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Bandscheibenvorfall

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Autor

  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Inhaltsverzeichnis

Bei Bandscheibenvorfall denkt fast jeder an plötzlich einsetzende, heftige Rückenschmerzen. Doch die meisten Bandscheibenvorfälle bleiben unbemerkt und müssen nicht behandelt werden. Was passiert bei einem schmerzhaften Vorfall und woran erkennt man, ob ein Arztbesuch sinnvoll ist?

Was ist ein Bandscheibenvorfall?

Viele Menschen haben immer wieder einmal Rückenschmerzen. Meist lässt sich ihre Ursache nicht genau bestimmen. Wenn die Schmerzen jedoch über das Bein bis in den Fuß ausstrahlen, kann das auf einen Bandscheibenvorfall hinweisen.

Die Bandscheiben befinden sich zwischen den Wirbelkörpern der Rückenwirbel. Sie bestehen aus einer elastischen Hülle aus Knorpelfaser und einem gelartigen Kern (Gallertkern). Bei einem Bandscheibenvorfall tritt Bandscheibengewebe zwischen den Wirbelkörpern hervor. Dieses „vorgefallene“ Gewebe kann auf die Nerven im Bereich der Wirbelsäule drücken und sie reizen.

Ein Bandscheibenvorfall kann sehr unangenehm sein. Die Beschwerden lassen aber bei den meisten Menschen innerhalb von sechs Wochen von selbst nach. Auch führt nicht jeder Bandscheibenvorfall zu Beschwerden.

Welche Symptome können bei einem Bandscheibenvorfall auftreten?

Ein Bandscheibenvorfall kann ganz plötzlich einen heftigen „einschießenden“ Schmerz auslösen. Bei einem Vorfall im Bereich der Halswirbelsäule können die Schmerzen in die Arme ausstrahlen. Bandscheibenvorfälle im Bereich der Lendenwirbelsäule sind die Hauptursache für Ischialgien (umgangssprachlich „Ischias“). Als Ischialgie werden Schmerzen bezeichnet, die über ein Bein bis in den Fuß ausstrahlen. Neben den typischen ausstrahlenden Schmerzen kann sich ein Bandscheibenvorfall auch durch Schmerzen im unteren Rücken bemerkbar machen.

Selten kommt es neben den Schmerzen auch zu Gefühlsstörungen im Gesäßbereich oder Lähmungserscheinungen. Diese Symptome weisen auf ein ernsthaftes Problem wie eine Nervenschädigung hin. Ist auch die Blasen- oder Darmfunktion gestört, muss sofort behandelt werden. Dieses sogenannte Kauda-Syndrom ist ein medizinischer Notfall.

Nicht jeder Bandscheibenvorfall ist mit Beschwerden verbunden. Das zeigen Studien, in denen Erwachsene ohne Rückenschmerzen mittels Kernspintomografie untersucht wurden: Mehr als 50 von 100 Untersuchten hatten eine vorgewölbte Bandscheibe. Bei etwa 20 von 100 Untersuchten war die Bandscheibe bereits stärker geschädigt oder es war sogar Gewebe ausgetreten, ohne Beschwerden auszulösen.

Welche Ursachen hat ein Bandscheibenvorfall?

Bei den meisten Menschen sind Bandscheibenvorfälle die Folge von Verschleißerscheinungen. Mit den Jahren nimmt die Elastizität der Bandscheiben ab: Sie verlieren Flüssigkeit, werden spröde und rissig. Solche Veränderungen sind Teil des normalen Alterungsprozesses – der allerdings individuell verschieden verläuft. Sehr selten kann auch ein Unfall oder eine schwere Verletzung zu einem Gewebevorfall führen.

Die Bandscheiben wirken wie Stoßdämpfer zwischen den einzelnen Wirbeln. Wenn eine Bandscheibe Belastungen der Wirbelsäule nicht mehr so gut abfedern kann, kann es zu einem Bandscheibenvorfall kommen. Die Schmerzen entstehen vermutlich deshalb, weil Bandscheibengewebe auf einen Nerv im Bereich des Rückenmarks drückt.

 

Grafik: Gesunde Bandscheibe und Bandscheibenvorfall (Querschnitt durch die Lendenwirbelsäule - Ansicht von oben)

Gesunde Bandscheibe und Bandscheibenvorfall (Querschnitt durch die Lendenwirbelsäule - Ansicht von oben)

 

Wenn vorgewölbtes oder ausgetretenes Gewebe eine Nervenwurzel im Bereich der Lendenwirbelsäule reizt, führt das häufig zu den typischen Ischiasschmerzen. Die Nerven, die im Wirbelkanal verlaufen (Spinalnerven), verbinden sich im Becken zum Ischiasnerv, der die Beine versorgt. Ein gereizter Ischiasnerv kann neben Schmerzen auch Kribbeln und Taubheitsgefühle auslösen.

 

Illustration: Verlauf der Spinal- und der Ischiasnerven

Verlauf der Spinal- und der Ischiasnerven

 

Fachleute unterscheiden folgende Schweregrade:

  • Die Bandscheibenvorwölbung (Protrusion): Dabei wölbt sich die Bandscheibe zwischen den Wirbelkörpern hervor. Ihre äußerste Hülle ist aber noch intakt.
  • Die Extrusion: Bei einer Extrusion ist die äußerste Hülle der Bandscheibe gerissen, sodass Bandscheibengewebe austreten kann. Das ausgetretene Gewebe ist jedoch noch mit der Bandscheibe verbunden.
  • Der sequestrierte Bandscheibenvorfall (Sequester): Bandscheibengewebe, das in den Wirbelkanal ausgetreten ist und keinen direkten Kontakt mehr zur Bandscheibe hat, wird als Sequester bezeichnet.

Diese Einteilung sagt wenig darüber aus, welche Beschwerden auftreten und wie stark sie sind. Allerdings kann die Art des Bandscheibenvorfalls für die Wahl der Behandlung und den Krankheitsverlauf von Bedeutung sein.

Wer ist wie häufig von einem Bandscheibenvorfall betroffen?

Schätzungsweise 1 bis 5 % aller Menschen bekommen in ihrem Leben irgendwann einmal Kreuzschmerzen, die von einem Bandscheibenvorfall herrühren. In der Altersgruppe über 30 Jahre treten Bandscheibenprobleme häufiger auf, bei Männern sind sie ungefähr doppelt so häufig wie bei Frauen.

Wie ist der Krankheitsverlauf bei einem Bandscheibenvorfall?

Schmerzen und Bewegungseinschränkungen infolge eines Bandscheibenvorfalls lassen bei etwa 90 von 100 Menschen innerhalb von sechs Wochen von selbst nach. Man vermutet, dass der Körper mit der Zeit einen Teil des ausgetretenen Gewebes beseitigt oder es sich so verschiebt, dass die Nerven nicht mehr gereizt werden.

Ein schmerzhafter Bandscheibenvorfall kann sehr unterschiedlich verlaufen: Die Schmerzen können plötzlich einsetzen und rasch von selbst wieder verschwinden. Manche Menschen haben über längere Zeit dauerhaft Schmerzen, andere in Schüben immer wieder.

Wenn die Beschwerden länger als sechs Wochen anhalten, ist es unwahrscheinlich, dass sie von allein wieder verschwinden.

Wie wird die Diagnose Bandscheibenvorfall gestellt?

Zur Abklärung von akuten Rückenschmerzen reichen eine Befragung und eine körperliche Untersuchung normalerweise aus. Röntgenaufnahmen sind zur Diagnose eines Bandscheibenvorfalls nur wenig geeignet, weil sie nicht sehr aussagekräftig sind: Auch bei vielen Menschen ohne Beschwerden sind auf dem Röntgenbild Bandscheibenschäden sichtbar. Weitere Untersuchungen mit anderen bildgebenden Verfahren wie einer Kernspintomografie sind nur selten nötig, nämlich wenn

  • an einem oder beiden Beinen Lähmungserscheinungen auftreten,
  • die Blasen- oder Darmfunktion gestört ist,
  • die Schmerzen trotz Behandlung kaum erträglich sind,
  • starke Beschwerden trotz Behandlung über Wochen anhalten oder
  • der Verdacht besteht, dass eine andere Erkrankung die Schmerzen verursacht, etwa ein Tumor.

Die Ärztin oder der Arzt hat also bei Rückenschmerzen oft gute Gründe, erst einmal keine aufwendigen Untersuchungen zu veranlassen: Bildgebende Untersuchungen können eine vermeintliche Ursache für die Kreuzschmerzen zeigen, die tatsächlich nichts mit den Beschwerden zu tun hat. Eine solche Fehldiagnose kann wiederum eine überflüssige Behandlung nach sich ziehen, die vielleicht sogar schadet.

Wie wird ein Bandscheibenvorfall behandelt?

Selbst heftige Ischiasbeschwerden können mit der Zeit von selbst wieder abklingen. Bis dahin können verschiedene schmerzlindernde Behandlungen helfen, mit den Beschwerden zurechtzukommen. Ziel ist es, so aktiv wie möglich zu bleiben. Die Behandlung der Schmerzen führt aber nicht dazu, dass sich die Genesung beschleunigt. Die Hauptarbeit leistet der Körper in der Regel selbst.

Wenn starke Ischiasbeschwerden durch einen Bandscheibenvorfall länger als sechs Wochen andauern, kann eine Operation infrage kommen, um den betroffenen Nerv zu entlasten. Eine Operation ist außerdem immer dann nötig, wenn die Nerven so stark beeinträchtigt sind, dass die Blase oder der Darm nicht mehr richtig funktionieren oder bestimmte Muskeln sehr geschwächt sind. Das kommt jedoch nur selten vor.

Was passiert nach der Akutbehandlung?

Ziel einer Rehabilitation ist es, Beschwerden und Beeinträchtigungen infolge eines Bandscheibenvorfalls zu verringern, die Rumpfmuskulatur zu stärken und so die Stabilität der Wirbelsäule zu verbessern.

Eine Rehabilitation kann Rückenschule, Dehn- und Entspannungsübungen, Krafttraining und andere Maßnahmen beinhalten. Sie kommt für Menschen infrage, die durch ihre Rückenschmerzen so stark beeinträchtigt sind, dass sie nicht arbeiten können oder im Alltag eingeschränkt sind. Auch nach einer Operation kann eine sogenannte Anschlussheilbehandlung sinnvoll sein.

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