Rückengesundheit

Sport ist die beste Medizin – Interview mit sportwissenschaftlichen Experten der BARMER

Lesedauer unter 7 Minuten
Porträt von Thomas Schulz

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Thomas Schulz (Sportwissenschaftler, Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Richtig dosiert wirkt Bewegung wie ein wirkungsvolles Medikament und das ganz ohne Nebenwirkungen. Diese Erkenntnis der modernen Sportwissenschaft ist wichtig für eine moderne Krankenkasse. Thomas Schulz und Klaus Möhlendick, beide Sportwissenschaftler bei der Barmer, zeigen im Interview die Bandbreite ihrer Aufgaben und den Nutzen für die Versicherten, mit Sport und Bewegung Krankheiten zu verhindern oder Beschwerden zu lindern.

Mit welchen Themen beschäftigt sich die moderne Sportwissenschaft?

Porträt von Thomas Schulz

 Thomas Schulz: Die Sportwissenschaft ist im Vergleich zu anderen Forschungsbereichen eine sehr junge Wissenschaft mit vielen Facetten. Je nach Arbeitsbereich (Bewegungs- und Trainingswissenschaft, Sportmedizin, Sportpsychologie, Sportpädagogik, Sportsoziologie und vieles mehr) stehen unterschiedlichste Themen im Fokus. Ein Thema erfährt seit Jahren zunehmende Aufmerksamkeit in der Sportwissenschaft: das Dosis-Wirkungs-Kontinuum von körperlicher Aktivität und Gesundheit. Richtig dosiert, fungiert Bewegung nämlich wie ein wirkungsvolles Medikament und das ganz ohne Nebenwirkungen.

Welche Aspekte können Sie als Sportwissenschaftler bei der Barmer einbringen?

Thomas Schulz: Meine Aufgabe sehe ich unter anderem darin, Menschen zu regelmäßiger körperlicher als auch sportlicher Aktivität einzuladen. Die zahlreichen positiven Effekte von ausreichender körperlicher Aktivität auf das menschliche Herz-Kreislauf-System, den Bewegungsapparat als auch auf das psychische Wohlbefinden, sind bereits seit Jahrzehnten belegt.

Menschen, denen es gelingt, wieder mehr Bewegung in ihren häufig inaktiven Alltag zu integrieren, können Volkskrankheiten wie Rückenschmerzen oder Übergewicht vorbeugen und ihre Lebensqualität steigern.

Welche Projekte beschäftigen Sie?

Thomas Schulz: In Zeiten von Corona sind die Möglichkeiten sportlicher Aktivitäten stark eingeschränkt. Da Bewegung und Sport jedoch effektiv zur Stärkung des körpereigenen Immunsystems beitragen können, bietet die Barmer ihren Versicherten mit Cyberfitness eine digitale Alternative.

Untersuchungsschwerpunkt meiner Doktorarbeit, die ich neben meiner Arbeit bei der Barmer verfasst habe, war das Trainingsverhalten Studierender im Fitness-Studio. Gemeinsam mit dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband werde ich im kommenden Jahr eine bundesweite Studie durchführen, um einerseits weitere Erkenntnisse zum Trainingsverhalten dieser jungen Zielgruppe zu gewinnen und andererseits konkrete Handlungsempfehlungen für die Trainingspraxis abzuleiten. Ziel ist es, Menschen dabei zu helfen, regelmäßig aktiv zu werden und die Lücke zwischen Absicht und tatsächlichem Tun (Intentions-Verhaltens-Lücke) zu reduzieren.

Kommen wir zum Thema Rückenschmerzen: Was sind die häufigsten Arten von Rückenschmerzen? Ist eine bestimmte Altersgruppe besonders betroffen?

Thomas Schulz: Der unspezifische Rückenschmerz ist die häufigste Art von Rückenschmerzen in den westlichen Industrienationen. Acht von zehn Menschen leiden unter diesen ohne erkennbare Krankheitsursache auftretenden (nicht-spezifischen) Rückenschmerzen. Obwohl Rückenschmerzen häufiger bei älteren Menschen vorkommen, gibt es neben dem Alter zahlreiche weitere Faktoren, die sich auf die Rückengesundheit auswirken können. Rückenschmerzen sind weniger eine Frage des Alters als vielmehr eine Frage der rückengerechten Belastung und des Lebensstils.

Was sind die häufigsten Ursachen von Rückenschmerzen?

Thomas Schulz: Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren, die beeinflussen, ob Rückenschmerzen entstehen und andauern. Bekannt ist, dass eine schwache Rumpfmuskulatur, zu schwere oder einseitige Belastungen, Fehlhaltungen, Übergewicht, Stress u.v.m. zu Rückenschmerzen führen können. Grundsätzlich wirken sich die Folgen eines vornehmlich inaktiven Lebensstils negativ auf die Rückengesundheit aus.

Wenn Sie die letzten 3 Fragen noch einmal aufgreifen, welche Erkenntnisse können Sie daraus ableiten?

Thomas Schulz: Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an Bewegungsmangel. Die meisten unserer Zivilisationskrankheiten ließen sich eindämmen, wenn ein Mindestmaß an körperlicher Aktivität umgesetzt würde.

Neben dem Vorbeugen von Krankheiten wirkt sich ein bewegter Lebensstil aber auch entscheidend auf die Lebensqualität aus. Wenn es uns gelingt, lange Sitzzeiten zu reduzieren und bewusst Bewegung in den Alltag zu integrieren, zahlt sich dies in Bezug auf die Gesundheit und das Wohlbefinden aus.

Leiden in Zeiten von Corona mehr Menschen unter Rückenschmerzen, zum Beispiel durch vermehrtes Arbeiten im Homeoffice oder psychischen Stress?

Thomas Schulz: Ob man in Zeiten von Corona verstärkt unter Rückenschmerzen oder psychischen Stress leidet, hängt von der persönlichen Einstellung, dem Lebensstil und der wahrgenommenen Bedrohung durch Corona ab. Individuen, die sich ausreichend bewegen, ausgewogen ernähren und bewusste Entspannungsphasen in ihren Alltag integrieren, können ihr Risiko, unter Rückenschmerzen oder psychischem Stress zu leiden, erheblich reduzieren.

Was sind die Präventionsmöglichkeiten gegen Rückenschmerzen? Und wie wichtig ist aktive Prävention, um mögliche Folgeerscheinungen abzufedern?

Porträt von Klaus Möhlendick

 Klaus Möhlendick: Körperliche Aktivität erhält die Gesundheit und hilft dabei, unterschiedliche Krankheiten zu heilen oder Symptome zu mildern. Sie kann den Genesungsverlauf beschleunigen und den erneuten Ausbruch einer Erkrankung verhindern. Trotz dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse bewegen sich viele Menschen in den Industrieländern zu selten und zu wenig. Stattdessen sitzen sie die meiste Zeit des Tages.

Häufig sind gerade alltägliche körperliche Aktivitäten wie Haus- und Gartenarbeit, Radfahren, Schwimmen, Spazierengehen oder Treppensteigen dazu geeignet, Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Gleichgewicht zu trainieren. Deswegen kann man nur jedem, egal welchen Alters, empfehlen, so oft wie möglich im Alltag körperlich aktiv zu sein. Und Bewegung in die täglichen Routinen einzubauen und zur Gewohnheit werden zu lassen.

Der sitzende Lebensstil hat in unserer heutigen Gesellschaft längst Einzug gehalten. Bei der Arbeit, in der Freizeit und während des Transports sitzt der durchschnittliche Deutsche 7,5 Stunden täglich – junge Erwachsene sogar bis zu neun Stunden. Durch die so genannte "sitting disease" ist das Risiko für Herzinfarkte, Diabetes und Krebs erhöht. Stundenlanges Sitzen kann sogar die Mortalität (Sterblichkeit) ansteigen lassen.

Es ist mittlerweile erwiesen, dass eine halbe Stunde Sport täglich beispielsweise als Ausgleich zum stundenlangen Sitzen nicht ausreicht. Eine Kompensation der negativen Effekte von Bewegungsarmut ist durch die sportliche Betätigung nur teilweise möglich. Gerade deshalb ist es weiterhin wichtig, sportlich aktiv zu bleiben, denn ganz ohne Sport ist der Mangel an Bewegung noch größer und die zuvor genannten Risikofaktoren steigen noch stärker an. Schließlich ist und bleibt Sport eine sehr gute Option, um mehr Aktivität ins Leben zu integrieren.

Nutzen Sie zum Beispiel diese Tipps für regelmäßige Sitz-Unterbrechungen:

  • Mülleimer und Drucker nicht direkt am Schreibtisch stehen lassen.
  • Telefonate können im Stehen oder besser sogar im Umhergehen geführt werden.
  • Meetings können an Stehtischen stattfinden. Dies hat zudem meist den positiven Effekt, dass die Teilnehmer sich auf das Nötigste beschränken und der Termin somit nicht unnötig in die Länge gezogen wird.
  • Höhenverstellbare Schreibtische sorgen für abwechselnde Körperhaltung und wirken somit gesundheitsförderlich.
  • Gehen Sie häufiger zu Fuß oder nutzen Sie das Fahrrad für Transportstrecken zum Beispiel zur Arbeit oder in der Mittagspause zum Supermarkt.

Helfen Online-Kurse zur Rückengesundheit genauso gut wie Kurse mit einem Trainer vor Ort?

Klaus Möhlendick: Ja, wenn es sich um qualitätsgesicherte Kurse handelt, die mit einem Zertifikat der Zentralen Prüfstelle Prävention ausgezeichnet sind. Die Barmer bietet zahlreiche zertifizierte Online-Gesundheitskurse.

Sport und Bewegungen sind bei Rückenschmerzen und zur Prävention wichtig. Wie häufig sollte ein Training stattfinden, damit es effektiv ist?

Klaus Möhlendick: In den Nationalen Bewegungsempfehlungen heißt es dazu, dass Erwachsene mindestens 150 Minuten pro Woche (zum Beispiel 5 Mal 30 Minuten pro Woche) eine körperlich aktive Ausdauerleistung mit moderater Intensität durchführen, um die Gesundheit zu erhalten und umfassend zu fördern. Zusätzlich sollten sie muskelkräftigende körperliche Aktivitäten an mindestens zwei Tagen pro Woche durchführen. Genaue Empfehlungen zu Dosis und Intensität am besten immer mit den behandelnden Ärzten besprechen und dem eigenen Bedarf anpassen.

Gibt es eine einfache und effiziente Übung, die man regelmäßig machen sollte, um Rückenschmerzen vorzubeugen?

Klaus Möhlendick: Diese "eine Übung" oder den Sport, der Rückenschmerzen vorbeugt, gibt es nicht. Vielmehr sind regelmäßig betriebene Sportarten, wie Wandern, Radfahren, Rücken- und Kraulschwimmen oder Skilanglauf ideal. Gleichermaßen können Tanzen, Yoga, Pilates, Fitnesstraining und Rudern für die Rückengesundheit sehr förderlich sein.

Wie unterstützt die Barmer ihre Versicherten bei Rückenschmerzen? Wie hilft sie auch präventiv?

Klaus Möhlendick: Die Barmer unterstützt ihre Versicherten mit zwei Gesundheitskursen pro Jahr aus den Handlungsfeldern Bewegung, Ernährung, Entspannung/Stressbewältigung und Suchtmittelkonsum. 

Außerdem bieten wir Online-Gesundheitskurse zu verschiedenen Themen an. Die meisten sind für Barmer-Versicherte kostenlos. Sie können sich mit Ihren Zugangsdaten zu Meine Barmer anmelden und direkt starten. 

Welche persönliche Empfehlung würden Sie für ein möglichst rückenschmerzfreies Leben geben?

Klaus Möhlendick: 

  1. Regelmäßige körperliche Aktivität
    Rückenschmerzen treten meist unvermittelt auf, besonders wenn die körperliche und psychische Belastung zu hoch ist. Sie können Ihre Belastbarkeit deutlich steigern, wenn Sie sich regelmäßig körperlich fit halten. Dies kann mit Freunden, allein im Fitness Studio oder Sportverein sein. Dabei ist die gewählte Sportart zweitrangig – entscheidend ist, dass Sie regelmäßig aktiv sind und das möglichst lebenslang.
  2. Ganzheitliches Verständnis
    Mit regelmäßiger körperliche Bewegung sind Sie fit für körperliche Belastungen. Für ein ganzheitliches oder biopsychosoziales Gesundheitsverständnis sollten Sie neben diesem biologischen Aspekt auch die Psyche berücksichtigen, indem sie für Momente der Entspannung und des Wohlbefindens im stressigen Alltag sorgen. Pflegen Sie zudem soziale Kontakte, indem Sie Ihre persönliche Lebenssituation in Beruf und Familie berücksichtigen.
  3. Positive und aufmerksame Haltung
    Entwickeln oder behalten Sie eine positive und aufmerksame Haltung zu Ihrem Rücken. Er leistet viel und will beachtet werden. Geben Sie keine Aktivitäten auf, die Ihnen Spaß machen. Reduzieren und unterbrechen Sie lange Sitzzeiten und beachten Sie Warnsignale. Nehmen Sie bei Beschwerden schnellstmöglich Ihre alltäglichen Gewohnheiten wieder auf und bleiben Sie locker.

Vielen Dank für das Gespräch und die Informationen.

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