Gesundheit 2030

Die Pflicht zur Kür: Nur eine konsequente Kundenzentrierung wird die ePA zum Erfolg machen

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Eine Frau sitzt im Schneidersitz auf einem Sessel

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Barmer Internetredaktion
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Es ist zweifelsohne ein Meilenstein in der oft zähen Geschichte des digitalen deutschen Gesundheitswesens: Der Start der elektronischen Patientenakte (ePA) am 1. Januar 2021 bringt die seit mehr als einer Dekade laufenden Bemühungen um ein solches digitales Angebot zu einem konkreten, greif- und nutzbaren Ergebnis. Wie vom Terminservice­ und Versorgungsgesetz (TSVG) festgelegt, haben die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland ihren Versicherten eine von der Gesellschaft für Telematik (Gematik) zugelassene elektronische Patientenakte zur Verfügung gestellt. Damit übernehmen sie eine zentrale Aufgabe im Digitalisierungsprozess: Ihre jeweiligen ePA-Angebote sind es, die die Schnittstelle zwischen der Ärzteschaft und Patientinnen und Patienten gestalten. Vor allem auf Versichertenseite sind es damit die Kassen, die durch die Weiterentwicklung ihres jeweiligen ePA-Angebots eine breite Akzeptanz und Anwendung der elektronischen Patientenakte fördern.

Gesetzliche Rahmenbedingungen definieren die Grundausstattung der ePA


Grundarchitektur und initialer Funktionsumfang der ePA sind durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) und das Patientendaten-Schutz-Gesetz (PDSG) bereits spezifiziert. So sind der elektronische Arztbrief (eArztbrief), der bundeseinheitliche Medikationsplan (BMP) und der Notfalldatensatz Teil des Standardfunktionsumfangs. Sie werden ab 2022 ergänzt um Lösungen für den Impf- und Mutterpass, das U-Heft für Kinder und das Zahnbonusheft sowie wichtige administrative Funktionen wie die Vertreterregelung, das feingranulare Berechtigungsmanagement und die Regelung zum automatischen Datentransfer beim Kassenwechsel. Im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben und Richtlinien steht es den Krankenkassen frei, zusätzliche Funktionen in ihrer jeweiligen ePA-App zu integrieren. So bietet die Barmer von Beginn an einen Mediplaner mit Erinnerungsfunktion für die verordneten Medikamente an und seit Sommer 2021 darüber hinaus eine Funktion zur Ablage aller Gesundheitspässe, zum Beispiel Brillen-, Allergie- oder Röntgenpass, und eine hervorgehobene Funktion des Notfallpasses. Da es wahrscheinlich keine sensibleren Daten als die individuellen Gesundheitsdaten gibt, sind Fragen des Datenschutzes und der Zugriffsregelung auch hier Fundament der Kundenzentrierung.

„Zusätzlich zu den klaren rechtlichen Vorgaben zur Sicherheitsarchitektur hat die Barmer ein Wertesystem der digitalen Ethik entwickelt, das wichtige Eckpunkte für die Weiterentwicklung ihres digitalen Angebots definiert. “

In der Entwicklung der ePA haben Sicherheit und Datenschutz oberste Priorität. Die ab dem 1. Januar 2021 verfügbare Version der eCare setzt die gesetzlichen Vorgaben in Bezug auf Anwendungssicherheit und Schutz der Privatsphäre akkurat und lückenlos um.

Eine erfolgreiche ePA muss mehr bieten als Sicherheit und digitalisierte Dokumente

Bei der Weiterentwicklung der ePA wird jedoch ein weiterer Aspekt wichtig sein, der bislang eine untergeordnete Rolle gespielt hat: eine klare Kundenzentrierung, die über Sicherheitsaspekte und verpflichtende Standards hinaus die konkreten Bedarfe der Nutzenden in den Mittelpunkt stellt und echten Mehrwert liefert. Dies ist bei der Entwicklung anderer Produkte selbstverständlich. Die Entwicklung der Gematik und des übergeordneten ePA-Konzepts folgte bislang den klassischen Prinzipien im Umgang mit der Digitalisierung. Bestimmendes Grundmotiv der Entwicklung digitaler Plattformen und Werkzeuge ist hierzulande meist die Abbildung bereits vorhandener Prozesse und Strukturen. So verwundert es nicht, dass die ePA in ihrer initialen Ausprägung der klassischen Akten- und Verwaltungslogik im deutschen Gesundheitssystem folgt. Zwar schafft die standardisierte und fachrichtungsübergreifende Ablage individueller Gesundheitsdokumente in der ePA schon einen Gewinn an Transparenz und Effizienz. So hilft sie Ärztinnen und Ärzten dabei, Medikamenten-Wechselwirkungen zu erkennen, unnötige Doppeluntersuchungen zu vermeiden oder die Krankheitsgeschichten ihrer Patientinnen und Patienten besser zu verstehen. Doch diese Fortschritte allein werden der Versicherten- und Ärzteschaft nicht die überzeugenden Argumente für die Nutzung liefern, die es für den angestrebten Erfolg der elektronischen Patientenakte braucht.

Fehlende Nutzerorientierung bleibt das größte Anwendungshemmnis

Fragen zur Bedeutung des Kundennutzens sind keine theoretischen Erwägungen. Eine Studie der Bitkom ergab 2020, dass die verschiedenen Facetten einer fehlenden Nutzerorientierung große Hürden für die Nutzung digitaler Technologien sind. 65 Prozent der Befragten beklagten allgemein mangelnde Nutzerfreundlichkeit, 53 Prozent unklare Angaben zum Datenschutz und immerhin 39 Prozent explizit unklare Vorstellungen über Nutzenvorteile. Als Auftrag an eine Ausgestaltung der ePA bedeutet dies, dass etwa die eCare 

  1. ihren Versicherten eindeutige Vorteile und zusätzliche Leistungen bietet,
  2. diese Vorteile erfahrbar, zugänglich und nutzerfreundlich aufbereitet und
  3. Fragen der Sicherheit und des Datenschutzes im Voraus klar und verständlich adressiert

Eine elektronische Patientenakte, die diese Punkte nicht berücksichtigt, läuft Gefahr, das Schicksal des französischen „Dossier Médical Partagé” zu teilen. 2011 nach langer Pilotphase eingeführt, wurde diese frühe Version einer elektronischen Patientenakte vom medizinischen Personal kaum genutzt und von den Patientinnen und Patienten nicht nachgefragt: Nach anderthalb Jahren waren nur 160.000 Patientenakten erstellt worden, von denen fast zwei Drittel nach ihrer Erstellung ungenutzt blieben.

Ohne Kundenzentrierung bleibt die digitale Patientenakte nur ein mobiler Dokumentenspeicher

„„Wenn die Idee der ePA zum Leben erweckt werden soll, braucht es greifbaren, wachsenden und interaktiven Mehrwert für die Nutzenden, deren Nutzung wiederum die nächste Innovationsgeneration ermöglicht."“

Wir haben die Chance, mit der elektronischen Patientenakte in Deutschland auf den Erfahrungen in Frankreich aufzubauen, statt sie nur zu wiederholen. Dafür jedoch muss der Blick stärker auf Nutzerbedarfe und Nutzungsszenarien gerichtet werden. Hier haben digitale Vorreiterländer wie Dänemark, Schweden, Estland oder Israel bereits vorgelegt. Deren übergreifende Service-Plattformen fördern Austausch und Transparenz und integrieren die ePA mit Tools zu Terminbuchung oder Videosprechstunde in den Alltag der Menschen. Hierzulande steht die breite Nutzung der ePA-Anwendung noch vor einem Henne-Ei-Problem: Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet eine ePA, die nicht breit von Patientinnen und Patienten nachgefragt wird, nur punktuelle Mehrarbeit ohne echten Nutzen. Solange die Ärzteschaft die ePA jedoch nicht aktiv unterstützt, wird es auf Patientenseite bei Skepsis und Desinteresse bleiben. Um diese Situation aufzulösen, muss die ePA mittelfristig mehr werden als ein mobiler Dokumentenspeicher. Sie muss selbst die breite Nachfrage generieren – als attraktives Angebot für Ärzte- und Patientenschaft. Das schafft sie nur mit einer konsequenten Nutzerzentrierung.

Erweitertes Leistungsangebot und verbesserte Usability schaffen echten Nutzen für Patienten- und Ärzteschaft

Die Pandemie, die Corona-App, der stärkere Fokus auf kontaktlose Medizinlösungen wie telefonische AU, eRezept oder Videosprechstunden haben der Digitalisierung des Gesundheitswesens einen massiven Akzeptanzschub verpasst. Wer dieses Moment aufnehmen und nutzen will, muss gewährleisten, dass die elektronische Patientenakte Versicherte und Leistungserbringer gesamtheitlich unterstützt und neue, innovative, wertige Funktionalitäten bereitstellt. Dazu gehören Erinnerungen an Vorsorgeuntersuchungen, Patiententagebücher, Medikamentenplaner und die Integration von vielfältigen DiGA-Angeboten und medizinisch hochwertigen Apps anderer Anbieter. Auch der Abbau von Usability-Hemmnissen, etwa durch übergreifende Alternativen zum geplanten feingranularen Berechtigungsmanagement, ist wichtiger Teil einer kundenzentrierten Entwicklung.

„Wo echter Nutzen sicht- und erfahrbar wird, werden sich Akzeptanz und breite Nutzung der Patientenakte in der Bevölkerung erhöhen – sowohl in der Versicherten- als auch in der Ärzteschaft. “

Auch wenn die bereits zahlreich vorhandenen Health-, Fitness- und Tracking-App-Angebote privater Anbieter in ihrer streng marktwirtschaftlichen Ausrichtung kein echtes Vorbild für die ePA sein können: Sie setzen die Maßstäbe für Usability und Mehrwert bei den Nutzenden. Um es deshalb deutlich zu formulieren: Solange die elektronische Patientenakte die tradierten Verwaltungsstrukturen nur virtualisiert und nachbildet, solange kann sie nur komplementär zur klassischen Datenhaltung in der Praxis bleiben und sich nicht als neuer Standard etablieren.

Die ePA ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum modernen Gesundheitssystem

Unsere eCare soll den Menschen in Zusammenarbeit mit den Ärztinnen und Ärzten helfen, die beste Versorgung zu erhalten, um gesund zu bleiben oder sie im Umgang mit Ihrer Krankheit bestmöglich zu unterstützen. Sie soll ihnen außerdem die Gewissheit geben, dass ihre Daten geschützt sind und sie in der Freigabe von Informationen tatsächlich datensouverän sind. Sie soll Ärztinnen und Ärzte dabei unterstützen, die bestmöglichen Lösungen und Behandlungsmöglichkeiten zu finden. Sie ist damit ein wichtiger Baustein in unserer Vision eines digital verbesserten Gesundheitsökosystems, das Effizienzpotenziale realisiert und Innovationen ermöglicht, die allen Teilnehmenden zugutekommen. Dabei gilt es, auch Aufklärung als Bestandteil konsequenter Kundenzentrierung zu verstehen und Unsicherheiten und offenen Fragen so zu begegnen, dass die Versicherten informierte und selbstbestimmte Entscheidungen zur Nutzung der ePA treffen können. Wir sind uns sicher: Das Potenzial einer erfolgreichen ePA legitimiert die Kraftanstrengung auf dem Weg dahin.

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Webcode: a006175 Letzte Aktualisierung: 17.12.2020
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