Psychische Erkrankungen

Stress durch die Corona-Krise: Wir helfen Ihnen Schritt für Schritt bei der Bewältigung

Lesedauer unter 14 Minuten
Vater und Tochter toben durch die Dünenb

Autor

  • Yves Douma (M.A. Public Health/Gesundheitswissenschaften, Schwerpunkt Prävention und Gesundheitsförderung)

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)
Inhaltsverzeichnis

Im Praxisteil unserer Empfehlungen zum Umgang mit Stress erhalten Sie Tipps, wie Sie die Corona-Krise am besten bewältigen können. Bereits die Geschichte der Stressforschung hat zu Schlussfolgerungen geführt, welche weit verbreitete Denkweisen über Stress auf den Kopf stellen.

Welche drei Schritte für eine gesundheits- und persönlichkeitsentwicklungsförderliche Stressbewältigung gibt es?

In der Geschichte der Stressforschung stellen wir die derzeit sehr einflussreiche junge Stressforscherin Prof. Dr. Alia J. Crum und ihre aufsehenerregenden Beiträgen zur aktuellen Stressforschung vor.

Crum und ihre Kolleginnen und Kollegen haben einen dreischrittigen Ansatz für eine gesundheits- und persönlichkeitsentwicklungsförderliche Stressbewältigung entwickelt, den wir Ihnen im Folgenden auf die typischen Stressoren in der Corona-Krise übertragen.

Diese Ansätze lassen sich übrigens auch mit Kindern nutzen, wenn Sie dabei konsequent auf zwei Dinge achten:
1. Fallen Sie nicht aus Ihrer Eltern-/Betreuer-Rolle
Ihre Kinder sind Ihre Kinder bzw. Ihre Schutzbefohlenen. Sie sind nicht Ihre Eltern bzw. Ihre Betreuer. Erwachsene sollten für Kinder da sein und Ihnen ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit vermitteln, nicht umgekehrt. Ansonsten käme es zu einer Rollenumkehr, welche in der Psychologie als Parentifizierung (lateinisch parentes = Eltern, facere = machen) bezeichnet wird und allen Beteiligten schadet.
2. Überfordern Sie Ihre Kinder nicht
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) macht darauf aufmerksam, dass die mentale Gesundheit von Kindern in der Corona-Krise besonders bedroht ist. Eltern und Betreuungspersonen stehen nach WHO-Auffassung vor dem Dilemma, dass Kinder zwar einerseits ehrliche, aber andererseits auch ermutigende Antworten auf ihre Fragen und Sorgen in einer altersgemäßen Sprache brauchen.

Schritt 1: Sich den Stress eingestehen und dabei entdecken, welche der eigenen Grundbedürfnisse betroffen sind

Eine der folgenreichsten Schlussfolgerungen im Theorie-Teil war ein neues Verständnis von Stress als „[…] die Erfahrung, Widrigkeiten in seinen zielgerichteten Bemühungen zu begegnen oder zu antizipieren“. Vereinfacht ausgedrückt: Menschen sind gestresst, wenn sie erfahren oder wenn sie auch nur denken, dass ihre (Grund-)Bedürfnisse nicht erfüllt werden können.

Sowohl in der psychologischen Forschung als auch in den Wirtschaftswissenschaften gibt es Belege dafür, dass Wünsche und Bedürfnisse nicht das gleiche sind: Der chilenische Ökonom und Träger des alternativen Nobelpreises Prof. Dr. Dr. Manfred Max-Neef (1932-2019) hat für die Entwicklungshilfe-Politik der Vereinten Nationen (UNO) eine Taxonomie (altgriechisch: táxis = Ordnung und nómos = Gesetz) entwickelt, also ein Zuordnungssystem für menschliche Grundbedürfnisse. Ein Kernelement dieses Konzeptes ist die Unterscheidung zwischen Bedürfnissen und Strategien zur Bedürfniserfüllung.

Auch in der psychologischen Forschung wird diese Unterscheidung vorgenommen, beispielsweise in den Studien zur sogenannten Selbstbestimmungstheorie (englisch: Selfdetermination-Theory - SDT) von Prof. Dr. Dr. Edward L. Decy und Prof. Dr. Richard Ryan.

Wünsche sind das, was Menschen verfolgen, wenn Sie sich ihre Bedürfnisse zu erfüllen versuchen; ihre Anzahl ist potenziell endlos. Die Zahl möglicher Grundbedürfnisse hingegen ist klein und lässt sich sehr genau bestimmen. Die inzwischen sehr gut erforschte Selbstbestimmungstheorie von Decy und Ryan zählt drei psychische Grundbedürfnisse von Menschen. Die Bedürfnis-Taxonomie von Max-Neef zählt neun physische und psychische Grundbedürfnisse.

Die für unser Anliegen hier praktisch umsetzbare Schlussfolgerung daraus lautet: Wenn ein Wunsch nicht oder kaum erfüllt werden kann, gilt das nicht automatisch auch für die dem Wunsch zugrunde liegenden Bedürfnisse. Mit Kreativität, Ausdauer und gegenseitiger Unterstützung lassen sich aus den Grundbedürfnissen und jeweils vorhandenen Ressourcen neue Strategien kombinieren.

Sie sind mit Ihrem Corona-Krisen-Stress alles andere als allein

Die Krise umfasst den ganzen Planeten. Milliarden von Menschen sind davon direkt oder indirekt betroffen. Uns alle setzt die Corona-Krise gleich auf mehrere Weisen unter Stress:

  1. durch die Ausgangs-, Bewegungs- und Kontaktbeschränkungen
    Wir Menschen sind soziale und freiheitsliebende Wesen. Die Ausgangsbeschränkungen hindern uns an der Erfüllung unserer Bedürfnisse, anderen Menschen zu begegnen und uns frei bewegen zu können.
    Nach Max-Neef wären die von den Ausgangsbeschränkungen betroffenen Grundbedürfnisse: a) Zuwendung b) Verständnis c) Freiheit.
    Nach der Selbstbestimmungstheorie wären es die sogenannte soziale Eingebundenheit und die Autonomie (altgriechisch autonomía = Eigengesetzlichkeit, Selbstständigkeit, aus autós = selbst und nómos = Gesetz).
  2. durch die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Risiken, denen wir alle zwar grundsätzlich immer ausgesetzt sind, die aber durch die Corona-Virus-Pandemie noch mal erhöht werden.
    Wir Menschen sind Wesen, die sich Gedanken über die Zukunft machen. Die Wahrnehmung der wirtschaftlichen und gesundheitlichen Risiken kann dazu führen, dass wir uns bei der Erfüllung unseres Bedürfnisses gehindert sehen, Zuversicht und Hoffnung auf eine gute Zukunft zu empfinden.
    Nach Max-Neef wären hier die folgenden Bedürfnisse betroffen: a) Subsistenz, b) Schutz c) Freiheit – und nach der Selbstbestimmungstheorie das Autonomie-Bedürfnis.
  3. durch das Leiden, das wir in dieser Krise bei anderen Menschen wahrnehmen
    Wir Menschen sind mitfühlende Wesen. Das Zeuge-Werden gegenüber dem vielen Leid, welches durch die Pandemie ausgelöst wird, hindert uns an der Erfüllung unseres Bedürfnisses, Andere glücklich zu sehen und ihnen helfen zu können.
    Nach Max-Neef wären hier betroffen die Bedürfnisse nach a) Partizipation (lateinisch participatio = Teilhaftigmachung, Mitteilung“, aus pars = Teil, und capere = fangen, ergreifen, sich aneignen, nehmen usw.) b) Identität
    Nach der Selbstbestimmungsbedürfnis-Theorie das Kompetenz-Bedürfnis (lateinisch: competentia = Eignung).
  4. durch Überforderung – wenn Sie z.B. gerade ein oder mehrere Kinder zu Hause haben und für deren Beschulung und Bespaßung sorgen wollen
    Wir Menschen haben das tief eingebaute Bedürfnis, uns selbst als wirksam in der Welt zu erleben. Der Versuch, beim Homeschooling erfolgreich zu sein, kann uns schnell bewusst machen, dass wir nicht alles selbst tun können.
    Betroffene Grundbedürfnisse – nach Max-Neef: a) Muße b) Verständnis c) Partizipation und alle drei Grundbedürfnisse der Selbstbestimmungstheorie: a) soziale Eingebundenheit b) Autonomie c) Kompetenz
  5. durch Unterforderung - wenn Sie merken plötzlich merken, dass Ihr Job Ihnen doch mehr Freude gemacht hat, als Sie oft gedacht haben, geht es ebenfalls um das Bedürfnis der Selbstwirksamkeitserfahrung.
    Betroffene Grundbedürfnisse – nach Max-Neef: a) Partizipation b) Kreativität und nach der Selbstbestimmungstheorie: Kompetenz.

Was immer es ist, was Sie an der Corona-Krise stresst: Machen Sie es sich bewusst, gestehen Sie es sich ein. Noch besser wirkt dieser erste Schritt, wenn Sie das mit jemanden zusammen machen, zu dem oder der Sie Vertrauen haben und der/die erstmal gut zuhören kann und mag.

Dabei können Sie sich an den folgenden Leitfragen orientieren:

  1. Welche Ihrer Bedürfnisse kommen in der Krise gerade zu kurz?
  2. Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Gefühle?
  3. Wo spüren Sie das auf welche Weise in Ihrem Körper?
  4. Welche Auswirkungen hat der Stress auf Ihr Verhalten? Verhalten Sie sich anders als Sie sich verhalten möchten oder als Ihnen angemessen erscheint?
  5. Falls ja - welche anderen Verhaltensweisen würden Sie sich von sich selbst wünschen?
  6. Welche Denkweise bezüglich Ihres Stresses bemerken Sie derzeit bei sich - Neigen Sie eher dazu zu glauben, dass dieser Stress schädlich für Sie ist – oder neigen Sie eher dazu zu glauben, dass er förderlich für Sie ist?

Dabei gibt es keine richtigen oder falschen Antworten. Es geht erstmal nur um eine Bestandsaufnahme.

Studien in den Neurowissenschaften zeigen, wie durch das einfache Sich-Eingestehen des Gestresst-Seins, die Aktivität in Ihrem Gehirn von den automatischen und reaktiven Zentren zu den bewussteren und kreativeren Zentren des Gehirns verschoben werden kann – und allein das fühlt sich schon gleich viel besser an, versprochen!

Schritt 2: Den Stress willkommen heißen

Im Theorie-Teil unserer Empfehlungen zum Umgang mit Corona-Stress haben wir schon gezeigt, woher die vorherrschende Auffassung kommt, dass Stress immer und automatisch gesundheitsschädlich sei – und warum sie nicht in Einklang mit dem aktuellen Stand der Stressforschung ist.

Solange Sie diese Auffassung teilen, muss Ihnen die Empfehlung, Ihren Stress willkommen zu heißen absurd erscheinen. Die Lektüre unseres Theorie-Teils zu diesem Thema wird Ihnen helfen, sich von dieser Auffassung zu distanzieren.

Für die Strategie, den eigenen Stress willkommen zu heißen, gibt es nach Crum sogar mehrere gute Gründe:

  • Erstens macht der Schritt, sich Stressoren zu nähern, im Gegensatz dazu, sich von ihnen zu entfernen, sie ironischerweise weniger bedrohlich. Strategien, mit denen Menschen sich emotional vom Stress zu entfernen versuchen, wie beispielsweise das Unterdrücken von oder Grübeln über Stress sind oft kontraproduktiv. Das Unterdrücken von unerwünschten Gedanken kann diese paradoxerweise verstärken.
    Das Grübeln kann die Problemlösungsfähigkeiten beeinträchtigen, die soziale Unterstützung verringern oder sogar zusätzliche kognitive Verzerrungen hervorrufen.
    Wie eine Reihe von Studien mit Menschen, die in irgendeiner Form über ihren Stress kreativ schreiben, gezeigt hat, kann der Schritt, den eigenen Stress willkommen zu heißen und ihm sogar sozusagen entgegen zu gehen, dazu beitragen, Angst zu reduzieren, die Gesundheit zu fördern und das eigene Kontrollgefühl zu verbessern.
  • Zweitens kann der Schritt, den eigenen Stress zu begrüßen, zu mehr Sinnerleben im eigenen Leben beitragen. Das hat damit zu tun, dass sich Stress, wie bereits zuvor beschrieben, definieren lässt als die Erfahrung, Widrigkeiten bei der eigenen Bedürfniserfüllung vorwegzunehmen oder zu erleben. Wenn Sie genau wissen, was Ihnen wichtig ist und warum, werden Sie sich von Hindernissen nicht aufhalten lassen, sondern Wege um diese Hindernisse herum finden.

Um den Stress besser willkommen heißen zu können, können Sie sich an der folgenden Leitfrage orientieren:

Was sind die Wünsche oder Ziele in Ihrem Leben, bei deren Erreichung oder Erfüllung Sie sich von der Corona-Krise gehindert sehen?

Da die eigenen Ziele und Wünsche im Leben oft weniger bewusst gewählt sind, als vielmehr das Ergebnis unbewusster Konditionierungen – z.B. durch andere Menschen und die Medien – gilt auch hier wieder, dass die Bewusstwerdung dazu beiträgt, die Aktivität in Ihrem Gehirn von den automatischen und reaktiven zu den bewussteren und kreativeren Zentren des Gehirns zu verschieben. Sie können dabei auch mehr innere und äußere Freiheitsgrade erreichen, weil Sie lernen, eigene besser von fremden Wünschen und Zielen zu unterscheiden.

Schritt 3: Die Stressreaktionen umwandeln und nutzen

Crum (2017) erklärt, dass die Kombination der Schritte eins und zwei zu einer nicht wertenden und einladenden Haltung gegenüber Stress und zu einer verstärkten Verbundenheit mit den eigenen Werten und Zielen führen kann. Der dritte und letzte Schritt zu einem gesünderen Umgang mit dem Corona-Krisen Stress besteht daher darin, den Stress nicht als Hindernis bei der Erfüllung Ihrer Grundbedürfnisse zu betrachten, sondern ihn dabei als Ressource nutzen zu lernen.

Sowohl aus Gesundheits- als auch aus Gründen des Wohlbefindens wollen wir eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion möglichst in eine der beiden anderen typischen Stressreaktionen umwandeln: in eine Herausforderungsreaktion und/oder in eine Befreunden und Behüten-Reaktion (Tend-and-Befriend).

Es geht darum, raus zu kommen aus dem Nachrichtenkonsum und dem Grübeln und Sich-Sorgen und stattdessen

  1. in Bewegung zu kommen
  2. kreativ zu werden,
  3. sich zu engagieren

Im Theorie-Teil haben wir Ihnen beschrieben, wie Stress Ihre Energie und Motivation steigern und Ihren Fokus und Ihre kreativen Problemlösefähigkeiten verstärken kann. Sie können sich das nun zunutze machen, indem Sie sich an den folgenden Leitfragen orientieren:

Ist Ihr derzeitiges Verhalten eher darauf ausgerichtet, den Stress abzubauen, oder die Ihrem Stress zugrunde liegenden Wünsche zu verwirklichen?

Wir Menschen stehen unser ganzes Leben in einem Dilemma zwischen Neugierde und Angst: Einerseits wollen wir die Welt erkunden, andererseits wollen wir Gefahren und Unannehmlichkeiten vermeiden. Nach den Denkansätzen der aktuellen Stressforschung führt das Vermeiden von Stress mittel- und langfristig meist zu noch mehr Stress. Zudem kann das Bestreben, Stress zu vermeiden auch zu Süchten führen, wie z.B. Alkoholabhängigkeit oder Internetsucht.

Bei dem von uns empfohlenen Ansatz geht es eher darum, sich der eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden und sich diese zu erfüllen als dem Stress irgendwie zu entkommen. Zwei Ausnahmen gibt es allerdings: Bewegung und Kreativität können und sollten sehr wohl zur Ablenkung genutzt werden.

Welche Änderungen können Sie vornehmen, damit der Corona-Krisen-Stress mehr förderliche als schädliche Auswirkungen auf Sie hat?

Vor dem Hintergrund des aktuellen Standes der Stressforschung, möchten wir Ihnen hier drei Änderungen vorschlagen: Bewegung, Kreativität und Engagement.

Bewegung

Auch um die für die Kampf-oder-Flucht-Reaktion vom Körper bereitgestellten Stoffe abzubauen und umzuwandeln, empfiehlt sich tägliche Bewegung. Dabei kommt es weniger darauf an, was sie tun als wie und wie oft: Sie sollten am besten den ganzen Körper in Bewegung bringen und sich dabei weder über- noch unterfordern.

Kreativität

Eine weitere Änderung könnten regelmäßige kreative Aktivitäten sein. Im Theorieteil haben wir beschrieben, wie Stress dadurch entsteht, dass Menschen sich an der Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse gehindert sehen. Demnach ist die beste Stressbewältigung eine erfolgreiche Umgehung der Hindernisse bei der Bedürfniserfüllung. Um solche neuen Wege zu finden, braucht es Kreativität.

Eine britische Studie aus dem Jahr 2019 konnte diese Hypothese sehr eindrücklich belegen. In der Studie beantworteten zwischen März und Mai 2018 immerhin 47.924 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Fragen zum Thema Kreativität, Stress und Wohlbefinden.

Dr. Daisy Fancourt, Senior Research Fellow der UCL, die die Studie leitete, erklärt, dass die Ergebnisse drei Wirkmechanismen zur Stressbewältigung aufzeigen:

  1. Ablenkungsinstrument: um Stress und Angstzustände auszublenden. 76 Prozent der Teilnehmer wiesen darauf hin, dass dies ein Grund für ihre kreativen Aktivitäten sei.
  2. Instrument zur Selbstentwicklung: zum Aufbau von Selbstwertgefühl und innerer Stärke (69 Prozent).
  3. Kontemplationswerkzeug: um den Kopf für das kreative Problemlösen frei zu bekommen (53 Prozent).

Engagement

Der dritte Punkt, lässt sich auch als Förderung von Selbstwirksamkeitserwartung verstehen, also der Erwartung, aufgrund der eigenen Fähigkeiten für die Bedürfniserfüllung notwendige Handlungen erfolgreich durchführen zu können.

Wie die britische Studie zeigt: Was immer Sie nutzen: Problemlösungs-Nachdenken, Basteln, Heimwerken, Musizieren, Tanzen, Malen, Schreiben. Kreative Aktivitäten helfen bei der Stressbewältigung umso besser, desto regelmäßiger und häufiger sie ausgeübt werden.

Der kreative Umgang mit Hindernissen auf dem Weg zur Bedürfniserfüllung – also mit Stressoren – verwandelt die potentiell gesundheitsschädliche Kampf-oder-Stressreaktion (Fight-or-Flight-Response) automatisch in eine gesundheitsförderliche Herausforderungs-Reaktion (Challenge-Response): Werden Stressoren wie die Corona-Krise kreativ angegangen, geht es nicht mehr um die Frage, ob die Erfüllung von Grundbedürfnissen wie Freiheit und Autonomie, soziale Eingebundenheit und Zuwendung etc. möglich ist – sondern wie, auf welchen Wegen sie zukünftig gelingt.

Auch die beschriebene Befreunden-und-Behüten-Stressreaktion (Tend-and-Befriend-Response) ist gesundheitsförderlicher als die Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Der Beitrag der Befreunden-und-Behüten-Stressreaktion zur Stressbewältigung lässt sich gleich mit drei Wirkmechanismen erklären:

  1. Sich mit anderen und für andere zu engagieren – und sei es nur innerhalb der Familie oder des Freundeskreises für deren unmittelbare Bedürfnisse – führt zu Gefühlen der Verbundenheit, welche mit der Ausschüttung des Stress- und Liebeshormons Oxytocin verbunden sind. Wenn Oxytocin ausgeschüttet wird, verspüren Sie mehr Empathie, Verbundenheit und Vertrauen sowie einen stärkeren Wunsch, sich mit anderen zu verbinden oder ihnen nahe zu sein. Oxytocin hemmt auch die Angstzentren des Gehirns.
  2. Mit dem Engagement für andere sind häufig einprägsame soziale Erfolgserlebnisse verbunden, welche Dopamin freisetzen helfen, einen der beiden wichtigsten Selbstbelohnungs-Neurotransmitter des Gehirns. Die Freisetzung von Dopamin erhöht die Motivation und Selbstwirksamkeitserwartung und dämpft ebenfalls die Angst.
  3. Zudem wird bei Begegnungen, in welchen gemeinsam an für alle befriedigenden Problemlösungen gearbeitet wird, vermehrt ein weiterer Selbstbelohnungs-Neurotransmitter, das Serotonin, freigesetzt – auch ganz ohne Schokoladengenuss. Wenn Serotonin freigesetzt wird, verbessert das Ihre Wahrnehmung, Intuition und Selbstkontrolle. Das trägt dazu bei, dass Sie die Stressoren besser verstehen und umgehen lernen. So können Ihre kreativen Problemlösungsansätze größere positiven Auswirkungen haben.

Kurz: Die Tend-and-Befriend-Reaktion macht Sie sozialer, mutiger und smarter.

Welche neuen Möglichkeiten und Denkweisen könnten sich aus dem Erleben dieser Situation für Sie ergeben?

Wie wir im Theorie-Teil gezeigt haben, wurde die Kampf-oder-Flucht-Stressreaktion in Tierversuchen an Ratten entdeckt. Die mittel- und langfristig gesundheitsschädlichen Wirkungen der Kampf-oder-Flucht-Stressreaktion sind in solchen Tierversuchen zweifelsfrei belegt - nur: Wir Menschen sind keine Ratten. Ratten werden bei Stressversuchen mit Stressoren konfrontiert, die unmittelbar schmerzhaft und lebensbedrohlich sind. Dabei können die armen Nagetiere sich keinen Reim aus der Situation machen, sie wissen nicht, dass sie mit ihrem Leiden dazu beitragen, Menschen Leiden zu ersparen und leiden somit aus ihrer Sicht vollkommen sinnlos.
Aber wir Menschen haben die Fähigkeit, an einer Krise wie der gegenwärtigen Corona-Krise nicht nur negative, sondern auch positive Aspekte zu entdecken und somit nicht mehr sinnlos zu leiden.

Die wichtigste Strategie zur Stressbewältigung ist, sich auf das zu besinnen, was uns wirklich wichtig ist.

Im Theorieteil war von dem israelischen Stressforscher Prof. Dr. Aaron Antonovosky (1923-1984) die Rede, der in einer Studie an Holocaustopfern verblüfft festgestellt hatte, dass selbst heftiger chronischer Stress wie die Gefangenschaft in einem Nazi-Konzentrationslager nicht unbedingt zu langfristigen Gesundheitsschäden führen muss. Antonovsky erklärte hinterher, dass diejenigen, die besonders erfolgreich in der Bewältigung dieser Erfahrung waren, immer von Lebensbereichen gesprochen hätten, „die ihnen wichtig waren, die ihnen sehr am Herzen lagen, die in ihren Augen Sinn machten – und zwar in der emotionalen, nicht nur kognitiven Bedeutung dieses Terminus.“

So bewältigen Sie Ihren ganz persönlichen Stress

Nicht nur in der Corona-Krise möchten wir Ihnen zur Stressbewältigung empfehlen:

  • Vertrauen Sie Ihrem Körper – die Stressreaktionen, die Sie erleben, sind zu Ihrem Schutz und Ihrer Unterstützung da und können auch auf diese Weise genutzt werden. Dann kann der Stress sogar sehr gesundheitsförderlich wirken.
  • Gehen Sie in sich – gestehen Sie sich Ihren Stress ein. Spüren Sie den Bedürfnissen nach, deren Erfüllung durch Ihre gegenwärtigen Stressoren behindert ist. Heißen Sie den Stress sogar willkommen und nutzen Sie seine Energie, um gut für sich und andere zu sorgen.
  • Bewegen Sie sich – regelmäßig, mit dem ganzen Körper und ohne sich zu über- oder zu unterfordern.
  • Werden Sie kreativ – am besten zusammen mit anderen: Entwickeln Sie (gemeinsam) Ideen, wie Sie gut für sich und andere sorgen können. Aber auch alle anderen kreativen Ausdrucksformen helfen: Schreiben, Musizieren, Tanzen, Malen, Basteln. Was immer Ihnen gefällt.
  • Nutzen Sie die Stressenergie – um neu entwickelte Ideen und Strategien in die Tat umzusetzen. Am besten gemeinsam mit und für Menschen, die Ihnen am Herzen liegen.
  • Besinnen Sie sich auf das, was Ihnen bedeutsam erscheint, was Ihnen wirklich wichtig ist und setzen Sie sich dafür ein.

Der stoische Philosoph, Schriftsteller, Naturforscher und römische Politiker Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) sagte einmal: "An unseren Gedanken leiden wir mehr als an den Tatsachen."

In dem Sinne möchten wir Ihnen empfehlen: Widerstehen Sie den Versuchungen zu rein passivem und übermäßigem Medienkonsum und der Tendenz zu kreisendem Nachdenken und Grübeln. Kommen Sie ins Fühlen und Handeln. Wir wünschen Ihnen dabei viel Erfolg und gutes Gelingen.

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Webcode: a005557 Letzte Aktualisierung: 13.08.2020
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