Sucht

Ab wann ist jemand alkoholabhängig?

Lesedauer unter 9 Minuten
Eine Frau steht in der Küche und trinkt ein Glas Wein.

Autor/in

Internetredaktion Barmer

Qualitätssicherung

  • Andrea Jakob-Pannier (Diplom-Sozialpädagogin/ Psychologin/ Psychoonkologin, Barmer)
  • Marie-Victoria Assel (Psychologin, Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Der Pfad vom Feierabendbier in die Abhängigkeit kann kürzer sein, als sich viele Menschen eingestehen wollen. Sucht spielt sich individuell stark unterschiedlich ab. Die Gemeinsamkeiten versuchen Wissenschaftler in Typologien zusammenzuführen. Wer sich darin wiederfindet, sollte sich nicht scheuen, professionelle Hilfe zu suchen. 

Der Pfad vom Bier nach Feierabend in die Abhängigkeit kann kürzer sein, als sich viele Menschen eingestehen wollen. Sucht spielt sich individuell stark unterschiedlich ab. Die Gemeinsamkeiten versuchen Wissenschaftler in Typologien zusammenzuführen. Wer sich darin wiederfindet, sollte sich nicht scheuen, professionelle Hilfe zu suchen. 

Dass alkoholische Getränke das Wesen von Menschen zumindest zeitweise verändern und soziale Folgen mit sich bringen können, überrascht kaum. Der Schüchterne wird nach ein paar Bier oder Schnaps einen Abend lang zum plappernden Showtänzer. Die andere zeigt ansonsten unbekannte Aggressionen, wenn sie Alkohol konsumiert – bis zum ausgenüchterten Aufwachen am nächsten Tag. Auch die Forschung beschäftigt sich mit diesen kurzzeitigen Wesensänderungen, die Millionen Menschen betreffen.

Eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich sehr unterschiedlich 

Noch relevanter ist aber die Fragestellung, inwieweit sich Persönlichkeiten nachhaltig verändern, wenn sie über lange Zeit zu viel Alkohol trinken – und ob unter bestimmten Voraussetzungen oder bei konkreten Persönlichkeitstypen das Risiko höher ist, eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln. Das Klischeebild des verwahrlosten Obdachlosen oder auf der anderen Seite des gemütlichen Zechers – hier ein Schnäpschen, dort noch ein Gläschen – greift jedenfalls zu kurz, wenn es um das Risiko einer Abhängigkeit geht.

„Die Entwicklung einer Abhängigkeit kann bei Alkohol sehr unterschiedlich und individuell ablaufen“, erklärt Prof. Dr. Anil Batra, Psychiater und Leiter der Sektion Suchtmedizin und Suchtforschung am Universitätsklinikum Tübingen. Manch einer trinke bereits in der Jugend exzessiv Alkohol und versuche, unangenehme Gefühle durch den Konsum von Alkohol zu überdecken: sei es Selbstunsicherheit, Angst oder Depressivität. „Bei anderen entwickelt sich ein gewohnheitsmäßiger Konsum durch ein Feierabendbier. Die Konsummengen steigern sich, der Übergang in einen schädlichen und abhängigen Konsum geschieht eher allmählich.“

Riskanter, schädlicher oder abhängiger Konsum von Alkohol?

Zunächst ist wichtig, zwischen einem riskanten, schädlichen oder abhängigen Konsum von Alkohol zu unterscheiden. Einen riskanten Konsum von Alkohol mit potenziellen schädlichen Folgen für die Gesundheit definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO), wenn Frauen täglich mehr als zwölf Gramm Alkohol – also etwa ein Glas Sekt – zu sich nehmen. Bei Männern sind es 24 Gramm – also mehr als ein halber Liter Bier. Wenn sich Alkoholkonsum bereits durch körperliche oder psychische Folgen bemerkbar macht, ist ein schädlicher Konsum von Bier, Wein oder Schnaps erreicht. Fakt ist: Alkohol ist ein gefährliches Zellgift, das dem Körper immer schadet, egal wie viel man trinkt. In der Schwangerschaft gilt sogar ein absoluter Verzicht auf Alkohol, um ein fetales Alkoholsyndrom (FAS) vorzubeugen.

Was kann auf eine Alkoholabhängigkeit hindeuten?

Für eine Abhängigkeit von Alkohol spricht, wenn eine Person …

  • … ein starkes Verlangen nach Alkohol verspürt,
  • … immer größere Mengen Alkohol benötigt, um die gewohnte Wirkung zu spüren,
  • … ohne Alkohol Entzugserscheinungen wie Zittern oder Ängste an sich bemerkt,
  • … weiter Alkohol trinkt, obwohl dies bereits zu Problemen und Konflikten im Privaten wie im Beruf geführt hat,
  • … das Interesse an einst reizvollen Dingen verloren hat oder seinen Pflichten nicht mehr nachkommt,
  • … die Kontrolle über sein Trinkverhalten verloren hat und nicht mehr entscheiden kann, wann, wie viel, wie oft und wo er oder sie Alkohol trinkt.

Treffen mindestens drei dieser Kriterien zu? Dann sprechen Ärzte von Alkoholabhängigkeit. „Diese Kriterien werden ganz gezielt erfragt“, erklärt Psychiater Batra. „Eine Einschätzung ist möglich, wenn Menschen wahrheitsgemäß auf die Fragen antworten.“ Aber es gibt Hilfe. 

Welche Einflussfaktoren gibt es bei einer Alkoholabhängigkeit?

Das Thema Alkohol und Abhängigkeit kommt in allen Gesellschaftsschichten vor. Aber wen genau trifft es? Die Wissenschaft weiß, dass es viele Einflussfaktoren gibt: vom Geschlecht, dem sozioökonomischen Status und der Bildung bis zur persönlichen Biografie, der genetischen Vorbelastung oder dem Zeitpunkt, wann ein Mensch den ersten Rausch durch übermäßigen Alkoholkonsum erlebt.

Die fünf Trinkertypen nach Jellinek 

Anfang der 1960er Jahre erhielt der US-Wissenschaftler Elvin Morton Jellinek von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Auftrag, Alkoholabhängigkeit wissenschaftlich genauer zu systematisieren. Aus Beobachtungen und therapeutischen Gesprächen heraus destillierte er fünf „Trinkertypen“, genauso wie charakteristische Phasen, in die sich der typische Verlauf einer Abhängigkeitserkrankung unterteilen lässt:

  • 1. Für die Vorphase ist typisch, gelegentlich – und zunehmend dauerhaft – Alkohol zu trinken, um Spannungen abzubauen und Probleme vermeintlich zu bewältigen. Die Häufigkeit nimmt zu.
  • 2. In der Anfangsphase kommt es immer häufiger zu Gedächtnisstörungen oder Erinnerungslücken, sogenannten „Filmrissen“, weil die Menge an Alkohol steigt. Betroffene beginnen, heimlich zu trinken – und parallel ein schlechtes Gewissen zu entwickeln
  • 3. In der kritischen Phase hat bereits ein Kontrollverlust eingesetzt, wie viel Alkohol getrunken wird. Ohne Nachschub treten Entzugserscheinungen auf, zum Beispiel Zittern oder Schweißausbrüche. Die Betroffenen kämpfen dagegen an, umso größer wachsen sich aber die Selbstvorwürfe aus – parallel zu Konflikten mit Familie, Freunden oder Kollegen.
  • 4. In der chronischen Phase ist es nicht mehr möglich, ohne Alkohol zu arbeiten und den Alltag zu bestreiten. Das soziale Leben ist stark beeinträchtigt. Körper wie Psyche sind bereits erkennbar geschädigt. Organische Schäden bringen mit sich, dass im Gegensatz zu der Toleranzentwicklung zu Beginn nun nur noch wenig Alkohol vertragen wird.

Typische Verhaltensweisen der "Trinkertypen"

Ein festes Drehbuch kennt kaum eine individuelle Abhängigkeitsbiographie. Dieser Prozess kann ganz unterschiedlich schnell – in der Regel aber über Jahre – ablaufen. Trotzdem kann es helfen, typische Merkmale herauszuarbeiten. Jellineks Phasen-Schema dient bis heute für Ärzte und Therapeuten als grobe Orientierung. Dasselbe gilt für seine Einteilung in fünf „Trinkertypen“.

Alpha-Typ oder: „Konflikt- oder Erleichterungstrinker“

Alkohol wird eingesetzt, um körperliche oder psychische Probleme selbst zu behandeln oder besser zu ertragen: um zu entspannen oder Angst und Verstimmungen entgegenzuwirken. Sie trinken zwar relativ undiszipliniert, es kommt aber nicht zum Kontrollverlust. Auch körperliche Anzeichen einer Abhängigkeit lassen sich nicht erkennen. Sie haben noch die Freiheit, mit dem Trinken auch wieder aufzuhören. Über die Zeit entwickelt sich vor allem eine psychische Abhängigkeit.

Abhängigkeitsgefahr: gefährdet – vor allem psychisch

Beta-Typ oder: „Gelegenheitstrinker“

Sie sind weder psychisch noch körperlich abhängig, es zeichnen sich aber erste gesundheitliche Folgen des Alkoholkonsums ab, ob an Organen wie der Leber oder im Nervensystem. Ihr Trinkverhalten wird vom sozialen Umfeld und entsprechenden Anlässen wie Familien- und Betriebsfeiern oder privaten Verabredungen in der Kneipe bestimmt. Das Trinken kann auf diese Weise zur Gewohnheit werden – häufig zum Beispiel als „gemütliches“ Feierabendbier vor dem Fernseher.

Abhängigkeitsgefahr: weder körperlich noch psychisch abhängig, aber gefährdet.

Gamma-Typ oder: „Rauschtrinker“

Phasen heftigen Rauschtrinkens, in denen sie den Alkoholkonsum kaum noch steuern können, wechseln sich ab mit Phasen völliger Abstinenz, manchmal sogar über Monate. Sie haben bereits eine Toleranz gegenüber der Wirkung des Alkohols entwickelt. Typisch ist, dass sie, einmal angefangen, nicht mehr aufhören können, weiterzutrinken – auch wenn sie bereits das Gefühl haben, genug zu haben.

Abhängigkeitsgefahr: vor allem psychische Abhängigkeit, der eine körperliche nachfolgt.

Delta-Typ oder: „Pegel- oder Spiegeltrinker“

Sie konsumieren täglich und über den Tag verteilt Alkohol, um einen bestimmten Spiegel im Blut zu halten. Trotzdem kommt es kaum zu Anzeichen für einen Rausch und nicht zu Kontrollverlust. Keinen Alkohol zu trinken wäre mit Entzugserscheinungen verbunden, da sich der Körper an die Wirkung gewöhnt hat: Gewohnheitstrinker können leicht zu Spiegeltrinkern werden.

Abhängigkeitsgefahr: körperliche Abhängigkeit stärker ausgeprägt als psychische, die Fähigkeit zur Abstinenz ist verloren gegangen.

Epsilon-Typ oder: „Quartals- oder episodische Trinker“

Sie leben oft monatelang völlig ohne Alkohol, dann überkommt sie in unregelmäßigen Abständen ein schier unbeherrschbarer Drang, zu trinken. Diese kurzen Phasen exzessiven Alkoholkonsums – in der Regel mit heftigem Kontrollverlust – deuten sich oft Tage vorher an, wenn sie unruhig werden und leicht reizbar sind. Nach Tagen des scheinbar hemmungslosen Exzesses, gekennzeichnet durch Erinnerungslücken und „Filmrisse“, kehren sie zurück in die Abstinenz. Diese Form der Abhängigkeit kommt aber recht selten vor.

Abhängigkeitsgefahr: psychische Abhängigkeit wesentlich stärker ausgeprägt als körperliche. 

Typische Merkmale spielen eine wichtige Rolle, um die passende Therapie zu finden

Wie häufig bei Typologien sind die einzelnen Vertreter teilweise stark überzeichnet. In der Realität werden die Übergänge zudem immer fließend sein. Trotzdem dient es Ärzten wie Anil Batra in der Praxis, typische Verhaltensweisen einzuordnen: „Sehr wohl gibt es Menschen, die einen kontinuierlichen Alkoholpegel aufweisen, andere, die vor allem einen Kontrollverlust erleben.“ Solche typischen Merkmale würden eine große Rolle spielen, um das individuell passende therapeutische Vorgehen zu finden, so Batra: um zum Beispiel Abstinenz zu unterstützen, bei anderen Patienten zunächst einen körperlichen Entzug zu begleiten und eine Psychotherapie anzubieten, um in Zukunft Rückfälle vermeiden zu lernen.

Zwischen Selbstbeobachtung und ärztlicher Einordnung

In den Jahrzehnten nach Jellineks Definition von Typen und Phasen versuchten sich viele Wissenschaftler an einer Weiterentwicklung von Abhängigkeitstypologien. Wichtig kann, gemäß einer Systematik des US-amerikanischen Psychiaters Marc A. Schuckit von 1985, sein, danach zu unterscheiden, was als erstes da war: ob psychische oder körperliche Probleme entstanden sind, weil über lange Zeit Alkohol missbraucht wurde (primärer Alkoholismus). Oder ob die Probleme zuerst da waren und der Alkohol als vermeintlich hilfreiche Selbstmedikation eingesetzt wurde (sekundärer Alkoholismus). Typisch für diese zweite Gruppe ist, dass die Betroffenen vergleichsweise schnell abhängig werden. Rutschen Frauen in die Alkoholabhängigkeit, entsprechen sie zum allergrößten Teil dem Typ des sekundären Alkoholismus. Bei Männern ist das Verhältnis nahezu ausgeglichen.

Sinn kann es auch machen, gezielt nach der familiären Vorgeschichte zu fragen. Der US-Psychiater und -Genetiker Claude Robert Cloninger unterschied im Jahr 1996 Alkoholabhängigkeit vor allem danach, wie stark der Einfluss der Genetik ist. Hat eine Alkoholabhängigkeit starke genetische Faktoren, ist dies eher typisch für Männer und einen relativ frühen Beginn der Abhängigkeit – in der Regel unter 25 Jahre. Der Verlauf ist dann typischerweise schwerer als bei Abhängigen, bei denen Umwelt- und soziale Faktoren dominieren.

Rechtzeitig Hilfe suchen

Typische Verläufe und Verhaltensweisen zu definieren kann aber nicht nur Fachleuten nutzen. Auch Laien – Suchtgefährdeten wie Menschen in ihrem Umfeld – können sie Anhaltspunkte liefern, wenn ein Mensch droht, abzurutschen. „Jeder, der selbst schon einmal den Eindruck hatte, zu viel zu trinken, vielleicht schon am Morgen zu einem Glas Wein oder Bier gegriffen hat, um in Form zu sein, von der Umgebung Bemerkungen hat hören müssen über den Alkoholkonsum oder aber das Gefühl hat, den eigenen Alkoholkonsum verringern zu müssen, sollte sich um eine professionelle Beratung und Unterstützung bemühen“, rät Psychiater Batra. Spätestens, wenn eigene Versuche scheitern, den Konsum von alkoholischen Getränken zu kontrollieren, sei dies angeraten. „Jeder Tag, an dem weiter getrunken wird, vergrößert das Problem, jedes rechtzeitige Suchen nach Hilfe reduziert das Problem.“

Das Gespräch mit dem Hausarzt/Hausärztin, am Besten mit dem Suchtmediziner, sollte immer als erstes vorgenommen werden. Denn falls der Betroffene sich schon in medizinischer Behandlung befindet und eine Medikation einnehmen muss, hat der Alkoholkonsum in der Regel einen Einfluss auf die (Neben-)Wirkungen. Hierbei spielt auch das Alter eine Rolle, da der Körper den Alkoholgehalt im Blut anders metabolisiert.

Sich Hilfe holen 

Niederschwelliges Angebot: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen listet auf einer eigenen Website erfahrene Selbsthilfeeinrichtungen – deutschlandweit, kostenlos und unkompliziert. Regionale Suchtberatungsstellen können auch eine erste Kontaktaufnahme sein und individuelle Unterstützungsmöglichketen bieten.

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Webcode: a006149 Letzte Aktualisierung: 26.04.2021
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