Stress und Leistungsdruck

Anforderungen – früher und heute: Wie entwickelt sich Leistungsdruck in der Gesellschaft?

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Autor

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Andrea Jakob-Pannier (Diplom-Sozialpädagogin/ Psychologin/ Psychoonkologin, Barmer)
  • Marie-Victoria Assel (Psychologin, Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Wissenschaftler sind sich einig, dass der Leistungsdruck zugenommen hat. Denn tatsächlich glauben wir heute, besonders vielen Ansprüchen gerecht werden zu müssen. Allerdings gab es auch früher Anforderungen – es waren nur andere.

Im Zeitalter der Selbstoptimierung

„Früher waren wir stolz auf unser Werk, heute auf unsere Erschöpfung“, schreibt der Psychologe Stephan Grünewald als Diagnose über unsere Zeit. Tatsächlich nennen Soziologen das 21. Jahrhundert das Zeitalter der Selbstoptimierung. Jede und Jeder soll das Beste aus sich und dem Leben machen. Und das Beste wollen wir in allen Bereichen gleichzeitig erzielen: Den schönsten Körper, den prestigeträchtigsten Beruf, die spannendsten Hobbies – ja, sogar die achtsamste Psyche. Und das in immer kürzerer Lebenszeit.

Und so zeigen Umfragen: Neun von zehn Deutschen fühlen sich von ihrer Arbeit gestresst, mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer leidet regelmäßig unter Anzeichen von Erschöpfung wie Rückenschmerzen, Müdigkeit und Schlafstörungen. Jedes sechste Kind (18 Prozent) und jeder fünfte Jugendliche (19 Prozent) in Deutschland leiden unter hohem Stress. In der Schweiz gab über die Hälfte der Jugendlichen an, sich von Schule, Ausbildung, Uni und Beruf häufig bis sehr häufig gestresst und überfordert zu fühlen.

Bestimmte Erwartungshaltungen an den einzelnen Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten also deutlich gestiegen. Ein Grund ist, dass wir heute den Wert des Menschen vor allem über seine Leistung definieren. Die Leistung ersetzt alte Werte wie Religion und Familie, die heute für viele Menschen keine große Rolle mehr spielen.

Heute ist alles gleichzeitig möglich

Was uns außerdem umtreibt ist die technologische Entwicklung: Mit neuen Technologien lässt sich unsere Leistung leichter messen als früher. Und die daraus resultierende Schnelllebigkeit und der Effizienzdruck versetzen viele Menschen in permanenten Zeitstress. Jeder kann an jedem Ort und egal zu welcher Zeit mit jedem kommunizieren. So verwischen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Außerdem sorgen soziale Netzwerke dafür, dass sich Menschen permanent mit anderen vergleichen – vor allem mit Persönlichkeiten, die es scheinbar so viel besser erwischt haben als sie. Um sich Ruhe, Freiraum und Glücksmomente zu schaffen, müssen wir uns heute aktiv abgrenzen. Noch vor Jahrzehnten bildeten sich zeitliche Lücken für die Entspannung fast automatisch.

Streben nach Erfolg beginnt früh

Dabei beginnt das Streben nach Erfolg in unserer Kultur in frühem Kindesalter. „Schon in den Kindergärten gibt es immer weniger Spielsphäre, sondern immer mehr schulische Elemente“, so Grünewald. Dies spiegelt sich in steigenden Zahlen von psychischen Erkrankungen im Kindesalter wider.

Dabei dürfen wir aber nicht aus dem Blick verlieren, dass heute keineswegs alles schlechter ist als früher: Unsere Vorfahren litten deutlich häufiger als wir unter großen existenziellen Krisen wie Kriegen oder Hungersnöten. Landwirte kamen jahrhundertelang auf 18-Stunden-Tage, eine Siebentagewoche und konnten niemals ausschlafen.

Die Anforderungen an den Einzelnen sind heute meistens nicht so existenziell. Dafür sorgen die hohen Erwartungen an unsere Freizeit und die kleinen, alltäglichen, manchmal nur vermeintlichen Ansprüche der Umwelt unter der scheinbar perfekten Oberfläche für großen Leistungsdruck und für Ermüdung – das macht manche Menschen auf Dauer krank. Auch das Streben nach Selbstoptimierung hat für viele einen großen Anteil. Die eigenen Ansprüche in Verbindung mit dem tagtäglichen Gebrauch von Fitness-Trackern und Wearables, die die täglichen Schritte oder auch das Schlaf- und Ernährungsverhalten checken, tragen zum persönlichen Leistungsdruck bei.

Das Problembewusstsein wächst

Heute werden sich allerdings immer mehr Arbeitgeber und Institutionen dieses Problems bewusst und versuchen, dagegen zu steuern. Im Jahr 2013 hat die Bundesregierung auch die psychische Gesundheit in das Arbeitsschutzgesetz aufgenommen. Seitdem ergreifen Firmen Maßnahmen, um die psychische Gefährdungsbeurteilung durch Arbeitsaufkommen oder Überforderung ihrer Mitarbeiter zu messen und zu verringern. Zum Beispiel bieten viele inzwischen Anti-Stress-Kurse oder soziale Beratungsstellen an. Das betriebliche Gesundheitsmanagement spielt hier auch eine große Rolle. Für die individuelle Bewältigungsstrategie können Anti-Stress-Kurse durch Onlineprogramme oder Angeboten Vorort hilfreich sein.

Doch die wichtigste Schraube, an der wir drehen können, ist das eigene Verhalten und die innere Einstellung. Wer weniger unter hohem Leistungsdruck leiden will, sollte sie hinterfragen: Sind wir wirklich nur etwas wert, wenn wir allen Ansprüchen genügen? Kann ich nicht einfach mal „Nein“ sagen? Die Antwort lautet in jedem Fall: „Ja!“  

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