Physische Erkrankungen und Verletzungen

Helden des Alltags: Fünf Helfer in der Not berichten

Lesedauer unter 10 Minuten
Lisa Bombe, Rettungsschwimmerin und Jugendvorsitzende der DLRG Flensburg

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Brauchen Menschen nach einem Unfall Hilfe, sind das die Ersten, die da sind: Bergretter, Notfallsanitäter, Trauma-Experten oder auch Laien-Ersthelfer. Fünf Helden berichten aus ihrem Alltag – und haben den einen oder anderen Tipp, wie wir uns bei Unglücken verhalten sollten. 

Der Bergretter: "Touristen in Turnschuhen sind seltener geworden"

Klemens Reindl, 61, ist Bundesleiter der Bergwacht im Deutschen Roten Kreuz und Bergretter in Bad Kohlgrub im Landkreis Garmisch-Partenkirchen.
"Ich bin seit mehr als vierzig Jahren bei der Bergwacht und mich fasziniert immer wieder, wie sich unsere Aufgabe als Ersthelfer in all den Jahren verändert hat. Je mehr die Berge erschlossen werden – mit Wanderwegen, Fahrradrouten oder Paragliding – desto mehr Arbeit haben wir. Wir reagieren darauf, wie sich die Menschen verändern. Wir spezialisieren uns und coachen unsere Mitarbeiter, damit sie den neuen Herausforderungen gewachsen bleiben. Früher erreichten uns die Notrufe vor allem am Wochenende und im Winter. Mittlerweile gehen immer mehr Notrufe im Sommer und unter der Woche ein. Es wird mehr, es wird schwieriger. Aber der Anspruch der Menschen bleibt gleich: Im Notfall ist die Bergwacht da. Ich möchte das einmal festhalten: Die Bergwacht ist ein Rettungsdienst. Wir retten, wer gerettet werden muss, ohne zu urteilen. Es ist gut, dass der Typ Tourist seltener geworden ist, der in Turnschuhen auf den Gipfel steigt. Die Ausrüstung der Menschen ist besser und sie sind fitter als früher. Aber sie unterschätzen die objektiven Risiken, wie wir das nennen: Regen, Schnee, Wind, Gewitter, Steinschlag. Der Natur ist es egal, ob Menschen in ihr herumklettern und -fahren. Viele glauben allerdings, wenn sie einen Urlaub gebucht haben, haben sie den Gipfel mitgebucht. Doch die Natur nimmt darauf keine Rücksicht. Mir fällt auch auf, dass immer weniger Menschen sich auf Trips in die Berge ausführlich vorbereiten. Kaum jemand nutzt noch analoge Karten. Für uns ist das ein großes Problem. Denn diejenigen, die Hilfe brauchen, wissen oft nicht, wo sie sind. Das macht die Ortung schwierig. Sie haben sich vorher nicht mit dem Gelände auseinandergesetzt, sie kennen die Himmelsrichtungen nicht. Sie verlassen sich auf die Navigationsapp ihres Smartphones, das sie sowieso immer dabei haben. Wenigstens das machen wir uns zunutze, indem wir uns etwa Standorte per WhatsApp schicken lassen, um Verletzte zu orten. Früher waren die Menschen begeistert, wenn wir schon nach 30 Minuten am Unfallort eintrafen. Mittlerweile beschweren sie sich, warum das so lange dauert. Ich habe auch schon gesehen, dass uns Wanderer mit Fäusten drohten, weil unser Hubschrauber zu laut war – wenn sie in den Bergen sind, wollen sie schließlich Ruhe. Wir von der Bergwacht sind keine Helden, und so muss man uns auch nicht behandeln. Aber wir würden uns freuen, wenn uns die Menschen, die die Berge besuchen, unterstützen."

Die Erzieherin: "Wenn ein Kind blutet, nehmen wir rote Tücher"

Gerhild Vossler, 59, kümmert sich seit 14 Jahren als Erzieherin im element-i Kinderhaus Bengelbande um das Wohl von 50 Kindern – und um die Erste-Hilfe, wenn ein Kind verunfallt.
"Bei uns im Kinderhaus sehe ich regelmäßig Schürfwunden, Schnittwunden, Platzwunden oder Nasenbluten. Solche Verletzungen passieren eben, wenn Kinder toben: Sie haben Unfälle mit dem Dreirad oder beim Klettern auf den Bäumen. Dann sind wir Erzieher gefragt. Verletzt sich ein Kind, braucht es zuallererst Ruhe. Wir führen es an einen Ort, wo wir ungestört sind und mit dem Kind sprechen können. Das ist wichtig. Wir erklären den Kleinen auch, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie mitbekommen, dass sich ein anderes Kind verletzt hat: ganz schnell Hilfe holen! Das heißt: einem Erwachsenen Bescheid sagen. Nach meiner Erfahrung ist es besser, mit einem verletzten Kind jeden Schritt abzusprechen, statt über seinen Kopf hinweg zu handeln. Ich frage also beispielsweise: Möchtest du auf dem Schoss sitzen oder lieber gestreichelt werden? Kinder sind sehr unterschiedlich. Es gibt die, die sich sehr erschrecken. Und es gibt die, die sich sehr neugierig die eigene Wunde anschauen. Wir haben natürlich unsere Tricks, um den Schrecken etwas zu nehmen. Blutet ein Kind, benutzen wir beispielsweise rote Tücher, damit die Kleinen nicht sofort sehen, wie stark die Blutung ist. Und selbst, wenn es nur ein kleiner Kratzer ist, gibt’s ein Pflaster mit lustigen Motiven wie Piraten oder Dinosauriern. Wir Erwachsenen müssen Ruhe bewahren, egal wie sehr einem selbst beim Anblick eines verletzten Kindes das Herz blutet. Mir geht das sehr nah. Aber das darf ich natürlich in dem Moment nicht zeigen."

Die Notfallsanitäter: "Seit dem Zugunglück von Eschede denken wir anders"

Lars Werthmann, 35, und Marco Zeibig, 33, sind Notfallsanitäter in Altenberg im Erzgebirge. Von ihren Mitmenschen wünschen sie sich, dass diese fitter in Erster Hilfe werden.
"Wenn wir als Rettungskräfte an die Mitmenschen appellieren dürften, dann würden wir uns wünschen: Frischt eure Kenntnisse auf. Auch ihr seid Ersthelfer. Bei uns in Sachsen etwa gilt für die Rettung eine Hilfsfrist von zwölf Minuten. Das ist sehr schnell, aber selbst dieser Zeitraum kann zu lang sein, um rechtzeitig anzukommen und jemanden zu retten. Deshalb, liebe Mitmenschen, brauchen wir euch! Die meisten haben das letzte Mal etwas mit Erster Hilfe zu tun gehabt, als sie ihren Führerschein gemacht haben. Das ist natürlich irgendwie in Ordnung, aber mittlerweile gibt ein sehr gutes Angebot von Auffrischungskursen. Das kann man in wenigen Stunden erledigen – einmal stabile Seitenlage, einmal Mund-Nase-Beatmung, einmal Herz-Rhythmus-Massage. Zu wissen, wie man das richtig macht, kann Leben retten. Natürlich können auch wir professionellen Ersthelfer nicht jedes Leben retten und nicht jeden Unfall verhüten. Wir sehen Leid, wir sehen Tote. Und das geht uns nah. Da ist es egal, ob man ehrenamtlich oder hauptamtlich tätig ist. Bei uns gibt es für schwierige Situationen Trainings. Zum Beispiel: Wie sagt man einem Angehörigen, dass sein geliebter Mensch tot ist? Es gibt eine besondere Nachsorge bei belastenden Rettungseinsätzen. Wir haben so bisher verhindern können, dass einer unserer Einsatzkräfte eine Posttraumatische Belastungsstörung erleidet. Rettet man gemeinsam ein Leben, entsteht ein Band zwischen Rettern, das ist unglaublich. Unter uns Rettungskräften gibt es oft eine sehr spezielle und enge Verbindung. Wir reden untereinander darüber, was wir erleben, und wir unterstützen uns. Aber: Wir holen uns professionelle Hilfe, wenn wir sie brauchen. Früher war das anders, da galt Rettung als Männerbranche, in der man keine Schwäche zeigen durfte, egal, was passierte. Das Zugunglück von Eschede im Jahr 1998 hat für uns Rettungskräfte viel verändert. Damals gab es zahlreiche traumatisierte Retter. Seitdem denken wir anders und haben die psychische Vor- und Nachsorge für die Einsatzkräfte professionalisiert."

Die Rettungsschwimmerin: "Menschen ertrinken nicht wie im Film, sondern lautlos"

Lisa Bombe, 26, ist Rettungsschwimmerin und Jugendvorsitzende der DLRG Flensburg.
"Menschen ertrinken nicht wie im Film. Ertrinken ist lautlos. Ein Mensch, der Herzprobleme hat oder einen Schlaganfall im Wasser – der geht einfach unter. Er hat keine Kraft mehr, um mit den Armen zu rudern, und keine Luft, um nach Hilfe zu rufen. Das Wichtigste an meiner Arbeit als Rettungsschwimmerin ist also, genau zu beobachten, was im und am Wasser passiert. Oft sehe ich schon an unserem Flensburger Stadtstrand Menschen, bei denen ich denke: Der könnte potenziell in Gefahr geraten. Das sind vor allem jene im Risikoalter – Kinder oder Senioren. Ich kenne den Strand gut und weiß, wo Menschen gefahrlos von der Brücke ins Wasser springen können und wo nicht. Deshalb muss ich Schwimmer auch mal ermahnen, weil ich mich um ihre Sicherheit sorge. Die meisten sind dankbar dafür. Doch bei manchen kommt das so an, als würden wir Rettungsschwimmer ihnen den Spaß verderben wollen. Die wollen sich von uns nichts sagen lassen, springen trotzdem und beleidigen und verhöhnen uns noch. Eine Kollegin wurde in diesem Sommer sogar vorsätzlich angehustet. So etwas kennt leider jeder, der sich in Hilfsorganisationen wie der DLRG engagiert. Ehrenamt, das heißt auch, ein dickes Fell haben zu müssen. Wenn ich mir also etwas von den Badegästen wünschen dürfte, dann wäre das mehr Respekt für Menschen, die für die Sicherheit da sind. Aber, das ist mir wichtig, ich verbringe meine Freizeit sehr gern mit meinem Ehrenamt. Ich bin gern am Strand, an der Ostsee, ich habe Kollegen, die ich mag, und einen Job voller Adrenalin. An einen Stadtstrand wie unseren kommt einfach jeder. Deshalb haben wir auch mit jeder Art von Verletzungen zu tun: Wir behandeln etwa Schnitt- und Schürfwunden oder Verbrennungen von Feuerquallen. Wir kümmern uns um Lagerfeuer, die nicht gelöscht werden, Schlägereien, verschollene Kinder – und natürlich um die Rettung von Ertrinkenden. Wenn ich jemanden im Wasser entdecke, der Hilfe braucht, muss ich zuerst abschätzen, was genau passiert ist: Ist da einer ins flache Wasser gesprungen und hat eine Fuß- oder Rückenverletzung? Dann nehme ich ein Spineboard mit rein, eine Art schwimmende Krankenliege zum Bergen. Für Schwimmer, die ihre Kräfte überschätzt haben, nehme ich so eine Baywatch-Boje mit und schleppe sie zurück an den Strand. Beim Abschleppen von Menschen kann es passieren, dass sie in Panik geraten und uns Rettungsschwimmer angreifen. Wir lernen in Kursen deshalb so etwas wie Selbstverteidigung: bestimmte Griffe, mit denen wir Menschen sozusagen zwingen, von uns gerettet zu werden. Die meisten sind natürlich froh um die Hilfe. Als Laie kann man übrigens nicht viel falsch machen, wenn man jemanden aus dem Wasser zieht. Dennoch gilt gerade im Wasser, dass der Eigenschutz vorgeht. Am wichtigsten ist deshalb, uns Profis an Land Bescheid zu geben, wenn jemand in Gefahr ist: um Hilfe rufen, winken, auf sich aufmerksam machen."

Die Ärztin: "Nach einem Trauma erkennen sich Menschen oft selbst nicht wieder"

Dr. Ulrike Wichtmann, 66, Notärztin, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse sowie Gründerin von Faith International, einer Organisation, die Trauma-Ersthelfer ausbildet.
"Wir haben Faith International während des Sommers 2015 gegründet, als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Diese Menschen haben in ihrer Heimat oder auf der Flucht sehr oft traumatische Dinge erlebt. Darauf wollten wir reagieren, indem wir Ersthelfer ausbilden, die ihren Landsleuten beistehen können. Unser Ziel war und ist es, die Gefahr der Entwicklung einer schweren chronischen posttraumatischen Belastungsstörung zu vermindern. Die Spuren einer solchen Belastung reichen bis tief in die körperliche Selbstregulierung hinein. Nach einem Trauma erkennen sich Menschen selbst oft nicht wieder: Sie leiden unter Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Angst, Verwirrung. Sie haben Flashbacks, Albträume und eine schlechte Allgemeinbefindlichkeit. Das Trauma, das sie erlebt haben, geht für sie nicht vorbei. Wir helfen dabei, in der Realität anzukommen. Wir geben Ihnen das Gefühl: Du hast überlebt, du bist in Sicherheit. Wir führen den Menschen Wärme zu und zwar buchstäblich: Getränke, Wärmflaschen, Decken. Traumatisierte frieren oft, aber haben kein Gefühl mehr für ihren Körper. Wir helfen ihnen, den Körper wieder zu spüren. Insofern ist auch Trauma-Erste-Hilfe eine körperliche, nicht nur eine seelische Hilfe. Das Aufarbeiten des Traumas – das ist Traumatherapie. Wir Trauma-Ersthelfer aber versuchen die Lücke zu schließen zwischen dem traumatischen Erlebnis und der Therapie, indem wir den Körper und die Wahrnehmung der Betroffenen stabilisieren. Ein Trauma ist sehr individuell: Es gibt Traumata in Folge von Naturkatastrophen und es gibt menschengemachte Traumata durch Folter, Tod, Krieg oder sexuelle Gewalt. Deshalb sind die Trigger – so nennen wir Auslöser, die Traumatisierte an das Erlebnis erinnern – auch so unterschiedlich. Es ist schwer, generelle Ratschläge für Mitmenschen zu geben, wie sie traumatisierten Menschen helfen können. Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr über Traumata wüssten: Trauma bedeutet Wunde. Aber ein Trauma betrifft, anders als eine Schnittwunde, den ganzen Organismus. Ein Wunsch an die Menschen wäre, tolerant und respektvoll zu sein. Geflüchteten Menschen wird oft böser Wille unterstellt, als ob sie sich nicht integrieren möchten. Aber wie soll sich jemand integrieren, der nicht schlafen kann? Der ein Trauma immer weiter erlebt, das für ihn nie aufgehört hat? Wenn man einem traumatisierten Menschen begegnet, sollte man nie fragen: Was ist passiert? Dann müsste der Mensch das Erlebnis wiedererleben, in dem er davon erzählt. Stattdessen sollte man seine Privatsphäre achten und einfach für ihn da sein – respektvoll, zugewandt und voller Wärme."

Faith International bildet Trauma-Ersthelfer und Multiplikatoren aus. Wer sich dafür interessiert, kann sich auf der Website ArrivalAid anmelden. Auf der Website von Faith kann man sich ein kleines Lehrbuch kostenlos herunterladen.





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