Lärm macht krank: Ein junger Mann hält sich die Ohren zu
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Warum Lärm krank macht und Stress durch die Ohren geht

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Redaktion

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Dr. med. Utta Petzold (Dermatologin & Allergologin bei der Barmer)

Wir sind ständig von Geräuschen umgeben – manche empfinden wir als wohltuend, manche als störend. Doch wann wird aus Geräuschen Lärm, der sogar gesundheitsschädlich sein kann? Wir erklären, welche Lärmbelastung besonders gefährlich ist und wie man den Körper schützen kann.

Im Club wummert die Musik in voller Lautstärke aus den Boxen - absolutes Glücksgefühl. Im Sommerurlaub zirpen die Grillen die ganze Nacht hindurch – wie herrlich. Doch wenn der Nachbar zu laut Klavier spielt oder derart nervig lacht, geht uns das ganz schnell auf den Senkel. Auch lauter Sex, vorbeifahrende Trambahnen oder feierndes Partyvolk auf der Straße kann an den Nerven sägen – oder eben nicht.

Lärm hat viele Facetten. Er beeinträchtigt das Leben der Betroffenen auf unterschiedliche Weise und er lässt auf unterschiedliche Weise leiden. Nicht jeder Mensch empfindet laute Geräusche als gleich störend, nicht jeder wird krank davon. Während der eine an einer Hauptverkehrsstraße gut schlafen kann, setzt dem anderen schon ein klingelndes Handy zu. Daher ist Lärmforschung und Lärmschutz so komplex.

Was ist Lärm eigentlich?

Als Lärm bezeichnen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen unerwünschten, unangenehmen oder sogar schädlichen Schall. Gemessen wird Lärm in Dezibel, einer Einheit für Schalldruck. Je größer der Druck einer Schallwelle, desto lauter wirkt ein Geräusch. Entscheidend ist aber auch die Frequenz, die angibt, wie schnell hintereinander Schallwellen ausgestoßen werden. Zudem scheint für die psychische Belastung entscheidend zu sein, ob der Lärm dauerhaft herrscht oder nur zeitweise an die Ohren dringt – kurzzeitige, aber immer wiederkehrende Lärmspitzen sind wesentlich belastender als zum Beispiel das durchgängige Brummen der nahen Autobahn. 
Medizinisch geht man davon aus, dass die Schmerzgrenze unserer Ohren bei 120 bis 130 Dezibel liegt  (das ist etwa so laut wie die Musik in der Disco). Der Schall ist also als physikalische Größe genau messbar. Doch eine ebenso wichtige Rolle für die individuell empfundene Belästigung spielt die eigene Empfindlichkeit, die innere Beurteilung und der allgemeine Stressfaktor. So wird die Belastung als geringer empfunden, wenn jemand versucht, etwas dagegen zu unternehmen – zum Beispiel die Behörden oder die Betreiber einer Bahnstrecke . Wird das Problem jedoch von den Verursachern als nicht so wichtig erachtet oder nicht ernst genommen, steigt der Ärger und damit die psychische Belastung durch den Lärmstress.

Wie laut ist welches Geräusch? 
leichtes Blätterrauschen - 30 Dezibel    
Ruhiges Gespräch - 45 Dezibel    
Staubsauger - 75 Dezibel    
Diskothek - 120 Dezibel    
Flugzeugstart - 140 Dezibel    

Wie groß ist die Belastung durch Lärm?

Unsere Augen können wir schließen, unsere Nase zuhalten, wenn uns etwas stört. Doch Lärm aus dem Weg zu gehen, ist nicht immer einfach. Lärm dringt unweigerlich an unsere Ohren, ob wir wollen oder nicht. Oft kann man wenig gegen ihn unternehmen, obwohl er die Gesundheit stärker gefährdet als andere äußere Reize. Daher ist Lärm ein Problem, das uns alle angeht – nicht umsonst zählt er für die Deutschen zu den am stärksten empfundenen Umweltbeeinträchtigungen und schafft es hierzulande locker in die Top 10 der Ärgerthemen. 

Vier von zehn Deutschen fühlen sich durch den Straßenverkehr belästigt, weitere vier von zehn stören sich am Lärm ihrer Nachbarn, jeder fünfte am Lärm von Flugzeugen.  Dabei sind die Deutschen noch relativ tolerant: Wer hätte gedacht, dass man sich vor allem im Land des Dolce Vitas über knatternde Vespas und zu laute Gelato-Verkäufer aufregt? Die Italiener sind Spitzenreiter in ihrer Sehnsucht nach Ruhe, 67 Prozent von ihnen empfinden Lärm als störend. Im EU-Durchschnitt sind es lediglich 42 Prozent.

Wodurch wirkt Lärm gesundheitsschädlich?

Stark belastend wirkt Lärm, wenn er das Privatleben und die Erholung stört. Am Arbeitsplatz nimmt man ihn oft billigend in Kauf, doch in den eigenen vier Wänden durchkreuzt er die Regeneration. Besonders in der Nacht wird Lärm zur Gefahr, denn das Gehirn wertet die unerwarteten, störenden Geräusche als Bedrohung. Der Körper gerät unterbewusst in einen Alarmzustand, den Lärmstress. Man schläft weniger tief, weniger erholsam und ist nach einigen lärmgeplagten Nächten weniger leistungsfähig. 

Besonders gesundheitsgefährdend ist der Anstieg des Pulses um drei bis fünf Schläge pro Minute und die Veränderung des Hormonhaushalts – selbst wenn man den Lärm im Schlaf nicht bewusst wahrnimmt.  Mediziner der Uni Mainz zeigten zudem, dass Lärmgeplagte, die im Schlaf mit Flugverkehrsgeräuschen beschallt werden, steifere Blutgefäße haben – was zu wie Bluthochdruck, Schlaganfall oder Herzinfarkt führen kann.  
Befindet sich der Körper fortwährend in einer Art Alarmzustand, schütten die Nebennieren Stresshormone aus. Dadurch erhöhen sich Puls und Blutdruck. Fett- und Zuckerreserven werden ins Blut abgegeben, um die Muskeln mit Energie – für eine potentielle Flucht – zu versorgen. Verdauung und Immunsystem arbeiten zugleich auf Sparflamme, was die Gefahr von Infektionen, aber auch Bluthochdruck sowie erhöhte Blutzucker- und Cholesterinwerte mit sich bringt. 

Wie krank kann Lärm machen?

Wenn Lärm über einen längeren Zeitraum den Schlaf stört und auch tagsüber die Lebensqualität beeinträchtigt, kann er richtig krankmachen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO errechnete im Jahr 2011 die Gesamtsumme der Lebensjahre, die durch Lärm geraubt werden : Jährlich verlieren die Europäer mindestens eine Million gesunde Lebensjahre an den Schienen-, Flug- und Nachbarschaftslärm. 
Die WHO nennt mehrere, langfristige Risiken von Lärm für die Gesundheit: 

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Schlafstörungen
  • kognitive Entwicklungsstörungen bei Kindern
  • Tinnitus / Hörschaden
  • Belästigung

Außerdem wird Lärm von der WHO, der EU und der Lärmwirkungsforschungslandschaft als Risikoindikator für eine unipolare Depression eingestuft. 

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Welcher Lärm macht krank?

Es gibt durchaus Unterschiede, welcher Lärm der Gesundheit zusetzt. Besonders risikoreich sind 

  • Fluglärm, dem man auch in der Nacht ausgesetzt ist,
  • Bahnlärm, weil die Züge zusätzlich Vibrationen verursachen,
  • Straßenlärm, weil er sehr unterschiedliche Lärmniveaus hat ,
  • kurzzeitiger, aber immer wiederkehrender Lärm (zum Beispiel von startenden Flugzeugen) sowie
  • mehrere Geräuschquellen, also zum Beispiel Straßen- und Fluglärm, Nachbarschafts- und Industrielärm, gleichzeitig. 

Leiden bestimmte Menschen stärker unter Lärm als andere?

Generell lassen sich Menschen, die empfindlich auf Stress reagieren oder zu Nervosität beziehungsweise depressiven Verstimmungen neigen, stärker durch Lärm beeinflussen als andere Menschen. Vor allem Personen, die eine genetische Vorbelastung für Bluthochdruck und Stresserkrankungen haben, sind besonders gefährdet, in der Folge Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln.  Allen Menschen – egal ob leicht reizbar oder weniger geräuschsensibel – ist gemein, dass sie sich nicht an Lärm gewöhnen können. Das Ohr ist immer aktiv und lässt sich nicht ausschalten. Es ist unmöglich, wegzuhören. 

Schon gewusst? So funktioniert unser Ohr.

Was lässt sich gegen Lärm tun?

Die Industrie hat das Problem schon lange erkannt – alles soll leiser werden: der Staubsauger, die Spülmaschine, Züge oder Autos. So sind Pkws im Vergleich zu den Fabrikaten von vor 20 Jahren deutlich geräuschloser auf den Straßen unterwegs: Die Abrollgeräusche wurden reduziert, moderne Straßenbeläge schlucken bis zu vier Dezibel und auch Tempolimits machen einen Unterschied. Doch weil das Verkehrsaufkommen parallel dazu stark angestiegen ist, ist der Lärm nicht gesunken – im Gegenteil. Bei Flugzeugen ist das ähnlich: Sie sind zwar leiser geworden, aber es werden immer mehr. 

Ein großes Problem sind immer noch Güterzüge – sie quietschen, vibrieren und sind sehr lang. Hier sollen neue Gleisschleifverfahren und Bremsklötze aus Kunststoff helfen. Für Wohngebiete an Autobahnen gibt es immer mehr Lärmschutzmaßnahmen wie Schallschutzmauern oder Flüsterasphalt. In Kantinen werden Schallschutzwände oder Schallschlucker an den Decken angebracht, Wohnhäuser werden entsprechend schallgedämmt und mit dreifach-verglasten Fenstern ausgestattet.

Vier Tipps gegen den Stressfaktor Lärm

  1. Wer lärmempfindlich ist, sollte bei der Wahl der Wohnung genau auf die Umgebung achten und sich die Zeit nehmen, einmal genau „hinzuhören“.
  2. Macht die WG im Stockwerk über dem eigenen Zuhause oft Party, kann man eine Zeit lang Noise-Cancelling-Kopfhörer tragen oder Ohrstöpsel benutzen. Auch ein Podcast übertönt die störenden Geräusche zumindest einigermaßen.
  3.  Manchmal lässt sich auch mit den Lärmverursachern gemeinsam eine Lösung finden, wenn man sie freundlich auf das Problem aufmerksam macht: definierte Ruhezeiten (kein Rasenmäher in der Mittagspause), praktische Abhilfen (Gummifüße unter den Subwoofer) oder nettes Entgegenkommen (Arbeits- und Kinderzimmer tauschen, damit es keine angrenzende Wand mehr gibt). 
  4. Oft hilft schon eine andere Einstellung zum Lärm und eine große Portion Gelassenheit. Durch Achtsamkeitstrainings, Meditation oder Sport kann man die seelische Ausgeglichenheit fördern – und vielleicht ab und zu etwas besser „weghören“.

Die App 7Mind bringt mehr seelische Ausgeglichenheit in jeden Tag: Sie bietet sieben-Minuten-Meditationen an und fördert damit die eigene Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Natürlich ändert sich damit nichts am Lärmpegel, aber an der eigenen Bewertung dieses Stressfaktors.

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