Prävention

Krankenhausinfektionen: BARMER fordert Masterplan für einen besseren Schutz von Patientinnen und Patienten

Lesedauer unter 7 Minuten
Neuer Inhalt

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dr. med. Ursula Marschall (Fachärztin für Anästhesie)
Inhaltsverzeichnis

Wer ins Krankenhaus muss, kann in der Regel darauf hoffen, nach der Behandlung wieder gesund nach Hause entlassen zu werden. In vielen anderen Situationen können Ärztinnen und Ärzte und Pflegende die Beschwerden oder Folgen einer Erkrankung oder eines Unfalls zumindest lindern.

Aus Sicht der Barmer weiterhin zu hoch ist die Zahl der Menschen, die sich während einer stationären Behandlung mit Bakterien oder Viren infizieren: Jedes Jahr handelt es sich laut Hochrechnungen um bis zu 600.000 Menschen. Bis zu 15.000 dieser Patientinnen und Patienten sterben nach einer solchen Krankenhausinfektion, auch nosokomiale Infektionen genannt.

Deutlich mehr Infektionen in ersten beiden Corona-Wellen

Im Jahr 2020, dem Jahr eins der Corona-Pandemie, dürfte sich diese Zahl aufgrund der besonderen Umstände sogar noch erhöht haben. Das geht aus dem jetzt veröffentlichten Barmer Krankenhausreport 2021 hervor. Demnach hat es im Jahr 2020 deutschlandweit etwa 34.000 zusätzliche Krankenhausinfektionen gegeben und bis zu 1.300 weitere Todesfälle.

Verglichen haben die Autoren des Reports pseudonymisierte Daten aus den Jahren 2017 bis 2019 mit dem ersten Corona-Jahr 2020. 2017 bis 2019 kam es demnach in 5,6 Prozent der Krankenhausfälle zu einer nosokomialen Infektion. Unmittelbar zu Beginn der Pandemie im Jahr 2020 stieg dieser Wert dann auf 6,8 Prozent an, was einem Anstieg von mehr als 20 Prozent in nur wenigen Wochen entspricht.

Hohe Arbeitsbelastung und Mangel an Schutzkleidung im Frühjahr 2020

Das Bild zeigt Professor Doktor Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.

Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer

„Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass die Zahl der nosokomialen Infektionen während der Pandemie und den damit verbundenen strengen Hygienevorschriften zugenommen hat“, sagt der Barmer-Vorstandsvorsitzende, Prof.  Dr. Christoph Straub. Doch gerade während der ersten Welle im Frühjahr 2020 lagen vor allem ältere Menschen auf den Stationen, die deutlich anfälliger für Infektionen waren und sind. 

„Hinzu kommt die hohe Arbeitsbelastung für das Klinikpersonal, dem es besonders in der ersten Welle mitunter auch an Schutzausrüstung mangelte“, so Straub. Er setzt sich daher dafür ein, dass die Verbesserung der Krankenhaushygiene ein „nationales Gesundheitsziel“ wird.

Masterplan der Barmer für mehr Hygiene in Kliniken

Die Barmer schlägt daher einen Masterplan für mehr Hygiene vor. Dieser Masterplan sieht zum Beispiel eine intensive Auseinandersetzung mit Klinikhygiene in der pflegerischen und ärztlichen Ausbildung vor. Dieses Wissen soll dann im Berufsalltag vertieft und zur täglichen Routine werden. Dazu bedarf es aus Sicht von Straub verlässlicher Verfahren und Strukturen, insbesondere den Einsatz von Hygienefachkräften. Allerdings beobachtet der Barmer-Vorstandsvorsitzende: „In den Krankenhäusern werden zwar Hygienefachkräfte eingesetzt. Akzeptanz und Arbeit dieser Fachkräfte müssen aber im Arbeitsalltag gestärkt werden, damit in Ausnahmesituationen wie einer Pandemie höhere Hygieneanforderungen nicht zu Stresssituationen führen.“

Bestandteil der Anstrengungen für mehr Hygiene an den Kliniken sollte laut Straub sein, dass die Gesundheitsämter die Einhaltung der Hygienestandards zudem häufiger als bisher unangekündigt prüfen. Welche Hygienestandards die Gesundheitsämter dabei unter die Lupe nehmen, soll in einer Richtlinie mit verbindlichen Mindestanforderungen stehen. Die Krankenhäuser sollen die Öffentlichkeit in ihren Qualitätsberichten dann über die Einhaltung der Mindestanforderungen informieren, so der Masterplan für mehr Hygiene.

Barmer Krankenhausreport 2021

Der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Prof. Dr. Christoph Straub, erklärt im Video zum Barmer Krankenhausreport 2021, warum Krankenhausinfektionen so gefährlich sind.

Was wir über nosokomiale Infektionen wissen

Nosokomiale Infektionen verbreiten sich in circa 71 Prozent der Fälle über Bakterien. Darüber hinaus sind auch Viren in 21 Prozent der Fälle Ursache für nosokomiale Infektionen. Sie können über die Hand, den Mund, die Atemwege und fäkal-orale Wege übertragen werden. In seltenen Fällen sind Pilze oder Parasiten die Ursache einer nosokomialen Infektion.

Das Bild zeigt ein Kuchengrafik mit Arten der häufigsten nosokomialen Infektionen

Infektionen entstehen im Allgemeinen durch körpereigene und körperfremde Bakterien. Viele Bakterien besiedeln den menschlichen Körper auf natürliche Weise in Schleimhäuten, inneren Organen und auf der Haut. Zu einer Infektion kommt es allerdings erst dann, wenn bestimmte Bakterien in Körperregionen gelangen, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen oder ein geschwächtes Immunsystem sie nicht mehr regulieren kann. Eine Schwächung des Immunsystems kann beispielsweise das Ergebnis einer Operation oder einer Erkrankung sein.

Lesen Sie den ausführlichen Schwerpunkt zu nosokomialen Informationen im Report nach. Hier finden Sie auch umfangreiches Material zum Fokusthema.
Jetzt Krankenhausreport 2021 lesen

Körperfremde Bakterien hingegen sind alle Bakterien, die außerhalb des Körpers vorkommen, beispielsweise auf Gegenständen oder in der Umwelt. Eine weitere wichtige Unterteilung ist die Gramfärbung. Diese unterteilt einen Großteil der Bakterien in zwei große Gruppen: in die der grampositiven und der gramnegativen Bakterien. Nosokomiale Infektionen entstehen überwiegend durch gramnegative Bakterien. Einige der gramnegativen Bakterien lösen erst dann Infektionen aus, wenn sie mit anderen Bakterien in Verbindung kommen oder wenn sie vom Darm aus in andere Körperteile wandern. Acinetobacter ist die Gattung der gramnegativen Bakterien, die besonders häufig für die auf Intensivstationen auftretenden Infektionen verantwortlich ist.

Viele Erreger sind bereits gegen Antibiotika unempfindlich

Das Bild zeigt einen Stapel Krankenhausreporte 2021

Der Krankenhausreport 2021 ist da.

In der Regel lassen sich bakterielle Infektionen gut mit Antibiotika behandeln. Problematisch wird es erst dann, wenn es sich bei diesen Bakterien um multiresistente Erreger handelt. Also um Bakterien, die immun gegen Antibiotika sind. Antibiotikaresistente Erreger reduzieren die Anzahl der Therapiemöglichkeiten drastisch. Eine Behandlung ist nur noch mit wenigen Reserveantibiotika möglich. Diese sind jedoch nicht nur teuer und schlechter verträglich, sondern verlieren zudem bei häufiger Anwendung ihre Wirksamkeit. Zwei der häufigsten multiresistenten Erreger sind die Bakterien Escherichia coli (E. coli) und Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA). E. coli zählt zu den häufigsten Erregern von nosokomialen Infektionen und sorgt oftmals für Harnwegs- und Magen-Darm-Infekte sowie Wund- und Atemwegsinfektionen. Die Bakteriengattung MRSA hat nicht nur eine Resistenz gegen das Antibiotikum Methicillin gebildet, sondern ist auch gegen weitere Antibiotika resistent. MRSA wird durch direkten Kontakt, offene Wunden und kontaminierte Hände übertragen. Er erhöht das Risiko für Blutvergiftungen, Lungenentzündungen und postoperative Wundinfektionen.

Wie werden Krankenhausinfektionen übertragen?

Krankenhausinfektionen können endogen oder exogen übertragen werden. Eine endogene Infektion meint, dass der Erreger schon bei der Aufnahme in die Klinik auf Schleimhäuten, inneren Organen oder der Haut des Patienten vorhanden war. Bei exogen bedingten Infektionen werden Erreger durch den Kontakt mit körperfremden Erregern übertragen. Dieser Kontakt kann zwischen zwei Patienten oder durch andere Quellen in der Umwelt entstehen. Bei den Risikofaktoren für die genannten Erreger und das Auftreten von Krankenhausinfektionen wird zwischen eingriffsabhängigen und patientenabhängigen Faktoren unterschieden. Zu den patientenabhängigen Risikofaktoren gehören beispielsweise das Alter, Vor- und Grunderkrankungen oder bei Neugeborenen das Geburtsgewicht. So sind ältere sowie sehr junge Menschen und Patientinnen und Patienten mit schlechter Immunabwehr einem höheren Risiko ausgesetzt, sich im Zuge ihres Krankenhausaufenthalts mit einer nosokomialen Infektion zu infizieren.

Lassen sich Infektionsrisiken nach Eingriffsarten unterscheiden?

Ein medizinischer Eingriff oder eine Therapie können Ursache einer Infektion sein. Bei postoperativen Wundinfektionen beeinflusst die Art der Operation das Risiko der Infektion. Eine schlecht heilende Wunde begünstigt dabei die Entstehung von bakteriellen Infektionen. Bei Harnwegsinfekten, der Sepsis, also Blutvergiftung, und Lungenentzündungen stellen Intubationen sowie Gefäß- und Harnwegskatheter ein Risiko für nosokomiale Infektionen dar. Harnwegskatheter steigern das Risiko einer bakteriellen Besiedlung täglich um drei bis zehn Prozent. Darüber hinaus erhöhen auch Faktoren wie die Länge des Krankenhausaufenthalts, die Anzahl der Eingriffe oder eine längere Antibiotikagabe das Risiko für eine Krankenhausinfektion. Aufgrund der häufig angewendeten diagnostischen und therapeutischen Verfahren sowie des geschwächten Immunsystems von Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen ist das Risiko einer Infektion auf diesen Stationen erhöht.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Infektionen und der Zahl des Pflegepersonals?

Ein weiterer Risikofaktor nosokomialer Infektionen ist ein unzureichendes Verhältnis der Anzahl von Patientinnen und Patienten zu der Anzahl des Pflegekraftpersonals. Ein niedriger Pflegeschlüssel ist oftmals dafür verantwortlich, dass den Hygieneanforderungen aus zeitlichen Gründen nicht mehr nachgegangen werden kann und dadurch nosokomiale Infektionen entstehen. Im europäischen Vergleich ist der Pflegeschlüssel in Deutschland am geringsten. So muss beispielsweise eine Pflegekraft in Norwegen circa 5,4 Patientinnen und Patienten versorgen, in Deutschland sind es circa 13 Patientinnen und Patienten. Besonders auf Intensivstationen, die ein erhöhtes Risiko für nosokomiale Infektionen bergen, muss eine ausreichende Hygiene gewährleistet sein. Eine Übertragung durch Berührung kann auch aufgrund von fehlender oder nicht ausreichender Händehygiene des Krankenhauspersonals und der Krankenhausbesucher verursacht werden. Ebenso kann eine Tröpfcheninfektion durch Husten, Niesen, Sprechen oder durch Aerosole erfolgen. Eine strikte Einhaltung der Hygienevorschriften hilft, einer solchen Übertragung vorzubeugen. Forscher nehmen an, dass circa 30 Prozent aller exogen bedingten nosokomialen Infektionen vermieden werden können, wenn aktive Präventionsmaßnahmen geschaffen und eingehalten werden.

Länger im Krankenhaus wegen einer nosokomialen Infektion

Laut einer Meta-Analyse führen nosokomiale Pneumonien zu einer Erhöhung der Verweildauer von 5 bis 26 Tagen. Bei einer postoperativen Wundinfektion steigt die Verweildauer um circa 7 bis 17 Tage und bei einer Sepsis um durchschnittlich zehn Tage. Die Verweildauer der Sepsis ist vergleichsweise niedrig, da Patientinnen und Patienten, die an einer Sepsis leiden, oftmals früher versterben und so die durchschnittliche Verweildauer senken.

15 bis 20 Prozent der Patienten versterben ursächlich an der nosokomialen Infektion

Eine deutsche Studie hat aus diversen Publikationen verlängerte Verweildauern aufgrund von nosokomialen Pneumonien von circa 5 bis 25 Tagen und bei postoperativen Wundinfektionen von circa 6 bis 24 Tagen festgestellt. Eine Studie aus China ist 2019 zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Neben einer verlängerten Verweildauer haben die Erkrankten auch ein erhöhtes Risiko zu versterben. Es ist jedoch häufig schwierig zu differenzieren, ob der Betroffene an oder mit der nosokomialen Infektion verstorben ist. Bei Erkrankten, die mit einer nosokomialen Infektion versterben, ist die Infektion in schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der Fälle ursächlich für den Tod des Betroffenen.

Jetzt Krankenhausreport 2021 lesen

Barmer Chat

Chat für Versicherte

Sind Sie bei Meine Barmer registriert?
Loggen Sie sich vor dem Start des Chats für eine persönliche und datenschutzsichere Beratung ein.

Der Chat ist Montag bis Freitag zwischen 07:00 und 20:00 Uhr erreichbar.

Chat für Interessenten

Ich habe keine eigene Mitgliedschaft bei der Barmer und bin an den Vorteilen interessiert.

Nutzen Sie unseren Chat für Interessenten im Bereich "Mitglied werden"

E-Mail

Meine Barmer

Nutzen Sie das Online-Postfach bei Meine Barmer zur persönlichen und datenschutzsicheren Kommunikation.

Zum Online-Postfach

Kontaktformular

Noch kein Online-Postfach? Nutzen Sie unser Kontaktformular.

Zum Kontaktformular

E-Mail an die Barmer

Senden Sie uns eine Nachricht an service@barmer.de

E-Mail für Interessenten

Sie sind noch nicht (selbst) bei der Barmer versichert und haben Interesse an einer Mitgliedschaft bei uns? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an neukunde@barmer.de

Webcode: a006907 Letzte Aktualisierung: 13.10.2021
Nach oben