Eine ältere Frau küsst einen alten Herrn
Pflege

Harninkontinenz: Blasenschwäche im höheren Lebensalter

Lesedauer unter 7 Minuten

Redaktion

  • Juliane Diekmann (Barmer Pflegekasse)

Qualitätssicherung

  • Ingrid Drolshagen (Barmer Pflegekasse)

Weltweit leiden viele Menschen an Harninkontinenz. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in Deutschland bis zu 10 Millionen Menschen von Harninkontinenz betroffen sind. Doch Inkontinenz ist nicht nur ein körperliches Problem. Für viele ist es vor allem ein psychisches und soziales Problem, über das man sich nicht zu sprechen traut. 

Was ist eine Harninkontinenz?

Harninkontinenz ist der unwillkürliche Verlust von Urin. Das heißt, die erlernte Fähigkeit des Menschen, Urin in der Blase zu speichern und zu bestimmen, wo und wann die Blase geleert wird, ist verloren gegangen oder gestört. 

Wie entsteht eine Harninkontinenz?

Die Ursachen können ganz unterschiedlich sein und sollten medizinisch abgeklärt werden. Die häufigsten Formen sind die Belastungs- und Stressinkontinenz und die Dranginkontinenz. Es können aber auch Mischformen auftreten.

Zu einer Belastungsinkontinenz kommt es, wenn der Druck im Bauchraum stark ansteigt (z. B. durch Husten, Niesen, Lachen, Treppensteigen, Heben schwerer Gegenstände) und zugleich die Beckenbodenmuskulatur stark geschwächt ist. Darüber hinaus ist die Schließmuskulatur der Blase zu schwach und der Urin kann nicht gehalten werden. Diese Form tritt vorwiegend bei Frauen auf, deren Muskulatur in Folge von Entbindungen, Bindegewebsschwäche oder Gebärmuttersenkung geschwächt ist.

Man spricht von einer Dranginkontinenz, wenn die Betroffenen plötzlichen und häufigen Harndrang empfinden und unfähig sind, diesen zurückzuhalten. Dies tritt bei einer Schädigung der Blase (Blasenentzündung, Harnsteine) oder Erkrankungen wie Morbus Alzheimer, Parkinson, Schlaganfall oder Diabetes mellitus auf.

Menschen, die körperlich und geistig geschwächt sind, können ebenso inkontinent werden, obwohl keine Störung der Muskulatur bzw. Blase vorliegt. Hier kommt es oftmals aufgrund einer veränderten Wahrnehmung dazu, dass der Harndrang zu spät erkannt wird und/oder eine fehlende Mobilität den Weg zur Toilette erschwert. Wenn der Urin dann unwillkürlich auf dem Weg zur Toilette abgeht, spricht man von einer funktionellen Inkontinenz.

Bei Männern kann auch die Vergrößerung der Prostata zu Problemen bei der Ausscheidung des Urins führen. Nach einer Prostataoperation kommt es relativ häufig zu zumindest vorübergehender Harninkontinenz.

Woher kommt Inkontinenz?

Ein Risiko Harninkontinenz zu bekommen tragen Personen, die beispielsweise

  • generell in ihrer Mobilität oder Orientierung eingeschränkt sind
  • an bestimmten Erkrankungen leiden, wie bspw. Demenz oder Morbus Parkinson
  • eine Gebärmuttersenkung oder Probleme mit der Prostata haben
  • bestimmte Medikamente einnehmen (Diuretika) oder Psychopharmaka
  • zu wenig trinken oder an Verstopfung leiden
  • übergewichtig sind

Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen und begünstigen die Entstehung einer Harninkontinenz.

Aus diesem Grund sollte mit der Hausärztin oder dem Hausarzt über eine bestehende Inkontinenz gesprochen werden. Sie bzw. er kann nach entsprechender Diagnostik einschätzen, welche medizinischen Maßnahmen sinnvoll sind. Je nach Form der Inkontinenz kann medikamentös oder operativ geholfen werden.

Es stehen jedoch auch andere Maßnahmen zur Verfügung. Bei diesen rückt nicht eine Heilung, sondern Linderung in den Vordergrund. Sie sollen dazu dienen, den Alltag mit der Harninkontinenz zu erleichtern.

Was kann man bei Harninkontinenz machen? Tipps für den Alltag

Richtig essen und trinken

Ein häufiges Problem im Alter allgemein und auch bei inkontinenten Menschen ist die zu geringe Flüssigkeitsaufnahme. Abgesehen vom abnehmenden Durstgefühl trinken ältere Menschen teilweise bewusst zu wenig, um nicht so oft zur Toilette zu müssen und sich vor ungewolltem Harnverlust zu schützen. Eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme steigert jedoch das Risiko von Harnwegsinfekten und Verstopfungen.

Soweit aus medizinischer Sicht keine Beschränkungen erforderlich sind (z. B. bei Herz-, Nieren- und Lungenerkrankungen) sollten Sie darauf achten, dass mindestens 1,5 bis 2 Liter am Tag getrunken werden. Am Abend kann man die Trinkmenge einschränken, um den nächtlichen Harndrang oder auch die nächtliche Inkontinenz zu reduzieren.

Die passende Kleidung auswählen

Menschen mit einer Inkontinenz sollten sich warm kleiden, um kalte Füße oder einen kalten Unterleib zu vermeiden. Die Kleidung sollte sich schnell und leicht entfernen lassen. Großzügig geschnittene Kleidung kann Hilfsmittel kaschieren, so dass sich die Betroffenen wohler fühlen.

Bewegung und Orientierung fördern

Um die Kontinenz zu fördern und zu wahren ist es hilfreich, möglichst lange die Mobilität zu erhalten und ein Sturzrisiko zu minimieren. So können Geh- und Aufstehhilfen sowie Handläufe in der Wohnung eine sichere Mobilität unterstützen. Ebenso sollten keine Schwellen und/oder lose Teppiche den Weg zur Toilette erschweren. Besonders effektiv ist es, den Weg zur Toilette vor allem auch nachts zu beleuchten. Im Bad erleichtern spezielle Halterungen sowie eine Toilettensitzerhöhung den Toilettengang.

Insgesamt wird mit einer mobilitätsfördernden Umgebung nicht nur die Orientierung, sondern auch die körperliche Fitness trainiert und das Sturzrisiko reduziert.

Auf Zeichen der Unruhe achten

Vor allem Menschen mit fortgeschrittener Demenz verlieren das Bewusstsein für den geeigneten Ort, um Urin auszuscheiden. Viele werden jedoch sichtlich unruhig, wenn sie Harndrang verspüren. Achten Sie auf solche Zeichen, um zu verhindern, dass die Ausscheidungen in falsche Behältnisse abgegeben werden, und entfernen Sie wenn möglich diese Gegenstände

Zu Beginn der demenziellen Erkrankung ist es hilfreich, die Toilettentür zur besseren Orientierung mit einem entsprechenden Symbol deutlich kenntlich zu machen.

Toilettengänge durchführen

Viele ältere und kranke Menschen bemerken den Harndrang, schaffen es aber nicht mehr rechtzeitig zur Toilette. Das Toilettentraining kann helfen, die Kontinenz ganz oder teilweise zu erhalten. Sie können das Toilettentraining in einem festen Rhythmus durchführen. Im Intervall von 2 bis 3 Stunden wird dann die Toilette aufgesucht, bzw. Toilettenstuhl oder Urinflasche genutzt.

Eine andere Möglichkeit ist der Toilettengang im individuellen Rhythmus. Er orientiert sich am individuellen Ausscheidungsmuster. Dies muss jedoch festgestellt werden, z. B. mit Hilfe einer kleinen Tabelle:

Uhrzeit

Getränk / Mahlzeit

Ausscheidung

Notiz

08:15

nach dem Aufstehen auf der Toilette Wasser gelassen

09:00

Tasse Kaffee zum Frühstück

10:00

Vorlage nass

sehr stark eingenässt. Auf der Toilette dann auch Stuhlgang erledigt

10:15

Becher Tee

Vorlage trocken

11:00

Vorlage trocken

11:30

erfolgreich zur Toilette geführt

ist sehr unruhig und nestelt an Kleidung

...

...

...

...

Ausgehend von diesem Beispiel könnte man nun, nachdem man weiß, dass die Inkontinenz eine Stunde nach dem Frühstück auftrat, um 09:45Uhr einen Toilettengang initiieren. Mit Hilfe einer solchen Tabelle können Sie einen Toilettenplan für den ganzen Tag erstellen.

Die Umsetzung des Toilettentrainings kann einige Tage oder Wochen dauern. Mit der Gewöhnung berichten und freuen sich jedoch viele Personen über (Teil-)Erfolge. In der Nacht könnten diese Maßnahmen jedoch zu aufwendig sein, da der Schlaf unterbrochen werden muss. Hier sollte man gut abwägen und Prioritäten setzen.

Hilfsmittel einsetzen

Es gibt eine Reihe von Hilfsmitteln, die je nach individueller Situation ausgewählt werden können. Sie sollten zum Erhalt der Unabhängigkeit möglichst selbstständig genutzt werden können. Lassen Sie sich dazu z. B. von einer Pflegefachkraft oder im Sanitätshaus beraten.

Mobile Toilettenhilfe benutzen

Wenn die Mobilität eingeschränkt ist, kann die Toilette unter Umständen nicht mehr direkt aufgesucht werden. Dann helfen Toilettenstuhl, Steckbecken oder Urinflasche weiter. Wichtig ist es, darauf zu achten, dass die Toilettenhilfen sicher in der Handhabung sind. So gibt es beispielsweise griff- und auslaufsichere Urinflaschen. Diese Flaschen sollten regelmäßig geleert und gesäubert werden; ein Essigreiniger wirkt gut gegen unangenehme Gerüche und Ablagerungen. Bei einem Toilettenstuhl sollten Sie auf Standsicherheit achten und darauf, ob er variabel einsetzbar ist, z. B. ob eine Höhenverstellung des Sitzes vorhanden ist.

Aufsaugende Hilfsmittel einsetzen

Es gibt viele verschiedene aufsaugende Hilfsmittel. Sowohl Vorlagen und Inkontinenzhosen als auch Bettschutzeinlagen werden in den unterschiedlichsten Größen angeboten. Dies können entweder Einmalartikel oder waschbare Unterlagen sein. Die Auswahl erfolgt individuell und nach den jeweiligen Bedürfnissen. Lassen Sie sich dazu auch von einer Pflegefachkraft oder im Sanitätshaus beraten und probieren Sie unterschiedliche Produkte aus. Qualitativ hochwertige Produkte besitzen neben einem Zellstoffkern einen sogenannten Superabsorber. Dieses chemische Produkt bindet den Urin und gibt ihn unter Druck (z. B. beim Sitzen) nicht frei. So wird die Haut vor Nässe geschützt.

Je nachdem, für welches Produkt Sie sich entscheiden, entstehen Zuzahlungen in unterschiedlicher Höhe.

Ableitende Hilfsmittel verwenden

Liegt keine Kontrollmöglichkeit über die Urinausscheidung mehr vor, können Blasenverweilkatheter oder bei Männern Urinalkondome eingesetzt werden. Über sie fließt der Urin in einen Auffangbeutel. Äußerste Sauberkeit und Hygiene sind besonders wichtig, um z. B. Ansiedlungen von Bakterien zu verhindern. 

Der Blasenverweilkatheter wird nur in Ausnahmefällen bei bestimmten Krankheitsbildern unter strenger ärztlicher Indikation verwendet, da die Gefahr der Infektion und Harnröhrenverletzung groß ist. Urinalkondome stellen für Männer dazu eine gute Alternative dar.

Online-Pflegecoach für pflegende Angehörige bei Inkontinenz

Sorgen Sie sich um Angehörige die von Harninkontinenz betroffen sind? Mit unserem Online-Portal zur Pflege bieten wir viele praktische Tipps, Hilfestellungen und geben Ihnen Sicherheit für den Alltag. Zum Thema Harninkontinenz gibt es einen eigenen Themenbereich.

Ratgeber für Betroffene von Harninkontinenz, Pflegende und pflegende Angehörige

Der Ratgeber "Harninkontinenz im höheren Lebensalter"  fasst die Inhalte in einem PDF zusammen und soll Angehörige und Betroffene über das Thema informieren. Häufige Fragen, wie eine Harninkontinenz entsteht, wer gefährdet ist sowie Tipps für den Umgang damit werden laienverständlich erklärt. Der Ratgeber bietet sich besonders für Angehörige an, die einen Menschen mit Harninkontinenz unterstützen und versorgen.

Literatur

  • Stiftung Pflege e.V. (Herausgeber): Leben mit Harninkontinenz. Berlin, 2010.
  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege - DNQP (Herausgeber): Nationaler Expertenstandard "Förderung der Harnkontinenz in der Pflege“. Osnabrück, 2014.

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