Junge Frau nutzt gleichzeitig Laptop und Mobiltelefon
Psychische Gesundheit

FOMO: die Angst, etwas zu verpassen. Wie geht man mit Erlebnisdruck um?

Lesedauer unter 7 Minuten

Autor

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Traumstrände auf Instagram, ausgelassene Partys und Bergtouren im Morgengrauen – alle, wirklich alle amüsieren sich. Muss doch stimmen, schließlich haben es die Anderen doch bei Instagram gepostet und zeigen ihre witzigsten Erlebnisse im TikTok-Video. Und ich? Sitze zuhause in Jogginghose auf dem Sofa. 

Sollte ich nicht, muss ich nicht…? Das Phänomen das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen, nennt man FOMO. Doch was bedeutet dieser Begriff und wie kann man besser mit dem allgegenwärtigen Erlebnisdruck umgehen?

Was bedeutet FOMO?

FOMO, Fear Of Missing Out, ist die Angst, etwas zu verpassen. Die Panik, dass das Leben an einem vorbezieht und man es später bereuen wird, wenn man nicht dabei war – bei DER Party des Jahres, bei DER unvergesslichen Reise. Im Cambridge Dictionary der Cambridge University Press in Großbritannien wird der Begriff FOMO so beschrieben : „Es ist das unbehagliche Gefühl, dass man Events verpassen könnte, an denen andere Leute teilnehmen, oft hervorgerufen durch Beiträge auf Social-Media-Kanälen.“ Getriggert wird FOMO durch den unaufhörlichen Stream von Videos und Fotos auf das Smartphone oder Tablet: Es sind geschönte Welten, die meist weit weg sind von der Realität. 

Normale Alltagssituationen wie einen Schreibtisch, auf dem sich unerledigte Post stapelt, postet kaum jemand in den Social Media. Lustige Posts und Gifs mit supergut-gelaunten Menschen poppen im Sekundentakt in den Social-Media-Kanälen auf: Maskenball in Venedig im altmodischen Kostüm, Last-Minute-Gletscher-Skifahren in Tirol mit Freunden, sexy Streetstyle auf irgendeiner Fashion Week, Kirschblüte in Tokio, Feierei mit Freunden an der Bar oder ein beneidenswertes Work-Out-Programm vom Fitness-Influencer. All das wird mit neiderregenden Hashtags versehen: #lol, #dayofmylife, #skiing, #fashion, #travelinstyle, #lovemylife. Es sind bild- und textgewordene Reflexe, die auf eine unbeschwerte Normalität hindeuten. Wir lassen es krachen und zeigen uns als plaudernde, trinkende, lachende, gut gelaunte Menschen – als ein Idealbild unseres Selbst.

Woher kommt der Begriff FOMO und was hat er mit Erlebnisdruck zu tun?

Im Jahr 2004 - die soziale Plattform Facebook war eben gegründet worden – erwähnte Harvard-Student Patrick J. McGinnis den Begriff FOMO  erstmals in einem Artikel für seine Campus-Zeitung. Die Angst, etwas zu verpassen, ist nicht neu. Sie zeigte sich bereits in den frühen 90ern, als erstmals der Begriff „Erlebnisgesellschaft“ aufkam - als das Subjekt, nämlich der einzelne Mensch, in den Fokus gerückt wurde, das Sein plötzlich wichtiger war als der Besitz von Dingen und Dabeisein zur ultima Ratio wurde. FOMO ist eine Zuspitzung all dessen, die Patrick J. McGinnis damals folgendermaßen beschrieb: 

  • die krankhafte Angst, etwas zu verpassen und nicht mehr zur Gruppe dazuzugehören
  • nicht auf dem aktuellen Stand zu sein
  • die Ungewissheit: Kommt vielleicht beim nächsten Klick eine bessere Option für einen coolen Abend um die Ecke?
  • führen die anderen etwa ein aufregenderes Leben als ich? 

Social Media befeuert FOMO – der Wunsch zu einer Gruppe zu gehören

Soziale Netzwerke halten uns auf dem Laufenden. Sie sind die Orte, an denen wir auf einem Blick alles über das Treiben unserer Freunde erfahren. Das ist einerseits schön. Wer aber süchtig ist nach den Posts bei Instagram, TikTok & Co und aus welchen Gründen auch immer ein paar Tage lang davon nichts mitbekommt, für den kann es sich anfühlen wie soziale Isolation. Alle sind draußen und haben die Zeit ihres Lebens - und ich? Liege auf dem Sofa, bekomme nichts vom Leben der anderen mit, und erlebe mal wieder – nichts? Gehöre ich überhaupt noch zur Gruppe dazu, wenn ich immer nicht mitkomme?

Dan Ariely, Professor für Psychologie und Verhaltensökonomie an der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina, stellte 2015 fest: „Diese Sorge, die an den Ecken unseres Verstandes zerrt, wird durch die Angst vor Reue ausgelöst, dass wir die falsche Entscheidung getroffen haben, wie wir unsere Zeit verbringen“. 

FOMO kann die Psyche belasten

Wir wollen Schönes erleben, das Leben spüren, Menschen begegnen. Die Schlangen vor den Diskotheken in Berlin, in Köln, in Stuttgart und überall anderswo in Deutschland sind lang. Die Feierwütigen warten geduldig, die Vorfreude ist groß auf eine „richtige“ Nacht – endlich mal wieder. Mit Musik, mit Tanzen, mit ein paar Drinks bis zum Morgengrauen. Auf geht’s. Wir packen alles in einen Tag hinein: Abhängen im Park in der Gruppe, Gewichte stemmen im Fitnessstudio, Kaffee trinken mit Freunden, Shoppen in der Innenstadt. Ab in den Flieger und irgendwohin düsen, nach Mallorca oder Indien. Hauptsache weg. 

Wir holen nach zwei Jahren Pandemie gerade nach, auf was wir lange verzichten mussten. Und dann teilen wir unser ganzes verrücktes Leben, auf allen sozialen Kanälen. Aber Vorsicht! Andere tun das auch. Und schon greift FOMO wieder nach uns. Das kann unsere Psyche belasten.

Schon gewusst? Je häufiger wir in sozialen Medien und Co. negative News ansehen, desto stärker werden die Angstsymptome. Mehr dazu im Artikel Doomscrolling

Die Psychologie des Erlebnisdrucks: Welche Gefühle kann FOMO auslösen?

  • Traurigkeit und Neid, weil sich die Freundinnen und Freunde treffen, Spaß haben und man nicht dabei ist.
  • Angst, weil man sein Leben mit dem von anderen Menschen vergleicht und fürchtet, das eigene könnte viel langweiliger sein. Und auch die Angst, nicht dazuzugehören. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist wichtig, weil es unseren eigenen Status in der Community zementiert.
  • Nervosität, wenn man nicht ständig darüber auf dem Laufenden ist, was die Freundinnen und Freunde gerade treiben.
  • Stress, weil man immer darüber nachdenkt, wie man die eigenen Erlebnisse möglichst aufmerksamkeitswirksam teilen könnte.
  • Unruhe, weil man permanent den Newsfeed checkt. 
  • Konzentrationsschwäche bei der Arbeit oder in Gesprächen, weil man stets den Drang verspürt, online sein zu müssen, um nichts zu verpassen.

Um wieder mehr seine eigene Mitte zu finden und sich mehr auf sich selbst zu besinnen, helfen kurze Meditationen. Einfach mal die App 7Mind ausprobieren, mit Sieben Minuten-Entspannungsübungen entgeht man dem Druck. Für Barmer-Versicherte ist die App kostenfrei.

Mit diesen Tipps kommt man vom FOMO-Effekt los und reduziert den Erlebnisdruck 

Tipp 1: Digital Detox

Am Besten wäre es natürlich, könnte man nun denken, das Smartphone und das Tablet zu verschenken und sich ein altes Klapphandy zu organisieren, mit dem man nur telefonieren kann. Solch eine Vorstellung ist für die meisten natürlich völlig utopisch. Doch tatsächlich fühlt es sich gut an, mit Menschen wieder zu sprechen, statt ihnen nur Sprachnachrichten zu hinterlassen. Wer keinen eigenen Laptop, sondern nur einen Office-Rechner hat, ist sowieso gut dran. Denn in den meisten Fällen sind die sozialen Kanäle dort blockiert. Alle anderen müssen stark sein und könnten Social Media-Apps wie Instagram, TikTok & Co. zumindest für eine Weile mal löschen. Das nennt sich Digital Detox und hilft, den Teufelskreis aus Neugier und Erlebnisdruck etwas zu durchbrechen und Angst abzubauen. Auch gibt es Apps, die helfen, den Social Media-Konsum zu drosseln und die Bildschirmzeit auf ein Minimum zu reduzieren. 

Tipp 2: Auch ein gemütlicher Abend kann einem für immer im Gedächtnis bleiben

Was ist eigentlich gegen einen Abend zu Hause einzuwenden? Gemütlich auf dem Sofa liegen und eine Serie schauen - oder eine Freundin oder einen Freund zum Schachspielen einladen. Vielleicht mal wieder das Lieblingsgericht zusammen kochen oder gemeinsam Urlaubsfotos anschauen? Ist doch wunderschön. Während die anderen sich aufregen, weil der Türsteher im beliebtesten Club der Stadt sie mal wieder nicht reinlässt (das posten sie natürlich nicht in den sozialen Medien), das teure Sushi doch nicht so schmeckt oder sich das Date als total lahm herausstellt, hat man einen herrlichen Abend, zu Hause. Völlig okay! 

Tipp 3: Die eigenen Bedürfnisse beachten

Vielleicht ist man gar nicht der Typ für Feiern bis zum Abwinken oder für´s ständige Leben aus dem Koffer, sondern liebt die Ruhe, das tiefe Gespräch mit Freunden. Am besten sollte man sich auf seine individuellen Bedürfnisse konzentrieren und sich nicht vom zur Schau gestellten Eifer der Anderen mitreißen lassen. Eigentlich sollten wir dankbar dafür sein, dass wir nicht einem permanenten sozialen Stress ausgeliefert sind und zufrieden mit dem, was wir schon erreicht und erlebt haben. Dann kann sich FOMO tiefenentspannt in JOMO wandeln – in Joy Of Missing Out, also die Lust das alles zu verpassen und etwas für sich selbst zu tun. 

Literatur und weiterführende Informationen

Zertifizierung

Auf unsere Informationen können Sie sich verlassen. Sie sind hochwertig und zertifiziert. Dafür haben wir Brief und Siegel.

Nach oben