Coronavirus

Die stillen Opfer der Corona-Krise: Risiken durch verschleppte Diagnosen und Behandlungen

Lesedauer unter 4 Minuten
Eine Seniorin und eine Ärztin mit Schutzmasken

Autor

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dr. med. Ursula Marschall (Fachärztin für Anästhesie)
Inhaltsverzeichnis

Ernsthafte Erkrankungen bleiben unerkannt und unbehandelt, weil Patienten wegen der Corona-Pandemie ihre Arzttermine verschieben. Warum wir Beschwerden ernst nehmen sollten – und was wir riskieren, wenn wir es nicht tun. 

Der Appell des ärztlichen Direktors der Universitätsmedizin Magdeburg ist eindringlich: „Es gibt viele andere gefährliche Krankheiten außer Corona und diese Krankheiten müssen sofort und mit der bestmöglichen Medizin behandelt werden“, sagt Prof. Hans-Jochen Heinze in einer Videobotschaft an alle Patienten. Seine Kolleginnen und Kollegen hätten ihm berichtet, dass Menschen trotz dringender Symptome und schwerer Erkrankungen gar nicht erst in die Klinik kämen. Diese Entwicklung könnte fatale Folgen haben, weiß Heinze: „Nämlich dann, wenn Sie nicht in die Notaufnahme kommen, obwohl akuter Handlungsbedarf besteht.“

Nicht nur die Kliniken, auch die Praxen beobachten mit Sorge, dass sich aktuell viele Menschen davor scheuen, zum Arzt zu gehen – obwohl sie Beschwerden haben. Dieses Verhalten könne gefährlich für die Gesundheit werden, warnt der Verband der niedergelassenen Ärzte (Virchowbund), „wenn regelmäßige Behandlungen und Kontrollen unterbrochen werden, Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen entfallen oder akute Erkrankungen verschleppt werden.“

Berichte über fehlende Schutzausrüstung, aufgeschobene Operationen, dramatische Bilder aus den Nachbarländern – wer nicht unbedingt muss, verzichtet momentan lieber auf einen Arztbesuch. Viele Menschen vermuten, dass sich die Krankenhäuser nur noch um Corona-Patienten kümmern. Dass sie sich dort mit dem Virus anstecken könnten. Dass jeder einen Beitrag leisten muss, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Doch egal welche Gründe es sind, die sie von der medizinischen Versorgung fernhalten: Die Konsequenzen können im Einzelfall schlimmer sein als die einer COVID-19-Erkrankung. Ärztliche Fachgesellschaften und Verbände fürchten, dass unbehandelte Beschwerden und verschleppte Diagnosen bald zu steigenden Todeszahlen führen, zu „stillen Opfern“ der Krise.

Verzögerte Diagnostik und Therapie wegen Corona

Zu diesen Opfern könnten auch etliche Krebspatienten zählen. Denn viele Menschen gehen derzeit erst sehr spät in ein Krankenhaus, um sich untersuchen lassen. So ist die Zahl der vorstelligen Tumorpatienten laut der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) in einzelnen Institutionen um 30 bis 50 Prozent gesunken. Vor allem Patienten mit frühen Tumorstadien kommen gerade seltener in die Kliniken. Ein möglicher Grund: Viele Krebserkrankungen werden bei Früherkennungsuntersuchungen entdeckt und die haben in den letzten Monaten kaum stattgefunden. Diagnostik und Therapie verzögern sich deshalb – mit immensem Schaden für die Patienten. Denn: „Krebs nimmt keine Rücksicht auf die Corona-Krise“, weiß Prof. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums: „Wenn wir die Bugwelle an ausstehenden, dringlichen Untersuchungen und aufgeschobenen Behandlungen weiterhin vor uns herschieben, dann müssen wir in Deutschland mit einer steigenden Zahl von krebsbedingten Todesfällen rechnen."

Diese Symptome sollten Sie unverzüglich von einem Arzt abklären lassen:

  • Schmerzen im Brustkorb
  • Schmerzen im Bauchraum
  • Atembeschwerden
  • Schwindel
  • Schwellung der Beine
  • allergische Reaktionen

Auch andere Fachrichtungen wundern sich momentan über einen plötzlichen Patientenschwund. „Vielerorts erreichen uns Hinweise, dass zum Beispiel die Zahl der Krankenhausaufnahmen von Patienten mit akuten Herzbeschwerden, insbesondere lebensbedrohlichen Herzinfarkten oder Herzklappenerkrankungen, dramatisch zurückgegangen ist“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie in einer Erklärung. Die Hamburger Asklepios Kliniken können diese Tendenz mit konkreten Zahlen belegen: Ende März bis Ende April wurden dort im Vergleich zu den vergangenen beiden Jahren 39 Prozent weniger Patienten mit einem Herzinfarkt behandelt.

Nachdem andere Krankenhäuser ähnliche Beobachtungen machen, vermutet Prof. Stephan Willems, Chefarzt der Kardiologie der Asklepios Klinik St. Georg, dass viele Patienten trotz deutlicher Symptome zu Hause bleiben. „Damit verpassen sie die Chance, sich frühzeitig und erfolgreich behandeln zu lassen und riskieren schwere, dauerhafte Gesundheitsschäden.“ Wie ein Mann, von dem der Chefarzt berichtet: Mit einem Verschluss der rechten Herzkranzarterie landete er in der Klinik und musste dort sogar wiederbelebt werden. „Er hatte leider aus Angst vor Ansteckung mehrere Tage gewartet, bis er in die Klinik kam. Das kann lebensgefährlich sein.“

Auch Vorsorgetermine trotz Corona-Pandemie wahrnehmen

Egal ob Schlaganfälle, Blinddarmentzündungen oder Durchblutungsstörungen – etliche Erkrankungen wurden in den letzten Wochen zu spät entdeckt und zu spät behandelt, weil sich Patienten trotz akuter Beschwerden gegen einen Arztbesuch entschieden haben. Ohne Not. Denn die Kliniken und Praxen weisen auch in Corona-Zeiten niemanden mit ernsten Sorgen oder unklaren Symptomen ab. Aufwändige Schutzmaßnahmen minimieren zudem das Risiko, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren. Deshalb gilt: „Kein Patient sollte aus Furcht vor einer Ansteckung zuhause bleiben und damit womöglich schwere Gesundheitsschäden riskieren“, stellt Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes, klar. Auch alle Impfungen, U-Untersuchungen und Vorsorgetermine können bei den niedergelassenen Ärzten durchgeführt werden.

Wer sich unsicher ist, ob sein Anliegen einen Besuch rechtfertigt, kann sich am Telefon oder per E-Mail in der Arztpraxis erkundigen. Sollten am Abend, in der Nacht oder am Wochenende beunruhigende Symptome auftauchen, kann auch der Barmer Teledoktor weiterhelfen. Die medizinischen Experten stehen für alle Gesundheitsfragen zur Verfügung – rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche. Per App, Chat, E-Mail oder Telefon können sich Versicherte schnell und unkompliziert ärztlichen Rat einholen. In Notfällen sollte allerdings keine Zeit verloren werden: Dann ist der Rettungsdienst die richtige Adresse. Er bringt Patienten schnellstmöglich in eine nahgelegene Klinik, die alle Akutfälle umfassend versorgt. Auch jetzt.
 

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Webcode: a005602 Letzte Aktualisierung: 09.07.2020
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