Sucht

Medikametensucht: Zwei Betroffene über ihre Sucht und den Weg aus der Abhängigkeit

Lesedauer unter 9 Minuten
Eine Frau liegt schlafend im Bett, vor ihr liegt ein umgekippter Becher mit Tabletten.

Autor

Internetredaktion Barmer

Qualitätssicherung

Heidi Günther (Apothekerin bei der Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Typische Suchtkarrieren: Zwei Betroffene erzählen, wie sie schleichend in eine Medikamentensucht rutschten und wie sie den Ausstieg geschafft haben.

Der Auslöser 

Lisa M., 24 Jahre: „Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie alles begann. Es war wohl vor etwa acht Jahren. Ich hatte einen ziemlichen Schnupfen, der Winter in Berlin war ziemlich kalt. Meine Nase war so verstopft, dass ich keine Luft mehr bekam. Mir fiel das Atmen schwer, beim Hinaufsteigen der Treppe in meine Wohnung war ich richtig außer Atem. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann in die Apotheke in meiner Straße ging und fragte, was ich gegen meinen Schnupfen tun konnte.“


Marco S., 38 Jahre: „Es begann ganz unvermittelt. Ich saß in der Arbeit am Schreibtisch, mein Kollege war gerade nicht da. Ich dachte an die Präsentation eines Projekts – ich arbeitete damals in einer Unternehmensberatung –, die morgen vor meinen Kollegen stattfinden sollte. Der oberste Geschäftsführer sollte auch kommen. Da bekam ich plötzlich Angst, wie aus dem Nichts. Ich versuchte noch mich zu beruhigen und langsam zu atmen, doch das gelang mir nicht. Die Panik überwältigte mich total – fast wie ein wildes Tier, das einen im Wald von hinten anspringt. Mir brach der Schweiß aus, mein Hemd war ganz nass, ich zitterte. Ich konnte lediglich ganz flach und hektisch atmen. Ich musste all meine Kraft aufwenden, um aufzustehen und langsam auf die Toilette zu gehen – zum Glück kam mir kein Kollege entgegen. Ich schlug mir dort ganz viel kaltes Wasser ins Gesicht, das machte mich etwas ruhiger. Hinterher war ich ganz aufgewühlt und kaputt. Leider blieb es nicht bei diesem einen Mal, die Angst kam immer öfter. Ich befürchtete nicht nur meine Präsentation vor dem gesamten Team nicht zu schaffen, irgendwann bekam ich auch Panik in der U-Bahn oder vor einer Party, auf der ich niemanden kannte.“

Der Einstieg

Lisa: „In der Apotheke verkauften sie mir ein abschwellendes Nasenspray gegen meinen Schnupfen. Es war ganz einfach, ich brauchte kein Rezept, denn das Spray ist nicht verschreibungspflichtig. Ich packte es gleich draußen auf dem Bürgersteig aus und sprühte mir je einen Hub in jedes Nasenloch. Schon nach wenigen Sekunden spürte ich Erleichterung. Ich bekam etwas besser Luft. Wie die Apothekerin mir geraten hatte, nahm ich jeden Tag einige Sprühstöße in jedes Nasenloch. Der Schnupfen wurde schnell besser.“


Marco: „Die Angstattacken kamen immer häufiger und heftiger. Dazu noch Depressionen. An manchen Tagen konnte ich das Haus gar nicht verlassen und meldete mich bei der Arbeit krank. So ging das mehrere Wochen. Meine Freundin war es, die sagte, dass was passieren müsse. Wir haben dann gemeinsam die Adresse von einem Psychiater herausgesucht, bei dem ich einen Termin ausmachte. Ich habe mich dort in der Praxis gleich wohl gefühlt, der Psychiater hat mich verstanden und lange mit mir gesprochen. Um meine Angstattacken in den Griff zu bekommen, verschrieb er mir ein Medikament: Benzodiazepin.“    

Der Beginn der Sucht

Lisa: „Den Beipackzettel des Nasensprays hatte ich mir nicht angesehen, warum auch. Die Packung hatte ich sofort weggeschmissen. Es war ja kein hartes Medikament, dachte ich, also kein Schmerzmittel oder so. Ich wusste nicht, dass auch Nasenspray abhängig machen kann. Ich nahm das Spray etwa zwei bis drei Wochen lang. Längst war ich wieder gesund, fühlte mich wieder fit. Aber immer, wenn ich das Spray mal vergaß, ging meine Nase zu – ich konnte wieder schlecht atmen, meine Schleimhäute schwollen richtig an. Also sprühte ich wieder einen Hub in jedes Nasenloch. Irgendwann konnte ich gar nicht mehr einschlafen, ohne dass ich das Spray nahm.“ 


Marco: „Ich nahm immer ein Milligramm am Tag, wie der Psychiater gesagt hatte. Das Mittel wurde zu meinem besten Freund – ich nannte es Benzo. Es half mir aufzustehen, über den Tag, mich besser zu fühlen. Plötzlich hatte ich keine Angstattacken mehr, fühlte mich freier. Meine Freundin war glücklich – endlich hatte sie den alten Marco zurück. Ich konnte auch wieder arbeiten gehen und mich mit Freunden treffen. Zwar hatte der Arzt gesagt, dass ich die Tabletten spätestens nach sechs Wochen absetzen müsste, aber ich fand bei ihm in der Therapie immer deutliche Worte, warum ich es eben nicht absetzen konnte. Jedes Mal stellte er mir ein neues Medikament aus.“

In die Abhängigkeit

Lisa: „Die Abhängigkeit wurde irgendwann so schlimm, dass ich tagsüber und auch abends nicht mehr ohne das Nasenspray zurecht kam. Ich hatte immer eines in meiner Handtasche. Ganz einfach bekam ich Nachschub, ich musste nur in eine Apotheke gehen und mir eines kaufen – oder es Online bestellen. Auch in der Öffentlichkeit war es kein Problem, wenn ich das Spray hervorholte und es benutzte. Das machen ja viele. Kritisch nachgefragt hat niemand. Nur eine Freundin machte eine kurze Bemerkung: Ach, das nimmst du immer noch?“


Marco: „Ich hätte mich nie als süchtig betrachtet – ich nahm doch immer nur ein Milligramm am Tag ein, nie mehr. Außerdem war ich ja in psychiatrischer Betreuung, der Arzt hätte doch gemerkt, wenn ich ein Problem habe. Klar, er hatte mir schon gesagt, dass Benzodiazepin abhängig macht und wollte es ja auch mehrfach absetzen. Aber ich hatte selbst das Gefühl jederzeit aufhören zu können und dachte ja, dass das Mittel gut gehen meine Panik sei. Einmal hatte ich es in Absprache mit dem Arzt weggelassen – sofort war die Angst wieder in meinem Nacken.“     

Die Begleiterscheinungen

Lisa: „Meine Schleimhäute waren irgendwann so stark angegriffen, dass ich ständig Nasenbluten bekam. Ich konnte mich gar nicht mehr in ein Taschentuch schnäuzen, ohne dass meine Nase blutete. Außerdem hatte ich langsam das Gefühl, nicht mehr so gut zu riechen wie früher. Und ich bekam oft Kopfschmerzen und Erkältungen. Ein Teufelskreis, denn dann brauchte ich noch mehr Nasenspray.“


Marco: „Dann trennte sich meine Freundin von mir, sie hatte einen Neuen kennen gelernt. Für mich eine absolute psychische Ausnahmesituation. Ich vermisste sie schrecklich, sie war doch mein Halt gewesen. Um die Angst weiter zu unterdrücken, brauchte ich plötzlich zwei Milligramm. Langsam merkte ich: Ich bin doch süchtig. Eine harte Erkenntnis, die ich erst nach zwei Jahren auf Benzos so sagen konnte. Auch mein Psychiater – ich hatte inzwischen einen neuen – merkte, dass da etwas nicht stimmte. Ich verlangte ja immer mehr Rezepte von ihm.“ 

Info: Warum Nasensprays abhängig machen können. Nasensprays, die abschwellend wirken, enthalten Wirkstoffe, die zu den Sympathomimetika zählen. Die Wirkstoffe Xylometazolin und Oxymetazolin sind zum Beispiel Sympathomimetika. Diese Wirkstoffe binden sich an die a-Rezeptoren der Nasenschleimhäute und verengt so die Gefäße, die Durchblutung verringert sich. Dadurch schwellen die Schleimhäute ab und die Nase wird für mehrere Stunden frei. Setzt man das Nasenspray jedoch nicht nach etwa einer Woche wieder ab, gewöhnen sich die Schleimhäute an die Wirkung. Es bilden sich Rezeptoren, die Dosis des Xylometazolin muss steigen. Die Schleimhäute werden größer und verschließen die Nase. Dadurch brauchen die Betroffenen mehr Nasenspray, um wieder atmen zu können. Nehmen sie das Spray zu lange, kann es zu schweren Folgen kommen: trockene Schleimhäute, Nasenbluten, Kopfschmerzen, Verlust des Geruch- oder Geschmackssinns, häufigere Infektionen, Post-Nasal-Drip (ein dickflüssiges Sekret, das den Rachen hinunter läuft), Loch in der Nasenscheidewand oder ein Absacken des Nasenrückens.

Der Entzug

Lisa: „Vor etwa einem halben Jahr sprach mich meine Hausärztin an. Sie fand, ich würde so nasal reden. Da erzählte ich ihr alles: Wie lange ich schon Nasenspray nahm, dass ich es zum Einschlafen brauche und vor dem Sport. Meine Ärztin klärte mich dann auf, dass Nasenspray leicht abhängig macht und man es auf keinen Fall länger als eine Woche nehmen sollte. Das hörte ich zum ersten Mal, ich fiel aus allen Wolken. Die Ärztin verschrieb mir dann ein kortisonhaltiges Nasenspray, das ich keinesfalls länger als fünf Tage anwenden sollte. Auch dieses Nasenspray wirkt abschwellend, aber es bewirkt, dass man das Spray mit Xylometazolin nicht mehr braucht.“


Marco: „Erst versuchte ich es selbst: Ich reduzierte die Dosis nur um ein paar Gramm und versuchte das durchzuhalten. Den kalten Entzug wagte ich nicht, hatte ich doch mal gehört, dass er ohne ärztliche Begleitung lebensgefährlich sein kann. Doch auch schon diese paar Gramm waren die Hölle. Es ging mir extrem schlecht – ich war fahrig, nervös, ängstlich. Ich wusste, alleine schaffe ich es nicht, ich muss mit meinem Psychiater darüber sprechen, dass ich einen Entzug machen möchte. Der Arzt reagierte sehr verständnisvoll, hatte er mich doch vorher immer wieder vor der Abhängigkeit gewarnt. Er überwies mich dann in eine Suchtklinik, die weit weg von meiner Heimatstadt lag. Ich warf mir ein letztes Mal meine Benzos ein und fuhr in die Klinik.“

Der Ausstieg

Lisa: „Ich hielt mich exakt an die Anweisungen meiner Ärztin. Anfangs war es zwar schwer, das neue Nasenspray tatsächlich nicht mehr in die Hand zu nehmen. Es war so zur Gewohnheit für mich geworden. Aber es klappte, nach einigen Tagen wollte ich nicht mehr zur Flasche greifen. Zwar waren meine Naseninnenwände immer noch angegriffen, aber mit einer Pflegecreme gab sich das nach einiger Zeit. Allerdings kann ich immer noch nicht richtig frei atmen, die Nasenmuscheln sind einfach zu stark vergrößert. Ich muss sie wohl durch eine Operation verkleinern lassen. Aber ich fühle mich heute viel freier und erzähle allen in meinem Freundeskreis, wie gefährlich Nasenspray eigentlich ist.“


Marco: „Sechs Wochen blieb ich in der Klinik – es waren sechs sehr harte Wochen, aber auch eine Zeit, in der ich sehr viel über mich lernte. Ganz langsam wurde die Dosis der Angstlöser reduziert, mein Arzt sagte „ausgeschlichen“. Anfangs war es heftig, aber mit der Zeit begann es mir besser zu gehen. Ich hatte auch viele Gesprächstherapien, die mich auf die Zeit danach vorbereiteten und die an der Wurzel allen Übels angriffen: meiner Angst und meiner Depression. Das ist nun alles schon eineinhalb Jahr her. Ich kann inzwischen meinen Alltag wieder gut bewältigen, die Angstattacken kamen nicht zurück, zum Glück. Ich habe einen neuen Job im Büro, er ist aber nicht so stressig wie der alte. Immer noch denke ich manchmal an das schöne Gefühl, das ich hatte, wenn die Benzos mich in rosa Watte packten. Das ist vorbei, ein für alle Mal – ich muss mir jetzt andere Wege suchen, um glücklich zu sein. Bis jetzt klappt das ganz gut.“    

Info: Warum machen Benzodiapine abhängig? Benzodiapine wirken auf einen Rezeptor im Zentralnervensystem. Sie werden zum Beispiel bei Angst- und Schlafstörungen verschrieben, denn sie dämpfen Spannung, Nervosität und Angstzustände. Benzodiapine haben zudem krampflösende Wirkung, zum Beispiel bei Fieberkrämpfen von Kindern. Zugelassen sind die meisten Medikamente nur für eine Dauer von acht bis vierzehn Tagen. Sie sollten nicht länger als sechs bis acht Wochen am Stück verabreicht werden, sonst besteht die Gefahr einer Abhängigkeit. Diese kann auch bestehen, wenn die Dosis nicht gesteigert wird und lange Zeit gleich bleibt (Fachbegriff „Low Dose Dependency“). Unbedingt sollte das Medikament nur in ärztlicher Begleitung ausgeschlichen und niemals schlagartig abgesetzt werden. Es kann sonst zu Entzugserscheinungen wie Wahrnehmungsstörungen oder psychotischen Symptomen kommen.

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