Coronavirus

Interview mit dem Psychologen Gerd Gigerenzer: Umgang mit Ungewissheit und Statistiken zur Corona-Pandemie

Lesedauer unter 6 Minuten
Porträt Gerd Gigerenzer mit grünem illustrativen Hintergrund

Autor/in

Internetredaktion Barmer

Qualitätssicherung

Dr. med. Ursula Marschall (Fachärztin für Anästhesie)

Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer erläutert in unserem Interview, wie ein entspannterer Umgang mit Ungewissheit im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie möglich ist und wie Statistiken dazu führen können, die falschen Risiken einzugehen.

Herr Gigerenzer, wie schützen Sie sich vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus?

Ich halte mich an die Maßnahmen, die es dem Virus erschweren, sich zu verbreiten. Ich wasche mir regelmäßig die Hände und halte Abstand zu meinen Mitmenschen. Dies sind Regeln, die man – zumindest im Winterhalbjahr – ohnehin immer beachten sollte, um sich und andere zum Beispiel auch vor der Grippe zu schützen.

Wohl nie zuvor haben sich so viele Menschen mit medizinischer Statistik beschäftigt wie während der Coronakrise, also mit Infektionszahlen, Sterberaten und Reproduktionszahlen. Freut Sie als Risikoforscher dieses gigantische Interesse an Ihrem Thema?

Ich hoffe, dass diese Krise am Ende auch ihr Gutes haben wird: dass sich Menschen mehr mit Zahlen beschäftigen und diese gleichzeitig hinterfragen, um persönliche Risiken besser einschätzen zu können. Sie sollen mitdenken und kritisch hinterfragen, statt sich von Bildern im Fernsehen verängstigen zu lassen.

Kann es aber nicht eher Ängste schüren, wenn sich Menschen in ihrem Alltag auf einmal täglich mit Sterbestatistiken beschäftigen?

Es geht eher um die Frage, ob wir die Zahlen und ihre Grenzen wirklich verstehen. In dieser Krise ist etwa die Zahl der Neuerkrankungen sehr präsent. Dass diese Zahl nicht automatisch die gegenwärtige Realität wiedergibt, sondern lediglich die Zahl der an das Robert Koch-Institut berichteten Fälle mit einer zeitlichen Verzögerung – dies haben inzwischen viele Menschen verstanden. Auch dass man diese Zahl ins Verhältnis der insgesamt durchgeführten Tests setzen muss, ist wichtig, um die Zusammenhänge zu verstehen.

Das beste Mittel gegen Ängste und Verunsicherung ist Wissen. Selbst Experten stochern mit ihren Prognosen aber aktuell im Unsicheren, weil es noch nicht genügend Daten gibt. Wie kommen Sie damit als Risikoforscher zurecht?

Sich mit dieser Unsicherheit zu beschäftigen, anstatt sie zu verdrängen, ist ein zentraler Gedanke der Aufklärung: nämlich die Illusion von Gewissheit aufzugeben. Es gibt nichts, was wir sicher wissen. Aber wir wissen viele Dinge mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit. Wir wissen nicht, wie es mit diesem Virus weitergehen wird. Wir können auch nie genau wissen, ob uns oder unseren Familien nicht vielleicht demnächst ein Unglück zustößt. Trotzdem müssen wir handlungsfähig bleiben. Zu lernen, mit Ungewissheit zu leben und sich rational zu verhalten, sollte das Ziel sein: die Dinge zu verstehen, statt sich zu fürchten.

Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen verlangen uns viel Disziplin ab. Steht das nicht im Widerspruch zu der weniger rationalen Angst und Verunsicherung, die viele verspüren?

Das sehe ich anders. Gerade die Angst vor dem Virus bringt viele Menschen dazu, sich vorsichtiger zu verhalten. Angst kann ein wichtiger Motivator sein. Gleichzeitig kann Angst aber auch zu Verhalten führen, das eher schadet. Krankenhäuser berichten, dass die Zahl an Menschen, die mit akuten Herzbeschwerden zu ihnen kommen, stark zurückgegangen ist. Es ist nicht davon auszugehen, dass es zu weniger Beschwerden gekommen ist – wohl aber, dass es viele Menschen vermeiden, zum Arzt zu gehen, weil sie fürchten, sich im Wartezimmer mit dem Coronavirus zu infizieren. Wir werden möglicherweise wesentlich mehr Tote durch Herzinfarkt und Schlaganfall in dieser Zeit haben, als wir normalerweise hätten. Ähnliches beobachten wir aktuell bei Blinddarmentzündungen.

Fürchten sich diese Menschen also vor den falschen Risiken?

Es ist eine falsche und möglicherweise fatale Risikoeinschätzung. Das Phänomen kennen wir auch aus der Zeit nach dem 11. September 2001, als viele Menschen kein Flugzeug mehr bestiegen haben, weil sie Angst vor einem Terroranschlag hatten. Lieber legten sie lange Strecken mit dem Auto zurück. Im Rückblick können wir berechnen, dass in den zwölf Monaten nach den Terroranschlägen etwa 1.600 US-Amerikaner über dem jährlichen Durchschnitt im Straßenverkehr tödlich verunglückt sind. Menschen, die von Angst getrieben handeln – oder auch nicht handeln –, bringen sich oft zusätzlich in Gefahr.

Wie kommt es zu solch einer falschen Bewertung?

Menschen haben besondere Angst vor Schockereignissen. Dies sind Situationen, in denen innerhalb kurzer Zeit vergleichsweise viele Menschen ums Lebens kommen. Flugzeugabstürze oder Terroranschläge sind ein typisches Beispiel, auch eine Pandemie wie die Coronakrise ist ein Schockereignis. Umgekehrt machen Statistiken weniger Angst, wenn Jahr für Jahr die gleiche Zahl an Menschen aus immer demselben Grund ums Leben kommt – und sei sie noch so hoch. Autounfälle sind ein Beispiel, genauso die jährliche Grippewelle oder die Tausenden von Menschen, die jedes Jahr an multiresistenten Keimen in Krankenhäusern sterben. Diese Ereignisse erhalten erschreckend wenig Aufmerksamkeit, weil sie als vermeintlich weniger bedrohlich wahrgenommen werden.

Wie gehen Sie auf jemanden zu, der Risiken offensichtlich falsch einschätzt?

Ich versuche, ihm mit Beispielen zu erklären, um was es tatsächlich geht. Mit dem richtigen Vergleichsmaßstab kann er hoffentlich besser abschätzen, wie hoch die Chancen sind, sich in einem Krankenhaus mit dem Coronavirus zu infizieren. Es kann passieren, aber das Risiko ist bei Weitem nicht so hoch, wie der mögliche Schaden eines nicht behandelten Herzinfarkts. Zumindest wenn Sie nicht über 60 Jahre alt sind oder andere Vorerkrankungen haben.

Wie hoch schätzen Sie diese Dunkelziffer von Menschen ein, die das Gesundheitssystem während der Coronakrise aus dem Blick verliert?

Hierzu haben wir aktuell noch keine verlässlichen Zahlen. Frühestens in einem Jahr werden wir zum Beispiel auch erst abschätzen können, wie viele Menschen tatsächlich durch das Coronavirus gestorben sind. In die Statistik wird aktuell jeder Mensch aufgenommen, der gestorben ist und ein positives Testergebnis hatte, unabhängig von den Vor- oder Begleiterkrankungen. Es ist schwierig zu sagen, ob ein Mensch an oder mit dem Coronavirus gestorben ist. Die Vorstellung, nach der einen Todesursache zu suchen, ist vielleicht die falsche. Die entscheidende Frage ist: Wären diese Menschen ohne das Virus noch am Leben? Hierzu fehlt uns aktuell aber noch eine verlässlichere Datengrundlage.

Kontaktbeschränkungen, Abstandhalten, Hygienemaßnahmen … Was macht das aus Ihrer Sicht als Psychologe mit Menschen auf Dauer?

Was die psychologischen Folgen angeht, glaube ich, dass wir uns relativ schnell erholen werden. Es sind andere Dinge, die uns verändern werden: Wir haben festgestellt, dass wir in vielen Berufen auch relativ gut von zu Hause aus arbeiten können. Genauso bin ich davon beeindruckt, wie viele Menschen sich in Deutschland an die Hygiene- und Abstandsregeln halten. Dies hat dazu beigetragen, dass wir im internationalen Vergleich relativ gut dastehen. Wenn wir uns auch in den kommenden Wintern hygienischer verhalten als zuvor, hilft dies auch gegen andere Infektionskrankheiten wie die Grippe. Vor allem aber können wir in dieser Zeit lernen, mit Ungewissheit umzugehen. Vor Corona war die Gesellschaft zu häufig davon ausgegangen, über alles Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellen zu können. Dies ist eine Illusion der Gewissheit, die alles wie eine Lotterie betrachtet, bei der man Wahrscheinlichkeiten eindeutig kennt. Dies ist aber nicht die Realität. Das deutsche Gesundheitssystem wurde jahrelang dafür kritisiert, es halte zu viele Krankenbetten und Personal aufrecht. Nun ist klar, dass dies für uns zum Vorteil wurde.

Sie sind also optimistisch?

Ja. Viele Menschen haben gelernt, dass man Gefahren verstehen kann, statt sich nur davor zu fürchten, und auch Ungewissheit ertragen kann. Statt ängstlich und panisch zu reagieren, sollten wir informiert und entspannt agieren – damit meine ich gerade nicht sorglos. Die Krise können wir gemeinsam bewältigen: solidarisch statt egoistisch.

Der Psychologe und Risikoforscher Prof. Gerd Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam. Mit der Kolumne „Unstatistik des Monats“ möchte er gemeinsam mit Kollegen dazu beitragen, einen bewussteren Umgang mit Statistiken und Risiken zu finden: www.rwi-essen.de/unstatistik

Barmer Chat

Chat für Versicherte (geschlossen)

Sind Sie bei Meine Barmer registriert?
Loggen Sie sich vor dem Start des Chats für eine persönliche und datenschutzsichere Beratung ein und profitieren Sie außerdem von unseren erweiterten Chat-Zeiten.

Der Chat ist erreichbar jeweils von Montag - Freitag zwischen:
08:00 - 09:00 Uhr
12:00 - 13:00 Uhr
16:00 - 18:00 Uhr

Chat für Interessenten

Ich habe keine eigene Mitgliedschaft bei der Barmer und bin an den Vorteilen interessiert.

Nutzen Sie unseren Chat für Interessenten im Bereich "Mitglied werden"


E-Mail

Meine Barmer

Nutzen Sie das Online-Postfach bei Meine Barmer zur persönlichen und datenschutzsicheren Kommunikation.

Zum Online-Postfach

Kontaktformular

Noch kein Online-Postfach? Nutzen Sie unser Kontaktformular.

Zum Kontaktformular

E-Mail an die Barmer

Senden Sie uns eine Nachricht an service@barmer.de

E-Mail für Interessenten

Sie sind noch nicht (selbst) bei der Barmer versichert und haben Interesse an einer Mitgliedschaft bei uns? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an neukunde@barmer.de

Webcode: a005586 Letzte Aktualisierung: 06.07.2020
Nach oben