beim Auspacken einen starken Chemiegeruch, kann das tatsächlich ein Anhaltspunkt für schlechte Qualität sein. Gummi- und Plastikteile, die krebserregende "polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe" (PAK) enthalten, haben einen öligen Geruch – so wie man ihn von der Tankstelle kennt. Andere Gifte hingegen sind völlig geruchslos. Zwar kann in seltenen Fällen auch der Produktionsprozess für einen auffälligen Geruch verantwortlich sein, doch die Schnüffelprobe ist meist ein sinnvoller Test: Was intensiv riecht, sollte nicht im Kinderzimmer landen.

3. Speichelfest

Ist ein Spielzeug mit Lack überzogen, sollte es "speichelecht" sein. Der Lack sollte sich also nicht lösen, wenn das Baby das Spielzeug in den Mund nimmt und daran lutscht. Einen Hinweis darauf gibt die Kennzeichnung DIN 53160.

4. Prüfzeichen und Tests

Hersteller dürfen ein CE-Zeichen (Abkürzung für "Communauté-Européenne"-Zeichen) auf ihr Spielzeug drucken, wenn es nach in Europa geltenden Richtlinien hergestellt wurde. Allerdings ist das Zeichen kein Qualitätssiegel, weil keine unabhängige Stelle die Angaben prüft. Folgt hinter dem CE-Zeichen eine vierstellige Kennnummer, war eine "Benannte Stelle" – also eine staatlich benannte oder staatlich überwachte private Prüfstelle – beteiligt. Vorsichtig sollte man werden, wenn Spielzeug kein CE-Kennzeichen trägt. Denn dieses Spielzeug darf seit 1991 in Deutschland nicht mehr verkauft werden. Fehlt das Zeichen, gelangte das Spielzeug vermutlich nicht auf offiziellen Wegen in die EU.

Verschiedene Siegel und Qualitätshinweise von Prüfinstanzen sind ein Hinweis für gewisse Standards. Der TÜV zertifiziert das Spielzeug in Übereinstimmung mit den jeweiligen nationalen und internationalen Standards für Spielzeugsicherheit. Das GS-Siegel (Abkürzung für "Geprüfte Sicherheit") kann der Hersteller freiwillig zusätzlich in einem staatlich anerkannten Institut erwerben. Denn: Jeder Hersteller ist selbst für die Sicherheit seines Produkts verantwortlich.

Auch verschiedene Prüfinstanzen wie Stiftung Warentest oder Ökotest testen Spielzeug regelmäßig auf Haltbarkeit, Unfallsicherheit und Schadstoffe. Stiftung Warentest listet beispielsweise Produkte, die mit "mangelhaft" bewertet wurden, detailliert auf. Ökotest berichtet jedes Jahr über die Qualität und Schadstoffbelastung von Spielzeug.

5. Auf unechte Siegel achten

Man muss schon ganz genau hinschauen: Immer wieder gibt es Fälle, in denen die Prüfzeichen gefälscht werden. Eltern sollten also darauf achten, ob das Siegel deutlich zu erkennen ist und dass es keine Fehler aufweist. Eine Fälschung erkennt man oft daran, dass die Buchstaben unsauber aufgedruckt sind oder nicht wie gewohnt aussehen – die Buchstaben C und E stehen dabei oft zu nah beieinander oder der mittlere Strich des E ist zu lang. Bei gefälschten CE-Kennzeichen fehlt meist eine Bedienungsanleitung in deutscher Sprache.  

6. Nicht zu billig

Figuren aus dem 1-Euro-Laden, Werbegeschenke oder Restposten – zu billiges Spielzeug erfüllt meist nicht die gewünschten Standards. Bei Tests werden in "Ramsch-Ware" am häufigsten gesundheitsschädliche Stoffe und Grenzwertüberschreitungen gefunden. Aber natürlich erfüllt auch hochpreisiges Spielzeug nicht immer die Qualitätsansprüche.

7. Mit digitalem Spielzeug vorsichtig umgehen

Noch gibt es keine Studien dazu, Verbraucherschützer warnen jedoch davor, in Kinderzimmern unbedacht digitales Spielzeug zu verwenden. So auch Dr. Katharina Barley, ehemalige Ministerin der Justiz und für Verbraucherschutz: Gerade Kinderprodukte seien besonders sensible Produkte, sagte Barley. Denn sie beträfen besonders sensible Verbraucherinnen und Verbraucher. Das gelte umso mehr für digitale Kinderprodukte. Unsichere Smart-Toys seien "ein Einfallstor für verschiedene, besorgniserregende Entwicklungen“, warnte Barley bei der Vorstellung der Ergebnisse von mehreren Tests der Stiftung Warentest aus den Jahren 2017 und 2018. Der denkbare Missbrauch reiche von Überwachung bis zur Möglichkeit, Straftaten zu begehen.

8. Auf Rückrufaktionen achten

Die Hersteller sind selbst für die Sicherheit ihrer Produkte verantwortlich. Überwacht werden sie von den Bundesländern, deren staatliche Marktüberwachungsbehörden sich darum kümmern. Es gibt routinemäßige Sichtprüfungen, bei denen die Experten das Produkt auf offensichtliche Mängel untersuchen und prüfen, ob alle vorgeschriebenen Aufdrucke und Sicherheitshinweise vorhanden sind. Außerdem gehen die Behörden Hinweisen von Verbrauchern nach. Immer wieder rufen sie dann gefährliches Spielzeug zurück, stellen Produkte sicher und vernichten sie. Produktrückrufe werden hier veröffentlicht.

9. Die Herkunft macht´s

Im Jahr 2020 hat RAPEX, das EU-Schnellwarnsystem für gefährliche Produkte, mehr als 300 Spielzeuge angemahnt. Davon stammten 260 aus China. Bei europäischen Spielzeugen gibt es solche Warnungen äußerst selten.

10. Auf Altersangabe achten

Eltern sollten nur Spielzeug kaufen, das auch zum Alter des Kindes passt. Steht zum Beispiel "Für Kinder unter drei Jahren nicht geeignet" auf der Packung, kann das Spielzeug Teile enthalten, die verschluckt werden können.

11. Bitte leise

Oft sind Spielzeugautos oder Spieluhren für empfindliche Kinderohren viel zu laut – mal ganz abgesehen davon, dass diese Dinge den Eltern gehörig auf die Nerven gehen. Prüfen Sie also vor dem Kauf unbedingt die Lautstärke und ob Geräusche sich ausschalten lassen.

12. Auf die Packung achten

Ein gutes Produkt ist nicht übertrieben verpackt. Die Herstelleradresse oder der Importeur stehen auf der Rück- oder Unterseite. So kann man bei einem Schaden den Hersteller kontaktieren.

13. Vorsicht vor Weichmachern

Damit Spielzeug schön knautschig und weich ist, werden oft Weichmacher zugesetzt. Verschluckt ein Kind dann kleine Teile oder kaut oft auf dem Spielzeug herum, lösen sich die Weichmacher aus dem Material. Ein kritisches Material ist zum Beispiel PVC. Ob ein Produkt aus PVC besteht, erkennen Sie an den Bezeichnungen "VC" und "Vinyl", das Symbol hierfür ist die Zahl 3 in einem Dreieck aus Pfeilen. Gesundheitlich unbedenklichere Kunststoffe haben die Nummern 1 (PET), 2 oder 4 (Polyethylen) und 5 (Polypropylen). Sollte sich PVC--Polyvinylchlorid als Werkstoff nicht vermeiden lassen, sollte das Spielzeug als "phtalatfrei" gekennzeichnet sein. Eine gute Alternative sind zum Beispiel Weichmacher auf Basis von Zitronensäure, beispielsweise Zitronensäuretriethylester. Leider müssen Weichmacher auf den Produkten nicht deklariert werden.

14. Holzspielzeug ist nicht immer besser

Zwar ist Holz ein nachwachsender Rohstoff, während Kunststoff etwa 450 Jahre benötigt, um zu verrotten. Doch auch Holzspielsachen können Schadstoffe enthalten. So behandeln manche Spielzeughersteller die Oberflächen mit Lack oder kleben mit Leim, der Formaldehyd ausgast. Dieser Stoff kann vermutlich Krebs verursachen, er reizt die Schleimhäute und kann Allergien auslösen. In der Vergangenheit wurden vor allem Holzpuzzles aus billigem, verleimtem Sperrholz beanstandet. Ist das Holz zudem nicht sauber verarbeitet, können sich Kinder daran verletzen und Splitter ziehen.

15. Lieber eine Stoffpuppe 

Stoff-Spielsachen schneiden in Tests häufig besser ab als Plastikprodukte. Die Textilsiegel GOTS und IVN zeigen, dass bei der Produktion keine Schadstoffe zum Einsatz kamen. Dennoch sollte man die Puppe aus Stoff vor dem ersten Kuscheln in der Waschmaschine waschen.

16. Ruhig mal nachfragen

Die Hersteller sind verpflichtet, den Konsumenten Auskunft über die Zusammensetzung von Produkten zu geben. Eine Kontaktadresse muss auf dem Produkt oder auf der Verpackung stehen. Auch bei den zuständigen Landesbehörden, zum Beispiel den Gewerbeaufsichtsämtern, können Eltern anrufen.

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Webcode: a006100 Letzte Aktualisierung: 02.12.2020
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